Faktencheck

Vier Jahre altes Zitat von Dieter Nuhr über CO2-Bilanz von Elektroautos beruht auf überholten Daten

Mehrere Facebook-Beiträge zitieren den Comedian Dieter Nuhr, der behauptete, Dieselautos würden in acht Jahren weniger CO2-Emissionen verursachen als die Herstellung der Batterien eines Elektroautos. Das Zitat ist von 2018, und die Aussage ist veraltet: Aktuelle Studien zeigen, dass Elektroautos eine bessere CO2-Bilanz haben als Verbrenner.

von Matthias Bau , Caroline Lindekamp

Faktencheck Dieter Nuhr
Hinweisschild auf eine Ladesäule für Elektroautos im Münchner Stadtteil Ludwigsvorstadt (Symbolbild: Picture Alliance / Sven Simon / Frank Hoermann)
Behauptung
Dieter Nuhr habe gesagt: „Wir wickeln gerade die Dieseltechnik ab, die nachweislich weniger CO2 erzeugt, weil wir Elektroautos kaufen sollen, die man nirgendwo laden kann. Bei dem die Batterien schon bei der Produktion so viel CO2 erzeugen, dass man mit dem Diesel acht Jahre hätte fahren können.“
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Das Zitat ist echt, jedoch von 2018 und inhaltlich veraltet. Nuhr bezog sich vermutlich auf eine Studie aus dem Jahr 2017, die mittlerweile überarbeitet wurde. Aktuelle Studien kommen auf eine deutlich bessere CO2-Bilanz von E-Autos. Zudem gibt es inzwischen mehr Möglichkeiten zum Aufladen von E-Autos in Deutschland.

Auf Facebook kursiert ein Bild mit einem angeblichen Zitat von Comedian Dieter Nuhr über Elektroautos und Dieselfahrzeuge. Nuhr behauptet, dass die Produktion der Batterien für E-Autos so viel CO2 erzeuge, dass man dafür mit einem Diesel acht Jahre fahren könnte. Er kritisiert in diesem Zusammenhang, dass die Diesel-Technologie abgeschafft werde, während man E-Autos „nirgendwo laden“ könne.  

Das Bild mit dem Zitat verbreitete unter anderem die Facebook-Seite „Kein KFZ Dieselverbot in Deutschland“; der Beitrag wurde seit dem 23. Mai 2022 rund 64.000 Mal geteilt (Stand: 8. August). Wir fanden auf der Facebook-Seite außerdem seit Januar 2019 vier weitere Posts mit einem Bild des Comedians und derselben Aussage, alle wurden ebenfalls mehrere Tausend Mal geteilt. 

Einige Leserinnen und Leser haben das Zitat aktuell per E-Mail bei uns eingereicht. Unser Faktencheck ergab: Das Zitat von Dieter Nuhr ist echt und stammt mutmaßlich aus dem Jahr 2018. Seine Behauptung darin ist jedoch veraltet und nach heutigem Wissensstand falsch. 

Das auf Facebook verbreitete Zitat stammt tatsächlich von Dieter Nuhr, es beruht jedoch mutmaßlich auf einer veralteten Studie
Das auf Facebook verbreitete Zitat stammt tatsächlich von Dieter Nuhr, es beruht jedoch mutmaßlich auf einer veralteten Studie (Quelle: Facebook)

Künstleragentur bestätigt Echtheit des Zitats von Dieter Nuhr 

Die Agentur Künstlermanufaktour von Dieter Nuhr teilte uns auf Anfrage mit, dass der Comedian die Aussage bei seinem Live-Bühnenprogramm Kein Scherz tätigte. In welchem Jahr er die Aussage traf, schrieb die Agentur nicht. Auf CD erschien das Bühnenprogramm im Dezember 2019. Ein Bericht des Cicero griff das Zitat im Dezember 2018 auf.

Wir haben uns zudem angeschaut, was an Nuhrs Behauptung dran ist. Wie viele Emissionen Fahrzeuge verursachen, lässt sich nicht pauschal sagen – weder bei Elektro- noch bei Dieselautos. Das hängt von Modell, Motor und den eingesetzten Materialien ab, wie wir bereits in einem Faktencheck im Februar 2022 erklärt haben. Einige Forschende versuchen jedoch, die anfallenden Emissionen bei Herstellung und Nutzung mit wissenschaftlichen Methoden zu berechnen.

Nuhrs Behauptung, bei der Produktion von E-Auto-Batterien werde so viel CO2 erzeugt, dass man mit einem Diesel acht Jahre hätte fahren können, beruht vermutlich auf einer schwedischen Studie aus dem Jahr 2017, die hohe CO2-Werte bei der Produktion von E-Auto-Batterien berechnete. Eine ganz ähnliche Behauptung haben wir bereits im Februar 2022 in einem Faktencheck überprüft, mit dem Ergebnis: Die Aussage ist nach aktuellem Wissensstand nicht korrekt. Die Studie wurde 2019 überarbeitet. Aktuellere Daten zeigen, dass die Produktion einer E-Auto-Batterie weitaus weniger Emissionen erzeugt, als noch vor einigen Jahren angenommen.

Nuhrs Aussage liegt vermutlich eine veraltete Studie über CO2-Emissionen bei der Batterieproduktion zugrunde

Für die Berechnung der CO2-Bilanz von Fahrzeugen sind zwei Dinge wichtig: Wie viel CO2 bei der Herstellung produziert wird, und welchen Strom beziehungsweise wie viel Treibstoff sie später während der Fahrt verbrauchen.

Als Grundlage für Berechnungen der CO2-Bilanz von E-Autos diente mutmaßlich eine Studie des schwedischen Umweltforschungsinstituts aus dem Jahr 2017 (PDF-Download). Sie kam zu dem Ergebnis, dass bei der Produktion einer E-Auto-Batterie durchschnittlich etwa 150 bis 200 Kilogramm CO2-Äquivalente Emissionen pro Kilowattstunde (kWh) Energiegehalt der Batterie anfallen würden. Auf Basis dieser Daten veröffentlichte der ADAC im August 2019 einen Artikel, demzufolge sich die CO2-Bilanz eines E-Autos mit einer 40-kWh–Batterie im Vergleich zu einem Benziner erst nach 8,5 Betriebsjahren und bei einem Diesel sogar erst nach 14,6 Betriebsjahren lohne.  

Zum Verständnis: CO2-Äquivalent ist eine Maßeinheit, mit der der Einfluss verschiedener Treibhausgase auf die Erwärmung der Erde so umgerechnet werden kann, dass er mit dem Erwärmungspotential von CO2 vergleichbar ist. Mit Kilowattstunden wird bei Elektroautos die Größe der Batterie angegeben, also wie viel Energie sie speichern kann. Das wirkt sich zum Beispiel darauf aus, wie weit man mit dem Auto fahren kann, bis es geladen werden muss. 

Neue Studien zeigen, dass bei der Batterieproduktion weniger CO2-Emissionen entstehen 

Zu dem Zeitpunkt, als Nuhr seine Aussage traf, war die Studie des schwedischen Umweltforschungsinstituts noch aktuell. Im September 2019 wurde sie jedoch überarbeitet und kam auf deutlich niedrigere Werte von 61 und 106 Kilogramm CO2 pro Kilowattstunde.

Auch weitere neuere Studien kamen zum Ergebnis, dass die Produktion von E-Auto-Batterien deutlich weniger CO2 erzeugt, als noch im Jahr 2017 angenommen wurde. So kam der „International Council on Clean Transportation“ im Juli 2021 in einer Analyse zu dem Ergebnis (PDF-Download), dass durchschnittlich 60 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde bei der Herstellung von Elektroautos, die in den USA und Europa genutzt werden, erzeugt werden. 

Ein Bericht der Universität Eindhoven aus dem Jahr 2020 geht davon aus, dass bei der Batterieproduktion zwischen 40 und 100 Kilogramm CO2-Äquivalente pro Kilowattstunde anfallen. 

Entscheidend für die Ökobilanz von E-Autos ist, woher der „getankte“ Strom kommt

Unstrittig ist: Bei der Produktion von Batterien wird zum Beispiel durch die Förderung seltener Mineralien viel CO2 erzeugt. Wie zuvor erwähnt, kommt es aber auch darauf an, ob E-Autos Strom „tanken“, der mit Hilfe von erneuerbaren oder fossilen Energien erzeugt wurde. Wird Strom aus regenerativen Energien genutzt, fallen weniger CO2-Emissionen an. Sind im sogenannten Strommix jedoch fossile Energieträger enthalten, wie Kohle oder Gas, dann verschlechtern diese die Bilanz des E-Autos. Die Berechnung, die der ADAC 2019 zitierte, beruhte auf dem damaligen deutschen Strommix.

Im Januar 2020 hat das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung (Fraunhofer-ISI) eine ähnliche Berechnung durchgeführt (PDF-Download). Das Institut geht von unterschiedlichen Batteriegrößen aus: 40, 58, 95 und 120 Kilowattstunden (Seite 7). Der CO2-Ausstoß bei der Batterieproduktion wird mit 61, 106 und 146 Kilogramm pro Kilowattstunde kalkuliert. Die Berechnungen werden einmal mit dem deutschen Strommix aus dem Jahr 2019 durchgeführt, der damals zu weniger als 50 Prozent Strom aus Erneuerbaren Energien beinhaltete, und einmal mit 100 Prozent Erneuerbarem Strom.

Für ein Elektroauto mit einer 40 Kilowattstunden großen Batterie ergaben die neueren Berechnungen des Fraunhofer-ISI, dass es zwischen 55.000 und 115.000 Kilometern gefahren werden muss, um einen Klimavorteil gegenüber einem Diesel zu erreichen. Bei einem Benziner sind es etwa 52.000 bis 98.000 Kilometer. Zum Vergleich: In der alten Berechnung des ADAC ging man noch von 127.500 Kilometern (Benziner) und 219.000 Kilometern (Diesel) aus. 

Strom aus Erneuerbaren Energien verbessert die Bilanz stark

Legt man der Berechnung nicht den deutschen Strommix zugrunde, sondern 100 Prozent Erneuerbare Energien, verbessert sich die Klimabilanz der E-Autos deutlich. Dann sind laut Fraunhofer-ISI bei einer 40 kWh großen Batterie nur noch etwa 17.000 bis 42.000 Kilometer für einen Klimavorteil gegenüber dem Diesel beziehungsweise etwa 18.000 bis 40.000 Kilometer im Vergleich zu einem Benziner nötig.

Eine Studie der Universität der Bundeswehr München von Mai 2022 kam zu dem Ergebnis, dass E-Autos, die mit Erneuerbarem Strom geladen werden, im Vergleich zu entsprechenden Diesel- oder Benzinfahrzeugen bis zu 70 Prozent Emissionen sparen. Für ihre Studie berücksichtigten die Forschenden 790 Fahrzeugtypen und gingen von einer durchschnittlichen Nutzung von 230.000 Kilometern beziehungsweise 17,7 Jahren aus. 

Ladeinfrastruktur für Elektroautos hat sich verbessert

Nuhr kritisierte Ende 2018 außerdem, dass man Elektroautos „nirgendwo laden kann“. Auch diese Aussage ist mittlerweile überholt. 

Daten der Bundesnetzagentur vom 1. Juli 2022 zeigen, dass es 16.802 öffentliche Ladepunkte und 2.527 Schnellladepunkte zum Jahreswechsel 2018/2019 in Deutschland gab. Seitdem ist die Zahl der Lade- und Schnellladepunkte auf 53.652 und 9.918. 

Wie die Webseite Energielösungen im Dezember 2021 berichtet, gingen zudem mehr als 470.000 Anträge auf Förderung für eine private Wallbox, also einer privaten Ladevorrichtung für Elektroautos, bis Mai 2021 bei der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau ein. Laut Kraftfahrt-Bundesamt waren zum 1. Januar 2022 618.460 Elektroautos in Deutschland zugelassen. 

Zum Vergleich: In Deutschland waren zum 1. Januar 2022 laut Kraftfahrtbundesamt rund 46 Millionen Diesel und Benziner zugelassen und 14.458 Tankstellen in Betrieb. 

Fazit: Die Aussage, dass die Produktion einer E-Auto-Batterie so viel CO2 verbrauche wie ein Dieselfahrzeug in acht Jahren, beruht auf Daten aus einer Studie von 2017. Sie ist veraltet und nach aktuellem Wissensstand falsch. Neuere Studien zur CO2-Bilanz bei der Batterieproduktion kommen auf deutlich niedrigere Werte. Eine pauschale Aussage ist nicht möglich, da die CO2-Bilanz von verschiedenen Faktoren abhängt, wie der Größe der Batterie oder der Art des „getankten“ Stroms. Trotz der vergleichsweise hohen Emissionen bei der Batterieproduktion sind Elektroautos auf ihre Lebensdauer betrachtet umweltfreundlicher als Diesel und Benziner. 

Update, 12. August 2022: Wir haben die Überschrift angepasst, um auch darin deutlich zu machen, dass das Zitat von Dieter Nuhr nicht aktuell ist.

Redigatur: Sarah Thust, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Studie der Universität Eindhoven „Vergleich der lebenslangen Treibhausgasemissionen von Elektroautos mit den Emissionen von Fahrzeugen mit Benzin- oder Dieselmotoren“: Link
  • Aktualisierte Studie des schwedischen Umweltforschungsinstituts „Lithium-Ion Vehicle Battery Production Status 2019 on Energy Use, CO2 Emissions, Use of Metals, Products Environmental Footprint, and Recycling“: Link
  • Veröffentlichung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung „Ein Update zur Klimabilanz von Elektrofahrzeugen“ von Januar 2020: Link
  • Studie der Universität der Bundeswehr München „Total CO2-equivalent life-cycle emissions from commercially available passenger cars“: Link

Ihre Spende gegen Fake News

Falschmeldungen und Verschwörungsmythen spalten die Gesellschaft. Wir halten mit Fakten dagegen und klären Menschen auf, wie sie sich selbst vor Falschmeldungen schützen können! Unterstützen Sie mit Ihrer Spende hunderte Faktenchecks und Recherchen – für Sie und Millionen Leserinnen und Leser. Danke!

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV. Wir sind Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern, dem IFCN des US-amerikanischen Poynter Instituts.

Faktenchecks per Mail