Faktencheck

Delta-Variante in England: Nein, Geimpfte haben kein „885 Prozent höheres Risiko“, an Covid-19 zu sterben

Auf Facebook kursiert ein Bild, wonach für Geimpfte angeblich ein 885 Prozent höheres Risiko bestehe, an Covid-19 zu sterben, als für Ungeimpfte. Grundlage ist ein Bericht einer Behörde des britischen Gesundheitsministeriums – doch der wurde falsch interpretiert.

von Sarah Thust , Alice Echtermann

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Symbolbild von SARS-CoV-2-Viruspartikeln: Eine Impfung gegen das neuartige Coronavirus reduziert das Risiko, an Covid-19 zu erkranken. (Foto vom 28. Februar 2020: CC-BY 2.0 NIAID)
Behauptung
Daten aus Großbritannien würden zeigen, dass Geimpfte ein 885 Prozent höheres Risiko hätten, an Covid-19 zu sterben.
Bewertung
Falsch. Die Daten zeigen kein erhöhtes Sterberisiko für Geimpfte und werden irreführend interpretiert.

Auf Facebook wird ein Bild geteilt, auf dem steht: „Vollständig geimpfte Menschen haben nach offiziellen Angaben ein 885% höheres Risiko, an Covid-19 zu sterben als Ungeimpfte“ (hier oder hier). Als Quelle wird ein Artikel der britischen Internetseite The Daily Expose angegeben. 

In dem Artikel vom 3. Juli wird tatsächlich behauptet, geimpfte Menschen hätten ein „885 Prozent“ höheres Risiko, an einer Covid-19-Erkrankung zu sterben. Als Quelle wird ein Bericht einer englischen Behörde vom 25. Juni zu besorgniserregenden Coronavirus-Varianten genannt.

Doch die Berechnungen von The Daily Expose sind falsch. Die Zahlen belegen nicht, dass vollständig geimpfte Personen ein 885 Prozent höheres Risiko haben. Bei dem Vergleich wird das Alter der betroffenen Personen nicht berücksichtigt – und das führt zu falschen Schlussfolgerungen. 


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Dieses Bild kursiert auf Facebook – und stellt falsche Behauptungen über die Covid-19-Impfung und ein angeblich damit zusammenhängendes Sterberisiko auf (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Laut Logically, einem Unternehmen das mit künstlicher Intelligenz die Verbreitung von Desinformation bekämpft, ist The Daily Expose eine auf Großbritannien ausgerichtete Webseite, die im November 2020 gegründet wurde und Desinformation und Verschwörungserzählungen verbreitet, zum Beispiel zum Thema Impfen und rund um die Corona-Pandemie. Das belegen auch Faktenchecks von USA Today oder Full Fact

Falsche Berechnungen führen zu der Schlussfolgerung, vollständig Geimpfte hätten ein höheres Sterberisiko 

Bereits im Juli hat CORRECTIV.Faktencheck über ähnliche Behauptungen berichtet, die sich auf denselben Bericht bezogen. Wie auch die Blogs, deren Behauptungen wir im Juli überprüft haben, zitiert The Daily Expose aus einem offiziellen Bericht (Technical Briefing) von Public Health England, einer Behörde des britischen Gesundheitsministeriums. Darin geht es um Infektionen mit der Delta-Variante. Im Artikel sind unter anderem die folgenden Tabellenausschnitte zu sehen, die im Bericht auf den Seiten 13 und 14 zu finden sind. 

Oberer Teil der Tabelle 4 „Inanspruchnahme der Notfallversorgung und Todesfälle nach Impfstatus“ aus dem Bericht vom 25. Juni 2021 (Quelle: Public Health England / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Unterer Teil der Tabelle 4 „Inanspruchnahme der Notfallversorgung und Todesfälle nach Impfstatus“ aus dem Bericht vom 25. Juni 2021 (Quelle: Public Health England / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Der erste Ausschnitt zeigt, bei wie viele Infektionen mit der Delta-Variante vom 1. Februar bis zum 21. Juni 2021 in Krankenhäusern in England nachgewiesen wurden. Demnach traten rund 58,48 Prozent der Infektionen bei Nicht-Geimpften auf (53.822). Rund 29,55 Prozent der Infizierten waren ein- oder zweimal geimpft (27.192).

Der zweite Ausschnitt zeige laut The Daily Expose, dass „Menschen, die zwei Dosen eines Covid-19-Impfstoffs erhalten haben“, eine um 885,7 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit hätten, an der Delta-Covid-Variante zu sterben, als ungeimpfte. Bei Geimpften läge diese Wahrscheinlichkeit bei 0,69 Prozent, bei Ungeimpften bei 0,07 Prozent. Diese Berechnungen sind falsch. 

Tabelle: Eigene Darstellung anhand der Daten von Public Health England

Die Zahl der Todesfälle lag in England zwischen dem 1. Februar und dem 21. Juni insgesamt bei 117. Betrachtet man die absoluten Zahlen in der Tabelle, sehen die Sterberaten so aus: Rund 0,26 Prozent der Geimpften starben mit einer Corona-Infektion mit der Delta-Variante, bei den vollständig Geimpften waren es 0,18 Prozent – und bei den Ungeimpften 0,08 Prozent.Ein Vergleich dieser Zahlen würde in die Irre führen, denn er bezieht das Alter der betroffenen Personen nicht mit ein. 

Von den älteren Geimpften starben rund 0,91 Prozent – bei den Ungeimpften rund 3,89 Prozent

Der Bericht vom 25. Juni schlüsselt die Infizierten nach Altersgruppen auf. Es zeigt sich, dass 98,19 Prozent der Ungeimpften, die sich mit der Delta-Variante infizierten, jünger als 50 Jahre waren. Bei den Geimpften waren nur 72,42 Prozent unter 50. 

Unter den geimpften Infizierten waren also viel mehr ältere Menschen – und bei diesen ist das Risiko, an Covid-19 zu sterben, bekanntlich höher. Deshalb ergibt ein Vergleich der Zahlen ein verzerrtes Bild. 

Stellt man den Vergleich innerhalb der Altersgruppen an, sieht es ganz anders aus: Bei den Unter-50-Jährigen starben sowohl bei Geimpften als auch Ungeimpften rund 0,01 Prozent. Bei den Über-50-Jährigen dagegen starben von den Geimpften rund 0,91 Prozent – bei den Ungeimpften aber rund 3,89 Prozent. 

Tabelle: Eigene Darstellung anhand der Daten von Public Health England

Die Daten aus Großbritannien sind also kein Beleg, dass sich das Sterberisiko an der Delta-Variante durch die Impfung erhöht. Sie zeigen bei älteren Menschen sogar das Gegenteil. 

Public Health England widersprach solchen Interpretationen schon im Juli

Bereits Anfang Juli stellten wir eine Presseanfrage an die Gesundheitsbehörde Public Health England. Ein Sprecher antwortete uns, die Behauptung sei falsch und manipuliere die Daten. Aufgrund der hohen Impfquote in Großbritannien sei es zu erwarten, dass ein großer Anteil an Corona-Fällen bei Geimpften auftrete – weil sie den größeren Teil der Bevölkerung ausmachen. Zudem sei die Impfung bei Risikogruppen priorisiert worden, die anfälliger für schwere Krankheitsverläufe seien.

Die Delta-Variante sei nach bisherigen Erkenntnissen deutlich ansteckender, schrieb uns der Pressesprecher weiter. Zum Glück sei der Anstieg der Fälle aber bisher nicht von einem ähnlich starken Anstieg der Hospitalisierung begleitet. Die Daten würden bisher zeigen, dass die Impfung den Effekt dieser Virusvariante eindämmen könne. 

E-Mail Public Health England
Auszug aus der E-Mail von Public Health England vom 5. Juli 2021 (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

In Großbritannien sind rund 59,3 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft (Stand: 10. August). 

Impfung bietet keinen hundertprozentigen Schutz gegen das Coronavirus – doch senkt das Risiko für einen schweren Verlauf

Erst kürzlich veröffentlichten auch der Guardian und der deutsche Wissenschaftsblog Spektrum Berichte, in denen sie die Zahlen aus Großbritannien einordnen. Denn tatsächlich sind unter den Todesfällen in absoluten Zahlen immer mehr geimpfte Menschen. 

„Was auf den ersten Blick auf ein Problem mit den Impfungen hinzudeuten scheint, ist aber vermutlich ein statistischer Effekt, der vor allem mit zwei bereits bekannten Faktoren zusammenhängt: mit dem unvollständigen Schutz durch die Impfungen einerseits und den steigenden Impfraten andererseits“, heißt es bei Spektrum. Da die Impfung nicht perfekt sei, würden in den Risikogruppen auch voll Geimpfte sterben, allerdings weniger als ohne Impfung. 

Auch der Guardian weist darauf hin, dass die Impfung keinen 100-prozentigen Schutz biete und das Sterberisiko stark vom Alter abhänge. „Das bedeutet, dass jemand im Alter von 80, der voll geimpft ist, etwa dasselbe Risiko hat wie eine ungeimpfte Person um die 50.“ Das Risiko sei sehr viel niedriger, aber es liege auch nicht bei null – und deshalb seien trotz Impfung einige Todesfälle zu erwarten. 

Redigatur: Uschi Jonas, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • SARS-CoV-2 variants of concern and variants under investigation in England, Technical briefing 17 (25. Juni 2021): Link (archiviert)




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