Faktencheck

Österreich: Nein, auf Intensivstationen liegen nicht größtenteils Geimpfte – sondern vor allem Ungeimpfte

Der österreichische Politiker Gerhard Pöttler behauptet, auf Intensivstationen würden größtenteils Menschen liegen, die trotz einer Impfung Covid-19 bekamen. Dafür gibt es aber keine Belege. Laut Daten von Behörden und Krankenhäusern ist der Großteil der Corona-Patienten auf Intensivstationen in Österreich nicht vollständig geimpft.

von Sarah Thust

Covid-19-Patientin
Die meisten Covid-19-Patientinnen und -Patienten auf Intensivstationen in Österreich haben keinen vollständigen Impfschutz. Die Zahl der Geimpften ist zwar insgesamt gestiegen, doch dabei handelt es sich laut Experten um einen statistischen Effekt. (Symbolbild: Olga Kononenko / Unsplash)
Behauptung
Auf Intensivstationen in Österreich würden größtenteils Geimpfte liegen, die trotzdem an Covid-19 erkrankten. Es seien im Jahr 2021 im Vergleich zu 2020 Intensivbetten reduziert worden.
Bewertung
Größtenteils falsch
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Größtenteils falsch. Die meisten Covid-19-Fälle auf Intensivstationen in Österreich haben keinen vollständigen Impfschutz. Es gibt auch keine Belege, dass Intensivbetten reduziert wurden.

Ein Mann namens Gerhard Pöttler behauptet in einem Video, auf Intensivstationen in Österreich würden „hauptsächlich Geimpfte liegen“. Er suggeriert also, die Impfung wirke nicht und die Menschen würden trotzdem schwer an Covid-19 erkranken. Der Beitrag ist auf den 25. August datiert und wurde tausendfach auf Telegram und Facebook gesehen. Anfang September veröffentlichte die österreichische Internetseite Wochenblick zusätzlich ein Interview, worin Pöttler behauptet, Intensivbetten seien abgebaut worden. Für seine Behauptungen gibt es aber keine Belege – und Daten von Behörden und Krankenhäusern zeigen das Gegenteil, nämlich dass die meisten Covid-19-Patienten nicht vollständig geimpft sind.

Gerhard Pöttler ist laut seines Lebenslaufs selbständiger Gesundheitsökonom. Er ist auch Finanzreferent der Partei „MFG Österreich“, die sich als Protestpartei gegen Corona-Maßnahmen versteht. Die Partei erwähnt er anfangs kurz im Video. 

Wie uns das Gesundheitsministerium in Österreich mitteilte, gab es am 25. August – der Tag auf den Pöttler sich bezieht – noch keine österreichweiten Daten zum Impfstatus der Menschen, die mit Covid-19 auf Intensivstationen liegen. Pöttler nennt im Interview mit dem Wochenblick aber vier konkrete Orte, bei denen wir angefragt haben. Auf unsere Anfrage teilten uns mehrere Betreiber mit, dass dort vor allem ungeimpfte Menschen mit Covid-19 auf den Intensivstationen liegen würden. Zu dem gleichen Ergebnis kam eine Recherche des österreichischen Magazins Profil, das die Zahlen von allen Intensivstationen am 3. August abfragte. Das Ergebnis: Von 31 Intensivpatienten mit Covid-19 seien damals 24 ungeimpft gewesen und zwei weitere teilgeimpft. 


Es gibt außerdem keine Belege, dass die Zahl der Intensivbetten in Österreich im Vergleich zu 2020 abgebaut wurde. Pöttler kam offenbar zu diesem Schluss, weil er falsche Zahlen miteinander verglich.

Gerhard Pöttler Telegram
Dieser Videoclip von Gerhard Pöttler enthält unbelegte Behauptungen (Quelle: Telegram / Screenshot am 5. Oktober: CORRECTIV.Faktencheck)

Auf Intensivstationen in Österreich liegen hauptsächlich Ungeimpfte oder unvollständig Geimpfte 

Ein Blick auf das Covid-19-Dashboard der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (Ages) zeigt, dass dort keine Zahlen zu Geimpften und Ungeimpften auf Intensivstationen veröffentlicht werden.

Anfang Oktober veröffentlichte die Ages aber eine Untersuchung über Fälle von Impfdurchbrüchen – also Menschen, die trotz Impfung an Covid-19 erkranken. Darin heißt es auf Seite 4, die Covid-19-Impfung schütze „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ die Geimpften vor einer schweren Erkrankung, könne aber nicht alle Infektionen bei den Geimpften verhindern. „Wenn der Anteil der Geimpften in der Population steigt, dann steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass unter den Personen, die sich mit SARS-CoV-2 infizieren bzw. daran erkranken, Geimpfte sind. Vereinfacht gesagt: Wenn alle Personen einer Population geimpft sind, sind alle Infektionen, die auftreten, bei Personen, die vollständig geimpft sind.“

Gesundheitsministerium: Am 5. Oktober waren etwa 16 Prozent der Patienten auf Intensivstationen geimpft

Wir haben beim österreichischen Gesundheitsministerium angefragt, wie viele Geimpfte Ende August auf Österreichs Intensivstationen lagen. Ein Sprecher teilte uns mit, dass zu diesem Zeitpunkt noch keine österreichweiten Daten dazu erhoben wurden. Es gebe jedoch aktuelle Daten dazu: Am 21. September lag demnach der Anteil vollständig Geimpfter auf Österreichs Intensivstationen bei 13,88 Prozent (29 von insgesamt 209 Patienten waren vollständig geimpft) und stieg bis 5. Oktober auf rund 16 Prozent. 

Diese Daten stammen aus internen Dokumenten der Corona-Kommission – ein Gremium, das eine Risikoeinschätzung der Covid-19-Situation in Österreich abgibt. Dass die Anzahl der vollständig Geimpften auf den Intensivstationen leicht steigt, kann laut einiger Medienberichte damit zusammenhängen, dass die Schutzwirkung der Impfung nach einiger Zeit nachlasse. Darauf deuten auch Daten des israelischen Gesundheitsministeriums hin.

Diagramm Correctiv zu Geimpften und Ungeimpften
Dieses Diagramm basiert auf Daten, die wir vom österreichischen Gesundheitsministerium erhalten haben. Die dunkelblauen Felder zeigen den Anteil von vollständig Geimpften auf Intensivstationen in Österreich. (Diagramm: CORRECTIV.Faktencheck)

Kliniken in Graz, Linz und Wien bestätigen, dass dort hauptsächlich Ungeimpfte auf den Intensivstationen liegen

Pöttler behauptet im Video, er erhalte täglich Dutzende Anrufe von Pflegepersonal oder Ärzten, die „diametral“ zu Medienberichten seien. Im Interview mit dem Wochenblick behauptet er, auf Intensivstationen in Graz, im Kepler Universitätsklinikum in Linz, im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien und im Uniklinikum in Salzburg würden hauptsächlich Geimpfte liegen. Wir haben bei den Krankenhäusern nachgefragt, wie dort die aktuelle Lage ist. Vom Uniklinikum in Salzburg erhielten wir keine Antwort, aber die Pressestellen der anderen Krankenhäuser antworteten.

Graz: Da Pöttler in Bezug auf Graz keine konkrete Klinik nennt, können wir seine Behauptung nicht überprüfen. Wir haben aber beim Zusammenschluss der Landeskrankenhäuser der Steiermark nachgefragt, wo die Stadt Graz liegt. Zur Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft gehören elf Landeskrankenhäuser an 24 Standorten. Reinhard Marczik, Leiter der Unternehmenskommunikation des Krankenhausverbands, teilte uns mit, dass am 25. August eine geimpfte Person mit Vorerkrankungen auf der Intensivstation gelegen habe. „Faktum ist, dass aktuell 95 Prozent ungeimpfte Covid-Kranke auf unseren Intensivstationen liegen“, schrieb uns Marczik am 24. September. Lediglich einer von insgesamt 16 Covid-19-Patienten sei voll geimpft und dieser Mann habe schwere Vorerkrankungen. 

Linz: Jutta Oberweger, Pressesprecherin der Oberösterreichischen Gesundheitsholding GmbH, zu der auch das Kepler Uniklinikum gehört, schickte uns am 23. September ein Videostatement vom 10. September 2021 von Dr. Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Kepler Universitätsklinikum. Lamprecht sagt darin, dass dort derzeit acht Patientinnen und Patienten mit Covid-19 auf der Intensivstation betreut würden. Keine der Personen sei vollständig geimpft. Und weiter sagt er: „Bei den Patientinnen und Patienten, die wegen einer Coronavirus-Infektion derzeit auf österreichischen und oberösterreichischen Intensivstationen betreut werden müssen, ist der Prozentsatz jener, die geimpft sind, sehr gering. “ Über 90 Prozent hätten keinen vollen Impfschutz.  

Oberweger schickte uns außerdem Daten aus dem Covid-19-Dashboard der Oberösterreichischen Gesundheitsholding bis zum 23. September, die für das Bundesland Oberösterreich insgesamt gelten. Demnach gibt es nur wenige Fälle von Impfdurchbrüchen auf Intensivstationen in Oberösterreich. Am 23. September gab es zum Beispiel insgesamt 41 Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen. Nur vier davon waren vollständig geimpft. Am 25. August, dem Zeitpunkt, als Pöttler sein Video veröffentlichte, waren von 17 Patienten nur zwei vollständig geimpft. 

Anzahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen Österreich
Die violette Linie zeigt die Anzahl der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen, die vollständig geimpft waren. Am 23. September gab es zum Beispiel insgesamt 41 Covid-19-Patienten, davon waren vier geimpft. (Quelle: Covid-19-Dashboard der Oberösterreichischen Gesundheitsholding, Stand 23. September 2021 / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Wien: Auch Karin Fehringer, PR-Leiterin des Wiener Gesundheitsverbundes, zu dem das Universitätsklinikum AKH Wien gehört, schrieb uns, dass in den Covid-19-Intensivbereichen an allen Kliniken des Gesundheitsverbundes „zum allergrößten Teil“ Corona-Patientinnen und -Patienten ohne Schutzimpfung lägen. Darunter seien auch teilgeimpfte oder solche, bei denen eine schwächere Immunreaktion auf Schutzimpfungen aufgebaut wird. Am 25. August habe es auf den Intensivstationen des AKH Wien gar keine geimpften Patienten gegeben.

Auch die derzeitige 7-Tage-Inzidenz der symptomatischen Covid-19-Fälle in Österreich deutet darauf hin, dass die Impfung wirkt: Die Inzidenz der Geimpften, die die Ages angibt, liegt in allen Altersgruppen deutlich niedriger als bei den Ungeimpften. 

Inzidenz in Österreich
Die Inzidenz der Geimpften (gelbe Kurve) liegt in Österreich in allen Altersgruppen deutlich niedriger als bei den Ungeimpften (Quelle: Ages / Screenshot vom 8. Oktober: CORRECTIV.Faktencheck)

Keine Belege, dass weniger Intensivbetten aufgestellt werden als eigentlich vorhanden

Eine weitere Behauptung von Gerhard Pöttler lautet, es seien im vergangenen Jahr Intensivbetten „reduziert“ worden. In dem Interview mit Wochenblick behauptet Pöttler: „In Österreich haben wir 2.567 Intensivbetten systemisiert und registriert. Das heißt, diese Anzahl an Betten dürfte man aufstellen laut System. Am Stichtag 30. Juni 2020 waren genau 1.895 Intensivbetten aufgestellt. (…) Dann nimmt man den Stichtag 30. Juni 2021, also ein Jahr später, und (es) waren nur mehr 1.572 Intensivbetten aufgestellt.“ Er suggeriert also, dass die Zahl der Intensivbetten während der Pandemie verringert wurde.

Laut eines Sprechers des österreichischen Gesundheitsministeriums werden hier jedoch falsche Zahlen miteinander verglichen. Per E-Mail erklärte er uns: Die Zahl der 2.567 registrierten Betten stamme vom nationalen Forschungs- und Planungsinstitut für das Gesundheitswesen, der Gesundheit Österreich GmbH, von Ende 2019. Darin seien aber auch Kinderintensivbetten enthalten. 

E-Mail
Auszug der E-Mail eines Sprechers vom österreichischen Bundesministerium für Gesundheit vom 23. September (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Gesundheit Österreich GmbH schickte uns auf Nachfrage am 8. Oktober die Daten: In den österreichischen Akutkrankenanstalten seien 2019 laut Statistik 2.567 tatsächliche Intensivbetten verfügbar gewesen. 513 davon seien Kinderbetten – es gab also 2.054 Betten für Erwachsene.

Pöttlers Formulierung führt zudem in die Irre, denn „systemisierte Betten“ sind etwas anderes – davon waren damals 2.675 eingeplant. Zum Verständnis: Tatsächliche Intensivbetten sind Betten, die im Berichtsjahr mindestens sechs Monate aufgestellt waren. Systemisierte Betten sind dagegen Betten, die zuvor behördlich bewilligt wurden – also die vorgesehen sind.

Woher Pöttlers Angaben zu den Stichtagen 30. Juni 2020 und 2021 stammen, ist unklar. Für 2020 und das laufende Jahr liegt noch keine Abrechnung der Gesundheit Österreich GmbH vor und das Covid-19-Dashboard der Ages zeigt nur die aktuelle Anzahl der Erwachsenen-Intensivbetten an (aufgestellte Intensivbetten belegt und unbelegt). In einer verlinkten Tabelle findet sich dort aber für den 30. Juni 2021 eine andere Zahl als die, die Pöttler nennt. Demnach lag die Bettenkapazität bei 2.052 und nicht bei 1.572. Daten für den 30. Juni 2020 sind nicht mehr online verfügbar. Aktuell liegt die Zahl der Intensivbetten für Erwachsene laut Ages höher als im Juni (2.096 Betten am 3. Oktober 2021). 

Fazit: Keiner der vier Orte, die Pöttler in seinem Video nennt, bestätigte uns, dass Ende August auf den Intensivstationen überwiegend vollständig Geimpfte gelegen hätten. Im Gegenteil: Ende August wie auch Ende September war die Zahl vollständig geimpfter Covid-19-Patienten auf Österreichs Intensivstationen sehr gering. 

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Covid-19-Dashboard der Ages zu Hospitalisierungen: Link 
  • Bericht der Ages über Impfdurchbrüche vom 5. Oktober 2021: Link
  • Daten zur Auslastung von österreichischen Krankenhäusern vom Bundesministerium für Gesundheit: Link
  • Begriffsdefinitionen und Daten über Krankenanstalten vom Bundesministerium für Gesundheit: Übersicht (Link), Erläuterungen (Link)




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