Faktencheck

Hochwasser-Markierungen an Hauswänden: Überschwemmungen gab es schon immer – sie werden jedoch durch den Klimawandel wahrscheinlicher

Auf Facebook kursieren Bilder von hohen Pegelständen an Hauswänden, zum Beispiel in Bad Schandau. Sie datieren zurück bis ins 18. beziehungsweise frühe 19. Jahrhundert. Suggeriert wird, dass Hochwasser nichts mit dem Klimawandel zu tun habe und die aktuelle Debatte darüber überzogen sei. Wir erklären, weshalb diese Argumentation irreführend ist.

von Till Eckert

collage pegel
Dieses Foto aus Bad Schandau kursiert aktuell auf Facebook. Es wird offenbar als Hinweis darauf verstanden, dass Hochwasser nichts mit dem Klimawandel zu tun habe. Diese Argumentation ist jedoch verkürzt. (Quelle: Facebook / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Fotos von Pegelständen an Hauswänden zeigten, dass es auch schon vor hunderten Jahren Hochwasser gab. Es wird suggeriert, Überschwemmungen könnten nichts mit jüngeren Entwicklungen oder dem Klimawandel zu tun haben.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Seltene Ereignisse wie Starkregen und Überschwemmungen werden nicht direkt durch den Klimawandel verursacht. Sie werden jedoch laut Prognosen mit der Erwärmung der Erde wahrscheinlicher und intensiver – ebenso wie extreme Hitze und Dürre.

Auf Facebook kursieren derzeit Fotos aus verschiedenen Orten, an denen Pegelstände von Hochwassern an Hauswänden zu sehen sind. Damit soll suggeriert werden, dass es schon immer Hochwasser gab und der Klimawandel nichts mit Katastrophen wie dem Hochwasser im Juli in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz zu tun habe. 

Erst kürzlich haben wir zu einem solchen Foto aus der Schweiz einen Faktencheck veröffentlicht. Dort, wie auch bei weiteren Fotos, die aktuell verbreitet werden, wird ein komplexer Sachverhalt verkürzt und Kontext ausgelassen: Starkregen-Ereignisse (große Niederschlagsmengen, die in sehr kurzer Zeit fallen) sind selten; die langfristige Erwärmung des Klimas verursacht solche Ereignisse nicht direkt. Doch grundsätzlich kann Extremwetter laut Forschenden aufgrund des Klimawandels häufiger auftreten und intensiver werden. Dazu zählen nicht nur Starkregen, sondern auch Hitze und Dürreperioden. 

Fotos zeigen Hochwasser-Markierungen an Hauswänden 

Wie die Faktenchecker von Mimikama recherchierten, stammt eines der Fotos tatsächlich aus Bad Schandau in Sachsen. Ein Facebook-Beitrag damit wurde mehr als 18.000 Mal geteilt. Dieselbe Hauswand ist auf einer privaten Webseite von einem anderen Winkel zu sehen


Bad Schandau war laut Medienberichten bereits mehrfach schwer von Elbhochwassern betroffen, etwa 2013. Die Markierungen der Pegelstände auf dem Foto gehen zurück bis 1830.

Ein anderer Facebook-Beitrag zeigt weitere Fotos von Wasserstand-Markierungen. Eines davon zeigt zum Beispiel die „Alte Thorschenke“ in Cochem, Rheinland-Pfalz. Die Stadt liegt an der Mosel und war ebenfalls schon häufiger von Hochwasser betroffen. Die markierten Pegelstände an der Hauswand gehen bis ins 18. Jahrhundert zurück. 

In diesem Facebook-Beitrag sind mehrere Fotos von an Hauswänden eingezeichneten Pegelständen zu sehen. Es fehlt Kontext. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Extreme Wetterereignisse werden mit dem Klimawandel wahrscheinlicher

Schwere Hochwasser gab es in Deutschland demnach auch schon im 18. und 19. Jahrhundert. Laut Deutschem Wetterdienst (DWD) gibt es jedoch wissenschaftliche Prognosen, die mit einer Zunahmen von Starkregen und somit Überschwemmungen in Deutschland rechnen. Diese Zunahme sei bedingt durch den Klimawandel. Der DWD betont, solche extremen Wetterereignisse seien dennoch insgesamt selten. 

Das Science Media Center hat zum aktuellen Hochwasser in Deutschland Einschätzungen von Forschenden zusammengetragen. Sebastian Sippel, Mitglied der Forschungsgruppe Klimaphysik an der ETH Zürich, sagt: „Es ist nach wie vor sehr schwierig, Einzelereignisse kausal auf den Klimawandel zurückzuführen. Das dürfte auch für den aktuellen Starkregen gelten.“ Die Attributionsforschung könne jedoch in vielen Fällen aufzeigen, dass die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse und ihre Intensität durch den Klimawandel zunehmen. Das sei auch durch „Trends in Beobachtungsdaten“ und „physikalische Gesetzmäßigkeiten“ belegt.

Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) ordnet das Geschehen ähnlich ein: „Das Wettergeschehen ist heute immer ein Zusammenspiel aus dem üblichen Wetterzufall und den veränderten Randbedingungen durch die stark erhöhte Treibhausgasmenge in unserer Atmosphäre“, sagt er dem Science Media Center. Bei Niederschlagsextremen sei die Zunahme noch nicht so groß, weil die natürlichen Schwankungen im Vergleich zum Effekt der Erderwärmung stärker seien. „Man kann daher nicht sagen, ob dieses Ereignis eine Folge der Erderwärmung ist, aber man kann festhalten, dass derartige Ereignisse durch die Erderwärmung häufiger werden.“

Fazit: Verkürzte Debatten sind irreführend

Das Foto von Wasserständen in Bad Schandau sagt nichts über das Zusammenspiel von Klimawandel und Starkregen aus. Es ist weder ein Beleg gegen einen Einfluss des Klimawandels auf solche Wetterereignisse, noch ist es ein Beleg dafür. 

Eine einzelne Katastrophe, wie die aktuellen Überschwemmungen, kann nicht als direkte Auswirkung des Klimawandels bezeichnet werden. Die Wissenschaft beobachtet daher die langfristigen Entwicklungen und erstellt Prognosen. Und diese sind eindeutig: Forschende warnen, dass extremes Wetter – darunter Starkregen, Hitze und Trockenheit – mit der Erwärmung der Erde häufiger werden wird. 

Redigatur: Alice Echtermann, Steffen Kutzner





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