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Faktencheck

Fakten für die Demokratie

Falschmeldungen stellen eine Gefahr für die Demokratie dar. Unsere Faktenchecker gehen Gerüchten nach und veröffentlichen ihre Rechercheergebnisse auf dieser Seite. Mehr erfahren

Eine Frau montiert einen Motor in einem Audi-Werk in Ingolstadt.© Christof Stache / AFP

Artikel

Liegt die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen in Deutschland bei 21 oder bei 6 Prozent?

Die CDU nennt die von der SPD zitierten 21 Prozent eine „Fantasiezahl“ und behauptet, dass der Gender Pay Gap nur sechs Prozent beträgt. Was steckt hinter diesen Zahlen? Wir klären auf.

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von Jacques Pezet

In einem Interview mit dem „Tagesspiegel“ am 20. August 2017 greift das CDU-Präsidiumsmitglied Jens Spahn die Wahlkampagne der SPD an: „Auch bei anderen Themen macht die SPD mit Fantasiezahlen Stimmung. Da wird dreist behauptet, die Lohnlücke zwischen Männern und Frauen betrage 21 Prozent, dabei sind es nur sechs. Die Sozialdemokraten beschädigen so nicht nur die Glaubwürdigkeit von Politik und Demokratie, sie spalten bewusst die Gesellschaft“.

Hat die SPD behauptet, dass die Lohnlücke 21 Prozent beträgt? Ja, sogar mehrmals. In ihrem Regierungsprogramm ist zu lesen: „Frauen erhalten im Durchschnitt 21 Prozent weniger Lohn als Männer“ und auf Straßenplakaten sowie auf der Webseite der SPD erscheint dieses Bild:

Wahlplakat der SPD

Wahlplakat der SPD

SPD

Am 20. August 2017 twitterte der Spitzenkandidat Martin Schulz folgende Nachricht: „Warum bekommen unsere Töchter Ø 21% weniger Gehalt als unsere Söhne? Als Vater macht mich das wütend. Als Bundeskanzler will ich das ändern.“

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Tweet von Martin Schulz am 20.08.2017

Martin Schulz

Der Unterschied: unbereinigt und bereinigt

6 oder 21 Prozent, das ist hier die Frage, die wir lösen möchten. In der Tat sind beide Zahlen in vielen Dokumenten des Statistischen Bundesamt zu finden.

So konnte man in einer Pressemitteilung vom März 2017 sowohl lesen, dass „im Jahr 2016 der durchschnittliche Bruttostundenverdienst von Frauen mit 16,26 Euro um 21 % niedriger als der von Männern (20,71 Euro) [war]“, als auch, dass der  „sogenannte bereinigte Gender Pay Gap 2014 bundesweit bei 6 % [lag]“.

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Grafik aus der Broschüre “Verdienste auf einen Blick, 2017” vom Statistischen Bundesamt

Um den Unterschied zwischen beiden Zahlen zu verstehen, ist eine Definition für beide Konzepte nötig. Laut Statistischem Bundesamt vergleicht der unbereinigte Gender Pay Gap „den Durchschnittsverdienst aller Arbeitnehmer beziehungsweise Arbeitnehmerinnen in allgemeiner Form miteinander. Mithilfe des unbereinigten Gender Pay Gap wird auch der Teil des Verdienstunterschieds erfasst, der durch schlechtere Zugangschancen von Frauen hinsichtlich bestimmter Berufe oder Karrierestufen verursacht wird, die möglicherweise ebenfalls das Ergebnis benachteiligender Strukturen sind“.

Klarer gesagt: Der unbereinigte Gender Pay Gap vergleicht die Bruttoeinkommen von allen Frauen mit denen von allen Männern in Deutschland – egal ob sie unterschiedlichen Berufe ausüben und wie lange sie arbeiten. In der obigen Grafik entspricht das dem 4,43 Euro-Unterschied.

Beim bereinigten Gender Pay Gap werden diese Strukturunterschiede ignoriert. Man vergleicht nur Männer und Frauen „mit vergleichbaren Qualifikationen, Tätigkeiten und Erwerbsbiographien“. Auch in diesen Fällen gibt es eine Lohnlücke. In der obigen Grafik lag der allgemeine Lohnunterschied bei 1,16 Euro, was 5,84 Prozent im Jahr 2014 entsprachen.

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21 Prozent ist keine Fantasiezahl 

Die Frage von Martin Schulz „Warum bekommen unsere Töchter im Durchschnitt 21% weniger Gehalt als unsere Söhne?“ lässt sich so beantworten: Weil sie in anderen Branchen arbeiten, in denen sie andere Berufe ausüben. Weil sie auch Jobs haben, in denen weniger Qualifikation und Führung gefragt wird. Und weil sie öfter in Teilzeit arbeiten als Männer: Laut Eurostat arbeiteten 46,5 Prozent der erwerbstätigen Frauen in Deutschland in Teilzeit im Jahr 2016. Bei den Männern waren es nur 9,4 Prozent. Wenn diese Situationen sich ändern würde, dann könnte der Gender Pay Gap geringer werden, und Vater Schulz wäre dann nicht mehr wegen der Benachteiligung seiner Töchter wütend.

Was den Satz aus dem Parteiprogramm betrifft: Auch er ist nicht falsch. Es stimmt, dass Frauen in Deutschland im Schnitt 21 Prozent weniger als Männer verdienen. Im Gegensatz zu Jens Spahns Aussage handelt es sich nicht um eine „Fantasiezahl“, sondern um eine Zahl, die dem unbereinigten Gender Pay Gap entspricht.

Das Werbeplakat der SPD ist irreführend

Der CDU-Politiker hat aber Recht im Fall des SPD-Plakats. Demnach scheint ja diese Frau, die „100 % leistet“, „21 % weniger“ als ein Mann zu verdienen, der sicherlich auch „100 % leistet“. Wenn beide den gleichen Job ausüben und den gleichen Lebenslauf haben, dann sollte laut Statistik der Lohnunterschied bei ungefähr sechs Prozent liegen. In diesem Kontext ist die SPD-Zahl also irreführend.

Fazit: Die beiden Zahlen beschreiben unterschiedliche Lohnlücken. Bei den 21 Prozent werden die Bruttolöhne von allen Frauen mit denen von allen Männern verglichen, während die sechs Prozent dem Lohnunterschied von Frauen mit den gleichen Qualifikationen und Lebenserfahrungen von Männern entspricht.

Der spanische Altkönig Juan Carlos verlässt das San Jose Krankenhaus am 18. April 2012 in Madrid. Dort wurde er behandelt, nachdem er sich bei einem Jagdausflug mit afrikanischen Elefanten die Hüfte gebrochen hatte.© DOMINIQUE FAGET / AFP

Artikel

Altkönig Juan Carlos ist seit Juli 2012 nicht mehr Ehrenpräsident von WWF Spanien

Laut einem Artikel von April 2012 war der WWF-Ehrenpräsident und spanische Altkönig Juan Carlos auf Elefantenjagd in Botswana. Die Nachricht wird im Jahr 2018 weiter geteilt. Der Altkönig hat sein Ehrenamt im Juli 2012 verloren.

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von Jacques Pezet

Seit dem 6. August 2018 wird der sechs Jahre alte Artikel „WWF Ehrenpräsident auf Elefantenjagd in Afrika“ von der Webseite des Vereins „Rettet den Regenwald“ in sozialen Medien verbreitet. Auf der Facebook-Seite „Animal Peace“ wurde der Artikel in den letzten Tagen mehr als 200 Mal geteilt.

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Screenshot aus der Facebook-Seite „Animal Peace“ am 10.8.18

Wenn man auf den Artikel klickt, sieht man, dass „Rettet den Regenwald“ den Artikel am 16. April 2012 veröffentlichte. In dem Artikel wird berichtet, dass der ehemalige spanische König Juan Carlos auf Elefantenjagd in Botswana war. Der Monarch war damals auch Ehrenpräsident der Naturschutzorganisation WWF, die sich für die Bewahrung der biologischen Vielfalt einsetzt.

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Nach der Berichterstattung über seinen Jagdausflug im April 2012 beschlossen die Mitglieder von WWF Spanien, das Ehrenamt des Altkönigs Juan Carlos abzuschaffen. Am 21. Juli 2012 verlor der spanische Monarch sein Amt bei WWF Spanien.

Unsere Bewertung:
Wahr

Die Szene sieht echt, aber dieser Löwe wurde durch Spezialeffekte in das Video eingefügt.

Artikel

Nein — Dieses Video von Trophäenjägern ist nicht echt.

Auf Facebook kursiert der folgende Artikel der Webseite „stimmung.co“: „Das Paar tötet einen Löwen und lächelt für das Foto. Was Sekunden später im Hintergrund geschieht, lässt mir die Haare zu Berge stehen“.

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von Jacques Pezet

Auf Facebook kursiert der folgende Artikel der Webseite „stimmung.co“: „Das Paar tötet einen Löwen und lächelt für das Foto. Was Sekunden später im Hintergrund geschieht, lässt mir die Haare zu Berge stehen“.

Es handelt sich um einen Clickbait-Artikel. Im zweiten Absatz des Textes gibt „Stimmung.co“ zu: „Das Video ist jedoch nicht echt; weder Löwen noch Menschen kamen bei dem Dreh zu Schaden.“

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Es handelt es sich um ein virales Video von der australischen Werbeagentur „riotcontent.com“. Die Löwen wurden durch Spezialeffekte in das Video eingefügt.

Unsere Bewertung:
Falsch

So lautet eine Meldung von "Journalistenwatch". Die Aussage ist aber nicht richtig.

Artikel

Nein — Merkel-Störer ruft nicht „Allahu Akbar“

Journalistenwatch.com” glaubt, der 23-jährige Merkel-Störer hätte „Allahu Akbar” gerufen. Das stimmt nicht.

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von Caroline Schmüser

„Journalistenwatch.com“ behauptet, der 23-jährige Merkel-Störer hätte „Allahu Akbar“ gerufen. Das stimmt nicht.

Am 14. März 2018 postete „Journalistenwatch.com“ die folgende Meldung: „Merkel-Angreifer soll „Allahu akbar“ gerufen haben“

CORRECTIV hat in diesem Fall recherchiert. Wir konnten durch Rückfrage bei der Polizei Berlin erfahren, sowie durch Videos von „Phoenix“ und „EpochTimes“ sehen, dass ein Mann in Richtung der frisch gewählten Kanzlerin gestürmt war. Er sei ein 23-jähriger Afghane.

Der Mann hat nicht „Allahu Akbar“ gerufen

Die Polizeistelle Berlin bestätigte uns, dass der Mann nicht „Allahu Akbar“ gerufen hatte.

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Wir haben uns die Video von „Phoenix“ und „EpochTimes“ angeschaut und sind sicher, dass der 23-Jähriger ruft: „Frau Merkel, hilf mir bitte, hilf mir bitte!“

Im Video von „EpochTimes“ könnte der erste „Frau Merkel“-Ausruf mit „Allahu Akbar“ verwechselt worden sein.

Gegen 23-Jährigen wurde Strafanzeige erstattet

Gegen den 23-Jährigen wurde Strafanzeige erstattet. Er befindet sich derzeit in einem psychiatrischen Krankenhaus.

Zur Motivation des Störers gibt es laut Polizeiaussage noch keine Informationen.

Screenshot von dem Politikstube.com Artikel am 05.03.2018

Artikel

Politikstube.com beweist “bereits herrschenden Krieg” in Frankreich mit einem Video aus 2015

Laut „Politikstube“ verschweigen Medien einen bereits herrschenden Bürgerkrieg in Frankreich. Ein Video soll das beweisen. Es wurde im Jahr 2015 in Nordfrankreich gedreht. Über die gefilmten Unruhen berichteten überregionale Medien – sowohl in Frankreich als auch in Deutschland.

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von Jacques Pezet

Am 4. März 2018 hat die deutschsprachige Webseite „Politikstube.com“ den Artikel „In Frankreich herrscht bereits Krieg: Medien schweigen“ veröffentlicht. Dort wird ein Video von einer Krawalle gezeigt, bei denen Menschen, die Französisch sprechen, Steine auf Polizisten werfen und Autos anzünden.

Dazu schreibt „Politikstube.com“: „Hier wieder ein paar Bilder aus Frankreich. Der Bürgerkrieg ist hier im vollen Gange, anders kann man die Szenen im Video nicht deuten. Und was machen die Medien, sie schweigen und vertuschen immer mehr die Realität“.

Wann wurde das Video gedreht?

„Politikstube.com“ hat das Video auf der Plattform Vimeo am 4. März veröffentlicht. Wir haben versucht herauszufinden, ob das Video schon vorher Online gestellt worden war. Dafür haben wir auf Französisch die folgenden Wörter „vidéo affrontement policiers racailles“ (auf Deutsch: „Video Kampf Zusammenstoß Pöbel“) gegoogelt. Auf der dritten Seite der Videoergebnisse konnten wir den folgenden Link finden:

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Screenshot aus den Google Ergebnisse

So konnten wir sehen, dass das Video nicht aktuell ist. Anhand des Verifizierung-Pluggins InVid konnten wir ein anderes Video finden und den Namen der französischen Stadt Tourcoing herausfinden.

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So haben wir ein Video von Juni 2015 gefunden.

Laut französischen Medien wurde dieses Video im Viertel Bourgogne der nordfranzösischen Stadt Tourcoing im Juni 2015 gefilmt. Die Unruhen waren nach dem Tod von Pierre-Eliot Zighem, einem 19-jährigen Einwohner, ausgebrochen. Der junge Mann versuchte einer Polizeikontrolle zu entkommen, fuhr gegen einen Baum und starb.

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Haben die Medien diese Unruhen verschwiegen?

Nein. In Frankreich haben sowohl Lokalzeitungen wie La Voix du Nord, regionale Sender wie France Bleu Nord oder France 3, nationale Zeitungen wie Libération, Le Monde, die Presseagentur AFP oder den Fernsehsender BFMTV darüber berichtet.

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Viele französische Medien haben Artikel über die Krawallen von Tourcoing veröffentlicht

Obwohl es sich um eine regionale Unruhe in Frankreich handelt, haben überregionale deutsche Medien, wie Neues Deutschland, Zeit Online oder der Fernsehsender NTV, eine AFP-Meldung dazu auf ihren Webseiten veröffentlicht.

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Auch deutsche Medien berichteten über die Unruhen von Tourcoing.

Unsere Bewertung:
Falsch

Screenshot aus der Facebook-Seite des belgischen Fernsehsender VTM.

Artikel

„Frau verwechselt Haarschaum mit Bauschaum“ in einer belgischen Scripted-Reality Show

weiterlesen 1 Minuten

von Jacques Pezet

Eine Frau sitzt in einem Krankenhauszimmer, ihre Haare sind mit Bauschaum verklebt. Die Polizei trifft ein, hört der Frau zu, kann sich das Lachen nicht verkneifen. Die Webseite baufun.de – ein „Portal von PfuschAmBau“ – veröffentlichte ein Video davon.

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Das Video stammt aus der Sendung  „Echte Verhalen: De Buurtpolitie“ (vom flämisch auf Deutsch übersetzt: „Echte Geschichten: Die Nachbarschaftspolizei“) des belgischen Fernsehsender VTM.

Auf Facebook antwortete VTM auf der Frage „Ist das eine Parodie oder sind das echte Bullen?“  mit den folgenden Worten: „‘Echte Geschichten: Die Nachbarschaftspolizei’ ist Scripted-Reality. Das bedeutet, dass alle Fälle aus dem Programm auf wahren Fakten beruhen, aber von dort aus zu Polizeigeschichten verarbeitet werden, ohne die wahren Täter und Opfer zu zeigen. Die Serie sieht daher wie ein Reality-Programm aus, aber benutzt Schauspieler und ein Skript“.

Unsere Bewertung:
Das Video ist Scripted-Reality.

Screenshot von der Webseite des Deutschlandfunkes© Jacques Pezet

Artikel

Zwei Drittel der Teilnehmer des Integrationskurses mit Alphabetisierung erreichen das erwartete Sprachniveau A2

Mehr Analphabeten unter den Flüchtlingen? Kurse, die ihr Sprachniveau nicht verbessern? Eine Meldung der Bild am Sonntag sorgt für Aufsehen. Unser Faktencheck.

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von Jacques Pezet

In einer Kooperation mit Facebook überprüft CORRECTIV die Genauigkeit Artikeln, die auf dem sozialen Netzwerk geteilt werden. Unter den potenziell fehlerhaften Links befand sich in dieser Woche eine Nachricht von „Deutschlandfunk.de“. In dem kurzen Artikel wird behauptet, dass die Zahl der Analphabeten unter den Flüchtlingen gewachsen sei. Als Quelle für diese Information wird ein Artikel der „Bild am Sonntag“ genannt. Im Text erfährt man, dass „allein im ersten Halbjahr 2017 rund 43.000 Menschen an einem speziellen Integrationskurs für Analphabeten teilgenommen hätten. Dies sei ein Plus von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum“.

Die „Deutsche Presse-Agentur“ hat die Meldung an den „Deutschlandfunk“ und ihre anderen Kunden geliefert. Sie betont darin, dass die Sprachkurse den Flüchtlingen meistens nicht ermöglichen, arbeitsfähig zu werden: „Wie es (bei „Bild am Sonntag“, Anm.) weiter heißt, sprechen nach dem Kurs vier von fünf Flüchtlingen immer noch so schlecht Deutsch, dass sie keine Aussicht auf einen Hilfsjob oder eine Ausbildung haben. Besonders schlecht schneiden demnach Flüchtlinge aus Eritrea und dem Irak ab.“

Auf die Arbeit der „Bild am Sonntag“ brauchen wir nicht zu reagieren: Das hat der „Bild-Blog“ schon gemacht. In diesem Artikel werden wir uns um die Fakten kümmern, die wir durch unsere eigene Recherche und Gespräche mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) erfahren haben.

An wen wendet sich der Integrationskurs für Analphabeten?

Auf Anfrage von CORRECTIV verweist das BAMF zur Vorstellungswebseite seines Integrationskurses mit Alphabetisierung. Dort wird erklärt, dass sich diese spezielle Kursart an Zugewanderte richtet, die „nicht ausreichend lesen und schreiben können“. Das Bundesamt betont, dass der Alphabetisierungskurs „das Richtige“ für Menschen aus drei Hauptgruppen sein könnte:

  • Primäre Analphabeten: Menschen, die in ihrer Heimat nie zur Schule gegangen sind. Sie haben keine Schulerfahrung, manchmal auch keine „Stifterfahrung“. Das bedeutet, dass sich nicht lesen und schreiben können, und auch, dass ihnen Lernstrategien und Lerntechniken fehlen.

  • Funktionale Analphabeten: Menschen, die eine Schule besucht haben, deren Kompetenzen im Lesen und Schreiben aber so gering sind, dass sie für den Besuch eines allgemeinen Integrationskurses nicht ausreichen.

  • Zweitschriftlerner: das bezeichnet Menschen „die zwar mehrere Jahre Schulerfahrung nachweisen können, aber in einem nicht-lateinischen Schriftsystem alphabetisiert sind“. Sie können zum Beispiel arabische oder chinesische Schriftzeichen lesen, haben aber niemals unsere Buchstaben gelernt. So wie ein Deutscher Tourist in Tokyo.

Durch diese Definition versteht man, dass die Gruppe der Analphabeten nicht nur aus Menschen, die gar nicht lesen und schreiben können, besteht. Dieser Unterschied war in dem „Bild am Sonntag“-Artikel oder in der „DPA“-Meldung nicht erwähnt.

Leider konnte uns das BAMF nicht sagen, wie groß der Anteil von primären Analphabeten an dem Alphabetisierungskurs ist.

Wie viele Menschen nehmen an dem Integrationskurs für Analphabeten teil?

Auf Anfrage von CORRECTIV schreibt das BAMF: „Im Jahr 2016 gab es bundesweit insgesamt 62.688 neue Kursteilnehmer in Alphabetisierungskursen. Im ersten Halbjahr 2017 waren es insgesamt 42.939 neue Kursteilnehmer. Die Zahl der begonnenen Integrationskurse lag im ersten Halbjahr 2017 bei 10.466 Kursen, davon waren 3.285 (31,4 Prozent) Alphabetisierungskurse“.

Wie lange dauert der Kurs?

Laut dem BAMF besteht der Alphabetisierungskurs aus 900 Einheiten Alphabetisierung- und Deutschunterricht „sowie 100 Unterrichtseinheiten Orientierungskurs zur Vermittlung von Werten des gesellschaftlichen Zusammenlebens“. Zusätzlich besuchen die Teilnehmende „auf Grund ihrer besonderen Lernvoraussetzungen“ noch 300 Stunden Deutschunterricht. Nach dem Bundesamt beträgt der Umfang des Alphabetisierungskurses in der Regel 1.300 Unterrichtseinheiten.

Auf Anfrage von CORRECTIV ergänzt das BAMF: „Die Mindeststundenzahl pro Woche beträgt 12 Unterrichtseinheiten, die maximale Zahl 25 Unterrichtseinheiten, sodass es sowohl hinsichtlich der Stundenverteilung pro Woche als auch hinsichtlich der Gesamtlänge zu sehr unterschiedlichen Kursverläufen kommen kann.“ Je nachdem, wie viele Stunden die Teilnehmer pro Woche nehmen, brauchen sie für einen Kurs zwischen zwölf Monaten (für einen sehr fleißigen Teilnehmer) bis zu mehr als zwei Jahre, um den Kurs abzuschließen.

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Das bedeutet, dass das zitierte Ergebnis (17 Prozent der Teilnehmer erreichen das Sprachniveau B1, der als Voraussetzung für einen Hilfsjob oder eine Ausbildung gebraucht wird), nicht die Kursteilnehmer einschließt, die im Jahr 2017 begonnen haben.

62 Prozent der Teilnehmer erreichen das sprachliche Ziel A2

Im Konzept für den Alphabetisierungskurs steht als Vorgabe: „die Teilnehmenden innerhalb von maximal 1260 Unterrichtseinheiten dem Ziel der funktionalen Alphabetisierung möglichst nah zu bringen und gleichzeitig Deutschkenntnisse zu vermitteln“. Demnach soll im Kurs das Sprachniveau B1 erreicht werden. Laut dem gemeinsamen europäischen Referenzrahmen für Sprachen bescheinigt das jemandem „ohne die Hilfe oder Vermittlung Dritter in allen Angelegenheiten des täglichen Lebens selbstständig handeln zu können.“

Das Bundesamt gibt aber zu: „Dies kann von primären Analphabeten sowie einem Großteil der funktionalen Analphabeten innerhalb der Förderdauer jedoch nicht erreicht werden. Daher ist als sprachliches Ziel im Rahmen der individuellen Maximalförderung für den großen Teil der Lerner das Sprachniveau A2.2 realistisch. Für einen kleineren Teil der Lerner, vorwiegend primäre Analphabeten, ist das Niveau A2.1 realistisch.“

Werden diese Ziele erreicht? Auf Anfrage von CORRECTIV antwortet das BAMF:

„Derzeit erreichen 17 Prozent der Kursteilnehmer eines Alphabetisierungskurses das Niveau B1, rund 45 Prozent erreichen das Niveau A2. Dabei liegt der Anteil der Alphabetisierungskurs-Teilnehmer, die das Sprachniveau B1 erreichen, unter demjenigen der Teilnehmer der anderen Kursarten“.

Fazit: Die Meldungen von „Bild am Sonntag“ und der „DPA“ stellen nicht klar, dass es auch alphabetisierte Menschen (Zweitschriftlerner) unter den Teilnehmern der Alphabetisierungskurse gibt. Außerdem wird von den Teilnehmer des Kurses erwartet, dass sie den Sprachniveau B1 erlangen, obwohl das Bundesamt für Migration und Flüchtling das als unrealistisch für Analphabeten bezeichnet und von ihnen das Sprachniveau A2 erwartet. Dies wird von 67 Prozent der Kursteilnehmer erreicht.

Der Schweizer Islamologe Tariq Ramadan. Frühere Anhängerinnen werfen ihm sexuelle Übergriffe vor.© MEHDI FEDOUACH / AFP

Artikel

Non, Médiapart n’a pas protégé Tariq Ramadan

Le site d’information français “Mediapart” est attaqué. il aurait été au courant des possibles agressions sexuelles de l’islamologue Tariq Ramadan, qu’il aurait tu. Notre vérification montre que ces accusations ne reposent sur aucun fait ou preuve. Au contraire, elles semblent reposer sur d’anciennes querelles.

weiterlesen 4 Minuten

von Annika Joeres

CORRECTIV effectue et publie régulièrement des recherches avec son partenaire français „Mediapart“. Le site d’investigation a révélé de nombreux scandales, tel que le compte en Suisse d’un ministre des finances socialiste, qui a ensuite démissionné ou des aides financières du dictateur libyen Muhammar Kadhafi versées pour la campagne de l’ancien président Nicolas Sarkozy. Aussi c’est „Médiapart“ qui a révélé les agressions sexuelles de Denis Baupin, dirigeant des Verts, qui dut quitter son poste de vice-président de l’Assemblée Nationale.

Le site d’information défend également l’idée, que les Musulmans doivent pouvoir profiter des mêmes droits que les autres croyants.  A sa tête se trouve Edwy Plenel, qui est souvent critiqué pour ses positions libérales. Plenel a participé à deux reprises à des conférences, aux côtés de l’islamologue controversé Tariq Ramadan. Plusieurs femmes accusent Tariq Ramadan de viol et de chantage. Le parquet de Paris s’est saisi du dossier. Presque au même moment „Médiapart“ et surtout son directeur Edwy Plenel  se sont retrouvés sous le feu des critiques.

L’ancien premier ministre Manuel Valls a déclaré au sujet des équipes de „Médiapart“: „Je  veux qu’ils reculent, je veux qu’ils rendent gorge, je veux qu’ils soient écartés du débat public“. Des confrères s’en sont également pris au média d’investigation. Le journaliste conservateur Franz-Olivier Giesbert a dit à Plenel qu’il est „la honte de la France“. Mais le débat a atteint son apogée lorsque le magazine satirique „Charlie Hebdo“ – dont la rédaction a été victime d’un mortel attentat terroriste islamiste il y a deux ans – a publié quatre caricatures de Plenel sur une Une rouge. Sa fameuse moustache cache tour à tour ses yeux, sa bouche et ses oreilles. Elle signifie que „Médiapart“ aurait volontairement tu les agressions sexuelles de Tariq Ramadan lors de discussions publiques.

Sur quoi repose ces accusations? Venons en aux faits.

Qui est Tariq Ramadan?

L’islamologue suisse est très controversé en France. Jusqu’aux plaintes de deux femmes en octobre, Tariq Ramadan était professeur à l’université britannique d’Oxford ainsi qu’à l’université de Doha. Il était souvent invité à la télévision française et par des chaînes arabes, comme „Al-Jazeera“.

Ramadan a une grande communauté de fans musulmans. En 2004, „Time Magazine“ le comptait parmi les intellectuels les plus influents du monde. Il est également le petit-fils d’un des fondateurs de la communauté des frères musulmans. Ramadan est un islamologue conservateur, qui considère que le voile devrait être obligatoire pour les femmes. Depuis les révélations d’agressions et de harcèlement sexuels perpétrés par le producteur américain Harvey Weinstein, des victimes de Tariq Ramadan ont eu le courage de témoigner contre leur ancien modèle spirituel.

Quels sont les liens entre Mediapart et Tariq Ramadan?

Edwy Plenel a participé à deux conférences en présence de Tariq Ramadan. Il a été fortement critiqué pour cela. Interrogé sur sa participation à un deuxième podium, le directeur de „Médiapart“ avait estimé que Ramadan „est un intellectuel très respectable“.

En 2016, bien avant les accusations qui visaient Tariq Ramadan, le journaliste de „Médiapart“, Mathieu Magnaudeix, a rédigé un portrait en cinq parties, qui n’était pas vraiment flatteur. Il y est présenté comme un homme „aux mille discours“, qui rassemble beaucoup de personnes autour de lui, qui est éloquent et qui exerce un pouvoir sur eux. Le journaliste décrit les analyses de Ramadan au sujet du Printemps arabe comme „peu convaincantes“. L’islamologue suisse avait réagi à cette enquête par le biais d’une vidéo, dans laquelle il s’en prend aux méthodes du journaliste, qui lui reprocherait de tenir un double discours, notamment sur la condamnation du terrorisme.

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À présent, on reproche à Magnaudeix, d’avoir été au courant des affaires extra-conjugales de Ramadan. Sur Twitter, le journaliste de „Médiapart“ a indiqué qu’un „ancien ami de Ramadan, visiblement très à cheval sur les préceptes de l’islam, m’a dit « en plus il vit dans la fornication et l’alcool“ mais aucune agressions sexuelle n’a été mentionnée.

Il y a-t-il des preuves que Médiapart a caché les agressions sexuelles de Tariq Ramadan?

Non. Ni l’ancien premier ministre Manuel Valls, ni „Charlie Hebdo“ n’ont fourni de preuve ou d’indices permettant d’affirmer cela. Malgré la une du magazine satirique, on ne trouve pas d’article à ce sujet à l’intérieur. Lorsque les premières accusations contre Tariq Ramadan ont été révélées début octobre, „Médiapart“ en a parlé. La Une de Charlie Hebdo est parue ensuite.

La journaliste de „Médiapart“ Marine Turchi recherchierte anschließend bei a enquêté auprès des victimes et publié ensuite un article exclusif de quatre pages, sur comment Ramadan a menacé des femmes en inventant des avocats fictifs et les a violemment forcées à pratiquer des actes sexuels et les a bombardées de SMS pour les intimider.

Quel est le but réel de ce débat?

Le conflit entre certains personnalités politiques et „Médiapart“ repose sur décalage idéologique. Le directeur de Mediapart, Edwy Plenel s’est fait de nombreux ennemis en France, un pays touché par trois importants attentats meurtriers (l’assassinat de la rédaction de Charlie Hebdo, les fusillades de novembre 2015 à Paris et l’attaque au camion à Nice en 2016), en continuant à faire preuve de sympathie à l’égard des musulmans.

Avant l’attentat contre Charlie Hebdo, Plenel avait publié le livre „Pour les musulmans“, où il condamne les agressions islamophobes en France et appelle à une communauté de toutes les religions. Déjà au début du mois d’octobre, bien avant les accusations contre Tariq Ramadan, l’ancien premier ministre Manuel Valls avait qualifié Plenel „d’agent de l’Islam“ dans un entretien avec le journal conservateur „Le Figaro“. Car le cas actuel est en réalité un débat interne à la gauche française, qu’il est difficile de s’imaginer en Allemagne: une partie de la gauche, dont fait partie „Charlie Hebdo“, reproche à Plenel, d’être trop complaisant avec les musulmans et de fermer les yeux sur l’islamisme. L’autre, dont fait partie „Médiapart“, leur répond qu’il est dangereux de stigmatiser tous les musulmans en faisant l’amalgame avec les terroristes.

Comment se déroule l’affaire?

Depuis „Médiapart“ a reçu de nombreux soutiens, dont le notre désormais. „Il semble bien que nous soyons confrontés ici à une campagne politique qui, loin de défendre la cause des femmes, la manipule pour imposer à notre pays un agenda délétère, fait de haine et de peur“, signent 160 intellectuels, féministes et journalistes dans une lettre de soutien. „Tout doit avoir le droit de se dire, de s’écrire et de se représenter, et cela doit être dit et répété, particulièrement pour Charlie Hebdo“, peut on y lire. Mais ils ajoutent aussi que „nous avons aussi le droit d’écrire que la Une de Charlie de cette semaine est diffamatoire, et haineuse“. Aussi Erik Empatz, le rédacteur en chef du journal satirique le plus important de France, le „Canard Enchaîné“, a décrit le dessin caricaturant Plénel comme étant „bête et méchant“.

Mercredi 22 novembre, „Médiapart“ a réalisé une émission dans laquelle le journal a rappelé sa solidarité envers „Charlie Hebdo“, qui continue de recevoir des menaces de mort. Les journalistes continuent de défendre leur travail au sujet de Ramadan et ne souhaitent plus s’exprimer sur cette non-affaire.

Der Schweizer Islamologe Tariq Ramadan. Frühere Anhängerinnen werfen ihm sexuelle Übergriffe vor.© MEHDI FEDOUACH / AFP

Artikel

Nein, Mediapart schützt keine übergriffigen Islamologen

Die französische Onlineseite „Mediapart“ steht unter Beschuss: Sie soll von den möglichen sexuellen Übergriffen des Islamologen Tariq Ramadan gewusst und dies verschwiegen haben. Unser Faktencheck zeigt: Für diese Behauptung gibt es keine Hinweise oder gar Belege. Stattdessen scheint es um alte Rechnungen zu gehen.

weiterlesen 5 Minuten

von Annika Joeres

CORRECTIV recherchiert und veröffentlicht häufig mit dem französischen „Mediapart“ zusammen. Das investigative Online-Magazin hat zahlreiche politische Skandale aufgedeckt, etwa das Schweizer Bankkonto eines sozialistischen Finanzministers, der daraufhin zurücktreten musste, oder die wahrscheinlichen finanziellen Hilfen von Libyens Diktator Muammar Gaddafi an Ex-Präsident Nicolas Sarkozy. Auch deckte „Mediapart“ die sexuellen Übergriffe des grünen Parteivorsitzenden Denis Baupin auf. Das zwang Baupin zum Rücktritt von der Vizepräsidentschaft der Nationalversammlung.

Das Online-Magazin setzt sich auch dafür ein, dass Muslime und ihre Geistlichen dieselben Rechte genießen wie andere Religionsanhänger. An der Spitze steht Edwy Plenel, der für seine liberale Haltung zuletzt immer wieder kritisiert wurde. So diskutierte Plenel zwei Mal mit dem umstrittenen Islamologen Tariq Ramadan auf Veranstaltungen. Verschiedene Frauen werfen Ramadan sexuelle Belästigung und Ausbeutung vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn. Nahezu zeitgleich kaum auch „Mediapart“ und in aller erster Front Chefredakteur Plenel in die Kritik:

Ex-Premierminister Manuel Valls will, dass „Mediapart“ in die „Knie geht“ und von der „öffentlichen Debatte ausgeschlossen wird“. Auch Kollegen greifen das Investigativ-Medium an: Der konservative Fernsehjournalist Franz-Olivier Giesbert sagte über Plenel, er sei „die Schande Frankreichs“. Ihren Höhepunkt erreichte die Debatte, als „Charlie Hebdo“, das Satiremagazin, dessen Redaktion vor zwei Jahren von islamistischen Terroristen nahezu ausgelöscht wurde, vier Karikaturen von Plenel auf eine rote Titelseite setzte. Sein Schnurrbart verdeckte abwechselnd die Augen, den Mund und die Ohren. Ihr Tenor: Plenel habe die sexuellen Übergriffe von Ramadan absichtlich in seinen öffentlichen Diskussionen verschwiegen.

Was ist dran an den Vorwürfen? Kommen wir zu den Fakten.

Wer ist Tariq Ramadan?

An dem Schweizer Islamologen scheiden sich in Frankreich die Geister wie an keinem zweiten. Bis zu den Anklagen von zwei Frauen im Oktober war Ramadan Professor an der britischen Oxford-Universität und außerdem an einer Universität in Doha, er trat in zahlreichen französischen Talkshows und arabischen Sendern auf, wie etwa bei „Al-Jazeera“.

Ramadan hat eine große muslimische Fangemeinde und wurde 2004 vom „Time Magazin“ zu den einflussreichsten Köpfen der Welt gezählt. Und er ist der Enkel der Gründer der Muslimbrüderschaft. Ramadan ist konservativer Islamologe, der den Schleier für Frauen als „Pflicht“ bezeichnet hat. Seitdem der amerikanische Filmmogul Harvey Weinstein öffentlich der sexuellen Übergriffe und Vergewaltigungen bezichtigt wurde, fühlten sich auch Ramadans vermutliche Opfer ermutigt, gegen den geistigen Führer auszusagen.

Was hat Mediapart mit Ramadan zu tun?

Edwy Plenel saß 2015 bei zwei Veranstaltungen mit Ramadan auf dem Podium. Dafür wurde er schon damals scharf kritisiert. Plenel erwiderte damals, „Ramadan sei ein respektabler Intellektueller“.

Der Mediapart-Journalist Mathieu Magnaudeix hat 2016 vor Bekanntwerden der Vorwürfe ein fünfteiliges Porträt über Ramadan geschrieben, das wenig schmeichelhaft war. Darin beschreibt er ihn als „Rattenfänger“, als jemanden, der Menschen um sich schart, eloquent ist und Macht ausübt. Er bezeichnet seine Analysen über den arabischen Frühling als „wenig überzeugend“. Ramadan selbst reagierte mit einem Video auf diese Recherche, in dem er sich über die Methodik des Journalisten beschwert, der immer wieder die ihm öffentlich vorgeworfene zweideutigen Aussagen, gegenüber Terroristen beispielsweise, auf ihre Wahrhaftigkeit überprüft.

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Nun wurde Magnaudeix vorgeworfen, von den zahlreichen außerehelichen Affären Ramadans gewusst zu haben. In einem Tweet antwortete der Mediapart-Journalist, eine einzige Frau habe ihm von Ramadans „Unzucht“ erzählt, nicht aber von Übergriffen.

Gibt es Beweise dafür, dass „Mediapart“ Information über Ramadans sexuellen Übergriffe zurück gehalten hat?

Nein. Weder Ex-Premierminister Manuel Valls noch „Charlie Hebdo“ haben je einen Beweis oder auch nur ein Indiz dafür vorgelegt. Die Satirezeitung hat zwar ihre Titelseite damit bestückt, aber im Inneren des Heftes gab es nicht einmal einen Artikel dazu. Als die ersten Vorwürfe gegen Ramadan im Oktober laut wurden, hat „Mediapart“ darüber berichtet. Und erst einige Tage später erschien die Titelseite mit Plenel bei „Charlie Hebdo“.

Die Mediapart-Journalistin Marine Turchi recherchierte anschließend bei den Opfern, es folgte ein vierseitiger, exklusiver Artikel über Ramadan, wie er Frauen mit fiktiven Anwälten bedroht, sie gewaltsam zu sexuellen Akten gezwungen und mit SMS-Lawinen eingeschüchtert haben soll.

Wozu diente die Debatte eigentlich?

Der Konflikt zwischen einigen Politikern und „Mediapart“ rührt von einer tiefen ideologischen Kluft. Der Mediapart-Chef Plenel hat sich in Frankreich, das in den vergangenen Jahren unter drei großen Attentaten litt (der Mord an der Redaktion von Charlie Hebdo, der Waffenüberfall auf das Bataclan in Paris und der Lastwagenfahrer, der in Nizza 86 Menschen überfuhr), mit seiner freundlichen Haltung zu Muslimen viele Feinde gemacht.

Vor dem ersten großen Angriff auf „Charlie Hebdo“ veröffentlichte er ein Buch mit dem Titel „Pour les musulmans“ („Für die Muslime“), in dem er die zunehmenden islamophoben Übergriffe in Frankreich verurteilte und zu einer Gemeinschaft aller Religionen aufrief. Schon Anfang Oktober, lange vor den öffentlich gewordenen Anschuldigungen gegen Tariq Ramadan, sagte Ex-Premierminister Valls im konservativen „Figaro“, Plenel sei ein „Agent des Islam“. Denn über den aktuellen Fall hinaus ist es eine Debatte innerhalb der französischen Linken, die es in dieser Form in Deutschland nicht gibt: Die eine Gruppe der Linken wie Charlie Hebdo wirft Plenel vor, zu wohlwollend mit Muslimen umzugehen und die Augen vor ihrer Radikalisierung zu verschließen. Die andere Linke wie „Mediapart“ wirft ihren Gegnern vor, alle Muslime zu stigmatisieren und Muslime und Terroristen gefährlich gleich zu setzen. 

Wie geht es weiter?

Inzwischen erfährt „Mediapart“ auch Unterstützung. „Wir haben es hier mit einer politischen Kampagne zu tun, die absolut nicht für die Rechte der Frauen eintritt, sondern von Hass (…) geprägt ist“, schreiben 130 Intellektuelle, Feministen und Journalisten in einem Aufruf. „Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern, zu schreiben und zu bebildern, ganz besonders Charlie Hebdo“, heißt es darin. Aber auch sie hätten das Recht zu sagen, dass der Titel von „Charlie Hebdo“ hasserfüllt und beleidigend war. Auch Erik Empatz, Chefredakteur der größten Satirezeitung in Frankreich, der „Canard Enchainé“, bezeichnete die Hetze auf Plenel als „dumm und gemein.“

Am vergangenen Mittwoch hat Mediapart eine Fernsehsendung produziert, in dem sie bekräftigt, grundsätzlich solidarisch mit der Redaktion von „Charlie Hebdo“ zu sein, die noch immer Morddrohungen erhält. Die Journalisten verteidigen aber weiterhin ihre Arbeit über Ramadan und wollen sich zukünftig nicht mehr zu dieser „erfundenen Affäre“ äußern.

Unsere Einschätzung: „Mediapart“ hat Ramadan nicht geschützt. Ganz im Gegenteil: Sie stießen nach Bekanntwerden der Vorwürfe eigene Recherchen an und ließen mutmaßliche Opfer von Ramadan zu Wort kommen.

Edmund Stoiber (CSU) bei "Hart aber fair"

Artikel

Herr Stoiber, in Salzgitter gibt es keine Grundschulklassen mit 80 bis 90 Prozent nicht deutschsprechenden Kindern

Seit dem 12. Oktober dürfen Flüchtlinge nicht mehr nach Salzgitter umziehen, teilte das niedersächsische Innenministerium zuletzt mit. Nach Aussagen des CSU-Politikers Edmund Stoiber würden Ausländer die niedersächsische Stadt so überfordern, dass fast kein Grundschüler mehr Deutsch spreche.

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von Jacques Pezet

Am 16. Oktober 2017 war Edmund Stoiber (CSU) in der ARD-Sendung „Hart aber fair“ zu Gast, um die Wahlergebnisse von Niedersachsen und Österreich zu kommentieren. In der Diskussion freute sich der CSU-Politiker über das Ende der großen Koalitionen in Berlin, wie auch in Österreich. Seiner Meinung nach sollte die „Flüchtlingsfrage“ weiter diskutiert werden. Als Beispiel für „den Konflikt der Integration“ nannte er (hier im Video ab 9:14) die Stadt Salzgitter in Niedersachsen:

„Schauen Sie sich mal Salzgitter an! Schauen Sie sich Hof an. Dort, wo Zuzugssperre ist. Weil so viel Zuwanderung stattfindet, wegen der billigen Wohnungen. Wo dann heute in den Grundschulklassen 80 — 90 Prozent nicht deutschsprechende Kinder sind.“

Dabei bezog sich Stoiber auf eine Mitteilung des niedersächsischen Innenministeriums. Am 12. Oktober 2017 teilte die Behörde die Umsetzung eines „Zuzugsverbot für die Stadt Salzgitter“ auf seiner Website. Der Grund? Die Stadt sei von einer „außergewöhnlich hohen Zuwanderung anerkannter Flüchtlinge“ betroffen.

30 bis 40 nicht deutschsprechende Kinder in einigen Salzgitter-Grundschulen 

In einem Interview mit dem Magazin „Focus“ erklärte der Oberbürgermeister Frank Klingebiel (CDU), dass die 106.000 Einwohner Stadt “zu viele [anerkannten Flüchtlinge] in zu kurzer Zeit“ willkommen hatte. Laut Klingebiel lebten Anfang 2016 „mehr als 2000 Flüchtlinge“ in Salzgitter. „Inzwischen leben bei uns rund 5800 Flüchtlinge“ sagte er dem Magazin. Diese hohe Zuwanderungswelle habe Konsequenzen für die Stadt. So hätten die Salzgitter-Bürger dem Bürgermeister ihre Sorgen geteilt:

„Wir haben inzwischen Kindergärten und Schulen, in denen der Anteil von Migranten und Flüchtlingskindern zwischen 60 und 80 Prozent liegt. Die Leute haben mir gesagt: ‚Wir haben überhaupt nichts gegen die Flüchtlingskinder. Aber wenn unsere Kinder in dieser Umgebung groß werden sollen, wo kaum noch Deutsch gesprochen wird, dann suchen wir vielleicht doch besser nach einer anderen Möglichkeit.‘“

Bei „Hart aber fair“ sprach Edmund Stoiber (CSU) von Grundschulklassen, bei denen „80 — 90 Prozent nicht deutschsprechende Kinder“ seien. Im Interview mit dem „Focus“ erwähnt der Bürgermeister völlig andere Zahlen: „In einigen Schulen Salzgitters haben zwischen 30 und 40 Prozent der Kinder keine oder nur geringe Deutschkenntnisse. Bei den Flüchtlingskindern liegt zum Beispiel die Analphabetenquote zwischen 40 und 50 Prozent.“

Auf einer Anfrage von CORRECTIV bestätigte die Pressestelle der Stadt Salzgitter:

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„Zu der Frage, wie der Sprachstand in den Grundschulen ist, können wir nur eine Einschätzung abgeben. Danach haben an den Schulen in Salzgitter ca.  7,5 Prozent aller Schüler keine oder nur geringe Deutschkenntnisse. An einzelnen Schulen beträgt dieser Anteil ca. 35 Prozent.“

Diese Zahlen bestärken die Äußerungen vom Salzgitter Bürgermeister Frank Klingebiel (CDU) und zeigen, dass Edmund Stoiber (CSU) bei „Hart aber fair“ übertriebene Zahlen vor 2,69 Millionen Zuschauer erwähnte.

Wir haben auch die Stadt Hof (Nordbayern) mit der Aussage Stoibers konfrontiert, bislang aber keine Antwort erhalten.

Wie effektiv sind die Bemühungen von Facebook gegen Fake News? Der Konzern hat jetzt erstmals Zahlen vorgelegt.© Collage von Ivo Mayr / Correctiv

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Facebook: Fact-Checking reduziert Reichweite von Fake-News um 80 Prozent

Facebook hat zum ersten Mal veröffentlicht, wie effektiv der Kampf des Unternehmens gegen falsche Nachrichtenmeldungen ist: noch nicht effektiv genug.

von Kiyo Dörrer

Laut Angaben des sozialen Netzwerks verlieren Fake News 80 Prozent ihrer Reichweite, wenn sie ein Kooperationspartner sie als solche kennzeichnet. Das teilte der Chef der Facebook-Abteilung News Partnerships Jason White in einer Email an die Kooperationspartner der Fact-Checking Initiative mit. Auch CORRECTIV erhielt die Email.

Die Kennzeichnung von Fake News durch die Mitglieder der Fact-Checking Initiative ist ein zweistufiger Prozess. Zunächst meldet ein Fact-Checker einen Post als Fake News. Dann kennzeichnet Facebook den Post als Fake News. Die Kennzeichnung als „false news“, wie Facebook Fake News bezeichnet, dauere allerdings meist drei Tage, so White. Bis dahin hat ein Post schon den Großteil seiner Leserschaft erreicht.

Das soziale Netzwerk steht seit einiger Zeit in der Kritik, weil sich über die Plattform falsche Nachrichtenmeldungen weltweit verbreiten. Als Gegenmaßnahme kündigte Facebook im Dezember 2016 eine Zusammenarbeit mit unabhängigen Medienpartnern an. Die Kooperation sollte schnell Falschmeldungen als solche kennzeichnen und ihre Verbreitung eindämmen. CORRECTIV ist seit April 2017 der einzige deutsche Partner in der Initiative. Die Kooperation ist nur ein kleiner Teil der Arbeit des Faktencheck-Team von CORRECTIV. Das Team sucht auch in anderen sozialen Netzwerken nach Fake News und berichtet auch über die Hintergründe der Verbreitung von Desinformationen.

Ein langsamer Prozess

Kooperationspartner wie CORRECTIV schauen sich diejenigen Posts genauer an, die von Nutzern und von Facebook als überprüfungswürdig eingestuft wurden.

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„Wir haben über mehrere Wochen die Daten genau analysiert. Daraus haben wir gelernt, dass wenn einer unserer Fact-Checking Partner eine Nachricht als falsch einstuft, wir die zukünftigen Impressionen um 80 Prozent reduzieren können“, so White.

Allerdings dauere der Prozess des Fact-Checkings meist mehr als drei Tage. Oft werden Posts nicht sofort von Usern gemeldet. Auch kann je nach Thema die Recherche sehr aufwendig sein. Wie schnell das Ergebnis des Kooperationspartners bei Facebook verarbeitet wird, ist auch eine Unbekannte. Die größte Reichweite hat ein Post aber in den ersten Stunden und Tagen nach der Veröffentlichung. „Unsere erste Priorität ist es, diese Falschmeldungen früher zu erkennen“, schreibt White.

Zweifel an der Effektivität

Allerdings dürfe die Genauigkeit nicht darunter leiden. „Es ist wichtig, die Geschwindigkeit und Effektivität zu erhöhen, es ist aber genauso wichtig, dass wir es richtig machen und legitime Meinungsäußerungen nicht einschränken.“

Seit dem Anfang der Kooperation hat es bereits Zweifel an der Effektivität der Initiative gegeben. Eine im September veröffentlichte Studie der Yale Universität zeigte, dass die Kennzeichnung eine sehr geringe Auswirkung auf die Wahrnehmung der User hatte. Die britische Zeitung „Guardian“ berichtete, dass die Einstufung von Facebook in einem Fall zu deutlich mehr Klicks und Shares für einen Artikel geführt hat.

Facebook hatte dagegen von einer erfolgreichen Strategie gesprochen, jedoch bis jetzt keine konkreten Zahlen geliefert.

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Fakesuche am Wahltag

Christiane Laudenklos betreut den Social-Media-Auftritt des Bundeswahlleiters. Am Wahltag hat sie gezielt nach Falschmeldungen auf Twitter gesucht.

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von Karolin Schwarz

Bleistifte  in der Wahlkabine, gelochte Stimmzettel, Fotos von ausgefüllten Wahlzetteln – Christiane Laudenklos hatte am vergangenen Sonntag bis tief in die Nacht alle Hände voll zu tun. In Interview erzählt sie von ihrer Arbeit.

Frau Laudenklos, wie sah Ihre Arbeit am Wahltag aus?

Wir haben am Sonntag gegen halb zehn angefangen. Ich habe den ganzen Tag in unserem Redaktionstool gearbeitet und alle Fragen von Usern beantwortet, so gut ich konnte. Wenn nötig, habe ich mir auch Hilfe dazu geholt von unserem Pressesprecher oder von Mitarbeitern aus dem Büro des Bundeswahlleiters. Feierabend hatten wir gegen halb sechs am Morgen, bis das vorläufige Ergebnis verkündet wurde und die Sitzverteilung klar war.

Sie haben sich auf Twitter konzentriert und den Kanal sehr proaktiv genutzt. Wie sind Sie vorgegangen?

Twitter ist der einzige Kanal, den wir nutzen. Wir sind nicht bei Facebook unterwegs. Wir haben über unser Redaktionstool Suchbegriffe eingegeben: Wenn also über den Bundeswahlleiter oder auch über die Wahl gesprochen wurde, wurde uns das angezeigt. Und wenn wir dann gesehen haben, dass da irgendwelche Falschmeldungen zum Wahlablauf kursierten, dann haben wir das richtig gestellt.

War das anders als bei vorherigen Wahlen?

Den Twitter-Kanal gibt es erst seit Januar. Der Account wurde unter anderem eingerichtet, um mitzubekommen, was in den sozialen Netzwerken kursiert. Das hat sich im Vergleich zur vorherigen Bundestagswahl auf jeden Fall geändert. Es ist eben mehr los in den sozialen Netzwerken. Deshalb ist es wichtig zu schauen, dass da keine Falschnachrichten verbreitet werden.

Wie lief die Zusammenarbeit mit den Kollegen? Haben Sie sich über die Anfragen von Wählern ausgetauscht?

Es gab sehr viele Fragen zu den Stimmzettel-Schablonen: „Warum ist mein Stimmzettel gelocht? Das ist doch Betrug!“ Solche Dinge habe ich versucht, mit Tweets richtigzustellen, auch indem ich dazu eine Infografik veröffentlicht habe. Der Bundeswahlleiter hat ein Kontaktformular auf der Homepage. Wenn dann sehr viele Anfragen zu einem Thema gestellt wurden, haben die Kollegen mich kontaktiert und vorgeschlagen, das Thema auch bei Twitter aufzugreifen.

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Informationen zur Wahl auf Twitter

Es gab viele Fotos von ausgefüllten Stimmzetteln. Wie verfahren Sie damit?

Wir werden all diese Fälle als Screenshots sammeln und dann an die Staatsanwaltschaft weitergeben. Wieviele das sind, können wir noch nicht sagen. Das ist eine neue Entwicklung, dass man alles, was man tut, auf sozialen Netzwerken veröffentlicht. Man muss das Wahlgeheimnis bewahren, und das ist damit nicht mehr gegeben. Dazu kommt, dass das Fotografieren in der Wahlkabine bei der Bundestagswahl 2013 noch nicht verboten war. Das wurde neu eingeführt, auch eine Anpassung an die aktuellen Entwicklungen.

Welche Erkenntnisse haben Sie aus dem Wahltag gewonnen? Was ist Ihr Fazit?

Im Vorfeld der Bundestagswahl haben wir einerseits vielen Wählern schon Hilfestellungen an die Hand gegeben, die auch gewürdigt wurden. Wir haben versucht, alle ernsthaften Fragen zu beantworten. Dazu haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten.

Andererseits haben wir auch weniger schöne Kommentare oder pauschale Unterstellungen erlebt. Es wurde sehr viel über Wahlbetrug gesprochen, das haben wir natürlich auch mitbekommen.

Was waren die größten Fakes, mit denen Sie zu tun hatten?

Beispielsweise die Behauptungen über die Stimmzettelschablonen oder Mutmaßungen darüber, dass es in einigen Wahllokalen nur Bleistifte zum Ausfüllen der Stimmzettel gab. Darüber haben sich sehr viele Menschen beschwert. Am Sonntag selbst war auch ein großes Thema, dass Menschen vor der Stimmabgabe nicht nach ihrem Ausweis gefragt wurden.

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Die Antwort auf eine häufig gestellte Frage

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„Auch in Deutschland kamen Bots zum Einsatz“

Ben Nimmo, Sicherheitsexperte für digitale Forensik beim Atlantic Council, hat den Einsatz von Social Bots während der Wahlkämpfe in Frankreich, in den USA und nun in Deutschland beobachtet.

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von Jacques Pezet

Welche Rolle haben Bots während des deutschen Wahlkampfes gespielt?

Auch in Deutschland kamen Bots in den Sozialen Medien zum Einsatz. Manchmal wurden sie recht wirkungsvoll zu Hilfe genommen, um einen Hashtag-Trend auszulösen, allerdings gelang es dabei nicht, ihre Inhalte wirklich breit zu streuen.

Sind Ihnen Aktivitäts-Spitzen aufgefallen? Falls ja, zu welchem Zeitpunkt kam es dazu und was waren die entscheidenden Themen?

Es gab sichtbare Spitzen in der heißen Phase des Wahlkampfs, insbesondere, um Hashtags wie #NichtMeinSpiegel und #NichtMeineKanzlerin zu Trends zu machen. Manche sahen aus, als lägen strategische Kampagnen dahinter, andere waren eine Reaktion auf bestimmte Nachrichten. Der größte Verkehr an Bots und Trollen, den ich beobachtete, kam aus der rechtsextremen Ecke, extreme AfD-Unterstützer mit eingeschlossen.

Welche Kandidaten oder Parteien wurden durch den Einsatz von Social Bots unterstützt? Welche Akteure wurden unter dem Einsatz von Bots angegriffen?

Der größte Umlauf an Bots, den ich sah, unterstützte Positionen der AfD. Es handelte sich dabei um eine Kombination aus scheinbar deutschen Konten und scheinbar ausländischen Konten. Manche der Kampagnen schienen Versuche zu sein, die Anstrengungen der „Alt-Right“-Bewegung der USA zu reproduzieren. Manche Bots wurden dazu verwendet, andere Parteien voranzutreiben, aber der meiste Verkehr, den ich bemerkte, war Unterstützung für die AfD.

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Sie haben bereits am Samstag den Anstieg des Hashtags #Wahlbetrug auf Twitter beobachtet. Was ist der Zweck, einen Hashtag einen Tag vor der Wahl zum Trend führen zu wollen? Welche Auswirkung kann eine solche Anstrengung haben?

Zu diesem Zeitpunkt sah es danach aus, als wäre es ein Versuch, ein Narrativ vorzubereiten. Ganz offensichtlich besagt es: „Wenn wir nicht gut abschneiden, dann ist Wahlbetrug schuld daran, nicht etwa, dass wir nicht überzeugen konnten.“ Zudem baut das Narrativ auf mögliche Proteste auf, sobald die Ergebnisse bekannt werden.

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Tweet von Ben Nimmo am 23.09.2017

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Tweet von Ben Nimmo am 24.09.2017

Wer steckt hinter diesen Bots? Können Sie ausländische Aktivität ausmachen?

Auf jeden Fall waren russischsprachige Bots im Einsatz (siehe hier und hier ) Zu einem früheren Zeitpunkt der Kampagne stellten wir fest, dass rechtsextreme Unterstützer aus den USA und Großbritannien versuchten, Missinformationen zu streuen, die Angela Merkel angreifen sollten (siehe hier ). Allerdings scheint es weniger Bot-Aktivität aus den USA gegeben zu haben. Was wir sahen, waren englischsprachige Kommentare auf dem Forum 4Chan, die deutsche rechtsextreme Aktivisten berieten, wie sie eine Meme-Kampagne führen können.