Faktencheck

Dieses Zitat über Toleranz stammt nicht von Dostojewski

Im Netz kursiert ein Satz, der ohne Belege dem russischen Schriftsteller Fjodor Dostojewski zugeschrieben wird. Der Autor soll demnach geschrieben oder gesagt haben, dass künftig durch Toleranz intelligenten Menschen das Denken verboten werde, um Idioten nicht zu beleidigen.

von Marc Steinau

Dostojewski
Porträt des russischen Schriftstellers Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 - 1881) – ihm wird auf Sozialen Netzwerken unbelegt ein Zitat über Toleranz zugeschrieben (Quelle: Picture Alliance / CPA Media Co. Ltd.)
Behauptung
Dostojewski habe geschrieben oder gesagt: ,,Die Toleranz wird ein solches Niveau erreichen, dass intelligenten Menschen das Denken verboten wird, um Idioten nicht zu beleidigen.
Bewertung
Falsch. Es gibt keinen Beleg, dass Dostojewski diesen Satz geschrieben oder gesagt hat. Ein Zitatforscher und ein Dostojewski-Experte erklären beide, dass das Zitat nicht von ihm stamme.

„Die Toleranz wird ein solches Niveau erreichen, dass intelligenten Menschen das Denken verboten wird, um Idioten nicht zu beleidigen.“ Dieses Zitat, das auf Webseiten und in Sozialen Netzwerken verbreitet wird, soll angeblich vom russischen Schriftsteller Fjodor Michailowitsch Dostojewski stammen. Es wird genutzt, um Stimmung gegen abweichende Meinungen zu machen. Ein Instagram-Nutzer kommentiert etwa: „Wir sind schon so weit… Die Plandemie hat es zum Vorschein gebracht.“ Der Satz wurde unter anderem in einem Instagram-Beitrag der für Desinformation bekannten Website Deutschland-Kurier verbreitet. Abgebildet ist neben dem vermeintlichen Zitat ein Porträt Dostojewskis.

In einem Instagram-Beitrag des Deutschland-Kurier wird der Satz als Dostojewski-Zitat dargestellt (Quelle: Instagram; Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV.Faktencheck)

„Dieses Zitat lässt sich im Werk Dostojewskis nicht nachweisen“, teilte uns Christoph Garstka, Vorsitzender der Deutschen Dostojewski-Gesellschaft, per E-Mail mit. „Der Begriff Toleranz, russisch ‘tolerantnost’, ist überhaupt erst in der russischen Sprache ab den 1890er Jahren nachzuweisen und da war Dostojewski schon zehn Jahre lang tot“, erklärt Garstka.

Der österreichische Zitatforscher Gerald Krieghofer hält den Satz für ein sogenanntes Kuckuckszitat, also ein Zitat, das einer Person fälschlicherweise zugeschrieben wird. Krieghofer schreibt auf seiner Seite: „So wie alle populären Zitate, die über 100 Jahre nach dem Tod eines Autors plötzlich ohne Quellenangabe in den Sozialen Medien auftauchen, ist auch dieses Kuckuckszitat in den Schriften seines angeblichen Autors nicht zu finden.“

Das vermeintliche Zitat wurde bereits im vergangenen Jahr in verschiedenen Sprachen (Englisch, Spanisch, Französisch) und Kontexten Dostojewski zugeschrieben und verbreitet. Es gibt aber keinen Hinweis, dass der Satz ein Zitat Dostojewskis ist. Wir haben die Zitatsammlung der Webseite „Wikiquote“ durchsucht. Weder in den deutschen, noch in den englischen oder russischsprachigen Einträgen zu Dostojewski fanden wir das verbreitete Zitat. Und auch keine Zitate, die einen ähnlichen Wortlaut oder Kontext beinhalten.

Vermeintliches Dostojewski-Zitat kursierte bereits 2021 und 2019

Eine Recherche der englischsprachigen Faktencheck-Webseite Lead Stories ergab, dass das Zitat bereits im Oktober 2019 auf Facebook in russischer Sprache mit Bildern eines Charakters aus dem Film „Hundeherz“ geteilt wurde. Der Film basiert auf einer Novelle des russischen Schriftstellers Michail Bulgakow. Nach den Recherchen von Lead Stories kommt das genannte Zitat in dem Film nicht vor. Experte Garstka von der Dostojewski-Gesellschaft bestätigte uns, dass der Satz weder in der Erzählung noch der Verfilmung von „Hundeherz“ zu finden sei.

Eine Facebook-Seite teilte das vermeintliche Dostojewski-Zitat im Juli 2021. Im Dezember 2021 wurde es erneut veröffentlicht, diesmal ist der Beitrag jedoch im Titel mit „Unbekannt“ versehen. (Quelle: Facebook; Screenshots und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

In deutschsprachigen Beiträgen in Sozialen Netzwerken wird das vermeintliche Zitat mindestens seit Juli 2021 geteilt. Auf einer Facebook-Seite wurde der Satz am 11. Juli 2021 unter dem Verweis auf Dostojewski veröffentlicht, der Post wurde knapp 1.000 Mal geteilt. Am 19. Dezember 2021 wurde der Satz auf der Seite noch einmal hochgeladen. Diesmal wurde die Quelle als „Unbekannt“ angegeben, in dem zum Beitrag gehörenden Bild steht aber nach wie vor Dostojewski.

Redigatur: Viktor Marinov, Steffen Kutzner

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