Gesundheit

Nein, diese Studien belegen nicht, dass die Grippe-Impfung von Kleinkindern „völlig wirkungslos“ ist

Der österreichische Blog TKP versucht mit Studien und Aussagen der US-Arzneimittelbehörde zu begründen, dass die Grippe-Impfung von Kleinkindern „völlig wirkungslos“ sei. Doch die Argumentation hält einem Faktencheck nicht stand.

von Matthias Bau

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Der österreichische Blog TKP stellt Grippe-Impfungen als „völlig wirkungslos“ dar, verzerrt dabei aber Studienergebnisse (Foto: Dmitrii Marchenko / Zoonar / Picture Alliance)
Behauptung
Die Grippe-Impfung von Kleinkindern sei völlig wirkungslos. Denn laut einer Studie aus Spanien habe ein Impfprogramm nicht zu weniger Grippefällen oder Krankenhauseinweisungen geführt. Eine Studie aus den USA zeige, dass Geimpfte im Vergleich zu Ungeimpften ein um 27 Prozent erhöhtes Risiko hätten, an Grippe zu erkranken. Außerdem erhöhe die Grippe-Impfung bei Kleinkindern laut der US-Arzneimittelbehörde das Risiko für Fieberkrämpfe, die keine harmlose Nebenwirkung seien.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Die Studien sind kein Beleg für die generelle Wirkungslosigkeit der Grippe-Impfung. Die Autorinnen der spanischen Studie erwägen verschiedene Gründe dafür, warum das Impfprogramm nicht den erhofften Effekt gehabt haben könnte, zum Beispiel, dass die Impfquote zu niedrig war. Das Studienergebnis aus den USA interpretiert TKP laut einem der Studienautoren falsch, es zeige lediglich, dass die Impfung zu einem bestimmten Zeitraum möglicherweise nicht den Schutz geboten habe, den man erwarten würde. Das erhöhte Risiko für Fieberkrämpfe bezieht sich auf wenige Fälle bei einer Millionen verabreichter Impfungen. Laut Fachinstitutionen sind Fieberkrämpfe eine harmlose Nebenwirkung von Impfungen.

Gleich mehrere Publikationen sollen zeigen, dass die Grippe-Impfung von Kleinkindern „völlig wirkungslos“ ist. Das behauptet der österreichische Blog TKP Ende Mai und deutet an, dass die Influenza-Impfung mehr schaden als nutzen würde.

Die angeführten angeblichen Belege beweisen das jedoch nicht. TKP greift in dem Artikel einzelne Studienergebnisse heraus, lässt deren Kontext teils weg und leitet fälschlicherweise ein Urteil über die generelle Wirksamkeit der Grippe-Impfung ab.

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TKP bezieht seine Argumentation aus dem Blog von Nicolas Hulscher, laut Selbstbezeichnung Epidemiologe bei der McCullough Foundation. Das ist eine private US-Stiftung, deren Vertreter schon häufiger Falschinformationen über Impfstoffe verbreiteten. TKP hatte bereits während der Covid-19-Pandemie mehrfach falsche und irreführende Informationen veröffentlicht, die sich dann über Soziale Netzwerke verbreiteten. Auch in diesem Fall griffen Andere die Behauptung auf.

Screenshot eines X-Posts von TKP.
TKP bezieht sich in seinem Artikel auf den Blog von Nicolas Hulscher. Beide Seiten bebildern ihre Artikel ähnlich (Quelle: TKP / James Gathany / Judy Schmidt / USCDCP; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Studie aus Spanien untersucht nicht den individuellen Impfschutz

TKP thematisiert zunächst eine Studie aus Spanien. Diese habe keinen messbaren Effekt der Impfung in Bezug auf Erkrankungen in der Altersgruppe null bis zwei und zwei bis vier Jahren zeigen können, sowie keinen Rückgang der Krankenhauseinweisungen und keine Schutzwirkung für den Rest der Bevölkerung in der Region feststellen können.

Die Studie wurde von Forschenden in einer bestimmten Region Kataloniens, nordöstlich in Spanien, durchgeführt und im April 2026 veröffentlicht. Sie untersucht den Zusammenhang zwischen dem 2023/24 landesweit eingeführten Impfprogramm gegen Influenza (Grippe) für Kinder zwischen 6 und 59 Monaten und der Zahl der Influenzafälle sowie grippebedingter Krankenhausaufenthalte in allen Altersgruppen. 

Die Forschenden verglichen die Fallzahlen vor Einführung des Impfprogramms (Influenzasaison 2018/19 bis 2022/23) mit jenen nach Einführung des Impfprogramms (Influenzasaison 2023/24 und 2024/25). In die Studie wurden rund 10.000 Patientinnen und Patienten eingeschlossen, die entweder einen positiven Influenzatest oder eine Influenzadiagnose im Krankenhaus hatten.

Impfquoten zu gering, um Schutzeffekt für die Bevölkerung zu erzielen

Wie auch die Autorinnen der Studie selbst schreiben, geht die Einführung des Grippe-Impfprogramms bei Kleinkindern laut ihrer Untersuchung tatsächlich nicht mit einem Rückgang von Grippefällen oder grippebedingten Krankenhauseinweisungen einher. 

Das belegt allerdings nicht, dass die Impfung „völlig wirkungslos“ ist. Denn für die ausgebliebene Wirkung auf Bevölkerungsebene, darauf weisen auch die Autorinnen hin, gibt es mehrere Gründe, die in Betracht gezogen werden müssen:

Niedrige Impfquoten: Die Impfquoten könnten mit 19 und 27 Prozent in den Jahren 2023/24 und 2024/25 zu gering gewesen sein, um einen Schutzeffekt mit Blick auf die Bevölkerung zu erzielen. Andere Studien würden darauf hindeuten, dass dafür Impfquoten von 50 bis 60 Prozent notwendig seien. 

Einführung von Schnelltests: Zudem müsse berücksichtigt werden, dass im Dezember 2020 Schnelltests für Influenza eingeführt wurden. Das könne zu einer Verzerrung geführt haben, da es in den Jahren zuvor wahrscheinlich eine Untererfassung von Krankheitsfällen gegeben habe. 

Impfeffektivität: Hinzu komme, dass die Influenza-Impfung nicht in allen Jahren perfekt zu den kursierenden Influenzaviren gepasst haben könnte. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) auf seiner Webseite erklärt, verändern sich Influenzaviren ständig, darum müssen Impf-Hersteller die Zusammensetzung des Impfstoffs in der Regel jährlich an die voraussichtlich dominierenden Virusvarianten anpassen.

Auch Hanna Renk sieht in der Studie deshalb keine ausreichenden Belege für eine fehlende Wirksamkeit der Grippe-Impfung. Renk ist Oberärztin der Kinderinfektiologie am Universitätsklinikum Tübingen. Auf Anfrage begründet sie ihre Einschätzung unter anderem damit, dass die Studie eben nicht den individuellen Impfschutz untersuche, sondern epidemiologische Effekte auf Bevölkerungsebene – und das bei vergleichsweise niedrigen Impfquoten.

Wir haben TKP um eine Stellungnahme zu dieser Kritik gebeten. Peter F. Mayer, Autor des Artikels, antwortete uns, er halte das Impfprogramm für gescheitert, da es die Menschen nicht zu Impfungen habe bewegen können. Den Einwand, dass die Einführung von Schnelltests das Ergebnis der Studie verzerren könnte, lässt er nicht gelten. Mayer betont erneut, dass das Programm in der Altersgruppe, die geschützt werden sollte, keinen messbaren Effekt gehabt habe. Er bleibt dabei: Er lese aus den angesprochenen Daten eine „völlige Wirkungslosigkeit“ heraus.

TKP lässt Aspekte aus Cleveland-Clinic-Studie weg

Um Influenza-Impfungen ihre Wirksamkeit abzusprechen, zieht TKP eine zweite Publikation heran, die mehrere Forscher im Oktober 2025 veröffentlicht hatten. TKP schreibt, deren Ergebnisse zeigten, dass das Risiko an Influenza zu erkranken für gegen Grippe geimpftes Gesundheitspersonal in der Saision 2024/25 (verglichen mit ungeimpftem Personal) um 27 Prozent erhöht gewesen sei. 

Diese Zahl findet sich in der Studie, die TKP verlinkt, nicht, sie stammt aus einer alten Version. In der Studie heißt es in der aktuellsten Version: Die Wahrscheinlichkeit für Geimpfte, an Influenza zu erkranken, sei zu einem bestimmten Zeitpunkt höher als bei Ungeimpften: Nämlich dann, wenn die Infektionstätigkeit hoch war. Bei niedriger Infektionstätigkeit gab es hingegen keine erhöhte Wahrscheinlichkeit – was TKP in seinem Blogbeitrag aber nicht erwähnt. Die Studie erschien als sogenannter Preprint, sie wurde also nicht von anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern vor der Veröffentlichung begutachtet. 

Laut Studienautoren sind die Ergebnisse kein Beleg für „Totalversagen“

Auch bei dieser Studie sind bestimmte Faktoren – die TKP auslässt – relevant, um das Ergebnis einordnen zu können. So weisen die Forschenden zum Beispiel darauf hin, dass sich die Geimpften möglicherweise eher auf Influenza testen ließen, weil sie generell ein höheres Gesundheitsbewusstsein hätten. Auch könne es sein, dass nicht alle Erkrankungen erfasst worden seien, zum Beispiel dann, wenn Studienteilnehmende sich woanders testen ließen. 

Wir haben die Autorinnen und Autoren der Studie kontaktiert und gefragt, wie sie die Aussagen von TKP bewerten. Einer von ihnen, Nabin K. Shrestha, schreibt: Die Studienergebnisse seien kein Beleg dafür, dass Impfungen gegen Influenza als völlig wirkungslos bezeichnet werden können und auch nicht dafür, dass die Impfung Menschen anfälliger für eine Infektion mache.

Sie seien lediglich ein Beleg dafür, dass die Impfung in dieser Saison möglicherweise nicht den Schutz geboten habe, den man erwarten würde. Laut Shrestha kann die Impfeffektivität von Jahr zu Jahr unterschiedlich sein, in manchen Jahren würde die Impfung nicht zwangsläufig zu einem milderen Krankheitsverlauf führen. Er fordert: „Wir müssen das anerkennen und unser Bestes tun, um den bestmöglichen Impfstoff herzustellen.“ 

TKP-Autor Mayer sieht in dem Preprint dennoch einen Beleg für seine These. Formulierungen seien im Nachhinein abgemildert und Zahlen entfernt worden, weil das Ergebnis dem allgemeinen Konsens widerspreche. Das Ergebnis spreche für sich, die Einordnung von Studienautor Shrestha ändere nichts, schreibt Mayer. 

Risiko für Fieberkrämpfe nach Impfung kurzzeitig erhöht – aber das ist es auch im Fall einer Grippe-Infektion

Als letzten vermeintlichen Beleg gegen die Influenza-Impfung führt TKP ein Schreiben der US-Lebensmittel- und Arzneimittelbehörde (FDA) an. Die FDA, die unter anderem die Sicherheit von Impfstoffen bewertet, habe bestätigt, dass es bei Kindern im Alter zwischen sechs Monaten und vier Jahren ein „signifikant erhöhtes Risiko für Fieberkrämpfe“ nach Grippe-Impfungen gebe. 

Diese Angabe bezieht sich auf Studienergebnisse, wie sie auf der ersten Seite eines Schreibens der FDA an einen Impfstoffhersteller stehen. Dabei geht es, wie auch TKP schreibt, um das sogenannte relative Risiko.

Als relatives Risiko wird das Verhältnis zweier Risiken zueinander beschrieben. Wenn beispielsweise Migräne bei 2 von 100 Geimpften auftritt und bei Ungeimpften nur bei 1 von 100, dann würde die Impfung das Risiko für Migräne um 50 Prozent steigern. Das relative Risiko klingt in diesem Fall groß, die absolute Steigerung der Fälle ist jedoch sehr klein.

In dem von TKP aufgegriffenen Fall wurde das Risiko für Kinder im Alter von sechs Monaten bis vier Jahren am Tag der Grippeimpfung oder am darauffolgenden Tag einen Fieberkrampf zu bekommen, mit dem Risiko verglichen, an Tag 8 bis 63 einen Fieberkrampf zu bekommen. Dabei zeigte sich, dass das relative Risiko um 97 Prozent beziehungsweise 194 Prozent erhöht war.

Wie im vorherigen Beispiel lassen sich diese Prozentangaben mit Blick auf die absoluten Zahlen einordnen. So erklärt auch TKP, dass dies für den einen Fall (Tag der Grippe-Impfung und Folgetag) bedeute, dass es zu rund 21 Fieberanfällen pro einer Millionen Impfdosen kam und im anderen Fall (Tag 8 bis 63 nach der Grippeimpfung) zu rund 44 Fällen bei einer Millionen Impfdosen. Dieses Verhältnis wertet TKP irreführend als eine „Bestätigung der Gefährlichkeit“. 

Weiter betont TKP, dass die Studienergebnisse laut FDA einen kausalen Zusammenhang zwischen Influenza-Impfstoffen und Fieberkrämpfen bei Kindern im Alter von sechs Monaten bis vier Jahren nahelegen würden. Das heißt, es gibt Hinweise dafür, dass die Impfstoffe Ursache für die Fieberkrämpfe sein könnten. Belegt sei das jedoch nicht, so die Einordnung von Hanna Renk. Zusätzlich erklärt Renk: Fieberkrämpfe könnten im Zusammenhang mit Impfungen, aber auch mit Infektionskrankheiten auftreten und seien insgesamt ein sehr seltenes Ereignis. Auch die Uniklinik Freiburg beschreibt Fieberkrämpfe als mögliche Folge einer Influenza.

Fieberkrämpfe „im medizinischen Sinne harmlos“

Wie die deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) auf ihrer Webseite schreibt, würden Fieberkrämpfe zumeist von den Eltern als sehr bedrohlich empfunden. „Dabei bleibt er aber in der Regel ohne gesundheitliche Folgen für das Kind, er ist im medizinischen Sinne harmlos.“

Ähnlich äußert sich die US-Gesundheitsbehörde CDC (Center for Disease Control): „Fieberkrämpfe können bedrohlich wirken, aber nahezu alle Kinder, die einen Fieberkrampf haben, erholen sich schnell davon. Fieberkrämpfe verursachen keine dauerhaften Schäden und haben keine langfristigen Auswirkungen.“

Auf Anfrage schrieb uns TKP-Autor Peter. F. Mayer, er teile die Einschätzungen der DGKJ und des CDC nicht. Fieberkrämpfe seien nicht harmlos, auch wenn sie in der Regel keine bleibenden Schäden hinterlassen würden.

Keine Belege, dass die Grippe-Impfung bei Kleinkindern wirkungslos oder schädlich ist

Auch sonst gibt es für die Behauptung TKPs, die Grippe-Impfung für Kleinkinder sei wirkungslos und schädlich, laut Fachleuten keine Belege. Renk schreibt, so eine Behauptung werde „durch die aktuelle wissenschaftliche Evidenz nicht gestützt.“ 

Die Infektiologin schreibt uns, die Wirksamkeit der Impfung hänge vom Alter des Kindes, des Virusstamms der aktuellen Saison und dem verwendeten Impfstoff ab. Dessen Effektivität können von Saison zu Saison variieren. „Studien zeigen, dass die Impfung Erkrankungen verhindern und insbesondere bei Kindern einen wichtigen Beitrag zum individuellen Schutz leisten kann. Für Kinder ab zwei Jahren steht zudem ein nasaler Lebendimpfstoff zur Verfügung, der in Studien eine hohe Wirksamkeit gezeigt hat“, schreibt sie uns.

In Deutschland werden nach Informationen des RKI die durch Influenza-Impfungen verhinderten Krankheitsfälle auf etwa 400.000 pro Jahr bei Personen über 60 Jahren geschätzt. Zudem zeigten zahlreiche Studien, dass eine Erkrankung bei geimpften Personen milder verläuft. So kommt das RKI zu der Einschätzung: „Die Influenza-Impfung kurz vor der Grippewelle bleibt die beste Präventionsmaßnahme auf Bevölkerungsebene, um das Risiko von Influenza-Erkrankungen zu verringern.“

Auch das Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das zugelassene Impfstoffe in Deutschland überwacht, schreibt uns auf Nachfrage: „Obwohl die Wirksamkeit der Grippe-Impfung niedriger ausfallen kann als bei anderen Impfstoffen, können aufgrund der Häufigkeit von Influenza-Infektionen dennoch viele Erkrankungsfälle durch Impfungen verhindert werden.“ 

Darüber hinaus gilt, wie bei allen Impfstoffen: Wenn das Risiko durch mögliche Nebenwirkungen höher ist als der Nutzen, würde ein Impfstoff keine Zulassung erhalten oder behalten. Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt in Deutschland die Influenza-Impfung bestimmten Risikogruppen, darunter Kindern ab sechs Monaten, sofern sie eine erhöhte gesundheitliche Gefährdung aufgrund einer Grunderkrankung haben.

Redigatur: Kimberly Nicolaus, Gabriele Scherndl

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Spanische Studie zur Wirkung des Influenza-Impfprogramms in Katalonien „Association Between the Introduction of Pediatric Influenza Vaccination and Influenza Diagnoses in Primary Care and Hospitalizations: An Interrupted Time Series Study“, 22. April 2026: Link (Englisch)
  • Amerikanischer Preprint, „Effectiveness of the Influenza Vaccine During the 2024-2025 Respiratory Viral Season: A Prospective Cohort Study“, 11. Oktober 2025: Link (Englisch)