Faktencheck

Doch, es gibt Daten zum Impfstatus von Covid-19-Patienten auf Intensivstationen

Boris Reitschuster behauptet in einem Artikel, es sei „Betrug“, wenn Sprecher der Bundesregierung sagen, ein großer Teil der Covid-19-Patienten auf Intensivstationen sei ungeimpft. Denn dies könne man gar nicht wissen. Als vermeintlicher Beleg dafür wird eine Aussage des Präsidenten der Divi angeführt. Doch das ist irreführend.

von Uschi Jonas

Für die Erfassung von Daten zum Impfstatus von Covid-19-Fällen ist das Robert-Koch-Institut zuständig. Für einen großen Teil aller Fälle und für einen Teil der Intensivpatienten liegen diese Daten vor. (Symbolbild: Unsplash/ Irwan Iwe)
Für die Erfassung von Daten zum Impfstatus von Covid-19-Fällen ist das Robert-Koch-Institut zuständig. Für einen großen Teil aller Fälle und für einen Teil der Intensivpatienten liegen diese Daten vor. (Symbolbild: Unsplash/ Irwan Iwe)
Behauptung
Laut Divi-Präsident Gernot Marx erfasse das Intensivregister nicht, wie viele Covid-19-Patienten auf Intensivstationen geimpft oder ungeimpft sind. Das stehe im Widerspruch zu Aussagen der Bundesregierung, dass die Mehrheit der Intensivpatienten ungeimpft sei.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Es gibt Daten zum Impfstatus von Intensivpatientinnen und -patienten. Die Divi ist nicht zuständig für die Erfassung, sondern das RKI. Dort liegen Daten zum Impfstatus für die Mehrheit der hospitalisierten Covid-19-Patienten vor. Ab dem 14. Dezember wird der Impfstatus auch im Divi-Intensivregister erfasst.

„Wurden wir betrogen?“, schreibt Boris Reitschuster am 26. November als Einleitung eines Artikels auf seiner Webseite. Als Überschrift dient ein wörtliches Zitat: „Bisher noch nicht erfasst, welche Patienten auf Intensivstationen geimpft und nicht geimpft sind“. Diese Aussage stammt von Gernot Marx, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). 

Reitschuster stellt dieses Zitat Aussagen der Bundesregierung gegenüber, in denen es heißt, der Großteil der Coronapatienten auf Intensivstationen sei ungeimpft. Damit suggeriert Reitschuster, die Bundesregierung betrüge die Menschen mit Informationen über den Impfstatus, die sie in Wahrheit gar nicht habe. 

Der Artikel erzeugt jedoch einen falschen Eindruck. Dem Zitat von Divi-Präsident Gernot Marx fehlt relevanter Kontext. Das Divi-Intensivregister ist nicht die Stelle, an der der Impfstatus von Covid-19-Fällen erfasst wird, sondern das Robert-Koch-Institut (RKI). 

Das Zitat von Marx stammt aus der Sitzung des Hauptausschusses des Bundestags am 15. November. Auf die Frage eines AfD-Abgeordneten, ob er wisse, wie viele der in der vergangenen Woche neu auf Intensivstationen aufgenommenen Covid-19-Patienten geimpft gewesen seien, antwortete Marx: „Diese Frage kann ich leider nicht beantworten, weil wir bisher noch nicht erfasst haben, welche Patienten auf den Intensivstationen geimpft und welche nicht geimpft sind. Die Frage ist richtig und wichtig. Wir haben als Divi gemeinsam mit dem RKI jetzt auch entsprechende Vorbereitungen getroffen, diese wichtigen Informationen sehr schnell zu erfassen. Wir haben sie aber noch nicht zur Hand. Von daher kann ich die Frage leider nicht beantworten.“

Divi erfasst Kapazitäten in der Intensivmedizin, das RKI erfasst Daten zum Impfstatus

Seit April 2020 erfasst das Divi-Intensivregister täglich die freien und belegten Behandlungskapazitäten in der Intensivmedizin von etwa 1.300 Akut-Krankenhäusern in Deutschland. Das Register wird vom RKI mit Beratung durch die Divi betrieben. 

Eine Divi-Sprecherin erklärt in einer E-Mail an CORRECTIV.Faktencheck am 10. Dezember: „Das Divi-Intensivregister ist und bleibt in erster Linie ein Bettenregister, um einen Überblick über die verfügbaren Kapazitäten auf allen deutschen Intensivstationen zum jetzigen Zeitpunkt zu bekommen – und natürlich Prognosen erstellen zu können.“ Über die Patienten habe die Divi bis zum Herbst außer „Covid-19-Patient“ oder „Non-Covid-19-Patient“ nichts gewusst. Seit Herbst werde das Alter der Menschen auf Intensivstationen erhoben, „aber auch nicht personenbezogen“, wie auch in der Änderung der Divi-Intensivregister-Verordnung vom 12. November 2021 zu lesen ist. 

Da der Impfstatus  eine entscheidende Rolle spiele, habe die Divi im November grünes Licht für die Erhebung dieser Informationen von der Bundesregierung bekommen, so die Sprecherin weiter. Medienberichten vom 15. Dezember zufolge erfasst das Divi ab sofort, also ab Mitte Dezember, auch den Impfstatus der Intensivpatientinnen und -patienten. Das bestätigte uns auch die Divi-Sprecherin: „Seit dem 14.12. wird der Impfstatus der Patienten auch im Divi-Intensivregister erfasst. Sobald die Daten valide sind, werden wir diese auch veröffentlichen.“ 

Dem RKI lagen Anfang November Daten zum Impfstatus für 81 Prozent aller Covid-19-Fälle vor

Beim RKI werden die Daten zum Impfstatus von Covid-19-Fällen aber schon länger erfasst. Zu dem Zeitpunkt, als Divi-Präsident Marx sich zu dem Thema im Hauptausschusses des Bundestags äußerte, lagen dem RKI für rund 81 Prozent aller symptomatischen Covid-19-Fälle Daten zum Impfstatus vor (Wochenbericht vom 11. November, PDF, Seite 21). 

Aktuell wurden dem RKI für 84 Prozent aller Covid-19-Fälle und für 68 Prozent der hospitalisierten Covid-19-Patienten Daten zum Impfstatus übermittelt (Wochenbericht vom 9. Dezember, PDF, Seite 20). 

Es gibt folglich Daten zum Impfstatus von Menschen, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden, wenn auch nicht für alle. Diese Daten des RKI sind zwar nicht vollständig, sie zeigen aber tatsächlich, dass der Anteil der Ungeimpften größer ist als der der Geimpften. 

Im Divi-Intensivregister wird der Impfstatus künftig erfasst 

Die hospitalisierten Covid-19-Patienten, die dem RKI gemeldet werden, beinhalten auch die Intensivpatienten. Für einen Teil der Intensivpatienten gibt das RKI in seinen Wochenberichten stets den Impfstatus an. Bei wie viel Prozent der Intensivpatienten der Impfstatus unbekannt ist, ist den Berichten aber nicht zu entnehmen. 

Auf Nachfrage schreibt uns eine Pressesprecherin des RKI per E-Mail am 15. Dezember: „Beim Intensivregister wird die Impfquote zukünftig erfasst, derzeit läuft die technische Umsetzung.“ 

Dazu schrieb uns auch die Divi-Sprecherin: „Dem RKI liegen nicht für alle Patienten auf den Intensivstationen Informationen zum Impfstatus vor. Auch sie könnten nicht beantworten, wie genau der Anteil der neu aufgenommenen Patienten auf den Intensivstationen zusammengesetzt ist. Aber ja, natürlich wissen wir über den Impfstatus der Patienten gut Bescheid, weil das RKI diese Zahlen an jedem Donnerstag in seinem Wochenbericht veröffentlicht.“

Sprich: Auch wenn bislang nicht klar ist, für wie viele der Intensivpatienten Daten über den Impfstatus fehlen, gibt es zumindest für einen Teil der Fälle Daten. 

Über die Gründe, warum der Impfstatus von Covid-19-Patientinnen und -patienten teilweise von den Krankenhäusern nicht erfasst werden kann, haben wir kürzlich einen ausführlichen Hintergrundbericht veröffentlicht. Teilweise fehlen die Dokumente und Informationen, vor allem wenn die Menschen selbst nicht mehr ansprechbar sind.

Vorhandene Daten zeigen, dass Ungeimpfte häufiger schwer an Covid-19 erkranken als Geimpfte

Im Wochenbericht vom 11. November schrieb das RKI, dass in den vergangenen vier Wochen (Kalenderwoche 41 bis 44) bei insgesamt 1.320 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen der Impfstatus bekannt war. 371 davon wurden als Impfdurchbruch gezählt, waren also vollständig geimpft. Das entspricht einem Gesamtanteil von rund 28 Prozent (eigene Rechnung). In der Gruppe der Über-60-Jährigen ist der Anteil der Impfdurchbrüche höher als in anderen Altersgruppen. Die Ungeimpften waren aber in allen Gruppen in der Überzahl (PDF, Seite 22).

Impfdurchbrüche, Stand 11. November 2021 (Quelle: RKI; Screenshot, Markierung und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Impfdurchbrüche, Stand 10. November 2021 (Quelle: RKI; Screenshot, Markierung und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Aktuell liegt der Anteil vollständig Geimpfter auf den Intensivstationen – für die Fälle mit bekanntem Impfstatus – bei 16,8 Prozent bei den 18- bis 59-Jährigen und bei 41,1 Prozent bei den Über-60-Jährigen (Wochenbericht vom 9. Dezember, PDF, Seite 23). Der Anteil der Ungeimpften war also immer noch höher als der Geimpften.

Impfdurchbrüche, Stand 7. Dezember 2021 (Quelle: RKI; Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)
Impfdurchbrüche, Stand 7. Dezember 2021 (Quelle: RKI; Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Der steigende Anteil der Impfdurchbrüche in den RKI-Wochenberichten war auch bereits Gegenstand von Spekulationen in Sozialen Netzwerken. Warum es erwartbar ist, dass mit steigender Impfquote und steigenden Corona-Fallzahlen auch die Zahl der Impfdurchbrüche steigt, und warum der Vergleich der Inzidenzen weiterhin zeigt, dass weniger Geimpfte als Ungeimpfte schwer an Covid-19 erkranken, haben wir in diesem Faktencheck erklärt.

Vergleich der Inzidenzen für symptomatische Covid-19-Fälle und Hospitalisierungen getrennt nach Geimpften und Ungeimpften in unterschiedlichen Altersgruppen anhand der verfügbaren Daten zum Impfstatus (Quelle: RKI-Wochenbericht vom 9. Dezember 2021; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Vergleich der Inzidenzen für symptomatische Covid-19-Fälle und Hospitalisierungen getrennt nach Geimpften und Ungeimpften in unterschiedlichen Altersgruppen anhand der verfügbaren Daten zum Impfstatus (Quelle: RKI-Wochenbericht vom 9. Dezember 2021; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Fazit: Erst ganz am Ende seines Textes weist Reitschuster darauf hin, dass Marx’ Aussage „natürlich nicht“ ausschließe, dass man „gewisse Tendenzen“ beim Impfstatus kenne. Dennoch führt sein Artikel in die Irre, weil er suggeriert, die Bundesregierung treffe Aussagen über den Impfstatus von Intensivpatienten, obwohl es dazu keine Daten gebe. Es gibt Daten, nur waren sie bisher nicht im Divi-Intensivregister aufgeführt. Für die Erfassung des Impfstatus von Covid-19-Fällen war bisher nicht die Divi zuständig, sondern das RKI. 

Beim RKI liegen Daten für einen großen Teil der hospitalisierten Covid-19-Patienten vor. Auch für einen Teil der Patienten auf Intensivstationen liegen Daten vor. Auch wenn die Daten nicht vollständig sind, zeigten sie im November und zeigen auch aktuell, dass Geimpfte seltener schwer an Covid-19 erkranken als Ungeimpfte. Das Divi-Intensivregister erfasst den Impfstatus von Intensivpatienten seit dem 14. Dezember. 

Redigatur: Sophie Timmermann, Alice Echtermann

Update 21. Dezember 2021: Wir haben ergänzt, dass die Divi-Sprecherin uns gegenüber die Erfassung des Impfstatus seit dem 14. Dezember bestätigt hat.

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • RKI-Wochenbericht vom 11. November 2021: Link
  • RKI-Wochenbericht vom 9. Dezember 2021: Link
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