Faktencheck

Collage mit frauenverachtenden Zitaten aktiver und ehemaliger AfD-Politiker im Umlauf

In einem Facebook-Beitrag werden vier frauenfeindliche Zitate aufgelistet, die AfD-Politikern zugeschrieben werden. Die meisten von ihnen sind richtig – anderen fehlt jedoch Kontext.

von Sarah Thust

Symbolbild
Im Netz kursieren mehrere Zitate von AfD-Politikern, in denen es um Frauen geht – einige der Urheber sind mittlerweile nicht mehr bei der AfD (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Harald Titel)
Behauptung
Dubravko Mandic habe gesagt: „Eine Vergewaltigung findet nicht unabhängig von sexuellen Reizen statt, und die seien hier gesetzt worden. Der Mensch ist nicht immer Herr seiner Triebe.“ Gerhard-Michael Welter habe geschrieben: „Mir soll es ja Recht sein. Ich werde in meinen Rechten nicht eingeschränkt. Frauen brauchen einen Vormund. Bei Ihnen und ein paar anderen ‘Menschen mit Menstruationshintergrund’ kann ich es sogar nachvollziehen.“ Andreas Wild habe getwittert: „Jede Frau kann machen was sie will. Im Schnitt muss sie allerdings zwei Kinder bekommen. Das geht ohne Full-Time-Job leichter.“ Achim Nieder habe geschrieben: „Weltfrauentag! Gute Idee! Man könnte zur Feier des Tages ja mal wieder in den Puff gehen.“
Bewertung
Größtenteils richtig
Über diese Bewertung
Größtenteils richtig. Kommunalpolitiker Mandic äußerte sich 2013 so bei einer Gerichtsverhandlung, seit 2021 ist er kein AfD-Mitglied mehr. Auch das Zitat von Andreas Wild ist korrekt, der damalige AfD-Abgeordnete in Berlin äußerte sich so 2017 auf Twitter – seit 2021 läuft ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn. Welters Aussage war laut eigenen Angaben ironisch gemeint und stammt demnach von 2015 oder 2016, als der Kommunalpolitiker noch CSU-Mitglied war. Ob der Facebook-Beitrag von 2019 mit der angeblichen Aussage des AfD-Kommunalpolitikers Nieders tatsächlich von ihm stammt, lässt sich nicht abschließend verifizieren. Nieder ist inzwischen verstorben.

„Die ‘echte’ [sic] Männer bei der AfD“: Unter dieser Überschrift kursiert in Sozialen Netzwerken eine Bildcollage mit vier frauenfeindlichen Zitaten (zum Beispiel hier oder hier). Die Zitate verbreiten sich in unterschiedlichen Kombinationen mindestens seit 2021. Ein Twitter-Nutzer schreibt dazu: ​​„Wer die AfD wählt, wählt auch diese Vollpfosten“. 

Andreas Wild und Gerhard Welter bestätigten uns, sich so geäußert zu haben. Das Zitat von Dubravko Mandic soll er so im Zuge seiner Arbeit als Rechtsanwalt während eines Gerichtsprozesses geäußert haben. Das Zitat von Achim Nieder war vermutlich satirisch gemeint. 

AFD Politiker Zitate
Diese Collage mit vier Zitaten von AfD-Politikern verbreitet sich seit mindestens 2021 im Internet (Quelle: Twitter / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Ja, Dubravko Mandic sagte, eine Vergewaltigung finde „nicht unabhängig von sexuellen Reizen statt“

Das erste Zitat wird Rechtsanwalt Dubravko Mandic zugeschrieben, der laut dem geteilten Bild einen Angeklagten verteidigte, welcher der Vergewaltigung einer 15-Jährigen beschuldigt wurde. In seinem Plädoyer habe Mandic gesagt: „Eine Vergewaltigung findet nicht unabhängig von sexuellen Reizen statt, und die seien hier gesetzt worden. Der Mensch ist nicht immer Herr seiner Triebe.“ 

Eine Suche nach dem Zitat führt zu einem Beitrag auf der Internetplattform Reddit, der sich auf einen Bericht der Freiburger Badischen Zeitung über den damaligen Gerichtsprozess im September 2013 beruft. Darin heißt es, die obige Aussage stamme aus dem Plädoyer von Mandic und habe „für Unverständnis beim Gericht“ gesorgt. „Wir teilen die Ausführungen des Verteidigers nicht und können sie grundsätzlich nicht nachvollziehen“, sagte demnach der Richter am Ende des Prozesses. 

Mandic ist Rechtsanwalt und Kommunalpolitiker. Seit 2013 war er laut seinem Profil auf Linkedin für die AfD in Baden-Württemberg tätig. Zwischen 2019 und April 2022 saß der 42-Jährige zeitweise für die AfD im Freiburger Gemeinderat – dann legte er sein Mandat nieder, wie SWR Aktuell berichtete. Laut Medienberichten gab es mehrere Parteiausschlussverfahren gegen ihn, unter anderem, weil er seine eigene Partei öffentlich angegriffen hatte. Im April 2021 trat er aus der AfD aus. 

„Frauen brauchen einen Vormund“ – Gerhard Welter bestätigt Aussage auf Facebook und war damals noch CSU-Politiker

Gerhard-Michael Welter ist heute aktiver AfD-Kommunalpolitiker und als Kreisrat in Freising und im Stadtrat in Moosburg tätig. In dem aktuell geteilten Bild und anderen Beiträgen, die sich nur auf ihn beziehen, heißt es, er habe auf Facebook geschrieben: „Mir soll es ja Recht sein. Ich werde in meinen Rechten nicht eingeschränkt. Frauen brauchen einen Vormund. Bei Ihnen und ein paar anderen ‘Menschen mit Menstruationshintergrund’ kann ich es sogar nachvollziehen.“ 

Als Beleg ist der Screenshot eines Facebook-Beitrags zu sehen, das Datum lässt sich daraus nicht ablesen. Es ist unklar, wie alt der Beitrag ist und ob er inzwischen gelöscht wurde. Es handelt sich offenbar um einen Kommentar, wie der Screenshot und Satzbau vermuten lassen. Der Name des Accounts, auf den Welter geantwortet haben soll, ist geschwärzt – worauf er sich bezog, ist unklar. 

Zitat von Gerhard-Michael Welter
Gerhard-Michael Welter bestätigte uns, dass er diese Aussage auf Facebook postete (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Wir haben bei Welter per E-Mail nachgefragt: „Das besagte Zitat stammt tatsächlich von mir, ist aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen“, antwortete er. Er habe damals – genau wisse er es nicht mehr, aber er vermute 2015 oder 2016 – mit einer Frau über den Islam und Frauenrechte diskutiert. Da die Diskussion zwecklos gewesen sei, habe er sie mit seiner „ironischen Antwort“ abgeschlossen, die später auf Facebook verbreitet wurde, so Welter. Sein Profil sei inzwischen von Facebook gelöscht worden.

2015 und 2016 war Welter noch CSU-Mitglied und für die Partei im Moosburger Stadtrat tätig. 2019 trat er dann für die AfD als Bürgermeisterkandidat in Moosburg an.

Ja, Andreas Wild twitterte 2017: „Jede Frau kann machen was sie will. Im Schnitt muss sie allerdings 2 Kinder bekommen. Das geht ohne Full-Time-Job leichter.“

Andreas Wild schrieb am 21. Februar 2017 auf Twitter, jede Frau könne machen was sie will, müsse aber im Schnitt zwei Kinder bekommen. Er antwortete damit auf die Frage eines Twitter-Nutzers: „Wie sieht denn ihr Frauenbild aus, liebe @AfD_Bund?“ Dass der Tweet von ihm stammt, bestätigte er uns auf Anfrage per E-Mail am 31. Mai.

Zitat von Andreas Wild
Andreas Wild kommentierte am 21. Februar 2017 einen Twitter-Beitrag mit dem besagten Zitat (Quelle: Twitter / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Wild war als Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses von 2016 bis 2021 in der AfD-Fraktion. Heute wird er auf der Internetplattform Abgeordnetenwatch als fraktionslos gelistet (Stand: 27. Mai 2022). Laut Medienberichten meldete die Berliner AfD Anfang 2021 seinen Ausschluss von der Partei, Wild legte Widerspruch ein, das Verfahren läuft noch.

Facebook-Account mit dem Namen Achim Nieder schrieb 2019, man könne ja zum Weltfrauentag „mal wieder in den Puff gehen“

Hat Achim Nieder auf Facebook geschrieben, dass es eine gute Idee sei, am Weltfrauentag „mal wieder in den Puff“ zu gehen? Es stimmt, dass ein Profil mit seinem Namen und Foto auf Facebook am 8. März 2019 diese Aussage veröffentlichte. Der Beitrag wurde inzwischen aber gelöscht, wie die Faktenchecker von Mimikama berichten. Er ist aber noch in einer archivierten Version auffindbar.

Zitat von Achim Nieder
Diesen Beitrag veröffentlichte Achim Nieder am 8. März 2019 auf Facebook (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Achim Nieder war bis 2021 für die AfD im Kreistag Wolfenbüttel. Am 24. Dezember 2021 ist er laut Nachruf verstorben. Das Facebook-Profil von Nieder ist nicht verifiziert. Ob der Account wirklich seiner war, die Aussage von ihm stammt und ob der Kommentar satirisch gemeint war oder nicht, kann nicht abschließend beurteilt werden. In der Beschreibung steht der Hinweis: „Vorsicht, diese Seite kann Spuren von Satire und schwarzem Humor enthalten!“

Redigatur: Sophie Timmermann, Uschi Jonas

Update, 3. Juni 2022: Wir haben im Text korrigiert, dass Andreas Wild von 2016 bis 2021 kein Bundestagsabgeordneter war, sondern Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses.

Direkt ins Postfach: Einmal wöchentlich senden wir Ihnen eine Zusammenfassung der interessantesten Faktenchecks.

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV. Wir setzen uns ein gegen Desinformation im Netz und klären Menschen auf, wie sie sich selbst vor Falschmeldungen schützen können.

Um Falschmeldungen weitgehend einzudämmen, arbeiten wir mit anerkannten Partnern zusammen. CORRECTIV.Faktencheck ist Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern, dem IFCN des US-amerikanischen Poynter Instituts. Der Allianz gehören über 90 Organisationen an, darunter die Washington Post, Reuters, Le Monde und die Deutsche Presseagentur (dpa).

Wir überprüfen Gerüchte und potenzielle Falschinformationen, die sich im Internet, auf Blogs, in Videos oder in anderer Form in Sozialen Netzwerken verbreiten. Wir suchen selbst aktiv nach solchen Beiträgen, berücksichtigen aber auch Zuschriften von Lesenden. Geeignet für einen Faktencheck sind nur Tatsachenbehauptungen, keine Meinungen oder Zukunftsprognosen. Wir überprüfen vor allem Beiträge, die sich bereits viral verbreiten, also schon potenziell viele Menschen erreicht haben und großen Schaden anrichten können.

Für unsere Faktenchecks machen wir uns auf die Suche nach Belegen für oder gegen eine Behauptung. Wir verwenden dabei soweit möglich nur Primärquellen: Dokumente, Statistiken, Studien, Angaben von Augenzeugen, Betroffenen und Behörden sowie Einordnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Den Rechercheweg dokumentieren wir in unseren Artikeln und legen unsere Quellen offen. Am Ende stufen wir die Behauptung, die wir überprüft haben, auf einer Skala von „Richtig“ über „Teilweise falsch“ bis „Frei erfunden“ ein. (Mehr zu der Bewertungsskala hier.)

Weitere Informationen finden Sie in der Rubrik Wie wir arbeiten.

Facebook geht seit 2016 Kooperationen mit unabhängigen Faktencheck-Organisationen ein. Neben uns sind in Deutschland auch die Agenturen DPA und AFP Teil dieses Programms. Das bedeutet: Unsere Faktenchecks werden auf Facebook direkt mit den Beiträgen verknüpft, die die falsche Information enthalten. Menschen, die diese Beiträge teilen möchten, bekommen einen Warnhinweis, der sie auf unseren Faktencheck verweist. Die Facebook-Beiträge werden nicht aufgrund unserer Faktenchecks gelöscht, sondern bleiben weiterhin sichtbar. Dafür, dass Facebook unsere Recherchen auf diese Art verwenden darf, werden wir von dem Unternehmen vergütet. (Mehr über die Kooperation lesen Sie hier).

CORRECTIV.Faktencheck arbeitet nach den Prinzipien des International Fact-Checking-Network (IFCN). Das ist ein Verband, der Faktencheck-Organisationen weltweit zertifiziert. Die Standards beinhalten:

  • Verpflichtung zur Überparteilichkeit und Fairness
  • Verpflichtung zur Offenlegung unserer Quellen
  • Verpflichtung zur Offenlegung unserer Unterstützer und unserer Organisation
  • Verpflichtung zur Transparenz der Arbeitsweise
  • Verpflichtung zur offenen und ehrlichen Korrektur

Unsere Standards im Detail

CORRECTIV.Faktencheck ist darüber hinaus an das Redaktionsstatut von CORRECTIV gebunden.

Gegen eine Flut irreführender Behauptungen und gezielter Desinformation hilft nur Aufklärung. Faktenchecks und Hintergrundberichte helfen den Dialog zu ermöglichen. Das ist nicht immer leicht – Hassnachrichten, Beleidigungen und Drohungen gehören zum Alltag unseres Faktencheck-Teams. Aber die Arbeit wirkt: Falschmeldungen werden deutlich weniger geteilt. Leisten Sie einen Beitrag und unterstützen Sie CORRECTIV mit einer Spende.

Helfen Sie mit, Falschmeldungen einzudämmen.  Das geht online über unseren CrowdNewsroom oder über unseren Whatsapp-Chatbot. Bitte schicken Sie uns dabei wenn möglich einen Link zu dem Originalinhalt, zum Beispiel einem Video auf Youtube, einem Artikel auf einer Webseite oder einem Facebook-Beitrag. Wir gehen eingereichten Zuschriften und Hinweisen nach.