Faktencheck

Italien: Dieser Protest richtet sich nicht gegen Corona-Impfungen, sondern gegen Stellenabbau bei Alitalia

Auf Facebook und Telegram verbreitet sich ein Video, das Flugbegleiterinnen bei einem Protest in Italien zeigt. Sie würden die Corona-Impfung „verweigern“, heißt es. Das ist falsch: Die Flugbegleiterinnen protestierten gegen Stellenabbau bei der Fluggesellschaft Alitalia – der hatte aber mit Corona-Impfungen nichts zu tun.

von Nikolas Kill

flugbegleiterinnen in italien
Nein, die ehemaligen Alitalia-Flugbegleiterinnen protestieren nicht gegen eine vermeintliche Impfpflicht, sondern gegen den Stellenabbau nach der Übernahme der Fluggesellschaft durch einen anderen Konzern (Quelle: Telegram / Screenshot am 11. November 2021: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Video zeige eine Protest-Aktion von italienischen Flugbegleiterinnen, die gegen Impfungen protestieren.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Die Frauen im Video protestierten nicht gegen Impfungen, sondern gegen Stellenabbau bei der Fluggesellschaft Alitalia.

In Sozialen Netzwerken kursiert seit Mitte Oktober ein Video, in dem Flugbegleiterinnen in Italien ihre Uniformen ausziehen und niederlegen (hier, hier und hier). Im Titelbild des Videos heißt es in vier Sprachen: „Italienische Stewardessen verweigern Todesspritze“. In einigen Beiträgen wird zudem behauptet, die Frauen hätten die Corona-Impfung verweigert und dafür ihren Job riskiert. 

Das stimmt nicht – die Frauen sind Flugbegleiterinnen und protestierten Mitte Oktober gegen Stellenabbau bei Alitalia, indem sie ihre Uniformen auf dem Campidoglio-Platz in Rom auszogen. Die Fluglinie Alitalia war von der kleineren Linie ITA übernommen worden.

Frauen stehen auf einem Platz in Rom, zeigt ein Telegram Beitrag
Flugbegleiterinnen ziehen ihre Uniformen auf dem Campidoglio-Platz in Rom aus – diese Protest-Aktion hat mit Corona-Impfungen aber nichts zu tun. Die Frauen demonstrierten allgemein gegen Stellenabbau bei Alitalia. (Quelle: Telegram-Beitrag vom 22. Oktober / Screenshot am 10. November: CORRECTIV.Faktencheck)

Video wurde ursprünglich von einer Gewerkschaft veröffentlicht

Wie Recherchen der AFP belegen, wurde das Protest-Video ursprünglich von der Gewerkschaft USB (auf Italienisch: „Unione Sindacale di Base“) veröffentlicht. Eine  30 Minuten lange Live-Übertragung des Protests war auf der Facebook– und Webseite der Gewerkschaft zu sehen – zwei Tage bevor das zweiminütige Video des Protests in Italien mit der falschen Behauptung viral ging. 

Das einzige Mittel gegen Desinformation ist verlässliche Information. Ihre Unterstützung macht einen Unterschied im Umgang mit Falschmeldungen. Leisten Sie heute einen Beitrag für unabhängigen Journalismus.

Es sind dieselben Aufnahmen, wie in den Videos auf Facebook und Telegram: Die Flugbegleiterinnen ziehen auf dem Campidoglio-Platz in Rom ihre Uniformen aus und stehen am Ende in Unterwäsche auf dem Platz. Die Live-Übertragung des Protests auf der Facebook- und Webseite der USB wird allerdings von einer Stellungnahme der Gewerkschaft begleitet. In der Stellungnahme gibt die Gewerkschaft an, dass die Flugbegleiterinnen der Linie Alitalia gegen die geplante Entlassung von 8.000 Beschäftigten bei der Fluggesellschaft protestieren.

Protest gegen Alitalia in Rom
Als Protestakt gegen den Stellenabbau bei der kürzlich übernommenen Fluggesellschaft Alitalia ziehen Flugbegleiterinnen auf dem Campidoglio-Platz in Rom ihre Uniform aus (Quelle: Facebook, Unione Sindacale di Base / Screenshots am 11. November 2021: CORRECTIV.Faktencheck)

Impfungen, Corona-Regeln oder die Pandemie werden in der Stellungnahme der Gewerkschaft nicht erwähnt. Gegenüber der AFP bestätigte USB-Sprecher Piero Santonastaso: Die Gewerkschaft habe die Kundgebung mitorganisiert und könne bestätigen, dass sie „nichts mit Impfungen zu tun hatte“.

Während der Corona-Pandemie werden immer wieder Bilder von Kundgebungen in Sozialen Netzwerken aus dem Zusammenhang gerissen

Im Laufe der Covid-19-Pandemie wurden einige Aufnahmen von Kundgebungen und Menschenmengen in falschem Kontext verbreitet. Immer wieder heißt es, sie zeigten Proteste gegen geltende Corona-Auflagen. 

Seit vergangenem Jahr überprüften wir mehrere solcher Behauptungen: Die Bilder zeigten Brexit-Proteste in Großbritannien, einen Protest von Stahlarbeitern in Genua oder Fußballfans, die 2018 den WM-Sieg Frankreichs feierten – Corona-Proteste zeigen sie nicht. 

In einer Analyse samt interaktiver Grafik zeigt das Faktencheck-Netzwerk European Digital Media Observatory (EDMO) Beispiele aus ganz Europa, in denen Bilder von Menschenmengen fälschlicherweise als Corona-Proteste verbreitet werden. 

Redigatur: Sarah Thust, Tania Röttger

Faktencheck-Chatbot

Sie haben eine potenzielle Falschinformation entdeckt? Schicken Sie uns eine Nachricht auf Whatsapp!