Gesellschaft

Falscher Kontext: Diese polnischen LKW fahren nicht zu Bauernprotesten in Deutschland

Ein Video von einem lokalen Protest in Stettin, Polen, hat nichts mit den Demonstrationen von Landwirtinnen und Landwirten in Deutschland zu tun.

von Gabriele Scherndl

polnische-lkw
Dieses Video zeigt nicht, wie behauptet, polnische LKW auf dem Weg nach Deutschland, sondern einen lokalen Protest in Stettin, Polen (Quelle: Tiktok; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Video zeige eine Kolonne polnischer LKW, die auf dem Weg nach Deutschland sei, um die dortigen Bauernproteste zu unterstützen.
Bewertung
Falscher Kontext
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Falscher Kontext. Das Video zeigt einen lokalen Protest im polnischen Stettin, die LKW fuhren nicht nach Deutschland. Die Demo hatte nichts mit den deutschen Protesten von Landwirtinnen und Landwirten zu tun.

Unterstützung aus Polen sei unterwegs, heißt es auf Tiktok zu einem Video. Zu sehen ist eine LKW-Kolonne, an manchen Fahrzeugen hängen polnische Flaggen. Angeblich, so wird in Sozialen Netzwerken behauptet, kämen die Lastwagen, um die Bauernproteste in Deutschland zu unterstützen. Bei den Protesten lehnen sich aktuell Landwirtinnen und Landwirte gegen Sparpläne der Bundesregierung auf.

Auf X wird in einem Beitrag der Eindruck erweckt, das Video sei am 7. Januar 2024 aufgenommen worden, in anderen Beiträgen ist die Rede vom 8. Januar. Auf Telegram schreiben manche ohne Datumsangabe schlicht von einer „Unterstützung der Bauernproteste“. Auch Alexander Ehrlich, führender Kopf der Corona-Proteste, teilte das Video mit Bezug auf den 7. Januar, schrieb aber dazu, dass diese Information noch ungesichert sei. 

Millionen Nutzerinnen und Nutzer sahen das Video in solchem Kontext. Doch die Behauptung ist falsch. Die Aufnahme stammt vom 22. Dezember 2023 und zeigt einen lokalen Protest in Stettin, einer Stadt im Westen Polens, nah an der Grenze zu Deutschland. Die Demo führte weder nach Deutschland noch hatte sie etwas mit Landwirtschaft zu tun; sie richtete sich gegen ukrainische Transportunternehmen.

Ein Tiktok-Beitrag, in dem das Video zu sehen ist, dazu steht: Unterstützung aus Polen unterwegs.
Auf Tiktok heißt es zu diesem Video, es zeige LKW aus Polen, die die Bauernproteste in Deutschland unterstützen würden. Das stimmt nicht. (Quelle: Tiktok; Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV.Faktencheck)

Tiktok-Nutzer veröffentlichte das Video schon am 22. Dezember 2023

Auf einigen der Aufnahmen ist das Wasserzeichen eines Tiktok-Accounts mit dem Namen witekx77 zu sehen. Der Nutzer veröffentlichte das Video schon am 22. Dezember 2023 – und am Tag darauf ein weiteres Video desselben Protests, das ebenfalls im falschen Kontext verbreitet wird. 

Er markierte die Videos unter anderem mit dem Hashtag #szczecin, das ist die polnische Schreibweise für Stettin. Mit diesen Infos finden sich auf Google polnische Medienberichte über einen Protest des Westpommerschen Straßentransportverbands, der am 22. Dezember stattfand. 

Auf der Webseite des Verbandes ist auch die damalige Demo-Route angegeben: Sie führte nicht aus Polen hinaus. Ebenfalls angegeben sind die Forderungen der Protestierenden: Sie richteten sich unter anderem gegen angeblichen unlauteren Wettbewerb durch ukrainische Transportunternehmen. Derartige Proteste gab es zuletzt wochenlang in Polen.

Video wurde in Stettin, Polen aufgenommen und zeigt einen lokalen Protest

Vergleicht man das Video bei Sekunde 17 mit der Demo-Route auf Google Maps, so sieht man in beiden Aufnahmen das Ortsausfahrtsschild von Stettin. Bei Sekunde 26 ist im Video eine markante Brücke zu sehen, die ebenfalls auf Google Maps zu sehen ist. 

Je zwei Bilder, die zwei Straßenstellen aus zwei Aufnahmewinkeln zeigen.
Der Abgleich von Aufnahmen von Google Maps (oben) und Sequenzen aus dem Video (unten) belegt, dass es an der Ortsgrenze von Stettin aufgenommen wurde (Quelle: Google Maps / Tiktok; Screenshot, Collage und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Auch die Wagenreihung passt zu jener, wie sie auf Fotos in Medienberichten zu sehen ist. Das Video lässt sich also eindeutig der Demonstration am 22. Dezember zuordnen und ist damit älter, als in Sozialen Netzwerken behauptet wird.

Je zwei Bilder, die einen LKW-Konvoi in der gleichen Wagenreihung, aber aus unterschiedlichen Aufnahmewinkeln zeigen.
Die Reihung der LKW ist auf Fotos in Medienberichten (links) gleich wie in den einzelnen Sequenzen des Tiktok-Videos (rechts, gespiegelt) (Quellen: 24kurier / rmf24 / Tiktok; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Verband gibt an, dass der LKW-Konvoi Polen nicht verlassen habe

All das bestätigt auch der Mann, der das Video auf Tiktok zuerst veröffentlichte. Sein Name ist Piotr Krzyżankiewicz, er ist Vizepräsident des Vorstands des Westpommerschen Straßentransportverbands – also jenes Verbandes, der zur Demo aufgerufen hat. Im Gespräch mit CORRECTIV.Faktencheck sagt er, die LKW hätten bei dem Protest Polen nicht verlassen. Bei der Demo sei es um die polnische Steuerpolitik und die Konkurrenz aus der Ukraine gegangen.

Dass die LKW-Fahrerinnen und -Fahrer des Verbands sich den Bauernprotesten in Deutschland anschließen könnten, wollte er allerdings nicht ausschließen. Zum Stand am Tag des Telefonats gab es laut Krzyżankiewicz zwar Pläne für Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen in Deutschland, aber keine für eine Demo-Teilnahme in größerem Stil. 

Ob und wie viele Unterstützerinnen und Unterstützer es aktuell aus dem Ausland für die deutschen Bauernproteste gibt, ist unklar. Klar ist jedoch: Auch LKW nehmen daran teil. Speditionen äußern laut Medienberichten unter anderem ihren Unmut darüber, dass im Dezember die LKW-Maut erhöht wurde. 

Redigatur: Paulina Thom, Steffen Kutzner

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.