Hintergrund

Heiko Maas hält sich bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung großteils an die Fakten

In seiner Rede bei der UN-Generalversammlung sprach Außenminister Heiko Maas vor allem über Deutschlands Beitrag zu internationalen Friedensprozessen – und über die Beteiligung von Frauen, die noch viel zu gering sei. Wir haben neun seiner Aussagen überprüft. 

von Alice Echtermann , Till Eckert , Tania Röttger

UN-GENERAL-ASSEMBLY-DIPLOMACY
Außenminister Heiko Maas bei seiner Rede vor der UN-Generalversammlung. (Foto: Johannes EISELE / AFP)

In seiner Rede bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am 25. September stellte Außenminister Heiko Maas (SPD) neun konkrete Behauptungen auf. CORRECTIV hat sie einem Faktencheck unterzogen. (Hier die Rede im Video.)  

1. Der Konflikt in der Ukraine habe inzwischen „über 13.000 Menschen“ das Leben gekostet.

Richtig: Die Zahl der 13.000 getöteten Menschen durch den Ukraine-Konflikt findet sich unter anderem in einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars vom 14. Juni. Dort steht: „Rund zwei Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern vertrieben und 13.000 Menschen durch den Konflikt in der Ostukraine getötet, der nach einem Waffenstillstandsabkommen mehr als vier Jahre andauert.“

Aus einem Artikel auf der Webseite des UN-Flüchtlingskommissars. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Zahl wird außerdem auf der Webseite der EU-Kommission unter „Fakten und Zahlen“ zum Ukraine-Konflikt genannt. Dort heißt es, sehr seien „mehr als 13.000 Menschen“ getötet worden. 

Zahlen zum Ukraine-Konflikt auf der Webseite der EU-Kommission. (Screenshot: CORRECTIV)

2. Die Brücke von Stanyzja Luhanska (Ukraine) sei mehr als vier Jahre zerstört gewesen, jetzt werde sie wieder aufgebaut. Kriegsgerät werde abgeführt, Soldaten abgezogen.

Richtig: Dass bei der Brücke nahe der im Konflikt strategisch wichtigen Ortschaft Stanyzja Luhanska Soldaten und Kriegsgerät abgezogen werden, stimmt laut Berichten der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) vom 30. Juni 2019. Beide Konfliktparteien hätten mitgeteilt, dass sie sich aus der Region zurückgezogen hätten.

Darüber, dass die Brücke über den Fluss Siwerskyj Donez wieder aufgebaut werden soll, haben Medien unter Berufung auf eine Mitteilung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj berichtet. Auf dem Youtube-Kanal der Oblast Luhansk, der zuständigen Verwaltungseinheit in der Ukraine, kann der Fortschritt der Bauarbeiten in Echtzeit verfolgt werden. Maas’ Aussage dazu stimmt demnach ebenfalls.

3. Unter den UN-Blauhelmen bei der Friedensmission in Mali seien fast 1.000 Deutsche.

Richtig: Aus einem Bericht der Bundeswehr, der Truppenkontingente in verschiedenen Ländern auflistet, geht hervor, dass aktuell (Stand 16. September) 954 deutsche Einsatzkräfte an der Minusma-Operation der UN in Mali teilnehmen. Dies sind also wirklich „fast 1.000“. Weitere 143 Einsatzkräfte sind an der EUTM-Operation in Mali beteiligt, dabei handelt es sich allerdings um eine Europäische Mission. Insgesamt sind 1.097 deutsche Soldatinnen und Soldaten in Mali. 

4. Deutschland habe mit Frankreich die „Internationale Partnerschaft für Sicherheit und Stabilität im Sahel“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative gibt es. In einem Papier des Presse- und Informationsamts der Bundesregierung ist der „Aktionsplan zur Sahel-Partnerschaft“ beschrieben. Darin steht: „Frankreich und Deutschland beabsichtigen, diese Initiative im Herbst 2019 im Rahmen einer Auftaktkonferenz zu lancieren.“ Angela Merkel und Emmanuel Macron stellten den Aktionsplan beim G7-Treffen in Biarritz im August 2019 vor; die Führungsspitze der G7 nahm ihn an.

5. Deutschland sitze seit einem Dreivierteljahr im Sicherheitsrat.

Richtig: Seit dem 1. Januar 2019 ist Deutschland nichtständiges, vollwertiges Mitglied im UN-Sicherheitsrat. 

6. Stabiler Frieden sei um ein Drittel wahrscheinlicher, wenn Frauen an dem Prozess beteiligt sind.

Unbelegt: Die Aussage ist zwar durch eine Studie gedeckt, die vom International Peace Institute veröffentlicht wurde – diese kann jedoch keine eindeutige kausale Beziehung zwischen der Anwesenheit von Frauen und der Stabilität von Friedensverträgen herstellen.  

Auf der Webseite des US-amerikanischen Think-Tanks Council on Foreign Relations steht: Durch die Beteiligung von Frauen an Friedensprozessen liege die Wahrscheinlichkeit, dass das Abkommen mindestens 15 Jahre hält, um 35 Prozent höher. Das entspricht etwa der Aussage von Heiko Maas – ein Drittel wären rund 33 Prozent. 

Auszug aus einem Text des Think-Tanks Council on Foreign Relations. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quelle gibt der Council on Foreign Relations einen Artikel des International Peace Institute an. Auf Seite 12 steht: „Wenn Frauen an Friedensprozessen beteiligt sind, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass das resultierende Abkommen mindestens zwei Jahre hält, um 20 Prozent. Die Beteiligung von Frauen hat langfristig einen sogar noch größeren Einfluss: Dass ein Abkommen 15 Jahre hält ist um 35 Prozent wahrscheinlicher, wenn Frauen daran beteiligt waren.“

Die Daten stammen laut dem Bericht von Laurel Stone von der US-amerikanischen University of Notre Dame. Ihre Arbeit sei noch nicht veröffentlicht worden (Fußnote Seite 12). Sie habe die Anwesenheit von Frauen als Unterhändlerinnen, Mediatorinnen, Zeugen und Unterzeichnerinnen von 182 Friedensabkommen zwischen 1989 und 2011 ausgewertet, und erfasst, wie lange diese Abkommen gehalten haben. Sie kam zu dem Schluss, „dass die Teilnahme von Frauen einen statistisch signifikanten, positiven Einfluss auf den Frieden“ habe. 

Allerdings erklärt der Bericht auch, Stones Auswertung habe Einschränkungen: Sie erfasse nicht das Maß des Einflusses, den die Frauen hatten, oder ihre genaue Anzahl, und unterscheide auch nicht zwischen dem relativen Wert der verschiedenen Formen der Beteiligung. 

Zudem ist die Beteiligung von Frauen laut Stone nicht der einzige positive Einfluss auf die Langlebigkeit von Friedensabkommen; auch Demokratie spiele zum Beispiel eine Rolle (Seite 34). Oft würden die Variablen „Demokratie“ und „Beteiligung von Frauen“ gemeinsam auftreten. „Daher könnte die Kausalität in zwei Richtungen auftreten: Demokratie könnte die Gleichberechtigung der Geschlechter in einem konfliktbelasteten Land begünstigen, oder die Präsenz von Frauen könnte die Aufnahme von demokratischen Prinzipien in einem Friedensabkommen begünstigen.“  

7. Derzeit seien nur acht von 100 Stühlen bei Friedensverhandlungen von Frauen besetzt. 

Größtenteils richtig: Die Zahl stellt einen Durchschnittswert für Friedensverhandlungen seit Anfang der 90er-Jahre dar, also nicht nur die aktuelle Situation. Die Quellenlage ist zudem unübersichtlich und widersprüchlich. Die acht Prozent, die Maas nennt, finden sich in einer Faktensammlung von UN Women, die angeblich für den Zeitraum 1990 bis 2017 gilt. Als Quelle wird jedoch der Think-Tank Council on Foreign Relations genannt, der von neun Prozent der Unterhändler von 1992 bis 2017 spricht. 

Der Council on Foreign Relations verlinkt wiederum selbst als Quelle auf einen Bericht von UN Women mit dem Titel „Women’s Participation in Peace Negotiations: Connections between Presence and Influence“ von 2012. Darin ist ebenfalls von neun Prozent die Rede. 

Wörtlich heißt es (Seite 1 und 2): „Unsere Auswertung von 31 wichtigen Friedensprozessen seit 1992 zeigt, dass Frauen eine gravierend niedrige Zahl der Unterhändler stellen […] Die Beteiligung von Frauen an Verhandlungsdelegationen lag durchschnittlich bei neun Prozent in den 17 Fällen, in denen solche Informationen verfügbar waren. Vier Prozent der Unterzeichner in den Friedensprozessen waren Frauen, und keine Frauen hatten hochrangige Verhandlungspositionen in von der UN vermittelten Gesprächen.“ 

Darstellung des Council of Foreign Relations (Screenshot: CORRECTIV)

8. Deutschland habe im April dafür gesorgt, dass das Thema nukleare Rüstungskontrolle im Sicherheitsrat nach sieben Jahren erstmals wieder auf die Agenda kam.

Irreführend. Denn während die Aussage zutrifft, was die nukleare Rüstungskontrolle angeht, trifft sie nicht zu auf die nukleare Abrüstung. 

Als Deutschland im April 2019 die Präsidentschaft im Sicherheitsrat der UN übernahm, sprach Heiko Maas dort über nukleare Rüstungskontrolle. Seine Aussage bei der Generalversammlung suggeriert allerdings, der UN-Sicherheitsrat habe sich vorher sieben Jahre, also seit 2012, nicht mit diesem Thema befasst. Damals, im April 2012, gab es ein Treffen des Sicherheitsrates, bei dem das Gremium sich für Rüstungskontrolle aussprach.  

Allerdings gab es seit 2012 wenigstens eine Resolution des Sicherheitsrats, die sich mit der Nichtverbreitung und Abrüstung von Atomwaffen beschäftigte, zum Beispiel im Jahr 2016.

9. Deutschland habe 2018 eine „Allianz für Multilateralismus“ ins Leben gerufen.

Richtig: Diese Initiative – beziehungsweise die Pläne dafür von Heiko Maas – gibt es schon länger, bisher ist allerdings noch nicht viel passiert. In einem Gastbeitrag im Handelsblatt, der auf der Webseite des Auswärtigen Amtes nachzulesen ist, schrieb Maas im August 2018: „Wir streben eine Allianz für den Multilateralismus an – ein Netzwerk von Partnern, die wie wir auf verbindliche Regeln und fairen Wettbewerb setzen. Erste Verabredungen habe ich mit Japan, Kanada und Südkorea getroffen; weitere sollen folgen.“ 

Am Rande der aktuellen UN-Konferenz wurde diese Allianz laut Reuters nun offiziell gestartet, mehr als 50 Staaten nahmen an einem Treffen unter der Leitung von Deutschland und Frankreich teil. Dieses Treffen hatte Maas auch in seiner Rede angekündigt.