Faktencheck

Influencerin erlitt Schlaganfall: Ursache war angeborener Herzfehler

Nutzerinnen und Nutzer auf Telegram vermuteten, dass der Schlaganfall einer 26-jährigen Influencerin mit der Covid-19-Impfung in Verbindung stehe. Laut Aussage der Ehefrau der Influencerin war die Ursache jedoch ein angeborener Herzfehler. Schlaganfälle treten nach einer Covid-19-Impfung sehr selten auf.

von Kimberly Nicolaus

Ein Rettungswagen fährt am Krankenhaus Siloah Klinikum Region Hannover (KRH) vorbei
Ein Rettungswagen fährt am Krankenhaus Siloah Klinikum Region Hannover (KRH) vorbei (Symbolbild: Picture Alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Behauptung
Der Schlaganfall einer 26-jährigen Influencerin stehe mit ihrer Covid-19-Impfung in Zusammenhang. Seit 2021 gebe es mehr Schlaganfälle als in den Vorjahren. Vor allem junge Frauen seien besonders stark gefährdet.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Dass der Schlaganfall etwas mit der Impfung zu tun hat, ist unbelegt. Nach Aussage der Ehefrau der 26-jährigen Influencerin war die Ursache des Schlaganfalls ein angeborener Herzfehler. Laut Paul-Ehrlich-Institut und der Europäische Arzneimittel-Agentur ist kein erhöhtes Schlaganfallrisiko nach einer Covid-19-Impfung festzustellen. Seit 2021 kommt es nicht vermehrt zu Schlaganfällen. Das generelle Risiko für einen Schlaganfall ist unabhängig vom Alter für Frauen größer als für Männer.

Am 25. Juli veröffentlichte die Bild-Zeitung einen Artikel mit der Überschrift „Warum Schlaganfälle immer öfter junge Leute treffen“. Darin wurde über den Schlaganfall der 26-jährigen Influencerin Ina berichtet, die sich auf Tiktok, Instagram und Youtube gemeinsam mit ihrer Frau „Coupleontour“ nennt. Seitdem wird auf Telegram spekuliert, der Schlaganfall sei durch eine Covid-19-Impfung der Influencerin verursacht worden (hier und hier). Auch das österreichische Onlinemedium Wochenblick deutete (hier) an, der Schlaganfall stehe in Verbindung mit der Covid-19-Impfung. Und Report24 behauptete „speziell seit 2021 [treten] vermehrt solche Fälle auf – auch unter jungen Menschen. Junge Frauen sollen besonders stark gefährdet sein.“ 

Diese Behauptungen sind falsch. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) fanden keine Anzeichen dafür, dass Schlaganfälle nach Covid-19-Impfungen gehäuft auftreten. Die Frau der Influencerin erklärte in einem Video auf Tiktok, dass die Ursache für den Schlaganfall ein Loch im Herzen gewesen sei, ein sogenanntes „persistierendes Foramen ovale“. Die kleine Verbindung zwischen der linken und der rechten Herzkammer schließt sich eigentlich nach der Geburt. Ist das nicht der Fall, kann das Schlaganfälle begünstigen. Mit Impfungen hat das aber nichts zu tun. Unabhängig vom Alter haben Frauen ein generell höheres Schlaganfallrisiko als Männer.

Paul-Ehrlich-Institut: Keine häufigeren Schlaganfälle nach Covid-19-Impfungen

Ein Schlaganfall ist eine Störung der Durchblutung des Gehirns. Das kann ein Gefäßverschluss (Hirninfarkt oder ischämischer Schlaganfall genannt) oder auch eine Hirnblutung sein. Diese und weitere potentielle Nebenwirkungen von Covid-19-Impfungen in Deutschland überwacht das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und klärt darüber in seinen Sicherheitsberichten auf. 

Der neueste PEI-Bericht enthält Meldedaten über Verdachtsfälle von Impfnebenwirkungen  und -komplikationen vom 27. Dezember 2020 bis zum 31. März 2022. Die Melderaten für Schlaganfälle (Apoplektischer Insult) bezogen auf 100.000 Covid-19-Impfungen liegen bei 0,4 Fällen für den Impfstoff von Moderna, 0,6 Fällen für Biontech/Pfizer, 0,9 Fällen für Johnson & Johnson und 1,5 Fällen für Astrazeneca. Hirnblutung wurden noch seltener gemeldet. Pro 100.000 Impfungen mit dem Impfstoff von Moderna wurden 0,1 Fälle, bei Biontech/Pfizer 0,2, bei Johnson & Johnson 0,4 und bei Astrazeneca 0,8 Fälle gemeldet.

Eine weitere sehr seltene Form des Schlaganfalls ist die sogenannte Sinusvenenthrombose, die vor allem den Impfstoff von Astrazeneca betraf, der in Deutschland nicht mehr eingesetzt wird, dazu unten mehr. 

Die Meldedaten für einen Schlaganfall liegen im Schnitt bei unter einem Fall, bezogen auf 100.000 Covid-19-Impfungen
Die Meldedaten für einen Schlaganfall liegen im Schnitt bei unter einem Fall, bezogen auf 100.000 Covid-19-Impfungen (Quelle: Paul-Ehrlich-Institut; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Tritt ein gesundheitliches Ereignis nach einer Impfung häufiger auf, als es statistisch zu erwarten wäre, vermerkt das PEI ein „Risikosignal“ in seinem Sicherheitsbericht. Ein solches Risikosignal ergab sich für Schlaganfälle bei keinem der zugelassenen Impfstoffe. „Das spricht dafür, dass die gemeldeten Verdachtsfälle zufällig nach der Impfung aufgetreten sind, nicht aber von der Impfung verursacht wurden“, schreibt uns eine Sprecherin des PEI auf Anfrage per E-Mail. Auch in den monatlichen „Safety of Covid-19 vaccines“-Berichten der EMA zur Sicherheit der zugelassenen Covid-19-Impfstoffen zeigt sich kein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall nach einer Impfung.

Sehr seltene Nebenwirkung von Sinusvenenthrombosen nach Astrazeneca-Impfung

Für eine Sinus-/Hirnvenenthrombose ist hingegen ein Risikosignal in dem Sicherheitsbericht des PEI eingetragen. Es handelt sich dabei auch um eine Form von Schlaganfall, da Gefäße im Gehirn verstopfen und dadurch Blutgerinnsel in den Gefäßen auftreten, die das Blut in Richtung Herz transportieren sollen. Die großen Venen im Gehirn werden als Sinusvenen bezeichnet. 

Diese Auffälligkeit trat jedoch ausschließlich nach Impfungen mit Astrazeneca und nicht bei einem der anderen Impfstoffe auf. Die Häufigkeit dieser Nebenwirkung stuft das PEI als „sehr selten“ ein (S. 14). Registriert wurde 1 Fall pro 10.000 Impfungen.

Zu der gleichen Risikobewertung wie das PEI kam auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN), die die Ergebnisse einer Umfrage unter allen neurologischen Kliniken in Deutschland im August 2021 veröffentlichte. Es wurden 62 Schlaganfälle gemeldet, die innerhalb eines Monats nach einer Covid-19-Impfung 2021 bis Mitte April auftraten. Rund 86 Prozent der Fälle wurden nach einer Impfung mit dem AstraZeneca-Impfstoff gemeldet. In der DGN-Pressemitteilung dazu heißt es: „Wir denken, dass der AstraZeneca-Impfstoff mit einem sehr geringen Risiko für zerebrale Sinus- und Venenthrombosen bei Männern einhergeht. Bei Frauen aller Altersklassen traten zwar mehr Fälle thrombotischer Ereignisse auf, die Rate war aber in Anbetracht der vielen Millionen verimpften Dosen insgesamt immer noch sehr gering.“

Daten der Techniker Krankenkasse: 2021 nicht mehr Schlaganfälle als in den Vorjahren

Nach Informationen der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) erleiden in Deutschland ungefähr 270.000 Menschen pro Jahr einen Schlaganfall, rund 55 Prozent sind Frauen – eine davon: die 26-jährige Influencerin Ina. Ihre Frau erklärt die Ursache des Schlaganfalls in einem Video, das sie am 15. August 2022 auf Tiktok veröffentlichte: „Ina hat ein Loch im Herzen, das ist seit der Geburt so. […] Eigentlich ist das ungefährlich, […] aber bei Ina ist so der Worst Case eingetreten, der eigentlich hätte eintreten können.“ Das sei ein schwerer Schlaganfall gewesen. 

Frauen haben mehr Risikofaktoren für Schlaganfälle, berichtete die DSG Anfang 2022. Doch diese stünden nicht in Verbindung mit Covid-19-Impfungen, sondern ließen sich laut Informationen des DSG auf „typisch weibliche Faktoren“ zurückführen. Dazu zählen Migräne mit Aura, Komplikationen in der Schwangerschaft, die Einnahme der Antibabypille, und eine höhere Lebenserwartung, denn Frauen werden einige Jahre älter als Männer und das Risiko für einen Schlaganfall steigt mit zunehmendem Alter.

Zwar zeigt eine in den USA veröffentlichte Studie aus April 2017 im JAMA Neurology Journal, dass die Hospitalisierungsraten für Schlaganfälle zwischen 2003 und 2012 bei jungen Männern (41,5 %) und Frauen (30 %) im Alter von 35 bis 44 Jahren deutlich angestiegen sind, doch dieser Anstieg lässt sich nicht mit Covid-19-Impfungen in Zusammenhang setzen. „Ein Grund für das vermehrte Auftreten von Schlaganfällen bei jüngeren Patienten liegt vermutlich in dem Anstieg der typischen Gefäßrisikofaktoren, die zu einem Schlaganfall führen können. Dazu zählen beispielsweise ein hoher Blutdruck, Diabetes, Rauchen und Übergewicht“, so Wolf-Rüdiger Schäbitz, Pressesprecher der DSG und Neurologe in einer Pressemitteilung von Oktober 2017.

Seit 2021 treten auch nicht vermehrt Schlaganfälle in Deutschland auf. Das legen Daten der Techniker Krankenkasse (TK) nahe. Wie uns ein Sprecher per E-Mail mitteilte, seien für 2021 knapp 39 Schlaganfälle je 100.000 Versicherte verzeichnet. Für 2020 seien es 37 Fälle und 39 Fälle im Jahr 2019 gewesen. Damit ist die Anzahl der Schlaganfälle nicht gestiegen, sondern sehr ähnlich zu den Vorjahren. Die TK-Fallzahlen beziehen sich auf Hirnblutungen. Die Gesundheitsberichterstattung des Bundes hat die aktuellen Daten aus 2021 noch nicht veröffentlicht.

Nach einer Risikoabwägung dieser sehr seltenen Nebenwirkung hatte die Ständige Impfkommission bei der vierten Aktualisierung der Covid-19-Impfempfehlung im April 2021 die Impfung mit Astrazeneca nur noch Menschen über 60 Jahren empfohlen. Für diese Personen überwiegen die Vorteile der Impfung, weil das Risiko einer schweren oder tödlichen Covid-19-Erkrankung deutlich höher ist, als das einer Sinusvenenthrombose. Seit 1. Dezember 2021 kommt der Impfstoff von Astrazeneca in Deutschland nicht mehr zum Einsatz. 

Schlaganfallrisiko bei Covid-19-Erkrankung deutlich höher als nach einer Impfung

Forschende und Fachverbände stimmen überein, dass das Risiko, im Zuge einer Covid-19-Erkrankung einen Schlaganfall zu erleiden, deutlich höher sei als ein Schlaganfall in Folge einer Covid-19-Impfung. Bereits im Mai 2021 rief die DSG dazu auf, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Sie richtete sich damit insbesondere an Risikopatienten für Schlaganfälle, da Schlaganfälle bei Covid-19-Erkrankungen vermehrt auftreten. Darüber berichteten wir in einem Faktencheck im Oktober 2021. 

Fazit: Laut Aussage der Ehefrau der Influencerin war die Ursache für den Schlaganfall ein angeborener Herzfehler. Das Paul-Ehrlich-Institut und die Europäische Arzneimittel-Agentur weisen kein Risikosignal für Schlaganfälle als Nebenwirkung von Covid-19-Impfungen aus. Angaben der Techniker Krankenkasse deuten darauf hin, dass es seit 2021 nicht mehr Schlaganfälle gibt. Das Schlaganfallrisiko ist unabhängig vom Alter für Frauen größer als für Männer.

Redigatur: Matthias Bau, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Tiktok-Video von „coupleontour“, 15. August 2022: Link
  • Sicherheitsbericht des Paul-Ehrlich-Instituts, 4. Mai 2022: Link
  • Pressemitteilung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie „Neue Datenlage: DGN analysiert Sinus-Venenthrombosen nach Covid-19-Impfungen in Deutschland“: Link
  • Pressemitteilung der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft „Neue Studie zeigt: Stillen senkt Schlaganfall-Risiko um zwölf Prozent“: Link
  • Studie: „Prevalence of Cardiovascular Risk Factors and Strokes in Younger Adults“, JAMA Neurology, Juni 2017: Link
  • Pressemitteilung der Deutschen Schlaganfall-Gesellschaft „Berufsunfähigkeit, zerstörte Familienplanung: Wenn der Schlaganfall die Jüngeren trifft“: Link

Direkt ins Postfach: Einmal wöchentlich senden wir Ihnen eine Zusammenfassung der interessantesten Faktenchecks.

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV. Wir setzen uns ein gegen Desinformation im Netz und klären Menschen auf, wie sie sich selbst vor Falschmeldungen schützen können.

Um Falschmeldungen weitgehend einzudämmen, arbeiten wir mit anerkannten Partnern zusammen. CORRECTIV.Faktencheck ist Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern, dem IFCN des US-amerikanischen Poynter Instituts. Der Allianz gehören über 90 Organisationen an, darunter die Washington Post, Reuters, Le Monde und die Deutsche Presseagentur (dpa).

Wir überprüfen Gerüchte und potenzielle Falschinformationen, die sich im Internet, auf Blogs, in Videos oder in anderer Form in Sozialen Netzwerken verbreiten. Wir suchen selbst aktiv nach solchen Beiträgen, berücksichtigen aber auch Zuschriften von Lesenden. Geeignet für einen Faktencheck sind nur Tatsachenbehauptungen, keine Meinungen oder Zukunftsprognosen. Wir überprüfen vor allem Beiträge, die sich bereits viral verbreiten, also schon potenziell viele Menschen erreicht haben und großen Schaden anrichten können.

Für unsere Faktenchecks machen wir uns auf die Suche nach Belegen für oder gegen eine Behauptung. Wir verwenden dabei soweit möglich nur Primärquellen: Dokumente, Statistiken, Studien, Angaben von Augenzeugen, Betroffenen und Behörden sowie Einordnungen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Den Rechercheweg dokumentieren wir in unseren Artikeln und legen unsere Quellen offen. Am Ende stufen wir die Behauptung, die wir überprüft haben, auf einer Skala von „Richtig“ über „Teilweise falsch“ bis „Frei erfunden“ ein. (Mehr zu der Bewertungsskala hier.)

Weitere Informationen finden Sie in der Rubrik Wie wir arbeiten.

Facebook geht seit 2016 Kooperationen mit unabhängigen Faktencheck-Organisationen ein. Neben uns sind in Deutschland auch die Agenturen DPA und AFP Teil dieses Programms. Das bedeutet: Unsere Faktenchecks werden auf Facebook direkt mit den Beiträgen verknüpft, die die falsche Information enthalten. Menschen, die diese Beiträge teilen möchten, bekommen einen Warnhinweis, der sie auf unseren Faktencheck verweist. Die Facebook-Beiträge werden nicht aufgrund unserer Faktenchecks gelöscht, sondern bleiben weiterhin sichtbar. Dafür, dass Facebook unsere Recherchen auf diese Art verwenden darf, werden wir von dem Unternehmen vergütet. (Mehr über die Kooperation lesen Sie hier).

CORRECTIV.Faktencheck arbeitet nach den Prinzipien des International Fact-Checking-Network (IFCN). Das ist ein Verband, der Faktencheck-Organisationen weltweit zertifiziert. Die Standards beinhalten:

  • Verpflichtung zur Überparteilichkeit und Fairness
  • Verpflichtung zur Offenlegung unserer Quellen
  • Verpflichtung zur Offenlegung unserer Unterstützer und unserer Organisation
  • Verpflichtung zur Transparenz der Arbeitsweise
  • Verpflichtung zur offenen und ehrlichen Korrektur

Unsere Standards im Detail

CORRECTIV.Faktencheck ist darüber hinaus an das Redaktionsstatut von CORRECTIV gebunden.

Gegen eine Flut irreführender Behauptungen und gezielter Desinformation hilft nur Aufklärung. Faktenchecks und Hintergrundberichte helfen den Dialog zu ermöglichen. Das ist nicht immer leicht – Hassnachrichten, Beleidigungen und Drohungen gehören zum Alltag unseres Faktencheck-Teams. Aber die Arbeit wirkt: Falschmeldungen werden deutlich weniger geteilt. Leisten Sie einen Beitrag und unterstützen Sie CORRECTIV mit einer Spende.

Helfen Sie mit, Falschmeldungen einzudämmen.  Das geht online über unseren CrowdNewsroom oder über unseren Whatsapp-Chatbot. Bitte schicken Sie uns dabei wenn möglich einen Link zu dem Originalinhalt, zum Beispiel einem Video auf Youtube, einem Artikel auf einer Webseite oder einem Facebook-Beitrag. Wir gehen eingereichten Zuschriften und Hinweisen nach.