Faktencheck

Nein, Schlaganfälle sind keine „ganz häufige Nebenwirkung“ von Corona-Impfungen

Während einer Rede im österreichischen Parlament sagte die FPÖ-Politikerin Dagmar Belakowitsch, Schlaganfälle seien eine „ganz häufige Nebenwirkung“ von Impfungen gegen Covid-19. Das stimmt nicht. 

von Alice Echtermann

Symbolbild Krankenwagen
Schlaganfälle treten nach Corona-Impfungen extrem selten auf – viel häufiger kommen sie bei Covid-19-Erkrankungen vor (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Boris Roessler)
Behauptung
Schlaganfälle seien eine häufige Nebenwirkung von Covid-19-Impfungen. 
Bewertung
Falsch. Eine spezielle Form des Schlaganfalls, die Sinusvenenthrombose, tritt sehr selten auf. Wesentlich größer ist das Schlaganfall-Risiko bei einer Covid-19-Erkrankung. 

Dieser Text entstand in Kooperation mit der Faktencheck-Redaktion des Magazins Profil aus Österreich. 

Die FPÖ-Politikerin Dagmar Belakowitsch behauptete am 22. September, Impfungen gegen Covid-19 hätten sehr häufig schwere Nebenwirkungen, darunter Schlaganfälle. „Das ist eine ganz häufige Nebenwirkung, und wie ein Schlaganfall ausgehen kann, das wissen wir alle hier im Saal“, sagte sie. Ein Video ihrer Rede im österreichischen Parlament wurde auch von dem FPÖ-Vorsitzenden Herbert Kickl auf Facebook verbreitet und mehr als 100.000 Mal angesehen. 

Die Behauptung, Schlaganfälle seien eine häufige Nebenwirkung von Covid-19-Impfungen, ist jedoch falsch. Das Risiko, nach einer Impfung einen Schlaganfall zu erleiden, ist nach übereinstimmender Aussage von Forschenden und Fachverbänden sehr gering. Es ist zudem wesentlich geringer als bei einer Covid-19-Erkrankung.  

Ein Schlaganfall ist eine Störung der Durchblutung des Gehirns. Das kann ein Gefäßverschluss (Hirninfarkt oder ischämischer Schlaganfall genannt) oder auch eine Hirnblutung sein. In Österreich sind Schlaganfälle die dritthäufigste Todesursache; jährlich gibt es laut dem österreichischen Gesundheitsportal 25.000 Fälle. In Deutschland starben laut Statistischem Bundesamt 2019 mehr als 15.000 Menschen an einem Hirninfarkt und weitere 10.000 an einem (nicht als Blutung oder Infarkt bezeichnetem) Schlaganfall. 

Paul-Ehrlich-Institut: Sehr seltene Nebenwirkung von Sinusvenenthrombosen wird beobachtet

In Deutschland überwacht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) mögliche Nebenwirkungen von Covid-19-Impfungen. Tritt ein gesundheitliches Ereignis nach der Impfung häufiger auf, als es statistisch zu erwarten wäre, vermerkt das PEI ein „Risikosignal“ in seinem Sicherheitsbericht. Zu Schlaganfällen oder Hirninfarkten generell finden sich in dem Sicherheitsbericht keine Hinweise (Stand des Berichts: 20. September). 

Es handele sich nicht um eine bestätigte Nebenwirkung, ansonsten wäre diese im Sicherheitsbericht aufgeführt, erklärte uns PEI-Sprecherin Susanne Stöcker auf Nachfrage per E-Mail. (Wie das PEI Verdachtsfälle von Nebenwirkungen der Impfstoffe dokumentiert, haben wir hier im Juni ausführlich geschildert.)

Im Sicherheitsbericht ist allerdings ein Risikosignal für „Sinusvenenthrombosen“ nach Impfungen mit dem Astrazeneca-Impfstoff vermerkt. Thrombosen sind Gefäßverschlüsse, die Sinusvenen befinden sich im Gehirn – also handelt es sich auch um eine Form von Schlaganfall. Diese Nebenwirkung tritt aber nicht „ganz häufig“, sondern laut PEI „sehr selten“ auf. 

In Österreich veröffentlicht das Bundesamt für Sicherheit und Gesundheitswesen solche Berichte – und auch darin findet sich nichts zu Schlaganfällen. Es wird lediglich auf „sehr seltene“ venöse Thrombosen hingewiesen (Stand des Berichts: 24. September). 

Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft ruft dazu auf, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen

Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) rief bereits am 10. Mai dazu auf, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Sie richtete sich damit insbesondere an Risikopatienten für Schlaganfälle, da Schlaganfälle bei Covid-19-Erkrankungen vermehrt auftreten. Die Nebenwirkung von Sinusvenenthrombosen bezeichnete auch die DSG als „sehr selten“. 

Auf unsere Nachfrage, ob Schlaganfälle eine häufige Nebenwirkung von Covid-19-Impfungen seien, schrieb uns Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der DSG und Neurologe, per E-Mail: „Für den typischen und häufigen ischämischen Schlaganfall trifft das definitiv nicht zu. Hier gibt es keine Hinweise für ein häufiger als statistisches Auftreten, schon gar nicht für ein häufiges Auftreten. Allerdings wurden seltene Fälle sogenannter autoimmunologisch induzierter Sinusvenenthrombosen (SVT) v.a. nach Vektorimpfstoffen beschrieben. Dieses ist aber sehr, sehr selten und widerspricht nicht der ausgezeichneten Sicherheit dieser Impfstoffe.“ 

Deutsche Gesellschaft für Neurologie bezeichnet Schlaganfallrisiko in Folge einer Covid-19-Impfung als extrem gering

Auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) schrieb uns per E-Mail, dass in „sehr seltenen Fällen“ im Zusammenhang mit Impfungen Gerinnungsstörungen auftreten könnten, darunter auch Schlaganfälle oder andere Arten von Thrombosen. Die DGN habe am 6. April 2021 alle neurologischen Kliniken in Deutschland angeschrieben mit der Bitte, alle Fälle von Sinusvenenthrombosen und Schlaganfällen, die innerhalb eines Monats nach einer Covid-19-Impfung aufgetreten waren, zu melden. 

Das Ergebnis: Es gab 87 Meldungen, bei 62 wurde ein möglicher Zusammenhang zur Impfung bestätigt. Darunter 45 Fälle von Hirnvenenthrombosen, neun ischämische Schlaganfälle und vier Hirnblutungen. „Bis Mitte April waren insgesamt seit Start der Impfkampagne ca. 20 Mio. Impfdosen in Deutschland verabreicht worden. Es gibt also ein Schlaganfallrisiko in Folge der Impfung, dies ist aber extrem gering“, teilte Peter Berlit, Generalsekretär der DGN und Neurologe, uns über die Pressestelle mit. 

Risiko eines Schlaganfalls ist bei Covid-19 deutlich höher als nach einer Impfung 

Berlit ergänzte zudem: „Was dabei oft vergessen wird: Covid-19 selbst ist mit einem nennenswert erhöhten Schlaganfallrisiko assoziiert.“ Die DGN beruft sich hier zum Beispiel auf eine Studie aus Schweden, die im Fachjournal The Lancet veröffentlicht wurde. Die Daten zeigten bei Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, ein um den Faktor 6 erhöhtes Risiko für ischämische Schlaganfälle (Gefäßverschlüsse) im Vergleich zur Normalbevölkerung. Der Studie ist zu entnehmen, dass die Menschen, die Schlaganfälle erlitten, zwischen 68 und 86 Jahre alt waren.

Der Neurologe Wolfgang Serles, Präsident der Österreichischen Schlaganfallgesellschaft, sagte der Faktencheck-Redaktion von Profil: „Die Komplikation einer zerebralen venösen Thrombose [Hirnvenenthrombose, Anm. d. Red.] nach einer Impfung ist viel seltener als die Möglichkeit eines Schlaganfalls nach einer Covid-Erkrankung.“ 

Zu dem Schluss, dass das Risiko eines Schlaganfalls bei Covid-19 wesentlich höher ist, kommt ebenfalls ein wissenschaftlicher Artikel im Journal of Neurology, Neurosurgery and Psychiatry von Mai 2021. 

Der Neurologe Peter Berlit von der DGN zieht in der E-Mail an CORRECTIV.Faktencheck dasselbe Fazit: Das Risiko, im Zuge einer Covid-19-Erkrankung einen Schlaganfall zu erleiden, sei deutlich höher als ein Schlaganfall in Folge der Impfung gegen Covid-19.

Die Risikoabwägung hat in diesem Fall auch viel mit dem Alter zu tun. Der Impfstoff von Astrazeneca wird in Deutschland für Menschen unter 60 Jahren aufgrund der seltenen Nebenwirkung mit Thrombosen nicht mehr empfohlen. 95 Prozent dieser Ereignisse seien bei jüngeren Menschen aufgetreten, teilt die Ständige Impfkommission (Stiko) mit. Für Menschen über 60 überwiegen aber klar die Vorteile der Impfung. Denn ab diesem Alter ist das Risiko einer schweren oder tödlichen Covid-19-Erkrankung wesentlich höher. Die Impfung werde von älteren Menschen zudem gut vertragen, so die Stiko.

Redigatur: Uschi Jonas, Sarah Thust

Update, 12. Oktober 2021: Wir haben das Alter der Menschen, deren Schlaganfälle in der schwedischen Studie dokumentiert wurden, ergänzt. Zudem haben wir ergänzt, dass der Impfstoff von Astrazeneca für jüngere Menschen in Deutschland nicht mehr eingesetzt wird.

Korrektur, 13. Oktober 2021: Wir haben im Text korrigiert, dass das Statement der DGN von dem Neurologen Peter Berlit stammt. 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Was ist ein Schlaganfall? Link
  • Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts zu Covid-19-Impfstoffen (Stand 20. September 2021): Link
  • Bericht des österreichischen Bundesamts für Sicherheit und Gesundheitswesen zu Meldungen vermuteter Nebenwirkungen von Covid-19-Impfstoffen (Stand 24. September): Link
  • Pressemitteilung der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft vom 10. Mai 2021: Link
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie über Daten zu Thrombosen und Schlaganfälle, Erhebung im April 2021: Link
  • Deutsche Gesellschaft für Neurologie über ischämische Schlaganfälle bei Covid-19: Link
Keine Faktenchecks verpassen

Einmal wöchentlich senden wir Ihnen eine Auswahl aktueller Faktenchecks und Hintergrundberichte per E-Mail.