Gesellschaft

Keine Belege dafür, dass Angela Merkel sexuelle Belästigung Minderjähriger durch Geflüchtete als „nicht mein Problem“ bezeichnet hat

Ein Facebook-Beitrag behauptet, Angela Merkel habe in Bezug auf sexuelle Belästigung Minderjähriger durch Geflüchtete die „Schuld von sich“ gewiesen. Es gibt keine Belege dafür.

von Till Eckert

Bildschirmfoto 2019-06-24 um 16.00.07
Aus der ZDF-Sendung „Klartext, Frau Merkel!“ vom 14. September 2017. (Screenshot: CORRECTIV)
Bewertung
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Merkel sich jemals so zum Thema der sexuellen Belästigung Minderjähriger durch Geflüchtete geäußert hat.

Ein Facebook-Beitrag vom 14. Juni beschreibt ein angebliches Gespräch mit Angela Merkel. Angesprochen darauf, „dass durch ihre Asylpolitik immer öfters Minderjähriger (sic!) durch Flüchtlinge sexuell belästigt würden“, habe Merkel „die Schuld von sich“ gewiesen und darauf verwiesen, „dass die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben“. Merkel soll außerdem gesagt haben: „Ist doch nicht mein Problem.“

Der Facebook-Beitrag mit einem angeblichen Gespräch zwischen Angela Merkel und einer unbekannten Person. (Screenshot: CORRECTIV)

Keine Belege für das Zitat

Wer das Foto im Beitrag genauer betrachtet, findet unten links den Schriftzug „In Satira by Uwe Ostertag“. Der Name Uwe Ostertag taucht immer wieder im Zusammenhang mit erfundenen Beiträgen auf. Er ist unter anderem  verantwortlich für gefälschte Wahlplakate, wie CORRECTIV berichtete, oder falsche Politikerzitate – hier ein CORRECTIV-Faktencheck über ein angebliches Zitat der SPD-Politikerin Aydan Özoğuz. Auch ein gefälschtes Zitat von Angela Merkel brachte Ostertag bereits in Umlauf. 

Ostertag war laut der Mainpost im Jahr 2017 unter anderem wegen Volksverhetzung zu 22 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden (kostenpflichtig). Er habe eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung nicht bezahlt und sich Polizisten widersetzt, die ihn per Haftbefehl in seiner Wohnung aufgesucht hätten. Er ging laut Mainpost in Berufung, daraufhin sei er zu vier Jahren auf Bewährung verurteilt worden – eine Auflage sei dabei gewesen, alle Webseiten und Profile im Netz zu löschen (kostenpflichtig).

Das Bild aus dem Beitrag – Merkel und ein kauerndes Mädchen – tauchte schon 2018 in einem Facebook-Beitrag auf, wie eine Google-Bilderrückwärtssuche zeigt. Damals allerdings ohne den „In-Satira“-Schriftzug. 

Eine Quelle für das angebliche Gespräch nennt der Facebook-Beitrag nicht. Eine Suche im Netz nach den Wortlauten in Kombination mit Merkel führt zu der ZDF-Sendung „Klartext, Frau Merkel!“ vom 14. September 2017. Es ist möglich, dass im Facebook-Beitrag lose Bezug darauf genommen wird: Im Themenblock Integration äußerte eine Bürgerin aus Erfurt den Vorwurf, sexuelle Übergriffe durch männliche geflüchtete Menschen hätten drastisch zugenommen, und das sei ein Tabuthema geworden (Minute 58:10). 

Merkel antwortete darauf mit: „[…] Wenn solche schrecklichen Dinge passieren, dann ist das schlimm genug. Es gab aber auch schon vorher in Deutschland Sexualdelikte, auch das darf man nicht vergessen. […] Und ich möchte Ihnen auch ganz klar sagen, dass wir schlimme Einzelfälle haben, dass wir inzwischen auch sagen, Straftäter müssen unser Land verlassen – wir haben hier die Gesetze absolut verschärft. Aber das, was Sie jetzt hier als das große demografische Problem herausstellen, das sehe ich nicht. […] Wir sollten nicht alle unter einen Generalverdacht stellen. Sie haben insinuiert, dass wir eine Zahl von jungen Männern hier haben, die unser demografisches Gleichgewicht in Unordnung bringen könnten und damit Probleme haben könnten, mit denen wir nicht fertig werden, und das glaube ich nicht. Wir müssen hart sein gegen sexuelle Vergehen, hart sein gegen jede Straftat, […] aber jeder hat den Einzelblick auf sich und sein Leben offen verdient. Das ist kein Tabuthema, das akzeptiere ich nicht. Ich möchte eine Gesellschaft haben, in der wir über alles sprechen können.“

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Explizit um sexuelle Belästigung gegenüber Minderjährigen ging es in diesem Gespräch nicht. Es lassen sich keine Gespräche mit Angela Merkel finden, in dem es um dieses Thema ging und Merkel mit „ist doch nicht mein Problem“ antwortete, beziehungsweise auf die Aufsichtspflicht der Eltern verwies. Es gibt somit keine Belege dafür, dass Merkel sich so geäußert hat.