Faktencheck

Auch in Afghanistan gab es Corona-Maßnahmen und Impfungen

Ein Bild auf Facebook suggeriert, die Taliban hätten keine Maßnahmen gegen das Coronavirus ergriffen und dennoch habe ihre Machtübernahme im Land nicht zu einer Verschlimmerung der Pandemie geführt. Das stimmt so nicht.

von Steffen Kutzner

Afghanistan Refugees in Jakarta, Indonesia - 27 Aug 2021
Obwohl die Taliban keine Corona-Maßnahmen oder Impfungen hätten, haben sie ohne relevante Verschlechterung der Pandemielage Afghanistan übernehmen können, wird in Sozialen Netzwerken behauptet. Das stimmt so nicht. (Symbolbild: Picture Alliance / Zumapress.com / Aslam Iqbalk)
Behauptung
Bei den Taliban habe es keine Maßnahmen gegen Covid-19 gegeben, wie das Tragen von Masken, PCR-Tests oder Impfungen. Ihre Eroberung Afghanistans habe zu keiner Verschlimmerung der Covid-19-Pandemie geführt.
Bewertung
Teilweise falsch
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Teilweise falsch. Welche Maßnahmen die Taliban gegen Covid-19 ergriffen haben, lässt sich nicht eindeutig klären. Die Taliban kontrollierten bereits vor ihrer Machtübernahme große Teile des Landes, weshalb sich „die Taliban“ und „Afghanistan“ nicht einfach voneinander trennen lassen. In Afghanistan gab es Corona-Maßnahmen und ein Teil der Bevölkerung – auch der Taliban – ist geimpft.

„Kann mir jemand erklären, wie die Taliban die letzten 18 Monate ohne Impfstoffe, soziale Distanzierung, PCR-Tests, Masken und Schließung von Geschäften überlebt haben, um dann während einer weltweiten Pandemie ein ganzes Land ohne Massensterben in der Bevölkerung zurückzuerobern?“ Heißt es auf einem Bild mit Text, das auf  Facebook und Twitter verbreitet wird. 

Zunächst eine Feststellung: Es ist schwierig, Informationen über den Umgang der Taliban mit Covid-19 zu erhalten. Was aus den vorhandenen Berichten hervorgeht, ist, dass es in der Terrororganisation keinen einheitlichen Umgang mit Covid-19 gibt. 

Unsere Recherche ergab: Die Behauptung ist teilweise falsch. Die Taliban haben schon vor der Machtübernahme Teile Afghanistans kontrolliert und Impfungen gegen das Coronavirus waren im ganzen Land verfügbar. In den anderen Gebieten gab es außerdem Corona-Maßnahmen.

„Die Taliban waren seit 2001 kontinuierlich und zunehmend im Land aktiv und kontrollierten bereits vor ihrer Machtübernahme große Teile des Landes“, erklärt uns Thomas Ruttig, Afghanistan-Experte und Ko-Direktor des Thinktanks „Afghanistan Analyst Networks“ (AAN). Welchen Einfluss die Taliban schon vor der Übernahme hatten, zeigt sich auch an einem Abkommen über den Abzug der US-Streitkräfte aus Afghanistan. Es wurde im Februar 2020 mit den Taliban getroffen – und nicht mit der Regierung Afghanistans. Dass die Taliban während der Pandemie „ein ganzes Land“ übernommen hätten, ist also nicht wahr. Es ist jedoch richtig, dass besonders seit Mai 2021 verstärkt Gebiete an die Taliban gefallen sind, wie aus einem Bericht des AAN hervorgeht. 

Auf Facebook verbreitet sich ein Bild mit Text, auf dem die Frage gestellt wird, wie die Taliban ohne Impfstoffe und Corona-Maßnahmen „überlebt haben“, und anschließend „ohne Massensterben“ Afghanistan zurückerobern konnten.
Auf Facebook verbreitet sich dieses Bild mit Text, auf dem die Frage gestellt wird, wie die Taliban ohne Impfstoffe und Corona-Maßnahmen „überlebt haben“, und anschließend „ohne Massensterben“ Afghanistan zurückerobern konnten (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Taliban und Impfungen: unterschiedliche Berichte

Die New York Times berichtete Mitte Oktober 2021, dass die Taliban Impfungen nicht grundsätzlich ablehnen würden. So sollen sie laut der Zeitung entschieden haben, ein Programm zur Polio-Impfung zu reaktivieren. Auch Impfungen gegen die Masern und Covid-19 sollen mit Zustimmung der Taliban laut der New York Times durchgeführt werden. Bereits im Januar 2021 hatten die Taliban verkündet, in einigen der von ihnen besetzten Gebiete Impfungen gegen Covid-19 zu unterstützen.

Thomas Ruttig vom Thinktank Afghanistan Analyst Networks (AAN)  schrieb uns per E-Mail, die Taliban hätten die Corona-Impfkampagne „vor ihrer Machtübernahme indirekt“ unterstützt, „indem sie NGOs erlaubt haben, in den von ihnen kontrollierten Gebieten zu agieren“. Jedoch gibt es hierzu unterschiedliche Informationen: In einem anderen Bericht des AAN heißt es etwa, dass die Taliban teilweise verhindert hätten, dass impfende Ärzte ihrer Arbeit nachgehen könnten. In anderen Gegenden habe es dagegen keine Probleme gegeben; lediglich eine starke Überwachung der Impfungen durch die Taliban sei beobachtet worden. Auch Taliban-Kämpfer hätten sich laut des AAN-Berichts impfen lassen. Genaue Zahlen dazu, wie viele der Taliban geimpft sind, konnten wir nicht finden. 

Im Gegensatz dazu gibt es Zahlen für gesamt Afghanistan: Momentan sind laut WHO etwa 2,6 Millionen der 38 Millionen Menschen in Afghanistan zumindest einmal gegen Covid-19 geimpft, wie uns ein Sprecher per E-Mail mitteilte. Die WHO und Unicef arbeiteten gemeinsam daran, bis zum 18. November weitere 1,6 Millionen Impfdosen zu verabreichen, so der Sprecher weiter.

In seiner E-Mail an uns erklärt der Sprecher der WHO, dass etwa 2,6 Millionen Menschen in Afghanistan zumindest einmal geimpft sind.
In seiner E-Mail an uns erklärt der Sprecher der WHO, dass etwa 2,6 Millionen Menschen in Afghanistan zumindest einmal geimpft sind (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Lockdowns und Social Distancing: Es gab Corona-Maßnahmen in Afghanistan

Dass es in Afghanistan keine Corona-Maßnahmen gegeben habe, wie in dem Facebook-Beitrag behauptet wird, ist falsch. Laut eines Berichts der Welt waren Schulen und Universitäten ab März 2020 geschlossen. In Kabul habe es zwei Wochen später Ausgangsbeschränkungen gegeben. Im November 2020 war eine landesweite Maskenpflicht eingeführt worden.

Auch der Sprecher der WHO erklärt uns, dass Restaurants, Hochzeitssäle und Schulen geschlossen waren. Sich mit mehr als zehn Personen zu treffen, sei ab Juni 2021 ebenfalls verboten gewesen. Es sei empfohlen worden, in der Öffentlichkeit eine Maske zu tragen, große Menschenansammlungen zu meiden und Abstand zu halten. Der Sprecher erwähnt jedoch auch, dass diese Maßnahmen nicht streng kontrolliert und eingehalten wurden.

Ein Sprecher der WHO bestätigt, dass es in Afghanistan sowohl Schließungen von Restaurants und Schulen sowie ein Verbot gab, sich mit mehr als zehn Personen zu treffen. Das Tragen einer Maske in der Öffentlichkeit wurde ebenfalls empfohlen.
Ein Sprecher der WHO bestätigt, dass es in Afghanistan sowohl Schließungen von Restaurants und Schulen sowie ein Verbot gab, sich mit mehr als zehn Personen zu treffen. Das Tragen einer Maske in der Öffentlichkeit wurde ebenfalls empfohlen. (Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Einige Fotos aus Afghanistan zeigen zudem, dass es Kampagnen gegen Covid-19 gab. So ist in einem Bericht des AAN von Juni 2021 ein Foto zu sehen, das ein Plakat auf einer Straße in der afghanischen Stadt Herat zeigen soll. Laut Bildunterschrift steht darauf: „Corona ist katastrophal, wenn wir es nicht ernstnehmen.“ In dem Bericht ist jedoch auch zu lesen, dass viele Menschen in Afghanistan durch die schwache zweite Corona-Welle im Herbst 2020 unvorsichtig geworden seien und die Corona-Maßnahmen nicht strikt eingehalten wurden.

Auch in verschiedenen Medienberichten sind Bilder zu sehen, in denen Menschen in Afghanistan Masken tragen.

Afghanistan hat laut WHO bisher (Stand: 16. November 2021) 156.552 Covid-19-Fälle und 7.293 Tote gemeldet. In einem im Januar 2021 erschienen Beitrag von Reuters ist zu lesen, dass schon zu der Zeit damals, also vor der Machtübernahme durch die Taliban, das Gesundheitssystem schlecht und der Zugang zu medizinischen Einrichtung begrenzt gewesen sei. Deshalb seien auch die Testkapazitäten gering und das Infektionsgeschehen wahrscheinlich deutlich höher als offiziell gemeldet. 

WHO: Seit Machtübernahme sind Impfungen stark zurückgegangen; Afghanistan steht vor Kollaps

Ob die Machtübernahme durch die Taliban Mitte August tatsächlich ohne ein Massensterben in der Bevölkerung abläuft, wie in dem Facebook-Beitrag behauptet wird, ist bisher noch unklar: In einer Pressemitteilung der WHO vom 22. September heißt es, das Gesundheitssystem Afghanistans stehe am Rande des Zusammenbruchs und das Land unmittelbar vor einer humanitären Katastrophe. Tausende Gesundheitseinrichtungen hätten kein Geld mehr, um das Personal zu bezahlen oder notwendige medizinische Produkte zu kaufen und hätten deshalb geschlossen. Dies habe Auswirkungen auf Notrufe, den Kampf gegen Polio und auch gegen Covid-19, so die WHO in der Pressemitteilung. 

Wie schlecht das Gesundheitssystem Afghanistans schon zu Beginn der Pandemie, und lange vor der Machtübernahme in Kabul durch die Taliban waren, ist einer Reportage der Welt von Mai 2020 zu entnehmen. Dort heißt es, dass es nur zwei Krankenhäuser in Afghanistans Hauptstadt Kabul gebe, die Covid-19-Tests durchführen und Covid-Patienten betreuen würden. In Kabul leben 4,5 Millionen Menschen. 

Seit der Machtübernahme sei die Situation noch kritischer, erklärt die WHO. „Alle Maßnahmen im Kampf gegen Covid-19 sind zurückgegangen“, auch Testkapazitäten und die Zahl der Impfungen: „Bis August 2021 waren 2,2 Millionen Menschen gegen Covid-19 geimpft worden.“ Seit der Machtübernahme sei die Zahl der Impfungen gesunken.

Das Hauptproblem der Pandemie-Bekämpfung in Afghanistan ist laut Naim Ziayee, Vorsitzender des Vereins „Afghanische Kinderhilfe Deutschland“, dass kaum Impfstoff zur Verfügung stehe. Der Verein betreibt vor Ort zwei Polikliniken. „In Teilen der Bevölkerung gibt es zudem Vorbehalte gegen das Impfen ganz allgemein und gegen den verfügbaren Impfstoff im Besonderen.“ Auch Falschmeldungen in Sozialen Netzwerken „verstärken die Impfskepsis“, erklärt Ziayee in einer E-Mail an uns. „Das Hauptproblem war und ist aber der fehlende Impfstoff.“ 

Weiter sagt Ziayee, Einschränkungen des Schul- und Hochschulbetriebs durch die Taliban und der Umstand, dass viele Menschen zu Hause blieben, hätten die Pandemie „vielleicht etwas gedämpft“. Schulen und Universitäten im Land werden seit September jedoch nach und nach wieder geöffnet. Laut eines Berichts des AAN erklärte der damalige Gesundheitsminister des Landes im Juni 2021, dass man das Infektionsgeschehen an Schulen und Universitäten zwei Tage lang analysiert habe und 28 bis 32 Prozent der durchgeführten Corona-Tests positiv gewesen seien. Sollte sich die Entwicklung fortsetzen, stehe der Kollaps des afghanischen Gesundheitssystems bevor, so der Minister zum damaligen Zeitpunkt.

Scham vor positivem Covid-Test und heimliche Beerdigungen verzerren Ausmaß der Pandemie 

Die nur sehr schleppend vorankommenden Impfungen und die fehlenden Ärzte sind jedoch nur ein Teil des Problems. Ein anderes ist die Scham der Menschen, wenn ihre Angehörigen an Covid-19 erkranken.

So berichtete die Deutsche Welle im Juni 2020, Menschen würden ihre verstorbenen Angehörigen heimlich begraben; es gebe die Angst vor Stigmatisierung, wenn ein Familienmitglied an Covid-19 sterbe. Nachbarn würden ausziehen, wenn im Haus jemand infiziert sei. Lebensmittelhändler weigerten sich, in Quarantäne befindlichen Menschen Nahrungsmittel zu liefern, heißt es in einem Bericht der Welt. Dadurch entsteht eine zusätzliche Verschleierung des tatsächlichen Pandemie-Geschehens in Afghanistan. 

Dass laut offiziellen Zahlen die Covid-Fälle seit der Machtübernahme Mitte August stark zurückgegangen sind, bestätigt auch ein Sprecher der WHO in einer E-Mail an uns: „Seit Mitte August sehen wir insgesamt eine Abnahme von Covid-19-Testungen, gemeldeten Fällen und gemeldeten Toten.“ Es gebe zu wenige Testmöglichkeiten und das Covid-Monitoring funktioniere nicht richtig. „Die tatsächliche Fallzahl ist mutmaßlich viel höher als gemeldet.“

Fazit: Wie die Taliban mit der Covid-19-Pandemie umgehen, lässt sich schwer sagen. Medienberichte und Expertenaussagen legen nahe, dass nicht alle das Impfen grundsätzlich ablehnen, einige von ihnen sogar geimpft sind, es in manchen Regionen aber dennoch zu Problemen bei den Impfkampagnen kommt. In Afghanistan gab es vor ihrer Machtübernahme verschiedene Corona-Maßnahmen: Schulen, Universitäten und Restaurants waren geschlossen, Versammlungen von mehr als zehn Personen untersagt, und es wurden Impfungen durchgeführt. 

Deren Zahl ging nach der Machtübernahme der Taliban jedoch zurück. Das tatsächliche Covid-19-Geschehen im Land ist nach Einschätzung mehrerer Experten mit hoher Wahrscheinlichkeit gravierender als offiziell gemeldet, da es kaum Testmöglichkeiten oder Zugang zu medizinischen Einrichtungen gibt und ein positiver Covid-Test als Stigmatisierung erlebt wird. 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Bericht des AAN zur Covid-19-Situation in Afghanistan von Juli 2021: Link (Englisch)
  • Bericht des AAN zur dritten Welle in Afghanistan von Juni 2021: Link (Englisch)
  • Tagesaktuelle Daten der WHO zum offiziell gemeldeten Covid-Geschehen in Afghanistan: Link
  • Reportage der Welt zum Covid-Geschehen in Afghanistan von Mai 2020: Link
  • Reuters-Bericht zu den Taliban und Impfungen von Januar 2021: Link (Englisch)

Redigatur: Matthias Bau, Tania Röttger

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