Faktencheck

Italien: Nein, dieses Video zeigt keinen Protest gegen Strompreise in Genua

In Sozialen Netzwerken kursiert ein Video, das angeblich aktuelle gewaltsame Ausschreitungen bei Protesten gegen hohe Strompreise in der italienischen Stadt Genua zeigen soll. Doch das stimmt nicht: Die Aufnahmen stammen von 2019 und sind bei einer Demonstration gegen einen rechtsextremen Politiker in Bologna entstanden.

von Paulina Thom

strompreise-video-zeigt-proteste-2019-in-italien-nicht-in-genua
Ein Video, das angeblich einen Protest gegen Strompreise in Genua zeigen soll, stammt aus Bologna und wurde 2019 bei einer antifaschistischen Demonstration aufgenommen (Quelle: Twitter; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Video zeige Proteste gegen Strompreise in Genua in Italien.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Das Video ist nicht in Genua entstanden und zeigt keine Demonstration gegen Strompreise. Es wurde 2019 in Bologna bei Protesten gegen einen rechtsextremen Politiker aufgenommen.

Auf Twitter, Telegram und Facebook verbreitet sich seit September ein Video, das angeblich Proteste gegen Strompreise in der italienischen Stadt Genua zeigen soll. Zu sehen sind unter anderem Polizisten und Polizistinnen, die Schlagstöcke gegen Demonstrierende einsetzen. „Das ist das demokratische Europa, die Proteste in Genua (Italien) gegen die Strompreise und wie sie endeten“, heißt es dazu auf Twitter. 

Zwei andere Videos desselben Protests belegen jedoch: Die Aufnahmen stammen aus dem Jahr 2019 aus der italienischen Stadt Bologna. Damals demonstrierten Menschen gegen einen rechtsextremen Politiker – und nicht gegen Strompreise.

Tweet, in dem behauptet wird: Das ist das demokratische Europa, die Proteste in Genua (Italien) gegen die Strompreise und wie sie endeten.
Das Video eines angeblichen Protests gegen hohe Strompreise wurde allein auf Twitter mehr als 1.400 Mal geteilt (Quelle: Twitter; Screenshot und Unkenntlichmachung: CORRECTIV.Faktencheck)

Video zeigt antifaschistischen Protest im Mai 2019 in Bologna in Italien

In dem acht Sekunden langen Video ist ein Zusammenstoß zwischen Polizisten und Polizistinnen und Demonstrierenden auf einer Straße zu sehen. Im Hintergrund ist lautes Geschrei zu hören, es kommen Schlagstöcke zum Einsatz, ab Sekunde fünf geht eine Frau zu Boden.  

Die Nachrichtenagentur AFP fand mit Ausschnitten aus dem Video über eine Bilderrückwärtssuche zwei weitere Videos der Proteste. Eines stammt von der Lokalzeitung La Gazzetta di Bologna und wurde am 20. Mai 2019 unter dem Titel „Bologna, Antifaschisten stellen sich gegen die Kundgebung von Roberto Fiore von Forza Nuova und die Polizeiauf Youtube veröffentlicht. Fiore ist Mitbegründer und Vorsitzender der rechtsextremen Splitterpartei Forza Nuova.

Video der Demonstration in Bologna
Bei dem Video der Demonstration in Bologna sind unter anderem dieselben Rundbögen mit Werbeplakaten zu erkennen. Auch die Farben der Plakate und Schilder sind identisch mit denen im aktuell geteilten Video. (Quelle: Youtube; Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Ab Minute zwei ist zu erkennen, wie sich der Protestmarsch in eine engere Straße bewegt. Mit Google Street View lässt sich diese als Via dell’Archiginnasio identifizieren. Im Hintergrund sind Werbeplakate unter Rundbögen zu erkennen, die sich auch im aktuell geteilten Video befinden. Zudem halten die Protestierenden in beiden Videos rote und grüne Fahnen und Schilder. 

Vergleich der Videos zeigt, dass es sich um dasselbe handelt – das aktuell verbreitete Video zeigt die Demo 2019 in Bologna
Links das aktuell kursierende Video mit einem Werbeplakat unter einem Rundbogen, das sich ebenfalls in dem Video aus Bologna rechts befindet (Quelle: Facebook und Youtube; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Weiteres Video zeigt identische Szene einer Auseinandersetzung

Die Zeitung La Repubblica hat am 21. Mai 2019 ebenfalls ein Video der Proteste auf Youtube veröffentlicht. Laut der Zeitung nahmen etwa tausend Demonstrierende an der Kundgebung teil. Als die Demonstrierenden eine Absperrung durchbrechen wollten, hätten die Einsatzkräfte gewalttätig reagiert, heißt es weiter. 

Ab Sekunde 14 ist in dem Video von La Repubblica zu sehen, wie Demonstrierende mit Schildern auf eine Absperrung schlagen. Kurz darauf drängen Einsatzkräfte der Polizei die Demonstrierenden mit Schlagstöcken zurück. Etwa ab Sekunde 45 ist die Auseinandersetzung zwischen einer Einsatzkraft und einer Frau zu erkennen, die anschließend zu Boden geht. Dieselbe Szene findet sich im aktuell kursierenden Video bei Sekunde fünf. 

Hier sieht man genau diesselbe Szene, nicht nur ein paar Überschneidungen. Das aktuell verbreitete Video ist also alt
Links das aktuell verbreitete Video, das angeblich in Genua entstanden sein soll; rechts das Video der Zeitung La Repubblica über die Proteste in Bologna 2019. Die Auseinandersetzung zwischen einer Einsatzkraft und einer Frau ist in beiden Videos zu sehen. (Quelle: Facebook und Youtube; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Proteste gegen teure Energiekosten in Genua fanden am 21. September 2022 statt

Am 21. September kam es in Genua laut mehreren lokalen Medien zu Protesten gegen hohe Energiekosten. Wir konnten jedoch keine Hinweise finden, dass es dabei zu gewaltsamen Auseinandersetzungen kam. 

Fotos und Videos von Demonstrationen sind immer wieder Gegenstand von Falschmeldungen und Desinformation. Häufig werden dabei alte Aufnahmen in einen falschen Kontext gesetzt, wie wir in mehreren Faktenchecks zeigten. 

Redigatur: Matthias Bau, Uschi Jonas

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Faktencheck der AFP vom 4. Oktober 2022: Link
  • Video des Protests in Bologna der Zeitung La Gazzetta di Bologna, 19. Mai 2019: Link
  • Video des Protests in Bologna der Zeitung La Repubblica, 21. Mai 2019: Link

Ihre Spende gegen Fake News

Falschmeldungen und Verschwörungsmythen spalten die Gesellschaft. Wir halten mit Fakten dagegen und klären Menschen auf, wie sie sich selbst vor Falschmeldungen schützen können! Unterstützen Sie mit Ihrer Spende hunderte Faktenchecks und Recherchen – für Sie und Millionen Leserinnen und Leser. Danke!

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion des gemeinnützigen Recherchezentrums CORRECTIV. Wir sind Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern, dem IFCN des US-amerikanischen Poynter Instituts.

Faktenchecks per Mail