Faktencheck

Russische Desinformation: Nein, in Bremen wurden keine geschmuggelten Stinger-Raketen aus der Ukraine gefunden

Ein kurzes Video eines Flugabwehr-Raketenwerfers (Stinger) soll in Bremen entstanden sein. Es wird als angeblicher Beleg verwendet, dass Waffen, die an die Ukraine geliefert werden, in Deutschland auf dem Schwarzmarkt verkauft werden. Das Video wurde jedoch manipuliert – und die Behauptung kursierte bereits in verschiedenen Versionen auf russischen Webseiten.

von Steffen Kutzner

Angeblich Stinger in Bremen
Dieses Video soll angeblich eine Waffe zeigen, die Deutschland der Ukraine gab, und die über den Schwarzmarkt nach Bremen gelangte (Quelle: Telegram; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Video einer Stinger-Rakete sei in Bremen entstanden. Ein Student habe die Waffe in einem Onlineshop gefunden und die Polizei verständigt. Journalisten hätten herausgefunden, dass sie für die Gegenoffensive in Charkow (Charkiw) bestimmt war. Waffen, die an die Ukraine geliefert werden, würden also über den Schwarzmarkt verkauft und landeten wieder in Deutschland.
Bewertung
Manipuliert. Der Ton des Videos wurde von einem anderen Video kopiert, um den Eindruck zu erwecken, es sei in Deutschland entstanden. Über dieselbe Aufnahme wurde zuvor bereits behauptet, sie zeige Waffen, die vom Zoll auf einem Schiff in Bremen beschlagnahmt wurden – auch das stimmt nicht.

In Sozialen Netzwerken verbreitet sich ein kurzes Video, in dem ein auf dem Boden liegender Raketenwerfer zu sehen ist. Es wird behauptet, dies sei eine sogenannte Stinger-Rakete, mit der man Flugzeuge abschießen könne: „Ein Student in Bremen (Deutschland) fand einen Online-Shop, der Stingers verkaufte, und verständigte die Polizei. Journalisten aus Hamburg und anderen Städten haben bereits herausgefunden, dass die Waffen für die Gegenoffensive in Charkow bestimmt waren, aber auf dem europäischen Schwarzmarkt landeten.“

In dem wenige Sekunden langen Video sind weder Polizeiuniformen noch andere Hinweise auf Bremen zu finden. Der Hinweis, dass das Video in Deutschland entstanden sein soll, ist die Stimme eines Mannes, der zu hören ist und sagt: „Nehmen Sie mal das Handy runter, sowas müssen Sie nicht filmen.“ 

Beiträge wie dieser sind Desinformation: Das Video wurde manipuliert und die Geschichte über die in Bremen beschlagnahmten Waffen ist erfunden. Die Spekulationen sollen offenbar Stimmung gegen Waffenlieferungen machen. Sie nähren das Narrativ, die Ukraine würde aus dem Westen gelieferte Waffen weiterverkaufen – oder diese landeten hier auf dem Schwarzmarkt und würden so zur Gefahr. Diese Argumente wurden in der Vergangenheit schon häufiger verbreitet. Im aktuellen Fall wurde die Behauptung mit dem manipulierten Video auch von dem russischen Diplomaten Dmitry Polyanskiy geteilt

Das Video verbreitete sich auch auf Telegram (Quelle: Telegram; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Das Video des Raketenwerfers kursierte international, zum Beispiel auf Englisch und Russisch. Laut einem Faktencheck von Lead Stories tauchte es erstmals in einem Telegram-Beitrag am 6. September auf. Dort steht in der Beschreibung, es sei am 20. Juli entstanden. Die Behauptung war damals jedoch leicht anders: Der Zoll habe die Waffe angeblich im „Bremer Hafen“ auf einem Schiff namens „Floriana“ gefunden, das unter ukrainischer Flagge in die Türkei fuhr. Es seien Personen festgenommen worden, bei denen es sich möglicherweise um ukrainische Militärs handelte.

All diese Aussagen sind falsch.

Video von Stinger-Rakete ist manipuliert: Die Tonspur stammt von einem anderen Video

Unter einigen Beiträgen, zum Beispiel auf Twitter, finden sich bereits Kommentare, die darauf hinweisen, dass die Tonspur von einem anderen Video stammt, das auf Youtube zu finden ist. Dort findet sich bei Sekunde 12 dieselbe Aussage, wie in dem angeblich aus Bremen stammenden Video. 

Der Beschreibung nach entstand dieses Youtube-Video im Januar 2022 bei einem Polizeieinsatz im thüringischen Greiz. Die Tonspur wurde also von diesem Video kopiert und über die Aufnahme des Raketenwerfers gelegt. Wo die Aufnahme der Waffe selbst tatsächlich entstanden ist, ist unklar. 

Die Polizei in Bremen weiß von keinem solchen Vorfall

Das Video verbreitete sich mit der Behauptung, in Bremen seien ukrainische Waffenhändler festgenommen worden. Die Polizei dementierte dies bereits am 17. September auf Twitter. 

Tweet der Polizei Bremen zu der Behauptung, das Video zeige die Festnahme ukrainischer Waffenhändler (Quelle: Twitter; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Das Regionalmagazin Buten un Binnen von Radio Bremen berichtete bereits über die Fälschung. Auch uns gegenüber bezeichnet die Bremer Polizei die Geschichte rund um das Video als Falschmeldung: „Die Polizei Bremen hat mit diesem Video nichts zu tun und hat auch keine Ukrainer festgenommen, die mit Waffen handelten“, schrieb uns Pressesprecher Nils Matthiesen. 

Behauptung auf russischen Webseiten: Beschlagnahmung zweier Stinger auf einem Frachtschiff durch den Zoll?

Auf der Suche nach dem Ursprung des manipulierten Videos stießen wir auf mehrere russische Medienberichte, in denen die Aufnahmen gezeigt werden (hier, hier und hier). Darin wurde die Geschichte von dem Waffenfund auf dem Schiff „Floriana“ berichtet. Angeblich seien die Waffen in Begleitung von Ukrainern auf dem Weg in die Türkei gewesen, diese seien verhaftet worden. 

Der Zoll weiß von so einer Verhaftung allerdings nichts, wie uns ein Pressesprecher der Generalzolldirektion, Andre Lenz, per E-Mail erklärt. Seit Kriegsbeginn Ende Februar seien generell keine Waffen durch die Zollverwaltung sichergestellt worden, „bei denen sich Anhaltspunkte oder Indizien auf einen Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine ergeben hätten“.

Das Schiff „Floriana“ soll laut der russischen Internetseite Rusnext zudem unter ukrainischer Flagge gefahren sein. Ein Blick in die Schiffsdatenbank Vesselfinder zeigt jedoch, dass kein Schiff mit diesem Namen unter ukrainischer Flagge fährt. 

Dieser per Google Translate im Browser Chrome übersetzte Artikel der russischen Webseite Rusnext enthält ein Standbild aus dem Video und erzählt die angebliche Geschichte der Ukrainer, die in Bremen auf dem Schiff „Floriana“ verhaftet worden sein sollen (Quelle: Rusnext; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Wir haben außerdem bei den Hafenbehörden in Bremen und Bremerhaven nachgefragt; aus Bremerhaven erhielten wir keine Antwort. Stephan Berger, Amtsleiter des Hafenamts Bremen, erklärte uns per E-Mail, dass der Hafenbehörde ein solcher Vorfall nicht bekannt sei.

Schreiben des ukrainischen Verteidigungsministers soll Vorfall bestätigen, ist jedoch ebenfalls gefälscht

Einige russische Webseiten zeigen als Quelle auch ein angebliches Schreiben des ukrainischen Verteidigungsministers Oleksij Resnikow an Außenminister Dmytro Kuleba. Darin erklärt Resnikow vermeintlich, dass laut deutschem Innenministerium zwei Stinger auf der „Floriana“ gefunden wurden und dass das ukrainische Verteidigungsministerium bereit sei, dem Vorfall zusammen mit dem deutschen Innenministerium nachzugehen. 

Die ukrainische Faktencheck-Webseite Stopfake hat das Schreiben analysiert und bezeichnet es als Fälschung. Am unteren Rand des Schreibens sind ein QR-Code und ein Strichcode zu sehen, die beide mit einem Datum und einer Dokumentennummer versehen wurden. Doch Datum und Dokumentennummer stimmen jeweils nicht überein.

Dieses angebliche Schreiben vom ukrainischen Verteidigungsminister Resnikow an Außenminister Kuleba soll die Geschichte vom Waffenfund auf der „Floriana“ bestätigen. Es ist eine Fälschung. (Quelle: worldandwe.com; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Fälscher hätten das Datum unter dem Strichcode in dem Dokument ausgetauscht, aber keinen neuen QR-Code erstellt, erklärt Stopfake. Die Nummer, die der QR-Code beim Abscannen enthält, ist 220/3034 – derselbe Code sei schon einmal für ein anderes gefälschtes Schreiben verwendet worden.

Screenshot der unterschiedlichen Daten in dem gefälschten Schreiben (Quelle der Screenshots und Markierungen: StopFake)

Fazit: Um das Narrativ von Waffen, die angeblich von der Ukraine auf dem Schwarzmarkt verkauft werden, zu untermauern, wurde die Geschichte eines Waffenfundes in Bremen erfunden. Es gibt weder ein Schiff namens „Floriana“ unter ukrainischer Flagge, noch gab es laut Polizei und Zoll den Waffenfund oder die Verhaftung der angeblich ukrainischen Männer, die die Waffen geschmuggelt haben sollten. Auch ein offiziell anmutendes Schreiben des ukrainischen Verteidigungsministers, das die Geschichte untermauern sollte, ist gefälscht.  

Einen Überblick mit allen Faktenchecks von uns zum Krieg in der Ukraine finden Sie hier.

Redigatur: Sarah Thust, Alice Echtermann

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