Faktencheck

Brüssel: Dieses Video zeigt keine 80.000 Demonstrierenden gegen die Nato, sondern gegen das belgische Lohngesetz

Haben 80.000 in Menschen in Brüssel gegen die Nato und Waffenlieferungen in die Ukraine demonstriert? Nein. Ein Video, das diese Behauptung belegen soll, zeigt eine Demonstration für höhere Löhne.

von Steffen Kutzner

Demonstration Brüssel
Bei dieser Demonstration am 20. Juni in Brüssel ging es nicht um die Nato oder den Krieg in der Ukraine, sondern um das belgische Lohngesetz (Bild: Picture Alliance / Associated Press / Geert Vanden Wijngaert)
Behauptung
Ein Video zeige, wie in Brüssel 80.000 Menschen unter dem Motto „Stoppt die Nato“ demonstrierten und die Regierung dazu aufgefordert hätten, das Geld nicht für Waffenlieferungen an die Ukraine, sondern für die Zahlung von Gehältern auszugeben.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Das Video zeigt eine Demonstration in Brüssel, in der es jedoch weder um die Nato, noch um Waffenlieferungen an die Ukraine ging, sondern um gestiegene Lebenshaltungskosten und das Lohngesetz.

Seit dem 21. Juni verbreitet sich ein Video auf Sozialen Netzwerken, in dem eine Demonstration in Brüssel zu sehen ist. Dazu wird behauptet, die Menschen würden gegen das Sicherheitsbündnis Nato und gegen Waffenlieferungen an die Ukraine demonstrieren. Neben dem pro-russischen Propaganda-Kanal Neues aus Russland (hier) verbreitete auch ein chinesisches Staatsmedium einen mittlerweile gelöschten Beitrag auf Twitter zu der angeblichen Nato-Demonstration. Die Demonstration hatte jedoch mit der Nato nichts zu tun. 

Unter anderem der Telegram-Kanal Neues aus Russland und ein chinesisches Staatsmedium behaupteten, die Demonstranten hätten sich gegen die Nato gerichtet (Quelle: Telegram, Twitter; Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Belgisches Außenministerium: Brüssel-Demonstration war nicht gegen die Nato gerichtet

Worum ging es bei der Demonstration am 20. Juni? Eine Google-Suche führt zu mehreren Berichten darüber. So heißt es in diesem Artikel der Deutschen Presse-Agentur, der auf der Seite des Handelsblatts veröffentlicht wurde: „Etwa 70.000 Beschäftigte verschiedener Branchen haben am Montag in der belgischen Hauptstadt Brüssel für höhere Löhne demonstriert.“ Demnach forderten die Organisatoren eine Änderung des belgischen Lohngesetzes.

Bei der Nachrichtenagentur Reuters ist ebenfalls nicht von der Nato oder einem Kaufkraftverlust die Rede: „Die Demonstranten trugen Fahnen und Transparente mit der Aufschrift ‚Mehr Respekt, höhere Löhne‘ und ‚Schluss mit der Verbrauchssteuer‘, während einige Fackeln anzündeten. Einige forderten die Regierung auf, mehr zu tun, andere sagten, die Arbeitgeber müssten die Löhne und Arbeitsbedingungen verbessern.“ 

Auch das belgische Außenministerium bezeichnete die Behauptung auf Twitter als falsch. Es habe sich nicht um eine Demonstration gegen die Nato gehandelt oder gegen die Unterstützung für die Ukraine, sondern für mehr Kaufkraft. 

Das belgische Außenministerium bezeichnete die Behauptung, die Demonstration vom 20. Juni richte sich gegen die Nato, als falsch (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Gewerkschaften fordern Änderung des Lohngesetzes 

Mehrere Gewerkschaften riefen im Vorfeld zu der Demonstration auf. In einem Aufruf des Gewerkschaftsverbands FGTB heißt es, dass der Krieg in der Ukraine zu höheren Preisen geführt habe und das aktuelle Lohngesetz Gehaltserhöhungen blockiere. Von der Finanzierung von Waffenlieferungen oder der Nato ist dagegen keine Rede. 

Wie die Nachrichtenagentur AP mitteilte, sah ein Fotograf auf dem Protest zwar ein Plakat gegen die Nato, die breite Mehrheit der Demonstrierende gingen jedoch laut anwesenden Journalistinnen und Journalisten für höhere Löhne auf die Straße. 

Entgegen der Behauptung einiger Beiträge auf Sozialen Netzwerken gab es auch in Deutschland Berichterstattung zu der Demonstration, etwa beim Handelsblatt, oder Börse Online. Auch dort ist keine Rede von Forderungen der Demonstranten an die Nato.

Redigatur: Sophie Timmermann, Viktor Marinov

Direkt ins Postfach: Einmal wöchentlich senden wir Ihnen eine Zusammenfassung der interessantesten Faktenchecks.

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV. Wir setzen uns ein gegen Desinformation im Netz und klären Menschen auf, wie sie sich selbst vor Falschmeldungen schützen können.

Um Falschmeldungen weitgehend einzudämmen, arbeiten wir mit anerkannten Partnern zusammen. CORRECTIV.Faktencheck ist Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern, dem IFCN des US-amerikanischen Poynter Instituts. Der Allianz gehören über 90 Organisationen an, darunter die Washington Post, Reuters, Le Monde und die Deutsche Presseagentur (dpa).

Wir überprüfen Gerüchte und potenzielle Falschinformationen, die sich im Internet, auf Blogs, in Videos oder in anderer Form in Sozialen Netzwerken verbreiten. Wir suchen selbst aktiv nach solchen Beiträgen, berücksichtigen aber auch Zuschriften von Lesenden. Geeignet für einen Faktencheck sind nur Tatsachenbehauptungen, keine Meinungen oder Zukunftsprognosen. Wir überprüfen vor allem Beiträge, die sich bereits viral verbreiten, also schon potenziell viele Menschen erreicht haben und großen Schaden anrichten können.

Für unsere Faktenchecks machen wir uns auf die Suche nach Belegen für oder gegen eine Behauptung. Wir verwenden dabei soweit möglich nur Primärquellen: Dokumente, Statistiken, Studien, Angaben von Augenzeugen, Betroffenen und Behörden sowie Einordnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Den Rechercheweg dokumentieren wir in unseren Artikeln und legen unsere Quellen offen. Am Ende stufen wir die Behauptung, die wir überprüft haben, auf einer Skala von „Richtig“ über „Teilweise falsch“ bis „Frei erfunden“ ein. (Mehr zu der Bewertungsskala hier.)

Weitere Informationen finden Sie in der Rubrik Wie wir arbeiten.

Facebook geht seit 2016 Kooperationen mit unabhängigen Faktencheck-Organisationen ein. Neben uns sind in Deutschland auch die Agenturen DPA und AFP Teil dieses Programms. Das bedeutet: Unsere Faktenchecks werden auf Facebook direkt mit den Beiträgen verknüpft, die die falsche Information enthalten. Menschen, die diese Beiträge teilen möchten, bekommen einen Warnhinweis, der sie auf unseren Faktencheck verweist. Die Facebook-Beiträge werden nicht aufgrund unserer Faktenchecks gelöscht, sondern bleiben weiterhin sichtbar. Dafür, dass Facebook unsere Recherchen auf diese Art verwenden darf, werden wir von dem Unternehmen vergütet. (Mehr über die Kooperation lesen Sie hier).

CORRECTIV.Faktencheck arbeitet nach den Prinzipien des International Fact-Checking-Network (IFCN). Das ist ein Verband, der Faktencheck-Organisationen weltweit zertifiziert. Die Standards beinhalten:

  • Verpflichtung zur Überparteilichkeit und Fairness
  • Verpflichtung zur Offenlegung unserer Quellen
  • Verpflichtung zur Offenlegung unserer Unterstützer und unserer Organisation
  • Verpflichtung zur Transparenz der Arbeitsweise
  • Verpflichtung zur offenen und ehrlichen Korrektur

Unsere Standards im Detail

CORRECTIV.Faktencheck ist darüber hinaus an das Redaktionsstatut von CORRECTIV gebunden.

Gegen eine Flut irreführender Behauptungen und gezielter Desinformation hilft nur Aufklärung. Faktenchecks und Hintergrundberichte helfen den Dialog zu ermöglichen. Das ist nicht immer leicht – Hassnachrichten, Beleidigungen und Drohungen gehören zum Alltag unseres Faktencheck-Teams. Aber die Arbeit wirkt: Falschmeldungen werden deutlich weniger geteilt. Leisten Sie einen Beitrag und unterstützen Sie CORRECTIV mit einer Spende.

Helfen Sie mit, Falschmeldungen einzudämmen.  Das geht online über unseren CrowdNewsroom oder über unseren Whatsapp-Chatbot. Bitte schicken Sie uns dabei wenn möglich einen Link zu dem Originalinhalt, zum Beispiel einem Video auf Youtube, einem Artikel auf einer Webseite oder einem Facebook-Beitrag. Wir gehen eingereichten Zuschriften und Hinweisen nach.