Faktencheck

Video enthält irreführende Behauptung zu Geimpften in Krankenhäusern in Bad Waldsee und Wangen

In den Sozialen Netzwerken verbreitet sich das Video einer Frau, die behauptet, als Pflegerin im Kreis Ravensburg zu arbeiten und die Ängste vor schwerwiegenden Folgen von Covid-19-Impfungen schürt. Unser Faktencheck zeigt: Ihre Aussagen sind zum Teil falsch, zum Teil unbelegt.

von Matthias Bau

Titelbild_Wangen und Bad Waldsee
Ein Video in den Sozialen Netzwerken schürt Ängste vor angeblichen Impfschäden (Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
In Wangen und Bad Waldsee würden Menschen mit schweren Impfschäden in Krankenhäuser eingeliefert, Geimpfte hätten „schwerste Verläufe“ von Covid-19, Arztpraxen würden sich vom Impfen zurückziehen und Pflegekräfte würden im Gegensatz zur Ärzten unter Druck gesetzt, sich impfen zu lassen.
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Größtenteils falsch. Ein Sprecher der Kliniken in Wangen und Bad Waldsee widerspricht. Dort sei nichts über Impfschäden bekannt. Schwere Covid-19-Verläufe gebe es vor allem bei Ungeimpften. Eine 3G-Plus-Regelung ermögliche es derzeit auch ungeimpftem Personal, dort zu arbeiten. Dass sich Arztpraxen aus medizinischen Gründen vom Impfen zurückziehen, ist der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nicht bekannt.

Auf Whatsapp, Facebook und Twitter verbreitet sich seit Anfang November ein Video, in dem eine Frau behauptet, in Wangen und Bad Waldsee würden Geimpfte mit „schwersten Verläufen“ und lebensbedrohlichen Impfnebenwirkungen in Krankenhäusern behandelt. „Wir als Pflegepersonal werden unter Druck gesetzt“, sagt sie. Man drohe ihnen, dass sie die Arbeit verlieren würden, wenn sie sich nicht impfen ließen. Ärzte „in der oberen Liga“ hingegen müssten sich nicht impfen lassen. Einige Arztpraxen hätten sich vom Impfen zurückgezogen.

Die Städte Wangen im Allgäu und Bad Waldsee liegen im Kreis Ravensburg in Baden-Württemberg. Das allgemeine Krankenhaus in Bad Waldsee und das große Westallgäu-Klinikum in Wangen werden von derselben Gesellschaft namens Oberschwabenklinik betrieben. Die Aussagen der Frau im Video lassen vermuten, dass sie die Oberschwabenklinik meint. Sie sagt, die Menschen mit Covid-19 kämen „bei uns nach Wangen auf die Station“, und etwas später spricht sie von einem „Teilort“ in Bad Waldsee. 

Wir haben bei der Oberschwabenklinik, den Fachkliniken Wangen, beim Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg und der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nachgefragt. Die Recherche zeigt: Die Aussagen der Frau sind falsch oder unbelegt.

Kliniksprecher: Schwere Covid-19-Verläufe überwiegend bei Ungeimpften

Eine Impfpflicht gebe es in der Oberschwabenklinik nicht, teilte uns deren Sprecher Winfried Leiprecht per E-Mail am 24. November mit. Es gelte eine „3G plus“-Regelung, ungeimpfte oder nicht-genese Mitarbeitende müssten täglich vor Dienstantritt Schnelltests unter Überwachung im Krankenhaus machen und würden dann „normal eingesetzt“. 

Dass Pflegepersonal anderweitig unter Druck gesetzt wurde, sich impfen zu lassen, ist zwar möglich, lässt sich durch unsere Recherchen aber nicht belegen.  

Die Frau im Video behauptet mehrfach, Geimpfte hätten „schwerste Verläufe“. In Bad Waldsee gebe es bei Covid-19-Patienten „ganz schwere Verläufe, alle geimpft“. 

Dazu schrieb uns Winfried Leiprecht: Auf den Normalstationen liege der Anteil der Geimpften während der vierten Pandemiewelle bei etwa einem Drittel. Auf der Intensivstationen nur bei einem Fünftel. Schwere Verläufe von Covid-19 sehe man überwiegend bei Ungeimpften.  

Es gibt in Wangen noch eine andere Klinik für Intensivmedizin, die Fachkliniken Wangen. Diese passt aber nicht zu den Aussagen der Frau im Video. Claudia Belz von den Fachkliniken Wangen sagte uns telefonisch, das Haus sei auf die Behandlung von Beatmungspatientinnen und -patienten spezialisiert, und dabei vor allem auf die Beatmungsentwöhnung. In den vergangenen Wochen habe man durschnittlich einen Patienten mit Covid-19 betreut. Man arbeite in der Region eng mit anderen Krankenhäusern zusammen und entlaste beispielsweise die Oberschwabenklinik dadurch, dass man von dort Beatmungspatienten übernehme, um diese wieder an eine normale Atmung heranzuführen. 

In der Klinik sind keine Impfschäden bekannt

Die Frau behauptet weiter, eine Freundin aus einer Notaufnahme, die 20 Kilometer von ihrem Wohnort entfernt sein soll, habe ihr berichtet, dass die dort eingelieferten Personen zu 90 Prozent geimpft seien. Die Menschen kämen mit schweren Erkrankungen wie Schlaganfällen mit Gesichtslähmungen oder Thrombosen ins Krankenhaus. 

Welche Notaufnahme gemeint ist, ist unklar. Die Fachkliniken Wangen haben nach Aussage ihrer Sprecherin keine Notaufnahme. Für die Oberschwabenklinik ist laut Winfried Leiprecht richtig, dass die Patientinnen und Patienten „in ihrer Mehrzahl“ geimpft seien. Die Klinik behandele aber unverändert Menschen mit einer „großen Bandbreite an Krankheiten“, nicht nur Covid-19. Es gibt keine Belege, dass diese anderen Krankheiten durch Impfungen ausgelöst wurden. 

Im Landkreis Ravensburg waren laut aktuellen Daten des Gesundheitsministeriums am 21. November 64,2 Prozent der Menschen erstgeimpft und 62 Prozent vollständig geimpft. 

Bei Patienten, die wegen des Verdachts auf eine Impfnebenwirkung in die Krankenhäuser gekommen seien, habe sich der Verdacht „über die bekannten Symptome hinaus“ nicht bestätigen lassen. Impfschäden seien durch die behandelnden Ärzte an das Paul Ehrlich-Institut zu übermitteln. Über solche Meldungen sei ihm „nichts bekannt“.

Frau ist in den Krankenhäusern in Wange nicht als Mitarbeiterin bekannt

Zu dem Risiko für Thrombosen nach Covid-19-Impfungen gibt es laut Paul-Ehrlich-Institut keine klaren Erkenntnisse. Vergleichende Studien zeigten aber, dass das Risiko nach einer Coronavirus-Infektion höher sei als das nach einer Impfung. Es gibt keine Hinweise, dass es vermehrt zu Schlaganfällen kommt, wie wir bereits in einem anderen Faktencheck recherchiert haben.  

Außerdem schrieb Leiprecht, dass die Frau aus dem Video in keinem Haus der Oberschwabenklinik arbeite. Es gebe auch „keinerlei Anhaltspunkte“ dafür, dass die Behauptungen, die die Frau verbreite, auf Angaben von Beschäftigten der Oberschwabenklinik beruhten. „Was hier gesagt wird, können wir nicht bestätigen. Unsere Statistiken, die während der 4. Welle geführt werden, belegen eindeutig, dass Impfen schützt – vor allem auch vor schweren Verläufen.“

Ähnlich äußerte sich Claudia Belz von den Fachkliniken Wangen. Die Frau sei keine Mitarbeiterin und in dem Krankenhaus auch nicht bekannt. 

Gesundheitsministerium Baden-Württemberg: Seit Beginn der Impfungen wurden 70 Anträge wegen vermuteter Impfschäden eingereicht

Wir haben beim Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg nachgefragt, ob bekannt ist, wie viele der Geimpfte Impfschäden davongetragen haben. Ein Sprecher des Ministeriums teilte uns per E-Mail mit, es habe zwischen dem 27. Dezember 2020 und dem 30. September in ganz Baden-Württemberg 70 Anträge auf Versorgung nach einem Impfschaden durch eine Covid-19-Impfung gegeben. Durchgeführt worden seien im gleichen Zeitraum 14,9 Millionen Impfungen. 

Drei Anträge seien bereits abgelehnt worden, zwei davon wegen eines fehlenden kausalen Zusammenhangs zur Impfung. Ob in allen Fällen wirklich Impfschäden vorliegen, ist unklar. „Die Bearbeitung eines Impfschadensfalls setzt die Einholung medizinischer Gutachten voraus, deren Erstellung erfahrungsgemäß eine gewisse Zeit benötigt“, schrieb uns der Sprecher. 

Behauptung über Arztpraxen, die nicht mehr impfen, ist unbelegt

In dem Video behauptet die Frau weiter, dass sich Arztpraxen vom Impfen zurückgezogen hätten. Dabei suggeriert sie, das sei wegen der angeblichen Gefährlichkeit der Impfungen geschehen. 

Wir haben bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg nachgefragt, ob in Bad Waldsee oder Wangen Praxen das Impfen eingestellt haben. Pressesprecher Kai Sonntag schrieb uns am 18. November per E-Mail: „Die Arztpraxen müssen sich nicht melden, ob sie impfen oder nicht.“ Der Kassenärztlichen Vereinigung seien jedoch keine Praxen bekannt, die „aus medizinischer Sicht keine Impfungen mehr anbieten“. 

Es sei dennoch möglich, dass sich einige Praxen aufgrund des hohen organisatorischen Aufwands vom Impfen zurückgezogen hätten.

Fazit: Die Aussagen in dem Video sind irreführend und unbelegt. Auf den Stationen der Oberschwabenklinik liegen laut Aussage eines Sprechers zwar Menschen mit Impfdurchbrüchen, also Geimpfte mit Covid-19, diese seien aber in der Unterzahl. Über Patientinnen und Patienten mit schwerwiegenden Nebenwirkungen von Impfungen sei dort nichts bekannt. 

Redigatur: Alice Echtermann, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Impfquote in Baden-Württemberg nach Landkreisen vom 21. November 2021: Link
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