Faktencheck

Erfundenes Lauterbach-Zitat über Corona-Pflichtimpfung für Neugeborene taucht wieder auf

Online kursiert ein gefälschter Facebook-Beitrag von Gesundheitsminister Karl Lauterbach. Er soll darin eine Corona-Impfpflicht für Neugeborene vorschlagen. Das ist frei erfunden.

von Gabriele Scherndl

Lauterbach stellt „Long-Covid-Initiativen“ vor
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist immer wieder im Fokus von Falschbehauptungen rund um die Corona-Pandemie (Quelle: Bernd von Jutrczenka / Picture Alliance / dpa)
Behauptung
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach habe in einem Social-Media-Beitrag eine Corona-Pflichtimpfung für Neugeborene vorgeschlagen.
Bewertung
Frei erfunden
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Frei erfunden. Der Beitrag ist gefälscht, die Pressestelle Lauterbachs bestreitet, dass er von ihm stammt. Es gibt auch sonst keine Hinweise, dass sich Lauterbach so geäußert hat. Die Ständige Impfkommission empfiehlt keine Corona-Impfung für Neugeborene.

Ein erfundenes Zitat, das von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach stammen soll, wird erneut verbreitet. Geteilt wird der Screenshot eines vermeintlichen Facebook-Beitrags von Lauterbach, in dem heißt es: „Das Immunsystem Neugeborener ist noch nicht voll entwickelt, Säuglinge haben Lücken im Immunschutz. Impfungen mit Astrazeneca in der Schwangerschaft können helfen, diese zu überbrücken. Ich schlage deswegen zusätzlich eine Pflichtimpfung für alle Neugeborenen vor.“

Der gefälschte Beitrag – mit exakt gleicher Zeitangabe und gleichem Titelbild – kursierte schon vor zwei Jahren, nun hat ihn ein Twitter-Account, der sich als Satiriker ausgibt, wieder geteilt. 18.000 Nutzerinnen und Nutzer sahen den Beitrag, zahlreiche hielten ihn offenbar für echt, wie die Kommentare zeigen.

In einem Beitrag wird ein gefälschter Social-Media-Post von Lauterbach geteilt.
Dieser angebliche Facebook-Beitrag von Karl Lauterbach taucht in dessen Facebook-Profil nirgendwo auf. Das Bundesgesundheitsministerium bestreitet, dass das Zitat echt ist. (Quelle: Twitter; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Beitrag ist gefälscht – Ministerium bestreitet, dass er von Lauterbach stammt

Doch auf der Facebook-Seite Lauterbachs ist kein solcher Beitrag zu finden. Ein Vergleich mit einem aktuellen Beitrag auf Lauterbachs Facebook-Seite zeigt zudem: Die Schriftart ist anders als in Original-Beiträgen auf der Plattform, die Buchstaben (zum Beispiel das „D“ oder „ä“) sind eckiger oder anders geschwungen – ein Hinweis auf eine Fälschung.

Ein Vergleich mit einem echtem Post Lauterbachs zeigt: Die Schriftart ist anders als in Original-Beiträgen auf der Plattform, die Buchstaben (zum Beispiel das „D“ oder „ä“) sind eckiger oder anders geschwungen – ein Hinweis auf eine Fälschung.
Ein Vergleich mit einem offiziellen Facebook-Beitrag von Lauterbach zeigt Unstimmigkeiten in dem angeblichen Beitrag (Quelle; Facebook; Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Auch eine Google-Suche und eine Suche in der Zitate-Datenbank Genios liefern keine Ergebnisse für ein derartiges Zitat des Gesundheitsministers. Und: Hanno Kautz, Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, schreibt uns auf Anfrage, das Zitat sei „ein Fake” und auch nicht „die Meinung des Ministers“.

Erfundenes Zitat von Lauterbach kursiert seit mindestens 2021 – eine solche Impfempfehlung gibt es nicht

Schon 2021 fanden wir den mutmaßlichen Ursprung des Zitats: Einen Artikel im Ärzteblatt von 2017, in dem zumindest ein Teil davon zu finden ist. In dem Medizinreport „Infektionsschutz für Neugeborene: Impfen in der Schwangerschaft“ heißt es einleitend: „Das Immunsystem Neugeborener ist noch nicht voll entwickelt, Säuglinge haben Lücken im Immunschutz. Impfungen in der Schwangerschaft können helfen, diese zu überbrücken. “ 

In dem Text geht es jedoch nicht um Covid-19-Impfungen, sondern um Grundimmunisierungen, die für Neugeborene von der Ständigen Impfkommission (Stiko) empfohlen werden, und um die wissenschaftliche Diskussion über mögliche Impfungen während der Schwangerschaft. Als Autorin des Artikels ist Nicola Siegmund-Schultze angegeben, nicht Karl Lauterbach. 

Die Stiko empfiehlt aktuell keine Corona-Impfung für Neugeborene. In den aktuellen Empfehlungen (Stand 6. Juni), die das Robert-Koch-Institut auf seiner Webseite aufführt, heißt es, Kinder und Jugendliche zwischen sechs Monaten und 17 Jahren bräuchten nur dann eine Corona-Schutzimpfung, wenn diese ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf hätten. Auf der Webseite der Bundesregierung heißt es zu dieser Altersgruppe zudem, „Frühgeborene, die das zweite Lebensjahr noch nicht vollendet haben“, trügen ein erhöhtes Risiko und sollten geimpft werden. 

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Ärzteblatt 2017: Link (Archiviert)
  • Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, Stand 6. Juni 2023: Link (Archiviert)

Redigatur: Matthias Bau, Sophie Timmermann