Gesellschaft

Foto von kleinem Protestzug in Dresden zeigt Gedenkrundgang und keine „Demo gegen rechts“

Ein Foto eines kleinen Protestzuges soll laut Nutzerinnen und Nutzer in Sozialen Netzwerken eine „Demo gegen rechts” zeigen. Medien hätten bei der Zahl der Teilnehmenden gelogen, wie das Bild beweise. Beides ist falsch.

von Matthias Bau

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Anders als online behauptet, berichteten Medien über die Größe dieses Gedenkmarsches nicht falsch (Quelle: Facebook; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Foto eines kleinen Protestzuges zeige eine Demonstration gegen rechts in Dresden. Medien würden fälschlicherweise über 100.000 Teilnehmer berichten.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Das Foto zeigt einen Mahngang zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Dresden am 27. Januar 2024, an dem laut Veranstaltern 300 Menschen teilnahmen. Es gibt keine Medienberichte über eine Teilnahme von 100.000 Menschen bei dem Mahngang.

Nachdem CORRECTIV ein geheimes Treffen von AfD-Politikern, Mitgliedern der CDU und Neonazis aufdeckte, bei dem die Vertreibung von Millionen Menschen aus Deutschland besprochen wurde, finden bundesweit Demonstrationen statt.

Nutzerinnen und Nutzer in Sozialen Netzwerken versuchen seitdem, die Demonstrationen zu diskreditieren. Aktuell heißt es etwa über ein Foto einer kleinen Gruppe von Demonstrierenden in Dresden auf Facebook und X: „Demo gegen rechts in Dresden. Na da kommen doch locker wieder ein paar 100.000 zusammen. In den Medien.“ So wird einerseits behauptet, die Proteste gegen die AfD und „rechts“ seien sehr klein und andererseits, Medien würden größere Teilnehmendenzahlen erfinden.

Screenshot eines Beitrages
Anders als auf Facebook behauptet, gab es keine Medienberichte über „Demonstrationen gegen rechts“ in Dresden, bei denen 100.000 Menschen teilgenommen haben sollen (Quelle: Facebook; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Foto zeigt Gedenkmarsch zur Erinnerung an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz

Wir haben mit einer Bilder-Rückwärtssuche nach dem Aufnahmeort des Bildes gesucht. Dabei stießen wir auf einen Faktencheck von Mimikama, der wiederum die DPA zitiert. Dort heißt es, die Aufnahme zeige einen Mahngang am Terrassenufer in Dresden am 27. Januar 2024, zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus. An diesem Datum wird jährlich an den 27. Januar 1945 erinnert: Der Tag, an dem die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreite. 

Ein Vergleich des Bildes auf Facebook mit Aufnahmen bei Google Maps zeigt, dass dieser Aufnahmeort korrekt ist. 

Screenshot eines Beitrages mit Markierungen
An zahlreichen Landmarken ist zu erkennen, dass das Foto auf Facebook das Terrassenufer in Dresden zeigt (Quelle: Facebook; Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)
Screenshot von Google-Streetview
… darunter ein Torbogen (grüne Markierung), ein Verkehrsschild und das Schild einer Bushaltestelle (orangene Markierung) und eine goldene Statue auf der Hochschule für Bildende Künste Dresden (Quelle: Google Maps; Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Veranstalter bestätigt, dass das Foto einen Gedenkmarsch in Dresden zeigt

Laut der Sächsischen Zeitung hat der Verein Ostra zu dem Mahngang aufgerufen. In den Reden sei es auch um die Geheimplan-Enthüllungen und ein Verbot der AfD gegangen. Der Verein teilte auf Facebook Fotos des Mahngangs. Ein Vergleich mit der Aufnahme auf Facebook und X zeigt, dass es sich um dieselbe Veranstaltung handelt. Das ist zum Beispiel an dem roten Lautsprecherwagen mit Boxen auf dem Dach und einem blauen Transparent an der linken Seite zu erkennen. 

Vergleich von Fotos des Gedenkmarsches mit dem Foto auf Facebook
Die Boxen (gelbe Markierung) auf dem Dach des roten Wagens sowie die beiden Transparente (grüne und pinke Markierung) sind deutliche Hinweise darauf, dass auf beiden Bildern der Mahngang in Dresden am 27. Januar 2024 zu sehen ist (Quelle: Facebook und Facebook/Christopher Colditz; Screenshot, Collage und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Der Verein bestätigte der DPA, dass auf dem Bild in Sozialen Netzwerken der Gedenkmarsch im Januar 2024 zu sehen ist. Auf seiner Webseite und auf Facebook steht, dass an dem Gedenkmarsch rund 300 Menschen teilnahmen. Darüber, dass bei dem Gedenkmarsch 100.000 Menschen gewesen sein sollen, fanden wir keine Medienberichte. 

In Sachsen demonstrierten laut Medienberichten 100.000 Menschen am 21. Januar 2024

In einigen Städten, wie Berlin oder Hamburg, kamen zu Protesten gegen die AfD und „Rechts“ in den vergangenen Woche immer wieder mehr als hundertausend Menschen zusammen. Darüber, dass in Dresden alleine 100.000 Menschen protestiert hätten, fanden wir jedoch keine Medienberichte. 

Laut MDR und Sächsischer Zeitung protestierten in ganz Sachsen am 21. Januar „mehr als 100.000 Menschen“. Über die Demonstrationen in einzelnen Städten schreibt der MDR: „Die größten Kundgebungen gab es in Leipzig und Dresden, wo laut Organisatoren 60.000 beziehungsweise 40.000 Teilnehmer gezählt wurden. Die Polizei in Leipzig spricht von einer Zahl im ‚mittleren fünfstelligen Bereich‘, die Polizei Dresden gibt auf Anfrage von MDR Sachsen eine vorsichtige Schätzung von 30.000 Menschen ab.“

Redigatur: Gabriele Scherndl, Paulina Thom

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Faktencheck der DPA, „Medien berichteten nicht von 100.000 Demonstrierenden in Dresden“: Link

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.