Faktencheck

Diese Zahlen zum Rentenniveau in Deutschland, Frankreich und Italien sind veraltet und es fehlt Kontext

Renten- und Wirtschaftssystemen in verschiedenen Ländern werden in Sozialen Netzwerken öfter miteinander verglichen, obwohl sie sehr unterschiedlich aufgebaut sind. Aktuell kursiert ein Vergleich mit Italien und Frankreich, bei dem Deutschland scheinbar schlecht abschneidet. Das Ganze ist jedoch irreführend, denn es werden völlig unterschiedliche Daten gegenübergestellt.

von Sarah Thust

Renten-Preis-Vergleich-Irrefuehrend-Deutschland-Frankreich-Italien
Nicht alle Zahlen auf dieser Grafik sind korrekt, die meisten sind veraltet und es fehlt Kontext. Ein höherer Rentenanteil „vom Netto“ bedeutet beispielsweise nicht, dass Pensionierte eine höhere Rente erhalten. (Quelle: Telegram; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Eine Grafik vergleicht das Verhältnis der „Rente zum letzten Netto“ in Prozent, das Eintrittsalter und die Wohneigentumsquote in drei Ländern: Deutschland, Frankreich und Italien. Es entsteht der Eindruck, die Deutschen würden am längsten arbeiten, erhielten im Vergleich zum vorherigen Gehalt die niedrigste Rente und hätten am wenigsten Wohneigentum.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Die Zahlen zur Rentenquote wurden unterschiedlich berechnet und sind daher nicht vergleichbar. Die Angabe zum Renteneintrittsalter in Italien ist falsch. Die Daten zur Wohneigentumsquote sind veraltet. Generell lassen sich Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder so nicht sinnvoll vergleichen.

In Sozialen Netzwerken werden die Renten in Deutschland, Frankreich und Italien miteinander verglichen: Demnach würden Deutsche mit einem späten Renteneintrittsalter (67 Jahre) und einer geringen „Wohneigentumsquote“ (51 Prozent) den prozentual niedrigsten Rentensatz im Vergleich der drei Länder erhalten (48,1 Prozent vom letzten Nettogehalt). Die Grafiken mit den Zahlen wurden seit Mai mehrfach auf Instagram, Facebook und Telegram geteilt. 

Die Zahlen sind jedoch veraltet: Ein Zeitungsausschnitt damit verbreitete sich bereits 2020 im Internet und wurde von uns in einem Faktencheck überprüft. Unsere Recherche zeigte, dass die Angaben schon damals nicht aktuell waren – teils stammen sie aus dem Jahr 2017. In den Grafiken werden zudem Werte aus ganz verschiedenen Statistiken gegenübergestellt, die nicht vergleichbar sind.

Tabellen zum Rentenvergleich
Die Tabelle taucht seit spätestens 2020 in unterschiedlichen Versionen in Sozialen Netzwerken auf (Quellen: Instagram / Telegram; Screenshots: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Zahlen zur „Rente vom letzten Netto“ in Italien und Frankreich stammen aus dem Jahr 2017

Die Angaben zu dem prozentualen Anteil der Rente zum „letzten Netto“ in Italien und Frankreich finden sich in einem Länderbericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) aus dem Jahr 2017 (PDF, Download). Die darin genannte Nettoersatzquote beschreibt das Verhältnis der Altersrente zu dem, was vor dem Renteneintritt verdient wurde – netto, also nach Steuern.

Für Durchschnittsverdiener in Italien wurde in dem OECD-Bericht von 2017 eine Nettoersatzquote von 93,2 Prozent angegeben, für Frankreich 74,5 Prozent. 

Deutschlands Nettoersatzquote lag demnach 2017 aber bei 50,5 Prozent, nicht 48,1 Prozent, wie auf den Grafiken angegeben wird. 

Tabelle 2017 Renten Übersicht International
So hoch lagen die Nettoersatzquoten nach Verdienstniveau in Deutschland, Italien und Frankreich im Jahr 2017 laut der OECD – es handelt sich dabei um eine theoretische Modellrechnung. Die rot markierte Zahl für Deutschland stimmt mit der Behauptung in Sozialen Netzwerken nicht überein. (Quelle: OECD-Rentenmodelle, Seite 121 / Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Diese Zahlen sind veraltet. Es gibt bereits einen Bericht der OECD für das Jahr 2021: Demnach lag die Nettoersatzquote in Italien bei 81,7 Prozent, in Frankreich bei 74,4 Prozent und in Deutschland bei 52,9 Prozent (Seite 145 im Bericht). In Deutschland ist sie also leicht gestiegen und in Italien relativ stark gesunken.

Tabelle 2021 Renten Übersicht International
Im Jahr 2021 sind die Nettoersatzquoten nach Verdienstniveau in Italien und Frankreich im Vergleich zu 2017 gesunken (rot), in Deutschland ist sie dagegen gestiegen (grün) (Quelle: OECD-Rentenmodelle, Seite 145 / Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Wie wir bereits 2019 für einen anderen Faktencheck recherchierten, ist die Nettoersatzquote eine theoretische Modellrechnung. Sie bezieht sich auf die angenommene Rente eines 20-Jährigen, der (im Falle des OECD-Berichts von 2017) 2016 in den Arbeitsmarkt eingetreten ist. 

Rentenniveau in Deutschland wird anders berechnet – es lag zuletzt bei 49,4 Prozent

Woher stammt also die Zahl 48,1 Prozent, die in den Grafiken auftaucht? Es handelt sich hierbei um das sogenannte Rentenniveau in Deutschland aus dem Jahr 2018. Die Prozentzahl fand sich in einem Bericht auf der Webseite der Deutschen Rentenversicherung. Sie ist ebenfalls veraltet: Bis 2021 stieg das Rentenniveau auf 49,4 Prozent (PDF, Seite 11).

Der direkte Vergleich mit den OECD-Zahlen ist zudem irreführend, denn das Rentenniveau wird ganz anders berechnet als die Nettoersatzquote. Das Rentenniveau bezieht sich darauf, wie sich die Renten in Deutschland im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen entwickeln. Ein Beispiel: Steigt die Durchschnittsrente schneller als der Durchschnittsverdienst, steigt das Rentenniveau.

Eine höhere Nettoersatzquote bedeutet nicht unbedingt eine höhere Rente

Dass die Deutschen weniger „Rente vom letzten Netto“ bekommen als Franzosen oder Italiener, bedeutet außerdem nicht unbedingt, dass deutsche Rentner ärmer sind oder einen niedrigeren Lebensstandard hätten: Die Angabe der „Renten-Nettos“ allein sagt nichts über die tatsächliche Versorgung im Alter aus. So lag die durchschnittliche Rente in Italien Anfang 2022 laut der italienischen Sozialversicherung INPS bei 1.285,44 Euro pro Monat (Seite 17). In Deutschland lag sie seit Juli 2021 bei 1.369 Euro (West) und 1.340 Euro (Ost) (jeweils unter „Standardrente netto vor Steuern“). Diese Angaben lassen sich als PDF unter diesem Link herunterladen. 

Bei einem solchen Vergleich müssten eigentlich auch die unterschiedlichen hohen Lebenskosten in den Ländern berücksichtigt werden. Die Zahlen sollen lediglich verdeutlichen: Der Unterschied ist nicht so groß, wie in den Sozialen Netzwerken suggeriert wird.

Regelaltersgrenze für den Renteneintritt liegt in Deutschland bei 67 Jahren – so wie in Italien

In den Beiträgen wird als durchschnittliches Renteneintrittsalter für Frankreich 62 Jahre angegeben, für Italien 60 Jahre und für Deutschland 67 Jahre. Die Zahl für Deutschland ist richtig: Für Personen, die 1964 oder später geboren wurden, liegt die Regelaltersgrenze für den Renteneintritt bei 67 Jahren.

In Frankreich ist Rente bereits ab 62 Jahren möglich, auch diese Zahl stimmt also, allerdings müssen bestimmte Bedingungen dafür erfüllt sein. In Italien beginnt die Frührente mit 62 Jahren – das normale Rentenalter liegt dort auch bei 67 Jahren (Stand: 15. Juni 2022). Die Angabe von 60 Jahren für Italien in den Grafiken ist also falsch.

Wohneigentumsquote in Deutschland im Vergleich am niedrigsten

Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, lag der Anteil der Bürger, die nicht zur Miete, sondern in Eigenheimen wohnten, im Jahr 2018 in Deutschland bei 51,5 Prozent, in Italien bei 72,4 Prozent und in Frankreich bei 65,1 Prozent. 

Die Zahlen in dem auf Facebook geteilten Beitrag waren damals also korrekt, sind aber inzwischen ebenfalls veraltet. Laut den Eurostat-Daten sanken im Jahr 2020 die Wohneigentumsquoten in Deutschland auf 50,5 Prozent und in Frankreich auf 64 Prozent. In Italien stieg sie dagegen auf 75,1 Prozent. 

Mögliche Gründe für die niedrige Wohneigentumsquote und den Reiz zum Mieten in Deutschland zählt die Bundesbank in einem Beitrag auf: „Höhere Grunderwerbsteuern machen Immobilien zu einem teureren und weniger liquiden Vermögenswert; die fehlende Abzugsmöglichkeit für Hypothekenzinsen für Eigennutzer ist zwar steuersystematisch schlüssig, verteuert aber die Finanzierungskosten, und das Mieten von Sozialwohnungen bietet, sofern verfügbar, eine kostengünstige Alternative zum Wohneigentum.“ 

Die wohnungspolitischen Maßnahmen in Deutschland würden sich damit „in besonderer Weise“ von denen in anderen Ländern unterscheiden. Dieser Kontext fehlt in den Beiträgen in Sozialen Netzwerken.

Fazit: Zahlen zum Rentenniveau wurden anhand unterschiedlicher Modelle berechnet und fast alle Zahlen sind veraltet

Die Zahlen zum Rentenniveau in den Grafiken stammen aus unterschiedlichen Quellen und wurden anhand unterschiedlicher Modelle berechnet. Sie sind veraltet und nicht miteinander vergleichbar. Die Angaben zum Renteneintrittsalter sind teilweise falsch, und die Daten zum Wohneigentum veraltet. 

Richtig ist aber, dass die Nettoersatzquote der Rente in Deutschland laut einer aktuellen Modellrechnung der OECD niedriger ist als in Frankreich und Italien, ebenso wie die Wohneigentumsquote.

Einzelne spezifische Werte des Renten- und Wirtschaftssystems unterschiedlicher Länder miteinander zu vergleichen, ist schwierig, weil viele wirtschaftliche und politische Faktoren einander beeinflussen und bedingen. So hat Italien laut OECD etwa eine deutlich höhere Nettoersatzquote, was aber in absoluten Zahlen keine deutlich höheren Rentenzahlungen bedeutet. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“: Link (PDF zum Download)
  • OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2021“: Link (PDF zum Download)
  • Rentenversicherungsbericht 2018 vom Bundesarbeitsministerium: Link (PDF)
  • Rentenversicherungsbericht 2021 vom Bundesarbeitsministerium: Link (PDF)
  • Durchschnittliche Rente in Euro in Italien laut der italienischen Sozialversicherung INPS, Stand März 2022: Link
  • Angaben über die durchschnittlichen Rentenzahlungen in Deutschland, Deutsche Rentenversicherung: Link (PDF zum Download)
  • Verteilung der Bevölkerung nach Wohnbesitzverhältnissen, Haushaltstyp und Einkommensgruppe, Eurostat: Link

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