Faktencheck

Nein, Norwegen stuft Covid-19 nicht als genauso gefährlich wie die normale Grippe ein

Es stimmt nicht, dass Norwegen Covid-19 angeblich wie die herkömmliche Grippe eingestuft habe. Beiträge mit dieser Behauptung in Sozialen Netzwerken sind irreführend. Norwegen hat seine Corona-Maßnahmen kürzlich aufgehoben, weil die meisten Menschen dort durch Impfungen geschützt sind.

von Alice Echtermann

Covid-19 in Norwegen
Am 25. September 2021 wurden die Corona-Maßnahmen in Norwegen aufgehoben – dort sind mehr als 76 Prozent der Menschen mindestens einmal gegen Covid-19 geimpft (Foto: Picture Alliance / Associated Press / Naina Helén Jama)
Behauptung
Norwegen stufe Covid-19 nun als „nicht gefährlicher als die Grippe“ ein.
Bewertung
Falsch. Norwegen stuft Covid-19 nicht als „nicht gefährlicher“ als die saisonale Grippe ein. Die Corona-Maßnahmen wurden aufgehoben, da aufgrund der Impfungen nach Einschätzung der Gesundheitsbehörde keine Überlastung des Gesundheitssystems mehr droht. 

Aktuell kursiert die Behauptung, Norwegen habe Covid-19 als nicht gefährlicher als die normale Grippe eingestuft. Das schrieb zum Beispiel die russische Nachrichtenseite RT DE auf Facebook. Der Beitrag wurde rund 6.000 Mal geteilt. Darin heißt es, das norwegische Institut für öffentliche Gesundheit (FHI) habe „die Corona-Erkrankung als nicht wesentlich schlimmer als eine Grippe“ eingestuft: „Diesen bemerkenswerten Schritt untermauerte das staatliche Institut damit, dass es außerhalb von Risikogruppen nur wenige Todesfälle gebe. Die Erkrankung ist für die öffentliche Gesundheit demnach nicht gefährlicher als die herkömmliche Grippe.“ 

Das ist irreführend. RT DE hat sich am 4. Oktober selbst korrigiert, sich für die Verbreitung der Falschinformation entschuldigt und den ursprünglichen Beitrag außerdem am 6. Oktober gelöscht. Die Behauptung kursiert allerdings immer noch in anderen Beiträgen auf Facebook und wird von einer Facebook-Seite namens „Klagepaten“ und Blogs wie Freie Welt verbreitet.

Norwegen hat Covid-19 allerdings nicht als „nicht gefährlicher als die Grippe“ eingestuft. Richtig ist: Norwegen hat seine Corona-Maßnahmen im September aufgehoben, weil sich die Lage nach Einschätzung der Behörden durch die Impfungen verändert hat und keine Überlastung des Gesundheitssystems mehr drohe.

Was wirklich hinter dem Grippe-Vergleich aus Norwegen steckt 

Wie uns das norwegische Gesundheitsinstitut Folkehelseinstituttet (FHI) auf Anfrage per E-Mail bestätigte, ist die Aussage falsch, dass Norwegen Covid-19 wie die Grippe eingestuft habe. Die Aussage beruhe wahrscheinliche auf einer falschen Interpretation eines Interviews, das der stellvertretende Direktor des FHI, Geir Bukholm, am 20. September der norwegischen Zeitung VG gab.  

E-Mail des FHI an CORRECTIV.Faktencheck
E-Mail der Pressesprecherin des norwegischen Folkehelseinstituttet (FHI), das auf Englisch Norwegian Institute of Public Health (NIPH) heißt, vom 5. Oktober 2021 (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Überschrift des Artikels („FHI: Wir können das Coronavirus jetzt mit der Grippe vergleichen“) ist missverständlich. In dem Interview sagte Bukholm nicht, man könne Covid-19 mit der Grippe vergleichen. Er sagte laut der Zeitung VG (übersetzt aus dem Norwegischen mit Google Translate): „Wir befinden uns jetzt in einer neuen Phase, in der wir das Coronavirus als eine von mehreren Atemwegserkrankungen mit saisonalen Schwankungen betrachten müssen.“ 

Das liege daran, dass „die überwiegende Mehrheit der gefährdeten Personen“ geschützt sei, zitiert VG Bukholm weiter. „Somit wird das Coronavirus nicht zu einer starken Belastung des Gesundheitswesens führen. Bei den Geimpften, die sich infizieren und Symptome entwickeln können, hat die überwiegende Mehrheit leichte erkältungsähnliche Symptome. Damit reiht sich das Coronavirus in die Reihe anderer Atemwegserkrankungen wie Erkältungen und saisonale Grippe ein.“

Norwegen hat also nicht die Gefährlichkeit von Covid-19 neu eingestuft – sondern will mit der Krankheit lediglich jetzt, da die meisten Menschen geimpft sind, anders umgehen. In Norwegen sind laut dem Portal „Our World in Data“ mehr als 76 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens einmal gegen Covid-19 geimpft, 67 Prozent seien vollständig geimpft. Laut FHI haben mehr als 85 Prozent der Erwachsenen über 18 Jahren zwei Impfdosen erhalten. Im Vergleich dazu haben in Deutschland bisher 68 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfung erhalten, 64,8 Prozent sind vollständig geimpft (Stand: 6. Oktober 2021).

Norwegen hat im September seine Corona-Schutzmaßnahmen aufgehoben

Die Pressesprecherin des norwegischen Gesundheitsinstituts schrieb uns per E-Mail: Die Position des FHI sei, dass man Covid-19 an diesem Punkt der Pandemie wie andere saisonale Atemwegserkrankungen behandeln könne und keine außerordentlichen Schutzmaßnahmen mehr treffen müsse. „Das bedeutet nicht, dass die Krankheiten durch das Coronavirus und die saisonale Grippe ähnlich sind.“ 

Norwegen hat laut Medienberichten am 25. September nach einem Jahr die allgemeinen Corona-Maßnahmen wie Abstandsregeln und Obergrenzen für die Personenzahl bei Veranstaltungen aufgehoben. Lediglich wer positiv auf das Coronavirus getestet wird, muss sich noch in Isolation begeben

Redigatur: Till Eckert, Tania Röttger

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Artikel der Zeitung VG, 20. September 2021: Link (Norwegisch)
  • Aktuelle Corona-Regeln in Norwegen: Link (Englisch)