Faktencheck

Diese Fotos zeigen keine Polizeigewalt gegen Ungeimpfte – sie entstanden unter anderem beim G20-Gipfel und bei einem Fußballspiel

Die größte Gefahr für Ungeimpfte sei die Gewalt der Polizei, schreibt ein Twitter-Nutzer und postet dazu vier Fotos. Die Bilder sollen belegen, wie die Polizei bei Demonstrationen von Impfkritikern durchgreift. Doch die Bilder zeigen etwas völlig anderes – zum Beispiel Ausschreitungen bei einem Fußballspiel.

von Sarah Thust

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Diese Fotos zeigen keine Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen. Zu sehen sind unterschiedliche Auseinandersetzungen mit der Polizei, die teils Jahre her sind. (Quelle: Twitter / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Fotos zeigen angebliche Polizeigewalt gegen Ungeimpfte.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Die Fotos zeigen keine Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen und belegen folglich auch keine Polizeigewalt dort.

Auf Twitter kursieren aktuell mehrere Fotos, die unterschiedliche Einsätze der Polizei zeigen. Ein Nutzer schreibt dazu: „Die größte Gefahr für Ungeimpfte ist offensichtlich nicht der Virus, sondern von Polizisten getreten, geschlagen, beleidigt oder mit Wasser oder Pefferspray maltretiert [sic] zu werden.“ Der Beitrag wurde seit 1. Januar knapp 500 Mal geteilt.

Die Fotos sind jedoch weder aktuell, noch haben sie etwas mit Demonstrationen gegen Corona-Maßnahmen zu tun. Die Bilder zeigen völlig andere Szenen, einige sind mehrere Jahre alt. Unser Faktencheck ergab: 

  • Bild 1, links oben, zeigt eine Anti-Rassismus-Demonstration in Hamburg (2020)
  • Bild 2, rechts oben, entstand während der G20-Proteste in Hamburg (2017)
  • Bild 3, links unten, zeigt einen Polizeieinsatz gegen Fußballfans in Babelsberg (2016)
  • Bild 4, rechts unten, zeigt Menschen bei einer Demonstration gegen die rechte Identitären-Bewegung (2019)
Twitter-Beitrag mit falschen Fotos von angeblicher Polizeigewalt gegen Ungeimpfte
Auf Twitter kursieren vier Fotos, die angeblich Polizeieinsätze gegen Ungeimpfte zeigen. Das stimmt nicht. (Quelle: Twitter / Screenshot am 3. Januar: CORRECTIV.Faktencheck)

Dass die Bilder nichts mit den Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen zu tun haben, lässt sich durch eine Bildrückwärtssuche herausfinden. Darüber berichtete bereits der Journalist Felix Huesmann auf Twitter.

Bild 1 zeigt eine Anti-Rassismus-Demonstration in Hamburg (2020)

Eine Google-Suche nach dem Foto links oben führt zu mehreren Medienberichten aus dem Sommer 2020. Das Foto wird darin als Symbolbild für Polizeigewalt genutzt. Suchen via Bing und Tineye führen zu einem Blog-Beitrag und zu einem Archivfoto, wonach das Bild bei einer „Anti-Rassismus-Demo“ am 6. Juni 2020 in Hamburg entstanden ist. Auslöser war der gewaltsame Tod des US-Amerikaners George Floyd bei einem Polizeieinsatz in Minneapolis, der weltweit die sogenannten „Black Lives Matter“-Proteste anstieß.

Wie die Nachrichtenseite 24hamburg.de berichtete – auch sie verwendet das Bild –, demonstrierten an diesem Tag rund 14.000 Menschen in Hamburg gegen Rassismus und Polizeigewalt. Am Abend sei es zu Ausschreitungen gekommen, woraufhin die Polizei Wasserwerfer, Pfefferspray und Schlagstöcke einsetzte. 

Mithilfe der Quellenangabe in den Medienberichten fanden wir das Bild in der Fotodatenbank Picture Alliance der Deutschen Presse-Agentur. Dort steht in der Bildbeschreibung: „Einsatzkräfte der Polizei sprühen Reizmittel, um Teilnehmer einer aufgelösten Demonstration zurückzudrängen. Im Anschluss an eine friedliche Kundgebung gegen Rassismus in der Hamburger Innenstadt ist es zu Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe Demonstranten und der Polizei gekommen.“ 

Polizei sprüht Reizgas nach einer Anti-Rassismus-Demonstration
Hamburg, 2020: Einsatzkräfte der Polizei sprühen Reizgas, um Teilnehmer einer aufgelösten Demonstration zurückzudrängen (Quelle: Picture Alliance / DPA / Christian Charisius; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Bild 2 entstand während der G20-Proteste in Hamburg (2017)

Auch das zweite Bild wird in einem allgemeinen Bericht über Polizeigewalt verwendet, wie eine Fotosuche bei Bing ergibt. Es findet sich ebenfalls in der Bilddatenbank Picture Alliance. Entstanden ist es während der G20-Proteste am 6. Juli 2017 in Hamburg. Zu sehen ist, wie die Polizei nach Ausschreitungen Wasserwerfer und Schlagstöcke gegen Demonstranten einsetzte.

Polizeieinsatz bei G20 in Hamburg
Hamburg, 2017: Auseinandersetzungen zwischen der Polizei und G20-Demonstranten (Quelle: Picture Alliance / Zumapress / Jannis Grosse; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Bild 3 zeigt einen Polizeieinsatz gegen Fußballfans in Babelsberg (2016)

Das dritte Bild zeigt ebenfalls keine Demonstration von Impfgegnern: Die Bildrückwärtssuche via Bing führt zu einem Artikel der TAZ über Polizeigewalt gegen Fußballfans bei einem Pokalspiel. Wie die TAZ berichtete, entstand das Bild 2016 beim Landespokalfinale des SV Babelsberg gegen den FSV Luckenwalde, nachdem einige Fans nach Spielende über den Zaun auf das Spielfeld geklettert waren.

Auf dem Bild drücken mehrere Polizisten Personen auf einem Fußballplatz zu Boden. Dass es sich um einen Fußballplatz handelt, ist auch an den Werbebannern im Hintergrund zu erkennen. Ganz rechts im Bild ist eine blau-weiße Fahne zu sehen – die Farben des SV Babelsberg. Dasselbe Foto findet sich in der Bilddatenbank Imago

Polizisten stellen Fußballfans aus Babelsberg
Babelsberg, 2016: Babelsberg-Fans stürmen am Finaltag des Landespokalfinales Brandenburg das Spielfeld (Quelle: Imago / Camera 4; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Bild 4 zeigt Menschen bei einer Demonstration gegen die rechte Identitären-Bewegung (2019)

Auf dem letzten Foto ist ein Mann zu erkennen, der von einem Polizisten festgehalten wird. Eine Google-Bildrückwärtssuche führt wieder zu einem Medienbericht über Polizeigewalt – das Foto wird als Symbolbild verwendet. Es stammt laut Quellenangabe von der Deutschen Presse-Agentur und findet sich auch in der Bilddatenbank Alamy

Das Foto zeigt laut der Bildbeschreibung Menschen, die 2019 gegen die rechte Identitäre Bewegung in Sachsen-Anhalt auf die Straße gingen. Demnach ist darauf ein Demonstrant gegen die Bewegung zu sehen, der zuvor von der Bereitschaftspolizei zu Boden gezogen wurde.

Halle, 2019: Polizisten halten während einer Demonstration gegen die Identitäre Bewegung in Sachsen-Anhalt einen Demonstranten fest (Quelle: Alamy; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Fazit: Keines der vier Fotos hat etwas mit Ungeimpften oder Corona-Demonstrationen zu tun. Die Bilder zeigen unterschiedliche Auseinandersetzungen mit der Polizei, die teils Jahre her sind. 

Redigatur: Sophie Timmermann, Tania Röttger

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