Faktencheck

Studie zu CO2-Wert unter Masken zeigt nicht, dass Kinder Gesundheitsgefahr ausgesetzt sind

Mehrere Webseiten schreiben über eine Studie, die angeblich belege, dass der CO2-Wert unter Gesichtsmasken erhöht sei und Kinder dadurch „höchsten gesundheitlichen Gefahren“ ausgesetzt seien. Genau das zeigt die Studie aber nicht. Zudem steht die Objektivität der Autoren dahinter infrage.

von Till Eckert

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Angeblich sei der CO2-Gehalt unter OP- und FFP2-Masken so hoch, dass das Kindern schaden könnte, soll eine Studie belegen. Diese Frage wird durch die Studie allerdings gar nicht beantwortet. (Symbolbild: Karolina Grabowska / Pexels / CCO)
Behauptung
Eine Studie belege, dass sich Kinder durch das Tragen einer medizinischen (OP-) oder FFP2-Maske „vergiften“ würden und „höchsten gesundheitlichen Gefahren“ ausgesetzt seien.
Bewertung
Falsch. Die Studie belegt nicht, dass Kinder durch das Tragen einer medizinischen oder FFP2-Maske einer Gesundheitsgefahr ausgesetzt sind. Gemessen wurde laut den Autoren der Studie lediglich der CO2-Gehalt unter den Masken unter Laborbedingungen. Laut Experten sagt dies allein jedoch nichts aus.

Der Verein „Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie“ (MWGFD) schreibt auf seiner Webseite, eine neue Studie belege, dass Kinder durchs Tragen einer OP- oder FFP2-Maske „höchsten gesundheitlichen Gefahren“ ausgesetzt seien. Das ergebe sich aus hohen CO2-Werten unter der Maske, die für die Studie gemessen worden seien und mit Grenzwerten des Umweltbundesamts für geschlossene Räume verglichen wurden.

Auch mehrere Blogs (hier, hier oder hier) greifen die Studie auf, die unter dem Titel „Experimental Assessment of Carbon Dioxide Content in Inhaled Air With or Without Face Masks in Healthy Children – A Randomized Clinical Trial“ (auf Deutsch: „Experimentelle Bewertung des Kohlendioxidgehalts der eingeatmeten Luft mit oder ohne Gesichtsmaske bei gesunden Kindern – eine randomisierte klinische Studie“) am 30. Juni 2021 in der Fachzeitschrift Jama Pediatrics veröffentlicht wurde

CORRECTIV.Faktencheck hat mit dem Präsidenten der „Deutschen Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin“ (DGKJ) über die Studie gesprochen. Laut diesem beantwortet die Studie die Frage nicht, ob Kinder tatsächlich einer Gesundheitsgefahr ausgesetzt seien – die Ergebnisse seien demnach nicht valide. Die Fachzeitschrift Jama Pediatrics hat die Veröffentlichung der Studie mittlerweile zurückgezogen. Begründet wird das unter anderem ebenfalls mit Zweifeln an der Validität. 


Zudem steht die Objektivität der Autoren zumindest infrage: Sowohl diese als auch der Verein MWGFD, der die Studie nach eigenen Angaben teils finanzierte, sind in der Vergangenheit mit irreführenden Behauptungen zum Coronavirus aufgefallen.

DGKJ übt Kritik an Studie zu CO2-Wert unter Masken

Die Ergebnisse der Studie klingen alarmierend: Konkret seien dabei 45 Kinder zwischen 6 und 17 Jahren von den Autoren untersucht worden, dabei sei der CO2-Gehalt der Einatemluft beim Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung (MNB), jeweils für eine OP- und FFP2-Maske, gemessen worden. Der Wert wurde anschließend mit Grenzwerten des Umweltbundesamts für Innenräume (PDF) verglichen. Der Kohlendioxidgehalt der Einatemluft unter der Maske sei „um durchschnittlich das 6-fache von dem erhöht, was das Umweltbundesamt als gesundheitsgefährdend“ einstufe.

Jörg Dötsch, Direktor der Universitätskinderklinik in Köln und Präsident der DGKJ, äußert im Telefongespräch mit CORRECTIV.Faktencheck Kritik an der Studie. „Wenn man so eine Studie bewertet, dann macht man das nach drei Parametern“, erklärt Dötsch. 

  • Erstens stünde da die Frage, ob eine objektive Messmethode angewandt wurde.
  • Zweitens, ob die Daten, die erhoben wurden, zuverlässig seien und ob man davon ausgehen könne, dass die gleichen Daten heraus kämen, falls jemand anderes die Studie wiederholen würde.
  • Und drittens, ob die Daten valide seien: „Also wird wirklich das gemessen, was man messen möchte – oder misst man etwas, was eigentlich nicht der Frage entspricht, die man sich gestellt hat?“

Gehe man beim ersten Punkt davon aus, dass nicht geschätzt wurde, sondern mit einem Gerät gemessen, dann wirke das laut Dötsch auf den ersten Blick zwar wie ein objektives Verfahren. Die Wiederholbarkeit und Zuverlässigkeit der Daten sei aber bereits der erste kritische Punkt bei der Studie: „Das ist ja bisher die erste Studie, die das so zeigt, das ist bisher von noch niemand anderem gezeigt worden.“

„Dramatisch wird es bei der Frage nach der Validität: also misst man das, was man messen möchte,“ sagt Dötsch. „Es wird das CO2 im Inneren der Maske verglichen mit der Konzentration von CO2 im Raum. Das geht natürlich gar nicht, weil in der Ausatemluft ist immer mehr CO2 als im ganzen Raum, das verteilt sich dort ja.“ Insofern sei dies nicht miteinander zu vergleichen: Der angewendete Grenzwert des Umweltbundesamts für Innenräume (PDF), der bei der Studie angewendet werde, um das CO2 hinter der Maske zu beurteilen, sei laut Dötsch „wie Äpfel und Birnen zu vergleichen“. 

Das haben wir auch im vergangenen September bei einem Experiment gemeinsam mit dem Umweltbundesamt erklärt. Das Experiment zeigte auch, dass gängige CO2-Messgeräte nicht dafür geeignet sind, die CO2-Konzentration unter einer medizinischen Maske zu messen. 

Ergebnisse der Masken-Studie schwer übertragbar auf reale Alltagssituationen

„Das nächste Problem ergibt sich daraus, und das beschreiben die Autoren auch selbst, dass sie das in einem höchst experimentellen Setting für eine kurze Zeit gemacht haben“, sagt Dötsch. Es handele sich um Labormethoden: „Das ist nicht in der Schule, bei normaler Beschäftigung, bei Bewegung, sondern das ist nur artifiziell über einen kurzen Zeitraum gemacht. Und das ist natürlich sehr schwer übertragbar auf eine reale Situation.“ 

„Und den dritten Kritikpunkt, den ich schon fast am erheblichsten finde, ist der, dass letztlich das CO2 hinter der Maske uns nichts darüber sagt, was das CO2 im Körper macht“, sagt Dötsch. „Unser Abatmen ist ja, wenn man es laienhaft erklären möchte, unser Schornstein. Wir stoßen das CO2 ab, das wir nicht mehr brauchen, und damit ist es ja richtig, dass mehr CO2 in der Atemluft ist, das ist ja eine gute Reaktion des Körpers.“ 

Laut Dötsch wäre wichtiger zu fragen: haben die Kinder Atemprobleme oder mehr CO2 im Körper? Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder oder überhaupt Menschen durch medizinische Masken mehr CO2 im Körper hätten, was gesundheitliche Probleme mit sich führen könnte. „Das Hauptproblem dieser Studie ist also die Validität: Sie misst etwas, was nach all dem, was wir beurteilen können, keine Relevanz für die Fragestellung hat“, sagt Dötsch. 

Das Fachmagazin zog die Veröffentlichung der Masken-Studie zurück

Unter anderem aus diesem Grund – Zweifel an der Validität – wurde die Veröffentlichung der Studie vom Fachmagazin Jama Pediatrics am 16. Juli zurückgezogen: Es gebe „grundlegende Bedenken hinsichtlich der Studienmethodik“ und der „Validität der Ergebnisse“.

Das Fachmagazin nennt in der Begründung auch explizit Zweifel am verwendeten Messgerät und ob es den CO2-Gehalt der eingeatmeten Luft korrekt wiedergebe. Auf Fragen dazu hätten die Autoren „keine ausreichend überzeugende Evidenz“, also Nachweise oder Fakten, liefern können. 

Autoren versuchen mit Studie irreführende Behauptungen zu bekräftigen, die seit Monaten kursieren

Überhaupt macht es den Anschein, als hätten die Autoren irreführende Behauptungen, die schon seit mehreren Monaten im Netz kursieren und zu denen wir bereits mehrere Faktenchecks veröffentlichen, nun lediglich mit einer wissenschaftlichen Studie bekräftigen wollen. 

Expertinnen und Experten sind sich einig: Weder Erwachsene noch Kinder werden durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes daran gehindert, ausreichend Luft einzuatmen – unabhängig vom Maskentyp. Da man beim Tragen einer Maske durch den Stoff und die Seiten atmet, kann ständig frische Luft eingeatmet werden. Folglich könne der Körper das in ruhendem Zustand auch problemlos kompensieren, erklärte uns Burkhard Rodeck, Generalsekretär der DGKJ und Chefarzt am Christlichen Kinderhospital Osnabrück, für einen Faktencheck im Dezember 2020. Das zeigte auch unser Experiment beim Umweltbundesamt mit einer OP-Maske. 

„Bei FFP-Masken liegt eine andere Situation vor, diese Masken sind abdichtend“, erklärte Mediziner Rodeck. So steht es auch auf der Webseite der DGKJ: „Je dichter eine Maske ist, desto mehr steigt der Atemwegswiderstand. Auch das wird durch vermehrte Atemarbeit ausgeglichen, kann aber als unangenehm empfunden werden und insbesondere bei langem Tragen ohne Pausen zu Symptomen wie zum Beispiel Kopfschmerzen führen.“

Deshalb empfiehlt die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV) für FFP2-Masken nach 75 Minuten Tragedauer eine Erholungspause von 30 Minuten ohne Maske einzulegen. Laut der DGKJ sollten Kleinkinder und Kinder im Grundschulalter keine FFP2-Masken tragen.

Objektivität der Autoren und des Vereins, der die Studie finanzierte, stehen infrage

Zu dem Passauer Verein MWGFD, der die Studie nach eigenen Angaben mitfinanzierte, hat CORRECTIV.Faktencheck bereits im vergangenen Sommer recherchiert. Damals war er damit aufgefallen, über eine Webseite Ärzte und Heilpraktiker zu vermitteln, die Bürgern fragwürdige Maskenatteste ausstellten. Zahlreiche Mitglieder des Vereins erlangten während der Pandemie Bekanntheit, indem sie das Coronavirus relativierten oder irreführende Behauptungen darüber verbreiteten.

Zu ihnen gehören auch drei Autoren der Studie: Harald Walach, Ronald Weikl und Stefan Hockertz. Sie unterschrieben im Juni 2020 eine Aufforderung von MWGFD an die Bundesregierung, die Corona-Maßnahmen „sofort und vollständig aufzuheben“. Der Biologe Stefan Hockertz verbreitete im April 2020 die irreführende Behauptung, das Coronavirus sei nicht gefährlicher als die Grippe. Gegen den Passauer Frauenarzt Ronald Weikl ermittelt laut BR die Staatsanwaltschaft, wegen des leichtfertigen Ausstellens von Maskenattesten. Der Hauptautor, Psychologe Harald Walach, steht laut der Tagesschau wegen einer weiteren Studie in der Kritik, die angeblich beweisen solle, dass Schäden durch die Covid-19-Impfung deren Nutzen überwiegen würden. 

Die Tagesschau berichtet außerdem, dass die Redaktion des Fachmagazins Jama Pediatrics einen möglichen Interessenkonflikt der Autoren überprüft. Es steht demnach zumindest infrage, ob die Autoren der Studie diese wirklich mit wissenschaftlicher Objektivität durchführten. 

Redigatur: Uschi Jonas, Steffen Kutzner





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