Faktencheck

Kaum noch Influenza? Diagramm führt mit Corona-Vergleich in die Irre

„Wo sind die Grippekranken geblieben?“, fragt die Internetseite „Deutschland-Kurier“ mit einem Diagramm auf Facebook. Dem Diagramm zufolge ist die Zahl der gemeldeten Influenza-Fälle in Deutschland stark gesunken – das stimmt. Was die Seite nicht schreibt: Nach Einschätzung des RKI haben die Corona-Schutzmaßnahmen auch die Ausbreitung der Influenza gedämmt.

von Sarah Thust

influenza-maskenpflicht
In der Grippesaison 2020/21 gab es in Deutschland nur wenige gemeldete Fälle. Das RKI führt das darauf zurück, dass die Corona-Schutzmaßnahmen auch die Ausbreitung der Influenza eingedämmt haben. (Symbolbild: Anna Shvets / Pexels)
Behauptung
Ein Diagramm zeige, dass es in der Grippesaison 2020/21 nahezu keine Grippefälle mehr gegeben habe.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Die Zahl der labordiagnostisch bestätigten Influenza-Fälle ist während der Corona-Pandemie stark gesunken – das liegt laut RKI vor allem an den Corona-Maßnahmen. Die tatsächliche Zahl der Infektionen liegt zudem vermutlich höher.

Auf seiner Internetseite und auf Facebook veröffentlichte der Deutschland-Kurier am 12. August ein Diagramm, das angeblich zeigt, wie viele Influenza-Fälle beziehungsweise Grippekranke seit 2016 in Deutschland gemeldet wurden. Das Diagramm wurde mehr als 2.700 Mal auf Facebook geteilt. Es wird suggeriert, die geringe Zahl der Grippe-Infektionen habe etwas mit der Corona-Pandemie zu tun.

Unsere Recherche zeigt: Bei den Daten im Diagramm handelt es sich um labordiagnostisch bestätigte Influenza-Fälle. Die geringen Fallzahlen während der Saison 2020/21 erklärt das Robert-Koch-Institut (RKI) mit den Corona-Schutzmaßnahmen. Offenbar haben sich viele Menschen dadurch erst gar nicht mit der Grippe infiziert.

Im Artikel zu dem Facebook-Beitrag wird gefragt, ob es sein könne, dass das Coronavirus die Grippe „praktisch ausgerottet“ habe oder ob an Grippe erkrankte Menschen den Covid-19-Fällen „zugeschlagen“ wurden. Das belegen die Daten nicht. Solche Spekulationen sind größtenteils falsch, wie wir bereits mehrfach berichteten (hier, hier und hier). 


Diagramm der laborbestätigten Influenza-Fälle
Dieses Bild, das angeblich die Zahl der Grippefälle in Deutschland zeigt, hat der Deutschland-Kurier auf Facebook veröffentlicht. Die Zahlen darauf sind falsch, die Darstellung ist verzerrt. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Diagramm des Deutschland-Kuriers: Die Werte stimmen – doch sie zeigen nur einen Ausschnitt

Als Quelle nennt der Deutschland-Kurier „gerundete“ RKI-Daten von 2016 bis 2021, jeweils für die Saison ab der 40. Kalenderwoche. Influenza-Meldedaten nach dem Infektionsschutzgesetz lassen sich in den Wochen- und Saisonberichten der Arbeitsgemeinschaft Influenza des RKI nachlesen:

  • Saison 2016/17: 114.000 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Fälle (aufgerundet)
  • Saison 2017/18: 334.000 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Fälle (aufgerundet)
  • Saison 2018/19: 182.000 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Fälle (aufgerundet)
  • Saison 2019/20: 186.919 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Fälle
  • Saison 2020/21: 564 labordiagnostisch bestätigte Influenza-Fälle
Influenza-Wochenbericht
Auszug aus dem Influenza-Wochenbericht der Kalenderwoche 20 2021, Seite 1 (Quelle: RKI-Bericht, KW 20 / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Doch was bedeuten diese Daten? Labore müssen gemäß Infektionsschutzgesetz Influenzavirus-Nachweise an die zuständigen Gesundheitsämter melden, die diese wiederum an das RKI weiterleiten. Das RKI erklärt auf seiner Webseite: „Üblicherweise nehmen Ärzte nur bei einem sehr kleinen Teil von Patienten mit akuten Atemwegserkrankungen Proben aus den Atemwegen und lassen es [sic] in einem Labor testen. Seit der Influenzapandemie im Jahr 2009 wurden von Jahr zu Jahr mehr Personen untersucht, allerdings sehr unterschiedlich von Region zu Region.“

Damit sind nicht alle Fälle erfasst; auf Influenza wird nicht massenhaft getestet und während der Corona-Pandemie trugen viele Menschen einen Mund-Nase-Schutz, dazu kamen Hygiene- und Abstandsregeln. 

Grippewelle bleibt aus – RKI sieht die Ursache dafür in den bundesweiten Maßnahmen gegen die Covid-19-Pandemie

Daten des RKI-Portals „Grippeweb“ aus dem Jahr 2019 deuten laut RKI daraufhin, dass während einer saisonalen Grippewelle in Deutschland zwischen zwei und 14 Millionen Menschen an Influenza erkranken. „Die Zahl der Infektionen während einer Grippewelle – nicht jeder Infizierte erkrankt – wird auf 5 bis 20 Prozent der Bevölkerung geschätzt, in Deutschland wären das 4 bis 16 Millionen Menschen.“

Laut Medienberichten handelte es sich 2020/21 um die schwächste Grippesaison in Deutschland seit Beginn der systematischen Überwachung 1992 durch die Arbeitsgemeinschaft Influenza. Eine Grippewelle, also einen deutlichen Anstieg der Fallzahlen, der zum Ende der Grippesaison wieder abflaut, gab es in dieser Saison nicht. Das bedeutet aber nicht, dass es keine Influenza-Fälle gab. 

Das RKI erklärte den „abrupten Rückgang“ der Atemwegserkrankungen bereits im Jahr 2020 mit den Corona-Maßnahmen. Die andauernden, außergewöhnlich niedrigen Raten von Atemwegserkrankungen in Deutschland, darunter Influenza, seien „mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die kontaktreduzierenden Maßnahmen im Bundesgebiet zurückzuführen“, schrieb das RKI auf der Webseite „Grippeweb“.

Nein, das Coronavirus hat die Grippe nicht ausgerottet

Die Internetseite Deutschland-Kurier fragt, ob das Coronavirus die Grippe „praktisch ausgerottet“ habe, oder ob an Grippe erkrankte Menschen den Covid-19-Fällen „zugeschlagen“ wurden. Beides ist falsch: Bei Covid-19 und Influenza handelt es sich um zwei unterschiedliche Krankheiten, und Influenza-Fälle werden nicht fälschlich als Corona-Fälle gezählt. 

Dass die Influenza-Fallzahlen zuletzt sehr niedrig waren, bedeutet nicht, dass die Influenza „praktisch“ verschwindet. Seit Beginn der Pandemie können Wissenschaftler SARS-CoV-2 von anderen Viren zuverlässig unterscheiden (CORRECTIV.Faktencheck berichtete). Die labordiagnostisch bestätigten Influenza-Fälle können von Jahr zu Jahr stark schwanken: „Besonders viele Menschen werden dann krank, wenn das Virus sich genetisch verändert hat und in der Vorsaison nicht schon ein großer Anteil der Bevölkerung mit dem Virus Kontakt hatte und damit gegen das Virus immun ist“, schreibt das RKI.

Coronavirus und Influenzavirus unterscheiden sich grundlegend

Im Juni erklärten wir in einem Faktencheck: Bei SARS-CoV-2 und Influenzaviren handelt es sich um unterschiedliche Erreger, die beide Atemwegserkrankungen verursachen können, allerdings mit unterschiedlichen Symptomen und unterschiedlich schweren Krankheitsverläufen. Eine Corona-Studie von April 2021 deutet sogar darauf hin, dass Covid-19 primär keine Atemwegserkrankung (wie die Grippe), sondern eine Gefäßerkrankung sein könnte. 

Während eine Influenza oft auf die Lungen beschränkt ist, kann bei Covid-19 fast jedes Organ des Körpers erkranken, zeigte bereits eine im Dezember 2020 veröffentlichte vergleichende Kohortenstudie. Die Details der Studie hat das deutsche Ärzteblatt in einem Bericht zusammengefasst. 

Am 8. Oktober 2020 hat sich das RKI über die Unterschiede im Epidemiologischen Bulletin geäußert: „Eine höhere Letalität und lange Beatmungsdauer unterscheiden Covid-19 von schwer verlaufenden Atemwegsinfektionen in Grippewellen“. Letalität nennt man die Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu sterben.

Influenza-Fälle werden nicht als Corona-Fälle gemeldet

Für eine frühere Recherche haben wir schon im Dezember 2020 beim RKI nachgefragt, ob Influenza-Fälle als Corona-Fälle gezählt werden könnten. Das RKI teilte uns mit, dass das nur bei Doppelinfektionen möglich sei – also bei Menschen, die gleichzeitig mit dem Coronavirus und Influenza infiziert waren. Dies sei aber selten; in der vergangenen Grippesaison habe es nur einen einzigen Fall gegeben, bei dem beide Viren nachgewiesen wurden.

Fazit: Die Daten stimmen, doch es fehlt Kontext. Die Influenza-Fallzahlen in der Saison 2020/21 waren tatsächlich sehr niedrig, doch dies erklärt das RKI vor allem mit der Wirkung der Corona-Schutzmaßnahmen. Dazu kommt, dass die labordiagnostisch bestätigten Influenza-Fälle nur einen Teil des tatsächlichen Infektionsgeschehens abbilden.

Bei Covid-19 und Influenza handelt es sich um unterschiedliche Krankheiten, deren Erreger im Labor sicher unterschieden werden können. Influenza-Fälle werden daher nicht fälschlich als Corona-Fälle gezählt.

Wie CORRECTIV und Frontal 21 bereits berichteten, steht der Deutschland-Kurier der Partei Alternative für Deutschland (AfD) nah. Schon 2018 verteilten AfD-Mitglieder den Deutschland-Kurier als Werbeblatt. Chefredakteur der Internetseite Deutschland-Kurier ist laut Impressum David Bendels. Dessen PR-Agentur Conservare Communication zeichnet sich aktuell auch für die Anti-Grünen-Kampagne „Grüner Mist“ verantwortlich, über die CORRECTIV im August 2021 berichtete.

Redigatur: Matthias Bau, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Fragen und Antworten zur Grippe (RKI): Link
  • Wochenbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza zur Influenza-Saison 2020/21 (Kalenderwoche 20, 2021): Link
  • Wochenbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza zur Influenza-Saison 2019/20 (Kalenderwoche 20, 2020): Link
  • Saisonbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza zur Influenza-Saison 2018/19: Link
  • Saisonbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza zur Influenza-Saison 2017/18: Link
  • Saisonbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza zur Influenza-Saison 2016/17: Link




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