Faktencheck

BR tauschte irreführendes Vorschaubild in Video-Beitrag über Corona-Demos aus

Im Netz heißt es, der Bayerische Rundfunk habe irreführend über Corona-Demos berichtet, weil das Vorschaubild eines Videos auf Youtube eine Gewaltszene in Stuttgart zeige, die mit solchen Protesten nichts zu tun hatte. Der Sender reagierte auf die Kritik und tauschte das Vorschaubild aus.

von Matthias Bau

BR Titelbild
Die Bebilderung eines Beitrags des Bayerischen Rundfunks sorgt im Netz für Kritik (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Peter Kneffel)
Behauptung
Der Bayerische Rundfunk habe in seiner Berichterstattung als Beweis für Gewalt auf Corona-Demos Bildmaterial von Ausschreitungen in Stuttgart verwendet, die keinen Bezug zu solchen Demonstrationen hatten.
Bewertung
Richtig. Der Bayerische Rundfunk verwendete ein irreführendes Vorschaubild für das Video auf Youtube. Es zeigt Ausschreitungen in Stuttgart. Das Bild wurde später vom Sender ausgetauscht.

Der Twitter-Kanal „ÖRR-Blug“ wirft dem Bayerischen Rundfunk (BR) vor, er habe in seiner Berichterstattung „als Beweis für Gewalt auf Corona-Demos Bildmaterial von den Ausschreitungen in Stuttgart“ verwendet. Die Kritik bezieht sich auf den Beitrag „Corona-Demos bringen Polizisten an ihre Grenzen“, der am 25. Februar 2022 in der „Frankenschau aktuell“ zu sehen war und am 28. Februar 2022 auf Youtube veröffentlicht wurde. Der Vorwurf wurde auch auf Telegram verbreitet, und ist richtig.

Das Vorschaubild des Youtube-Videos zeigte tatsächlich eine nicht mit Corona-Protesten in Zusammenhang stehende Gewaltszene in Stuttgart aus dem Juni 2020. Der Sender hat bereits auf die Kritik reagiert und das irreführende Bild ausgetauscht. Ein Video des Vorfalls ist noch in dem TV-Beitrag zu sehen, allerdings ist es darin als Archivmaterial gekennzeichnet und taucht an einer Stelle auf, an der allgemein über die Belastung der Polizei bei Großeinsätzen gesprochen wird. 

Auf Twitter wird der BR für die Bildauswahl bei der Berichterstattung über Corona-Proteste kritisiert
Auf Twitter wird der BR für die Bildauswahl bei der Berichterstattung über Corona-Proteste kritisiert (Quelle: Twitter; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Corona-Demos und die Belastung der Polizei: Was in dem Beitrag des BR zu sehen ist

In dem dreiminütigen Beitrag „Corona-Demos bringen Polizisten an ihre Grenzen“ berichtet der BR über die gestiegene Arbeitsbelastung der Bayerischen Bereitschaftspolizei. Den Rahmen des Beitrags bilden die Vorbereitungen der Polizei auf eine Querdenken-Demonstration in Bamberg sowie deren Ausgang.

Zu Beginn des Beitrags heißt es, Einsätze wie der in Bamberg seien für die Bereitschaftspolizei zum Alltag geworden (0:15). Der für den Einsatz zuständige Polizist berichtet, abgesehen von der Münchener Sicherheitskonferenz habe man seit Dezember „keine anderen Einsätze“ und meint die Querdenker-Demonstrationen (ab 0:19). Weiter heißt es, die Bayerische Bereitschaftspolizei habe im Jahr 2022 bereits 100.000 Überstunden geleistet (ab 0:30), „größtenteils bei Corona-Demos“. Der Polizist sagt, man betreue teilweise vier bis fünf Tage am Stück „Querdenker-Veranstaltungen“. Zu diesem Zeitpunkt liegt der Schwerpunkt des Beitrags also klar auf Protesten der Querdenker-Szene und was diese für die Arbeitsbelastung der Polizei bedeuten.

BR-Beitrag zeigt Archivmaterial von Corona-Demo in Berlin und Gewalt gegen Polizisten in Stuttgart 

Ab Minute 1:11 wechselt der Beitrag die Szene. Nun geht es um die zentrale Planung der Einsätze der gesamten Bayerischen Bereitschaftspolizei. Der Sprecher sagt, die Polizei habe 2022 bereits „gut 200“ Demonstrationen begleitet. Zu sehen ist dann ein Interview mit dem Präsidenten der Bayerischen Bereitschaftspolizei, Udo Skrzypczak. Er sagt, bei „den Versammlungen“ schlüge den Polizisten viel Hass entgegen, der sich eigentlich gegen den Staat richte. 

Dann werden zwei Szenen gezeigt: Eine Aufnahme einer Demonstration, bei der Polizisten und Demonstranten aneinandergeraten, und eine, die einen Angriff auf einen Polizisten zeigt. Die eine Szene zeigt laut Aussage des BR eine Demonstration gegen Corona-Maßnahmen und fand am 21. April 2021 in Berlin statt. Die zweite Aufnahme entstand jedoch in Stuttgart im Juni 2020 und zeigt Gewalt gegen Polizisten, die nach einer nächtlichen Drogenkontrolle eskalierte. 

Beide Aufnahmen sind in der oberen rechten Ecke als Archivmaterial gekennzeichnet. Der Sprecher des Beitrags sagt dazu: „Die Belastungen sind grenzwertig, muss der Präsident zugeben. Der bevorstehende G7-Gipfel im Sommer, aber auch wieder stattfindende Großveranstaltungen bringen die Einheiten ans Limit.“ Wo und wann sich die Szenen ereigneten und was sie zeigen, wird nicht gesagt.

Aufnahme einer Demonstration, die im Beitrag des BR als Archivmaterial gekennzeichnet wurde
Aufnahme einer Demonstration, die im Beitrag des BR als Archivmaterial gekennzeichnet wurde (Quelle: BR /Youtube; Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)
Aufnahme eines Angriffs auf einen Polizisten in Stuttgart, der sich im Juni 2020 ereignete. Im Beitrag des BR ist die Szene als Archivmaterial gekennzeichnet.
Aufnahme eines Angriffs auf einen Polizisten in Stuttgart, der sich im Juni 2020 ereignete. Im Beitrag des BR ist die Szene als Archivmaterial gekennzeichnet. (Quelle: BR / Youtube; Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Ab Minute 2:20 ist dann die Querdenken-Demonstration in Bamberg zu sehen. Zeitgleich sagt der Sprecher: „Die zeitliche und körperliche Belastung für die Beamtinnen und Beamten ist hoch, dazu kommt psychischer Druck, immer wieder werden die Einsatzkräfte beschimpft, bespuckt oder sogar körperlich angegriffen“. Abschließend heißt es (ab 2:44), zu der Demonstration in Bamberg seien weniger Menschen gekommen als erwartet. Ausschreitungen habe es keine gegeben, „wohl auch, weil die Polizei mit vielen Einsatzkräften für einen geordneten Verlauf gesorgt hat“.

BR verwendete zunächst irreführendes Vorschaubild, tauschte es aber aus

Auf Youtube war als Vorschaubild (Thumbnail) für den Beitrag offenbar die Gewaltszene aus Stuttgart zu sehen und dort nicht als Archivmaterial gekennzeichnet. Im Zusammenhang mit dem Titel „Corona-Demos bringen Polizisten an ihre Grenzen“ entsteht der falsche Eindruck, das Bild zeige eine solche Demonstration. 

Am 26. Mai schrieb der BR in einem Kommentar und in der Videobeschreibung: „Wir haben das Thumbnail (Bild aus der Stuttgarter Krawallnacht) ausgetauscht, da sich die dargestellte Szene nicht auf Corona-Demos sondern generell auf Gewalt gegen Polizisten bezog. Im Video der Frankenschau aktuell vom 25.02.2022 sind die Bilder aus Stuttgart als Archivmaterial gekennzeichnet.“

Auf Youtube ergänzte der BR den Hinweis, dass man das Vorschaubild ausgetauscht habe
Auf Youtube ergänzte der BR den Hinweis, dass man das Vorschaubild ausgetauscht habe (Quelle: BR / Facebook; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Damit reagierte der Sender offenbar auf Kritik von Zuschauerinnen und Zuschauern, wie uns Pressesprecherin Sonja Christlein per Mail schrieb: „In dem kleinen Thumbnail zum Youtube-Video war diese Differenzierung aufgrund der fehlenden Archivkennung des Standbildes nicht klar ersichtlich, weshalb die Redaktion das Thumbnail bereits ausgetauscht hat.“

BR: „Im Zusammenhang (…) wird klar, dass es hier nicht explizit um Corona-Demos geht“

In dem Beitrag würden, so Christlein weiter, „unter anderem der bevorstehende G7-Gipfel und wieder stattfindende Großveranstaltungen exemplarisch für das grundsätzlich hohe Belastungsniveau der Beamtinnen und Beamten“ genannt. Die gezeigten Filmausschnitte, „die dieses Belastungsniveau beispielhaft illustrieren sollen“, seien „klar mit dem Zusatz ‚Archiv‘ gekennzeichnet“. 

In Zusammenhang mit dem Off-Text, also dem, was der Sprecher im Video erzählt, sei „auch die Rede von grundsätzlich zunehmenden Aggressionen und Gewalt gegen Polizeibeamte die Rede“, daher werde klar, „dass es hier explizit nicht um Corona-Demos geht“. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • BR24, „Corona-Demos bringen Polizisten an ihre Grenzen“: Link

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