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Als Reaktion auf eine Falschmeldung, der Schokoladen-Weihnachtsmann werde in einem Supermarkt zu „Jahresendfigur“ umbenannt, fragte ein Facebook-Nutzer: „Warum darf man uns im eigenen Land den Glauben wegnehmen?“ (Symbolhafte Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Cristina Helberg

„Zipfelmützenmann“ statt Nikolaus, „Traditionsrose“ statt Pfingstrose und „Traditionshasen“ statt Osterhasen: Gehen Traditionen verloren, weil Menschen mit anderen Religionen in Deutschland leben? Das Narrativ nutzen Rechte rund ums Jahr zu verschiedenen Anlässen – oft dienen Falschmeldungen als vermeintliche Belege.

Die Schokoladen-Weihnachtsmänner im Supermarktregal sehen aus wie jedes Jahr, nur das Preisschild nicht: „Jahresendfigur“ steht dort. Ein Foto davon veröffentlichte ein Nutzer Mitte November auf Facebook, zusammen mit der Behauptung, es zeige das neue Sortiment einer großen Supermarktkette in Deutschland. Eine Falschmeldung, wie unsere Recherche ergab. Doch die Empörung lies im Netz nicht lange auf sich warten und die Wenigsten hinterfragten das Foto. 

Unter dem Beitrag kommentierten Nutzer: „Unfassbar… warum darf man uns im eigenen Land den Glauben wegnehmen???“, „Aber eine Islamisierung findet nicht statt..“, „Unfassbar wie wir auf Muslime Rücksicht nehmen Sie aber auf uns überhaupt nicht“, „Bitte lasst die Jahresendfigur in den Regalen, genauso wie den Winterstern“ und „Wer sowas kauft sollte einen Stempel in den Ausweis bekommen als Deutschlandhasser“.  

Obwohl im Originalbeitrag nichts von Muslimen stand, war das Foto für viele Kommentatoren der vermeintliche Beweis für einen drohenden Untergang der deutschen Kultur. Und das hat einen Grund: Rechte Webseiten, Blogger und Politiker wiederholen  diese Erzählung seit Jahren. Die Botschaft ist immer dieselbe: Traditionelle deutsche Produkte und christliche Traditionen werden angeblich aus Rücksicht auf Andersgläubige neutral umbenannt. 

„Lichterfeste, Wintermärkte und abgesagte Weihnachtsfeiern – Alice Weidel: ‘Wie lange dürfen wir Weihnachten noch feiern?’ “, Schlagzeile der Webseite PI-News vom 20. Dezember 2017 (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Taktik steckt hinter den Falschmeldungen

Durch immer wiederkehrende Falschmeldungen soll im Kopf der Leser ein bestimmtes Narrativ dauerhaft verfestigt werden: Andersgläubige bedrohten unsere Kultur. Toleranz führe zur Aufgabe deutscher Traditionen. Neben einer angeblichen Kulturverdrängung durch Andersgläubige gibt es zahlreiche andere Erzählmuster der Desinformation: Erzählungen über eine angebliche Manipulation und Zensur der Presse und Sozialen Netwerken, die Ankündigung eines „Bevölkerungsaustauschs“, der Deutsche gegenüber Geflüchteten und Migranten zur Minderheit mache, und Behauptungen über eine drohende Islamisierung. 

Vor Weihnachten wird von all diesen Narrativen besonders gerne das der drohenden Kulturverdrängung ausgespielt – so wie im Fall der Weihnachtsmänner. Aber auch rund um das Jahr gilt: Wo eine deutsche Tradition ansteht, sind auch Desinformanten nicht weit. 

Auch Ostern und Pfingsten sind angeblich bedroht

Pfingstrosen, Schoko-Osterhasen und Weihnachtsmärkte – zu all diesen Produkten kursierten schon Falschmeldungen, sie seien im Sinne der Toleranz umbenannt worden. 

Mindestens seit 2015 teilen Faceboook-Nutzer die falsche Behauptung, aus „Respekt vor der islamischen Kultur“ würden die Grünen den Namen des Nikolauses in „Zipfelmützenmann” ändern wollen, wir veröffentlichten dazu einen Faktencheck. Den Untergang des Abendlandes befürchteten viele Menschen auch im November 2017, als eine Weihnachtsstern-Pflanze angeblich in „Liebesstern“ umbenannt wurde. Damals stellte der vertreibende Baumarkt klar, dass es sich um zwei unterschiedliche Pflanzen handelte, wie die Faktenchecker von Mimikama recherchierten. Trotzdem griffen rechte Internetseiten das Thema dieses Jahr wieder auf, wie Recherchen des Bayerischen Rundfunks zeigen. 

Der Facebook-Kommentar eines Baumarktes zu Vorwürfen, der Weihnachtsstern sei in Liebesstern umbenannt worden (Screenshot: CORRECTIV).

Die österreichische Zeitung Wochenblick behauptete im Mai 2018, „wegen Muslimen“ würden Blumenläden die christliche Bezeichnung „Pfingstrose“ in „Traditionsrose“ ändern. Die Sache hatte nur einen Haken: Die Blumenläden gab es gar nicht, wie unser Faktencheck zeigte. Auch Schoko-Osterhasen gerieten schon in das Visier der Verteidiger des Abendlandes, weil sie auf Kassenbons als Traditionshasen gelistet wurden. Was dahinter steckt, haben wir in diesem Faktencheck im März 2018 aufgeschrieben.  

Im November 2018 lehnten sich Betreiber einer Facebook-Seite besonders weit aus dem Fenster und behaupteten, Weihnachten werde abgeschafft, weil auf einem Plakat ein Weihnachtsmarkt als Lichtermarkt angekündigt wurde und das Kind auf dem Plakat nicht weiß war. Die Geschäftsführerin des betroffenen Weihnachtsmarktes in Elmshorn erklärte uns damals: „Der Markt hat auf jeden Fall einen christlichen Hintergrund.“ Er sei ein traditioneller, klassischer Weihnachtsmarkt. Den Namen Lichtermarkt gebe es seit 2007. Der Grund: 120.000 Lichtpunkte in der Weihnachtsbeleuchtung seien ein Alleinstellungsmerkmal. Der Name war demnach nicht gewählt, um sich zu distanzieren. Und Weihnachten wurde 2018 auch gefeiert.

Nicht immer waren Meldungen über Umbenennungen, die wir geprüft haben, also frei erfunden. Manchmal waren sie aus dem Kontext gerissen oder es gab bestimmte Gründe für die Begriffe.

Narrativ der Kulturverdrängung durch Toleranz 

Die Amadeu-Antonio Stiftung veröffentlichte 2017 den Bericht „Toxische Narrative – Monitoring rechts-alternativer Akteure“. Die Stiftung ist laut einem Sachstands-Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem Jahr 2018 „eine als gemeinnützig anerkannte Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Heidelberg, die sich für eine demokratische Zivilgesellschaft einsetzt und sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.“

In dem Bericht der Stiftung werden Narrative beschrieben, die zehn untersuchte „rechts-alternativen“ Webseiten, darunter PI-News und Compact Magazinam häufigsten nutzten. Dazu gehörte auch das Narrativ „Bedrohung von außen“, also Erzählungen darüber, dass Deutschen Gefahr durch Nicht-Deutsche drohe. 

Gezeichnet werde damit das Bild eines angeblichen Angriffs auf deutsche Identität und Kultur, die durch „Volksaustausch“ und „Islamisierung“ bedroht seien. „Konkret sind dies zum Beispiel Erzählungen darüber, dass in Kindergärten kein Weihnachten mehr gefeiert werden dürfe oder der Weihnachtsmarkt in Wintermarkt umbenannt werden müsse. Durch solche Erzählungen wird Toleranz negativ überspitzt und als nachteilig für die eigene Identität inszeniert“, schreibt die Amadeu-Antonio Stiftung. 

Aber nicht nur von Andersgläubigen und Zugezogenen wird die deutsche Tradition in dieser Logik bedroht. Es gebe auch Varianten, in denen für diese Angriffe nicht „Fremde“, sondern der politische Gegner verantwortlich gemacht würden, schreibt die Stiftung. „Häufig sind es Erzählungen darüber, dass zum Beispiel die Grünen etwas fordern würden, das konträr zur deutschen Kultur stünde.“ Womit wir wieder beim „Zipfelmützenmann“ wären. 

Die AfD und der Osterhase

In ihrem Bericht untersuchte die Stiftung auch die Facebook-Seite der Bundes-AfD. Die „Bedrohung von außen und innen“ waren dort die zwei am häufigsten genutzten Narrative. In 15 Beiträgen im Untersuchungszeitraum thematisierte die AfD angebliche Angriffe auf deutsche Kultur und Identität. 

Auch auf die weiter oben erwähnte Meldung zum umbenannten Schoko-Osterhasen war die Partei damals aufgesprungen. Der damalige AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen schrieb in einem Facebook-Beitrag: „Unser Land ist christlich geprägt, nicht islamisch; deshalb heißt es bei uns Osterhase, Osterei und Osterfest – nicht dagegen Traditionshase, Traditionsei und Traditionsfest.“

Facebook-Beitrag von Jörg Meuthen vom 29. März 2018 (Screenshot: CORRECTIV)

Unglücklich nur, dass die AfD selbst ihre parteieigenen Schoko-Osterhasen 2017 als „Schokohasen“, statt „Osterhasen“ bezeichnet hatte. Erst nach der öffentlichen Diskussion benannte die AfD sie im März 2018 in ihrem Facebook-Beitrag um: in „Schokoosterhasen“. Die Umbenennung ist im Bearbeitungsverlauf des Facebook-Beitrags weiter sichtbar.

Bearbeitungsverlauf des AfD-Facebook-Beitrags (Screenshot: CORRECTIV)

Wenn Sie das nächste Mal von umbenannten Pfingstrosen, Schoko-Osterhasen und Weihnachtsmärkten lesen, handelt es sich also mit großer Wahrscheinlichkeit um eine neue deutsche Tradition: Falschmeldungen, die vorgeben, das Abendland zu verteidigen.

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Coronavirus - Robert-Koch-Institut - Pressekonferenz
Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts, auf einer Pressekonferenz. Zu Fake News äußert sich das Institut nicht. (Foto Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa)

von Frederik Richter , Alice Echtermann , Till Eckert , Cristina Helberg

Deutschland bekämpft mit allen Mitteln den Ausbruch der Corona-Pandemie. An eines hat jedoch kaum einer gedacht: den Einfluss von Desinformation. Das Robert-Koch-Institut und weitere Einrichtungen geben Faktencheckern selten Auskunft. Das kann gefährlich sein.

Desinformation rund um die Corona-Pandemie erreicht in sozialen Netzwerken Millionen Menschen. Sie hängen an den Lippen von Ärzten und angeblichen Experten, die behaupten, die Pandemie sei nicht viel schlimmer als eine Grippe-Welle.

Solche Falschinformationen haben konkrete Auswirkungen: Wer glaubt, das Coronavirus sei nicht so schlimm, ist weniger bereit, sich an Hygieneregeln und Maßnahmen zur Eindämmung zu halten. Es kann um Leben und Tod gehen.

„Desinformation über Gesundheit kann Ausbrüche von Ansteckungskrankheiten verschlimmern“, schrieben zwei britische Forscher in einer Studie vom November 2019. Sie verwiesen darauf, dass während des Ausbruchs von Ebola in Westafrika das Verhalten der Menschen davon abhing, welche Informationen über Übertragungswege der Krankheit sie erhalten hatten.

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Bereits am 2. Februar wies die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einem Situationsbericht darauf hin, dass die Corona-Pandemie von einer „massiven Infodemie“ begleitet werde. Seitdem beobachtet die WHO Gerüchte und Mythen rund um den Corona-Ausbruch und kämpfen mit Aufklärung gegen sie an.

Es gibt bei Bundesbehörden und in den Ländern auch positive Beispiele. Doch beim Robert-Koch-Institut (RKI), der wichtigsten Bundesbehörde im Kampf gegen Pandemien, und anderen Einrichtungen findet dieser Teil der Pandemie-Bekämpfung kaum statt. Manche Pressesprecher halten den „Quatsch“ im Internet offenkundig für unwichtig im Vergleich zu anderen Anfragen und antworten nicht auf Fragen von Faktencheckern, die der Desinformation entgegentreten wollen.

Das RKI ließ seit Januar etwa ein halbes Dutzend Anfragen zu jeweils verschiedenen Falschbehauptungen zum Coronavirus unbeantwortet oder verwies auf andere Behörden. Erst als wir uns massiv bei der Bundesregierung beschwerten, erhielten wir Ende März Informationen.

Die Pandemie ist eine beispiellose Herausforderung für die Gesellschaft, die Medien und vor allem auch für die Behörden. Einige Aspekte der Pandemie-Bekämpfung in Deutschland gelten international als vorbildlich. In Frankreich wie auch in Großbritannien zum Beispiel führen Kommentatoren in der innenpolitischen Debatte immer wieder die vergleichsweise großen Testkapazitäten in Deutschland an.

Mitten im Sturm

Das RKI steht im Zentrum des Sturms. Ohne Frage sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überlastet und arbeiten sehr hart, um die Krise zu bewältigen. Das Institut erhält nach eigenen Angaben derzeit über 100 Medienanfragen pro Tag. Das ist mit den Kapazitäten aus normalen Zeiten nicht zu bewältigen. Doch wenn über mehrere Wochen hinweg Anfragen unbeantwortet bleiben, entsteht der Eindruck, dass das Institut die Bedeutung von Desinformation bei der Bekämpfung von Pandemien unterschätzt.

Anfang Februar wandten wir uns an einen Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts. Wir wollten über ein weitverbreitetes Gerücht schreiben, dass das Virus aus einem Biowaffen-Labor im chinesischen Wuhan stamme, und baten um eine Einschätzung. Entsprechende Facebook-Posts waren schon im Januar tausendfach geteilt worden.

Stattdessen antwortete die Pressesprecherin des RKI. Sie bat uns, Anfragen in Zukunft nur an die Pressestelle zu richten. Unsere Fragen beantwortete sie nicht.

Die Pressesprecherin lieferte lediglich einen vagen Verweis auf eine Äußerung des Virologen Christian Drosten zur Entstehung des Virus. Diesen Verweis sollten wir jedoch nicht zitieren. „Mein Kommentar bezog sich auf alle diese Verschwörungs-Behauptungen und ist nur für Ihren Hintergrund gemeint gewesen. Ich möchte solche Behauptungen nicht durch Zitate aufwerten“, schrieb die Sprecherin zur Begründung.

Diese Haltung ist überholt. Nach ihr wird das, was im Internet steht, erst dann wichtig, wenn eine Pressesprecherin es mit einem Zitat würdigt. Offenkundig ist den Presseverantwortlichen fremd geblieben, dass das Internet anders funktioniert. Desinformationen führen an offiziellen Verlautbarungen vorbei ein Eigenleben – und sie können Leben kosten.

Nichts hinzuzufügen

Als wir dem RKI die Bedeutung von Faktenchecks noch einmal schriftlich erläuterten und um Auskunft baten, antwortete die Sprecherin lediglich: „Ich kann meinen Ausführungen nichts hinzufügen.“ Die Falschinformation, dass das Virus aus einem chinesischen Labor für Biowaffen stammt, zirkuliert bis heute. Ein ehemaliger AfD-Politiker griff sie noch vor wenigen Tagen im baden-württembergischer Landtag auf – dieses Mal in der Version, dass das Virus aus einem Biowaffenlabor in den USA stammen könnte.

Erst Ende März, nachdem wir noch mehrfach angefragt haben, äußerte sich das RKI dazu uns gegenüber – und wir konnten schließlich einen ersten Faktencheck dazu veröffentlichen.

Andere Faktenchecker wie die Kolleginnen und Kollegen vom Bayerischen Rundfunk haben ähnliche Erfahrungen gemacht.

„In den ersten Tagen und Wochen der Berichterstattung über das Coronavirus hat das Robert-Koch-Institut auf die Fragen unserer Faktencheck-Redaktion relativ schnell geantwortet, aber eher knapp“, sagt Sophie Rohrmeier, Teamlead Verifikation und Faktenfuchs beim Bayerischen Rundfunk.

„Auf Details sind sie nicht eingegangen. Der nächste Schritt war dann, dass sie uns gesagt haben, aus Kapazitätsgründen könnten sie nicht mehr antworten. Inhaltlich haben wir also keine Fragen mehr beantwortet bekommen.“

Das RKI habe zum Beispiel nicht auf den Vorwurf der sogenannten Überzählung reagiert. Dabei geht es um die Frage, ob nicht zuviele Tote in der Corona-Statistik auftauchen, weil Patienten an mehreren Krankheiten sterben können. Auch das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit habe nicht geantwortet, sagt Rohrmeier.

„Ich verstehe, dass das RKI und andere Behörden gerade sehr viele Anfragen bekommen und es etwas länger dauern kann. Aber wenn man das Virus eindämmen will, muss man auch Ängste und Gerüchte eindämmen. Desinformation zu bekämpfen, gehört aus meiner Sicht dazu, um das Virus zu bekämpfen.“

Die Bevölkerung überzeugen

Die Haltung des RKI verwundert, wenn man eine Risikoanalyse der Bundesregierung zum Bevölkerungsschutz aus dem Januar 2013 liest. Die Analyse enthält das fiktive Szenario einer globalen Pandemie – ausgelöst durch ein neuartiges Coronavirus.

Darin findet sich ein Abschnitt zum Thema Kommunikation. „Nur wenn die Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit von Maßnahmen (z. B. Quarantäne) überzeugt ist, werden sich diese umsetzen lassen“, heißt es.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts – der unter der Federführung des RKI verfasst wurde – gehen davon aus, dass die Behörden Verunsicherungen und verschiedenen Erklärungen mit Informationen begegnen müssen. „Es ist von einer vielstimmigen Bewertung des Ereignisses auszugehen, die nicht widerspruchsfrei ist“, schrieben sie.

Und weiter: „Dementsprechend ist mit Verunsicherung der Bevölkerung zu rechnen. Zusätzlich ist ein (mehr oder minder qualifizierter) Austausch über neue Medien (z. B. Facebook, Twitter) zu erwarten.“

„Leider nicht die Kapazität“

Die Analyse stammt aus einer Zeit, in der über soziale Netzwerke verbreitete Desinformationen und „Fake News“ noch nicht im heutigen Ausmaß als Problem erkannt waren. Doch die Autoren erkannten bereits, dass sie ein Faktor bei der Bekämpfung von Epidemien sind. Hält man sich die Reaktion des RKI vor Augen, scheint diese Erkenntnis dort noch nicht angekommen zu sein.

Oder es sieht sich als nicht zuständig an. Auf seiner Webseite schreibt das Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) sei dafür zuständig, die Bevölkerung zu informieren. Tatsächlich schaltet die BzgA zahlreiche Anzeigen in sozialen Netzwerken. Wer auf Twitter, Instagram oder Youtube „Coronavirus“, „Covid-19“ oder ähnliche Suchwörter eingibt, bekommt einen Link zur Webseite der Behörde eingeblendet.

Die BzgA jedoch verbreitet lediglich die fachlichen Informationen des RKI, wie uns eine Pressesprecherin auf Nachfrage mitteilte. Damit kann auch die BzgA die Fragen von Faktencheckern nicht beantworten.

Factchecker sind für ihre Arbeit auf Aussagen von Expertinnen und Wissenschaftlern angewiesen (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

Zum Entkräften von Desinformation, die auf vielschichtige, aber immer andere Weise Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Spekulationen mit Fakten vermischt, müssen Medien auch spezifische Fragen zu Falschinformationen stellen, die Expertinnen und Experten und Behörden lächerlich vorkommen. Es sind Fragen, die viele Menschen in Deutschland umtreiben und die sie verunsichern.

Am 25. März versuchten wir es wieder bei der Pressestelle des RKI.

„Wir haben leider nicht die Kapazität, hier Infos bereitzustellen und können nur auf unsere Internetseiten verweisen. Vielleicht kann auch jemand von der Gesellschaft für Virologie weiterhelfen“, lautete die Antwort.

Doch da wissen wir bereits, dass die Gesellschaft für Virologie auch nicht helfen kann. Am 16. März fragten wir die Gesellschaft an. Wir suchten einen Virologen, der die Aussage entkräften kann, dass Vitamin C in hohen Dosen das Coronavirus abtöten kann. Facebook-Posts mit dieser Aussage wurden mehrere tausend Mal geteilt, Youtube-Videos mehrere zehntausend Mal aufgerufen.

Zu banal

Das klingt aus Sicht von Experten vielleicht zu banal, um sich damit abzugeben. Doch Faktenchecker sind darauf angewiesen, in ihren Texten Wissenschaftler zitieren zu können. Die Öffentlichkeit muss auf ihr Wissen zurückgreifen können, um Informationen einzuordnen.

Ohne Zitate von Wissenschaftlern und Expertinnen ist ein Faktencheck nicht möglich. Nur mit den unabhängigen Einordnungen wird die Arbeit der Faktenchecker gründlich und glaubwürdig.

Die Pressesprecherin der Gesellschaft für Virologie lehnte unsere Anfrage jedoch ab. Man habe nicht mehr die Kapazität, jede Anfrage zu beantworten, sagte sie am Telefon. Es gebe zu viele Anfragen, als dass man sich mit allem beschäftigen könne, was im Internet geschrieben werde. Die Pressesprecherin entschuldigte sich vielmals und sandte uns anschließend auch noch den Verweis auf eine wissenschaftliche Studie zum Thema.

Ähnlich ist es bei der Berliner Charité. Am 24. Januar, noch bevor der Ausbruch des Coronavirus in China das größte Thema in den Medien war, wandten wir uns zum ersten Mal an das dortige Institut für Virologie. Wir erhielten keine Antwort. Am 6. Februar stellten wir eine weitere Anfrage. Es sei der Charité ein Anliegen, mit der eigenen Expertise zur Einordnung von Fake News und Gerüchten beizutragen, lautete die Antwort. Der Leiter der Virologie, Christian Drosten, stehe jedoch wegen des erhöhten Aufkommens von Presseanfragen zum Coronavirus für die Beantwortung unserer Fragen nicht zur Verfügung.

Nicht unsere Aufgabe

Das Landeszentrum Gesundheit in Nordrhein-Westfalen – das Bundesland war zunächst am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen – hat eine Fachabteilung Infektionsschutz. Doch die Behörde konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit anderen Behörden. Als wir um Informationen zur Einordnung der millionenfach verbreiteten Aussagen von Wolfgang Wodarg baten, teilte eine Sprecherin mit: Nicht unsere Aufgabe. Wodarg zählt zu den Ärzten, die die Corona-Pandemie für Panikmache von Regierungen, Experten und Medien halten.

Ganz anders agiert die WHO: Sie hat eine Liste mit „Myth busters“, also Faktenchecks falscher Behauptungen über das Coronavirus auf der eigenen Webseite veröffentlicht. Auch in sozialen Netzwerken verbreitet sie diese.

Das Bundespresseamt sagte uns auf Anfrage, dass die Bundesregierung sehr wohl gegen Desinformationen vorgehe. „Auf unseren Kanälen versuchen wir, kursierende Falschinformationen klar zu benennen“, teilte ein Sprecher mit. „Wir sensibilisieren für das Aufkommen von Desinformation und zeigen den Bürgerinnen und Bürgern verlässliche Quellen auf.“ Das Bundesministerium für Forschung und Bildung zum Beispiel hat auf seiner Webseite einige Faktenchecks veröffentlicht.

Der Sprecher verwies auch darauf, dass sich verschiedene Bundesminister täglich in Pressekonferenzen Fragen der Medien stellten. Doch das hilft der Arbeit in Sachen Desinformation wenig, denn diese verbreitet sich spontan und beinhaltet meist sehr spezielle Behauptungen, die die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft untergraben. Das Bundesgesundheitsministerium verwies uns bei einer Anfrage übrigens ebenfalls an das RKI.

Gegenüber dem Bundespresseamt beschwerten wir uns massiv über die mangelnde Auskunftsbereitschaft des RKI. Drei Tage später beantwortete die Behörde zum ersten Mal eine Anfrage von uns.

So ein „Quatsch“

Zuvor hatten wir uns auf unserer Suche nach Informationen auch an den Pressesprecher eines großes Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen gewandt. Um es deutlich zu machen: Das Krankenhaus dient ausschließlich der Versorgung von Patienten und sei keine Forschungseinrichtung. Es wäre nicht zu erwarten, dass es der Presse wissenschaftliche Einschätzungen zur Verfügung stellt.

Doch die spontane Antwort des Sprechers bringt eine offenbar weit verbreitete Haltung bei deutschen Institutionen und Behörden auf den Punkt: „Wenn ich offen sein darf: Zu so einem Quatsch äußern wir uns also nicht; dazu ist die Zeit gerade zu kostbar“, schrieb er.

Auch das ist eine Binsenweisheit. Es muss auch nicht jeder Antworten geben. Es wäre aber hilfreich, wenn sich zumindest eine Stelle im RKI um die Belange der Faktenchecker kümmern könnte – damit Falschinformationen in den sozialen Medien schnell auf Augenhöhe begegnet werden kann.

Es gibt auch positive Beispiele. Das Bundesinstitut für Risikobewertung beantwortete eine Anfrage von uns sehr zügig. Die Staatskanzlei des Saarlands kontaktierte uns diese Woche und zeigte Interesse an einem Austausch im Kampf gegen Fake News. Das Bundesland informiert bereits mit einem automatisierten Messenger-Dienst über das Coronavirus.

Julii Brainard und Paul Hunter, die Autoren der eingangs erwähnten Studie, untersuchten den Einfluss von Desinformation auf die Schwere eines Pandemie-Ausbruchs. Die Wissenschaftler der Universität East Anglia modellierten verschiedene Kommunikations-Strategien zur Bekämpfung von Desinformation. Sie kamen in ihrem theoretischen Modell zu dem Schluss, dass diese den Einfluss von Desinformationen auf einen Krankheitsausbruch reduzierten.

„Die Wirksamkeit der Anwendung solcher Strategien im Kampf gegen „Fake News“ muss unter realen Bedingungen getestet werden“, schrieben sie.

Die Welt, und damit auch deutsche Behörden, hat jetzt die Gelegenheit dazu.

Mitarbeit: Tania Röttger, Marcus Bensmann, Bianca Hoffmann, David Schraven und Lea Weinmann

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(Bild: CORRECTIV)

Falschmeldungen und Gerüchte über das neuartige Coronavirus verbreiten sich aktuell vor allem auf Whatsapp. Wir wollen dem etwas entgegensetzen: Schicke unseren Faktencheck-Kettenbrief an Deine Kontakte.

Bekannte haben Dir einen Kettenbrief mit möglichen Falschbehauptungen, Gerüchten oder Verschwörungen zum neuartigen Coronavirus auf Whatsapp oder Telegram weitergeleitet, und Du willst das nicht so stehen lassen? Wir haben dafür etwas vorbereitet. Kopiere einfach diesen Text und schicke ihn in Deiner Messenger-App weiter:


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Mit der Weiterleitung hilfst Du aktiv, Fakes zum Coronavirus einzudämmen. Vielen Dank! Alle unsere Faktenchecks zum Thema findest Du auf unserer Schwerpunkt-Webseite.

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Der CrowdNewsroom von CORRECTIV.Faktencheck ist ein neues Tool gegen die Desinformation zum Coronavirus SARS-CoV-2. (Grafik: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Zu dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 sind zahlreiche Falschmeldungen im Umlauf. Menschen können diese jetzt schnell und unkompliziert online melden, mit dem neuen CrowdNewsroom von CORRECTIV.Faktencheck. 

Behauptungen zu dem Coronavirus SARS-CoV-2 werden derzeit tausendfach weitergeleitet. Die WHO spricht von einer „Infodemie“, bei der es für die Menschen schwer sei, vertrauensvolle Quellen zu finden. Um Falschmeldungen effektiv zu bekämpfen, hat CORRECTIV.Faktencheck jetzt ein neues Meldesystem entwickelt: Jede und jeder kann verdächtige Behauptungen in unserem CrowdNewsroom melden.

Unser Team sichtet die Einreichungen, bewertet sie und veröffentlicht gegebenenfalls Faktenchecks. 

Hier geht es zu dem neuen CrowdNewsroom zum Coronavirus.

Es ist essentiell, Falschmeldungen zu dem Coronavirus SARS-CoV-2 klarzustellen, damit Menschen keinen falschen Versprechungen oder Handlungsanweisungen folgen. Der CrowdNewsroom zum Coronavirus ermöglicht, effektiver gegen die Verbreitung von Falschmeldungen vorzugehen. 

Dabei können alle mithelfen! 

Mit den gesammelten Daten wird auch deutlich, wie sich Desinformation in Deutschland verbreitet: Es wird sichtbar, ob es regionale Unterschiede bei den Falschmeldungen gibt, welche Sozialen Netzwerke am meisten für die Verbreitung genutzt werden und ob die Nachrichten insbesondere im persönlichen Bekanntenkreis geteilt oder verschickt werden. 

Der CrowdNewsroom ist eine von CORRECTIV entwickelte Software, um Bürgerinnen und Bürger an Recherchen zu beteiligen. Unter Mitwirkung der Öffentlichkeit wurden bereits mehrere Recherchen von CORRECTIV realisiert. CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigene Redaktion innerhalb des gemeinnützigen und unabhängigen Recherchezentrums CORRECTIV. 

Coronavirus Symbolbild Labor
Die WHO bezeichnet die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 als Pandemie. (Foto: Hans Klaus Techt / picture alliance / APA / picturedesk.com)

von Frederik Richter , Bianca Hoffmann

In mehreren Videos behauptet der Arzt Wolfgang Wodarg, bei der Coronavirus-Pandemie handele es sich um Panikmache. Dabei durchmischt er Fakten und Spekulationen. Im Gespräch mit CORRECTIV zeigt er sich unbeeindruckt.

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus und die Maßnahmen von Regierungen zur Eindämmung verunsichern die Menschen. Die aktuelle Situation ist ein idealer Nährboden für die Verbreitung von falschen, ungenauen Informationen und Spekulationen. Videos des Arztes Wolfgang Wodarg, der die Coronavirus-Pandemie für Panikmache hält, werden innerhalb von Tagen auf Youtube hunderttausende Mal angesehen. 

Wolfgang Wodarg war 15 Jahre lang Bundestagsabgeordneter für die SPD. Er gehört dem Vorstand von Transparency International an.

In den Videos, in denen er seit einigen Tagen mit seiner Sicht auf das Coronavirus auftritt, stellt er sich zudem als Lungenarzt, Internist und ehemaligen Leiter eines Gesundheitsamts in Schleswig-Holstein vor. 

Ein Youtube-Video vom 13. März wurde bereits über eine Million Mal aufgerufen. Ein Interview mit Eva Herman hat an nur einem Tag über 100.000 Aufrufe erzielt. Ein knapp elfminütiges Youtube-Video mit englischen Untertiteln hat in den vergangenen drei Tagen über eine halbe Million Aufrufe erreicht.

Wolfgang Wodarg
Der Arzt Wolfgang Wodarg sorgt derzeit für Aufregung mit seinen Äußerungen zum Coronavirus. (Quelle: Youtube / OvalMedia, Screenshot: CORRECTIV)

Der Tenor aus diesem sowie weiteren Videos lässt sich so zusammenfassen:

Die Reaktion von Regierungen und Behörden auf die Krankheit Covid-19 sei nicht angemessen. Wodarg sagt, er sei „fassungslos, über das, was ich da beobachten muss.“ Auf seiner Webseite fordert er: „Corona-Panic beenden!“ 

Er stellt zudem verschiedene Behauptungen auf.

Behauptung: Neuartiges Coronavirus sei nicht schlimmer als frühere Grippewellen

Wodarg argumentiert im Kern, dass es Coronaviren schon vor der aktuellen Krankheitswelle gegeben habe. Diese sei nicht schlimmer als frühere Grippewellen. Allerdings hätten Forscher – angeblich auch aus finanziellen Motiven – jetzt Tests entwickelt, die zuvor nicht zur Verfügung standen. Deswegen seien erst jetzt Erreger ins Bewusstsein getreten, die es schon lange gegeben habe.

Wodarg sagt, dass etwa zehn Prozent aller existierenden Viren Coronaviren seien (Minute 1:45). Und macht folgende Rechnung auf: Wenn es bei vorherigen Grippewellen 20.000 bis 30.000 Tote gegeben habe, dann gab es „in den vergangenen Jahren immer 2.000 bis 3.000 Tote durch Coronaviren. Und da sind wir ja noch weit von weg.“

Die Anzahl der bisher bestätigten Deutschen mit Grippe übersteigt die der Patienten mit Coronavirus – noch. In der gesamten Grippe-Saison 2019/2020 sind laut dem bundeseigenen Robert-Koch-Institut (RKI) bislang 247 Menschen durch eine Grippe ums Leben gekommen. Mit Grippe infiziert haben sich allerdings viel mehr Personen. Insgesamt wurden „145.258 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle an das RKI übermittelt“ (PDF, S. 6).  

Es trifft zu, dass die Familie der Coronaviren älter als der aktuelle Ausbruch des SARS-CoV-2 -Virus ist. Laut Robert-Koch-Institut ist diese Familie seit Mitte der 1960er Jahre bekannt. 

Das Robert-Koch-Institut erklärt auf seiner Webseite, dass Coronaviren schon seit den 1960er Jahren identifiziert sind. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch bei den SARS– und MERS-Viren handelt es sich um Coronaviren. Bei SARS-CoV-2 wird daher von Experten auch von einem „neuartigen“ Coronavirus gesprochen. Da es lange keinen eigenen Namen hatte, setzen viele Menschen SARS-CoV-2 offenbar mit dem Begriff „Coronavirus“ gleich. Das Helmholtz-Institut schreibt, etwa ein Drittel der „typischen Erkältungen“ sei auf Coronaviren zurückzuführen. Es gibt keine Belege darüber, wie viele Menschen direkt in Folge einer Ansteckung mit Coronaviren ums Leben gekommen sind, lediglich für die Epidemien mit SARS (774 Todesfälle in 2002/03) und MERS (800 Todesfälle bisher) liegen Zahlen vor.  

Wodarg argumentiert, dass es ein normaler Vorgang sei, dass sich Viren verändern, um sich verbreiten zu können. Allerdings lässt er die Problematik des aktuellen SARS-CoV-2-Ausbruch unter den Tisch fallen: Für dieses Virus gibt es bisher weder einen Impfstoff noch eine Immunität in der Bevölkerung. Lässt man der Pandemie also ihren Lauf, ist das Gesundheitssystem schnell überlastet.

Behauptung: Tests seien nicht spezifisch genug entwickelt

Das zweite Kernargument von Wodarg: Er zieht Möglichkeiten der Medizin, den Verursacher von Covid-19 zu erkennen, in Zweifel. Demnach seien Mediziner in der chinesischen Stadt Wuhan bei wenigen Patienten auf eine „angeblich“ neue RNA-Sequenz in Viren gestoßen.

Wissenschaftler der Berliner Charité unter Beteiligung des Leiters der Virologie, Christian Drosten, hätten dann schnell einen Test entwickelt. Dieser sei jedoch nicht ausreichend validiert worden, die üblichen Genehmigungsverfahren seien übersprungen worden, behauptet Wodarg. Die Charité ließ eine Anfrage von CORRECTIV zu den Vorwürfen zunächst unbeantwortet.

Wodarg sagt in einem Facebook-Video auf der Seite des ZDF-Magazins Frontal 21 außerdem, dass dieser Test lediglich auf Grundlage „der ähnlichen Viren, die man kannte“ entwickelt worden sei. Das Virus aus Wuhan habe schließlich in Berlin nicht vorgelegen. „Das ist nun natürlich so eine Sache, ob der Test jetzt wirklich nur diese Viren misst, die dort eine Rolle gespielt haben in der Klinik, oder ob der gleichzeitig noch andere SARS-Viren misst.“

Wodarg lobt allerdings die Wissenschaftler der Charité dafür, dass sie ihre Arbeiten ins Internet gestellt hätten. So könnten Wissenschaftler aus aller Welt diese überprüfen.

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Das wissenschaftliche Protokoll der Entwicklung des Tests für das damals noch als 2019-nCoV bezeichnete Virus ist in der Tat hier bei der WHO nachzulesen. Die Wissenschaftler schreiben, dass der Test auf der genetischen Nähe von 2019-nCoV mit SARS-Coronaviren basiere. Sie argumentieren jedoch, dass der Test das neuartige Virus ausreichend von anderen unterscheiden könne. Dies habe man anhand von 297 klinischen Proben anderer Viren, die Atemwegserkrankungen auslösen, untersucht.

Virologe Christian Drosten weist Vorwürfe zurück

Drosten wies am 18. März in seinem täglichen Podcast mit dem NDR die Vorwürfe von Wodarg zurück. Der Test sei entwickelt „auf der Basis des nahe verwandten SARS-Coronavirus. Dieses hat aber auch wieder mit den landläufigen Erkältungs-Coronaviren überhaupt nichts zu tun, das ist genetisch sehr weit entfernt.“

Man habe eine Reihe von Tests gemacht auf Basis des alten SARS-Coronavirus und einer „riesengroßen Diversität von Fledermaus-Coronaviren, also die nächsten Verwandten“.

Dann sei die Sequenzinformation des neuen Coronavirus veröffentlicht worden und man habe sie mit den Tests abgeglichen. Es seien die zwei Tests gewählt worden, die am besten zu dem neuen Virus passten. Diese seien weiter validiert worden, mit der Universität Hong Kong, der Universität Rotterdam, der nationalen Public Health Organisation in London und eigenen Patienten.

Es sei eine  Validierungsstudie durchgeführt worden mit hunderten echten Patientenproben, mit anderen Coronaviren und Erkältungsviren, so Drosten. „Und nicht ein einziges Mal hat es da eine falsch positive Reaktion gegeben. Also dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen.“

Angebliche Ungenauigkeiten bei den Tests: Das ist der vielleicht konkreteste Kritikpunkt von Wodarg. Danach wird es vage, Belege gibt es keine. Wodarg macht aber deutlich, dass er politische und finanzielle Interessen hinter der staatlichen Reaktion auf die Ausbreitung vermutet.

Behauptung: Coronavirus diene politischen Interessen

In China vermutet Wodarg ein Interesse des Staats an mehr Überwachung als Motiv. „Das war politisch sehr wichtig plötzlich. Das Fieberthermometer regelte den Verkehr in Chinas Straßen“, sagt er auf Youtube. Das SARS-CoV-2-Virus sei deswegen in Wuhan entdeckt worden, weil es dort „Sicherheitslabore“ für Viren gebe. Es ist eine von mehreren nicht ausgeführten Andeutungen, mit denen Wodarg seine Theorie von der unnötigen Panikmache unterfüttert. 

In einem telefonischen Gespräch mit CORRECTIV führt Wodarg aus, dass es eben in Wuhan spezialisierte Labore gegeben habe und nicht zum Beispiel in Peking. 

Im Umkehrschluss streitet der Arzt damit ab, dass es einen dramatischen Ausbruch einer neuartigen Viruserkrankung in Wuhan gegeben habe. Denn laut Wodargs Theorie sind angeblich Menschen überall gleichzeitig mit durch Coronaviren ausgelösten Atemwegserkrankungen erkrankt.

Behauptung: Wissenschaftler haben finanzielle Interessen am Coronavirus

Wodarg sagt, es habe sich ein selbstbezügliches Netz aus Politikern und Wissenschaftlern gebildet, in dem andere Ansichten keinen Platz mehr hätten. „Da ist was gesponnen worden, ein Netz von Informationen von Meinungen. (Das) hat sich entwickelt in diesen Fachkreisen und die Politik hat sich an diese Fachkreise gewandt, die damit angefangen haben.“

Wodarg unterstellt den Wissenschaftlern dabei finanzielle Interessen. „Wissenschaftler wollen mitschwimmen, weil sie Geld brauchen für ihre Institute. Sie wollen wichtig werden.“

Im NDR-Podcast widerspricht Christian Drosten: Man verdiene mit dem Test unter dem Strich „keinen Cent“.

Die Ansicht von Wodarg widerspricht auch den Äußerungen vieler Wissenschaftler. Eine Gruppe von Wissenschaftlern des Londoner Imperial College bezeichnet die aktuelle Situation als die größte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit durch ein Atemwegsvirus seit der H1N1-Pandemie am Ende des Ersten Weltkriegs (Spanische Grippe).

Laut dem Situationsbericht der WHO vom 17. März haben sich knapp 180.000 Menschen weltweit mit dem neuen Coronavirus infiziert. 7.426 Menschen sind demnach an der Krankheit gestorben. Laut Johns-Hopkins-University sind mehr als 81.000 bereits wieder geheilt.

Einordnung der Behauptungen von Wolfgang Wodarg

Es ist nicht das erste Mal, dass Wodarg finanzielle Interessen hinter Maßnahmen gegen eine Krankheit wittert. Vor zehn Jahren kritisierte er als Abgeordneter im Europarat die Reaktion der Weltgesundheitsbehörde auf das H1N1-Virus. Diese erklärte die sogenannte Schweinegrippe damals zu einer Pandemie. Kritiker wie Wodarg hielten das für falsch. Sie warfen den Verdacht auf, dass dies im Interesse der Pharmaindustrie erfolgt sei, damit diese an Impfungen Geld verdienen konnte.

Die WHO teilte im August 2010 mit, die Pandemie habe zu über 18.000 Toten geführt.

Auf der Webseite von Transparency International spricht Wodarg von „Unternehmen, die Seuchen erfinden, um aus Angst Profit zu schlagen“.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat Wodarg wegen seiner aktuellen Äußerungen auf Twitter kritisiert:

Karl Lauterbach (SPD) äußert sich zu den Videos von Wolfgang Wodarg. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Gespräch mit CORRECTIV.Faktencheck sagt Wodarg, es gehe ihm primär darum, zu zeigen, dass es immer schon Coronaviren gegeben habe. „Wie sähe die Welt aus, wenn wir diesen Test nicht hätten? Dann wäre der Kaiser nackt“, sagt er in Anspielung auf das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Und Wodarg glaubt, dass dann eben politische und finanzielle Interessen auf diesen Zug aufgesprungen seien. 

Wodarg berichtet, dass sein Telefon nicht mehr still stehe. Gerade hat er dem anti-westlichen Blog Ken.FM ein Interview gegeben.

Versteht er, dass in der aktuellen Situation die Menschen Diskussionen über die mangelnde Validität von Testverfahren und angebliche Verschwörungen durch chinesische Politiker und Wissenschaftlern nicht auseinanderhalten können?

„Im Moment pickt sich jeder raus, was er will“, räumt Wodarg ein.

Anmerkung der Redaktion: Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist geschlossen.

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Update vom 18. März: Wir haben den Text mit Äußerungen von Christian Drosten ergänzt sowie die Einordnung des Blogs Ken.FM angepasst.

Mitarbeit: Alice Echtermann, Arne Steinberg

Coronavirus Covid-19 Faktencheck
Über das neuartige Coronavirus kursieren zahlreiche Behauptungen. Das Faktencheck-Team von CORRECTIV veröffentlicht seit Wochen Faktenchecks dazu. (Symbolbild: picture alliance / Bildagentur-online / Ohde)

Rund um das neuartige Coronavirus und die damit verbundene Pandemie werden seit Wochen zahlreiche Falschinformationen und Halbwahrheiten verbreitet – vor allem in den Sozialen Netzwerken. Hier sind alle Faktenchecks im Überblick.

Seit Wochen beherrscht das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 die Berichterstattung. Auch Desinformationen rund um das Virus und die Lungenkrankheit Covid-19 sind an der Tagesordnung. Die Behauptungen verbreiten sich vor allem über die Sozialen Netzwerke, zum Beispiel Facebook oder Whatsapp. 

Diese Behauptungen hat das Team von CORRECTIV.Faktencheck seit Januar überprüft.

(Achtung: Alle Informationen in den Faktenchecks geben den jeweiligen Stand der Dinge zu dem Zeitpunkt wieder, an dem sie veröffentlicht wurden.)

Behauptung von Michael Spitzbart: Das Coronavirus ist nicht schlimmer als Grippeviren

Der Arzt Michael Spitzbart vergleicht das neuartige Coronavirus auf Facebook und Instagram mit dem Grippevirus. Seine Behauptung: Beide Virentypen seien ähnlich gefährlich. Seine Argumente sind jedoch zum Teil irreführend. Denn für Vergleiche mit dem Grippevirus oder Schätzungen zur Sterblichkeitsrate ist die Datenlage rund um das neuartige Coronavirus noch nicht ausreichend. Hier geht es zum Faktencheck vom 3. April.

Bewertung: teilweise falsch.

Behauptungen: Corona-Infizierte haben keine laufende Nase, Coronaviren sterben bei 26 Grad ab, meistens stecke man sich durch das Berühren von Oberflächen an

In einem Kettenbrief, der am 11. März auf Facebook veröffentlicht wird, werden angebliche Tipps eines italienischen Arztes zum Coronavirus zusammengefasst. Darunter, dass Corona-Infizierten keine laufende Nase hätten, die Coronaviren bei 26 bis 27 Grad absterben würden und man sich am Ehesten durch das Berühren von Türklinken oder anderen Oberflächen anstecke. Auch auf Whatsapp wird der Kettenbrief verbreitet. Die verschiedenen Behauptungen sind größtenteils falsch. Hier geht es zum Faktencheck vom 3. April.

Bewertung: größtenteils falsch.

Behauptung: Rechter Blogger Billy Six filmt sich in angeblich menschenleerer Charité-Untersuchungsstelle und behauptet, es gebe keine Coronavirus-Patienten in DRK-Klinik

In einem Video, das in Sozialen Netzwerken derzeit stark verbreitet wird, ist der bekannte rechte Blogger Billy Six zu sehen – unter anderem filmt er angeblich in der Charité-Untersuchungsstelle für Coronavirus-Verdachtsfälle. Das stimmt nicht; sein Video führt in die Irre. Hier zum Faktencheck vom 3. April.

Bewertung: größtenteils falsch.

Behauptung: Aussage der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner zu Corona-Maßnahmen für Erntehelfern beweise, dass Asylbewerber monatlich mehr Geld als Rentner hätten

In einem Whatsapp-Kettenbrief wird behauptet, eine Aussage der Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner im ZDF zu Erntehelfern beweise, dass Asylbewerber mehr als 1.100 Euro im Monat hätten. Rentner hätten dagegen nur 600 Euro. Diese Schlussfolgerungen sind falsch. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 3. April.

Bewertung: falsch. 

Behauptungen von Stefan Hockertz: Covid-19 ist nicht gefährlicher als eine Grippe, nur fünf Prozent der Bevölkerung sind gefährdet, hohe Zahlen in Italien sind auf Krankenhauskeime und Luftverschmutzung zurückzuführen

Bewertung: teilweise falsch

Der Immunologe Stefan Hockertz behauptete in einem Radiointerview, das neuartige Coronavirus sei nicht gefährlicher als die Grippe, die Reaktion der Politik sei maßlos und überzogen. Der Mitschnitt verbreitet sich rasant, vor allem auf Whatsapp. Seine Behauptungen sind jedoch teilweise irreführend. So sind die Todeszahlen von Covid-19 und der Grippe aktuell nicht vergleichbar. Die Risikogruppen (Raucher, Menschen über 60) umfassen nicht nur fünf Prozent der Bevölkerung. Die Studie zu Krankenhauskeimen belegt nicht Hockertz’ These – und es gibt keine Belege, dass Feinstaub die Verbreitung von Viren begünstigt. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 2. April.

Behauptung: Medien verwenden dieselben Bilder für Krankenhäuser in Italien und USA – das ist der Beweis, dass sie über Covid-19 lügen

Bewertung: teilweise falsch

Tatsächlich hat der US-Sender CBS News Aufnahmen aus einem Krankenhaus in Bergamo, Italien, fälschlich in einer Sendung am 25. März für einen Bericht über New York verwendet. Gegenüber US-Medien nannte ein Sprecher es einen „Bearbeitungsfehler“. Die Schlussfolgerung, die manche Nutzer ziehen – dass die Aufnahmen insgesamt gefälscht oder alt seien – ist aber falsch. Die Bilder entstanden vor kurzem in Bergamo und zeigen die Überlastung der Klinik durch die Corona-Pandemie. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 2. April.

Behauptung: Die ARD verwendete Fotos von Särgen aus dem Jahr 2014 in der aktuellen Coronavirus-Berichterstattung

Bewertung: unbelegt

In mehreren Facebook-Beiträgen werfen Nutzer der ARD vor, sie habe Bilder von Särgen aus dem Jahr 2014 in aktuellen Beiträgen über das Coronavirus genutzt. Dafür gibt es jedoch weder Belege noch irgendwelche Hinweise. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 2. April.

Behauptung: 100 Gramm Alkohol am Tag desinfizieren den Rachenraum und helfen gegen eine Corona-Infektion

Bewertung: völlig falsch

In einer Meldung, die auf Whatsapp kursiert, wird behauptet, ein erhöhter Alkoholkonsum helfe, Coronaviren im Mund- und Rachenraum abzutöten. Man sollte mindestens fünf Bier trinken. Mit dem Logo des Robert-Koch-Instituts wird suggeriert, diese Empfehlung stamme von offizieller Stelle. Das ist falsch. Alkohol zu trinken verhindert keine Infektion mit SARS-CoV-2. Alkohol macht das Immunsystem sogar anfälliger für Erkrankungen. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 1. April.

Behauptung: Das Coronavirus ist eine Biowaffe; dahinter stecken die USA, denn sie sind von dem Virus nicht betroffen

Bewertung: größtenteils falsch

Der ehemalige AfD-Politiker Wolfgang Gedeon suggerierte in einer Rede im baden-württembergischen Landtag, beim neuartigen Coronavirus könnte es sich um eine US-amerikanische Biowaffe aus dem Labor handeln. Die Wissenschaft und Experten widersprechen; das Virus habe seinen Ursprung in der Natur. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 1. April.

Behauptung: In Hongkong haben Menschen wegen des Coronavirus einen 5G-Mast zerstört

Bewertung: falsch

Eine Whatsapp-Nachricht behauptet, in Hongkong würden Menschen aktuell 5G-Masten abreißen, weil sie im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stehen würden. Das ist falsch. Das Video zeigt Protestierende in Hongkong im August 2019 – lange vor dem Ausbruch von SARS-CoV-2. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 1. April.

Behauptung: Mit Klicks auf ein Video des Sängers Roby Facchinetti spendet man an ein Krankenhaus in Bergamo

Bewertung: größtenteils falsch

In einem Whatsapp-Kettenbrief wird ein Link zum Lied „Rinascerò, Rinascerai“ von Roby Facchinetti auf Youtube verbreitet.  Es wird behauptet, mit jedem Klick auf das Video werde Geld an ein Krankenhaus in Bergamo gespendet, denn der italienische Sänger habe die Rechte an das Hospital übertragen. Das ist falsch. Facchinetti will die Erlöse, die er mit dem Lied erzielt, spenden. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 1. April

Behauptung: Angela Merkel wusste schon 2013 von der aktuellen Pandemie

Bewertung: falsch

Ein Artikel von MZW-News behauptet, das Coronavirus sei absichtlich freigesetzt worden – die Bundeskanzlerin habe davon seit 2013 gewusst. Das ist falsch. Bei dem Dokument, auf das sich der Artikel bezieht, handelt es sich um eine öffentliche Risikoanalyse, in der es darum geht, wie gut Deutschland auf eine Epidemie vorbereitet wäre. Das Szenario wurde mit einem hypothetischen Erreger namens „Modi-SARS“ durchgespielt, der sich in wichtigen Punkten von SARS-CoV-2 unterscheidet. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 31. März.

Behauptungen in Video: Schuhe und Kleidung muss man draußen ausziehen und mit Wäschedesinfektionsmittel waschen; das Virus haftet bis zu neun Stunden am Boden und verbreitet sich über den Wind

Bewertung: unbelegt

Auf Whatsapp und Facebook kursiert ein Video einer Frau, die sich nach eigener Aussage in Italien befindet und Handlungsanweisungen an Deutsche gibt. Ihre Behauptungen sind irreführend oder unbelegt. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 27. März.

Behauptungen in Whatsapp-Sprachnachricht zu Vitamin D, Erkrankungen von Kindern, Virus-Mutation, Temperaturempfindlichkeit des Virus, Triage und 5G

Bewertung: größtenteils falsch

In einer Sprachnachricht stellt eine unbekannte Frau Behauptungen über das Coronavirus und Covid-19 auf. Sie gibt unter anderem Tipps, wie man sich angeblich gegen die Krankheit schützen kann. Die Aussagen sind falsch oder unbelegt. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 27. März.

Behauptung: In China ist nun auch noch das Hantavirus ausgebrochen.

Bewertung: falsch

In einem Artikel der Deutschen Wirtschaftsnachrichten wurde behauptet, in China sei „nun auch das Hantavirus ausgebrochen“. Es gebe einen „ersten Toten“. Das Virus ist in China jedoch eine bekannte, endemische Krankheit mit etwa 100 Toten jedes Jahr. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 27. März.

Behauptung: In Leipzig durfte man sich nur noch fünf Kilometer von seinem Wohnort entfernen.

Bewertung: richtig

Die Ausgangsbeschränkungen in Sachsen sehen vor, dass man sich nur im Umfeld seiner Wohnung aufhalten darf. Es gab eine Handlungsanweisung an die Polizei, die den Radius auf fünf Kilometer festlegte. Diese wurde jedoch nur einen Tag lang umgesetzt und dann wieder aufgehoben, weil sie für Verwirrung sorgte. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 27. März.

Behauptung: Focus Online hat berichtet, dass Supermärkte nur noch montags und freitags geöffnet haben

Bewertung: völlig falsch

Der Focus-Online-Artikel ist eine Fälschung. Die großen Supermarktketten haben ganz normal geöffnet. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 26. März.

Behauptung: Die Stadt Görlitz nutzt die Ablenkung durch das Coronavirus, um heimlich Asylbewerber ankommen zu lassen

Bewertung: größtenteils falsch

Am 10. März kamen regulär 23 Asylbewerber aus Erstaufnahmeeinrichtungen nach Görlitz. Dies geschah weder heimlich noch in der Nacht. Laut Landratsamt Görlitz werden regelmäßig Personen nach dem Königsteiner Schlüssel auf die Städte aufgeteilt. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 25. März.

Behauptung: Die Türkei hat Italien mit 200.000 Masken und anderen medizinischen Geräten geholfen, aber niemand nimmt davon Kenntnis

Bewertung: teilweise falsch

Hier fehlt Kontext. Italien hatte 200.000 Masken bei einer türkischen Firma gekauft. Da die Ausfuhr von Schutzausrüstung jedoch seit dem 4. März in der Türkei genehmigungspflichtig ist, steckte die Lieferung mehr als zwei Wochen im Zoll fest. Die beiden Länder sprachen sich schließlich ab und der Export wurde genehmigt. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 25. März.

Behauptung: Vitamin C tötet Viren zuverlässig ab

Bewertung: unbelegt

Es gibt keine Belege, dass Vitamin C Viren tötet oder gegen das aktuelle Coronavirus hilft. Generell ist Vitamin C gut für das Immunsystem des Menschen, es ist laut Experten aber nicht nötig, es in höheren Dosen einzunehmen. Eine gesunde Ernährung reicht dafür meist aus. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 24. März.

Behauptung: Es laufen Menschen in Schutzanzügen herum und geben sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes aus

Bewertung: richtig

Mehrere Polizeidienststellen berichten, dass Betrüger versuchen, die Corona-Krise auszunutzen. Sie warnen vor Personen, die sich am Telefon oder an der Haustür als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausgeben. Problematisch ist, dass eine Meldung auf Whatsapp, die vor dieser Masche warnt, keine konkrete Ortsangabe enthält. So ist unklar, worauf sie sich bezieht. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 24. März.

Behauptung: Fünf Helikopter versprühen nachts Desinfektionsmittel in Deutschland

Bewertung: falsch

Auf Whatsapp und Facebook wird verbreitet, dass „heute Abend ab 23:30 Uhr“ Fenster und Türen geschlossen sein sollten, da Helikopter Desinfektionsmittel versprühen würden. Es handelt sich um eine Falschmeldung, wie die Polizei in München und Wien und das Bundesinnenministerium bestätigen. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 24. März.

Behauptung: Während der Corona-Krise marschieren 37.000 US-Soldaten in Europa ein; darüber wird nicht berichtet; die Soldaten sind immun gegen das Virus

Bewertung: größtenteils falsch

Die Behauptung ist stark irreführend. Es wird angedeutet, dass eine Art geheime Invasion stattfindet. Die Aussagen beziehen sich jedoch auf das Nato-Manöver „Defender Europe 20“, das bereits im Januar begonnen hat und über das zahlreiche Medien in Deutschland berichteten. Daran nehmen insgesamt 29.000 US-Soldaten teil. Das Manöver wurde zudem wegen des Coronavirus unterbrochen. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 20. März.

Behauptung: Asylbewerber dürfen weiter nach Deutschland einreisen und werden nicht auf Coronavirus getestet

Bewertung: teilweise falsch

Schutzsuchende dürfen unter bestimmten Umständen weiterhin nach Deutschland kommen, sie sind allerdings nicht die einzige Gruppe, die die Grenze noch passieren darf. Zudem sollen sie gesundheitlich durchgecheckt werden. Die Resettlement-Programme sind vorerst ausgesetzt worden. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 20. März.

Behauptung: Ein Foto von Särgen zeigt die Situation in Italien durch das Coronavirus

Bewertung: falsch

In mehreren Beiträgen auf Facebook wird ein Foto mit vielen Särgen geteilt und behauptet, es zeige die derzeitige Situation in Italien, wo viele Menschen durch das neuartige Coronavirus gestorben sind. Das ist jedoch falsch. Das Foto entstand schon 2013 und zeigt die Särge der Flüchtlinge und Migranten, die bei einem Schiffsunglück vor Lampedusa ums Leben kamen. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 20. März.

Behauptung: Alle Jobcenter schließen ab dem 18. März

Bewertung: größtenteils richtig

In einem Artikel wird behauptet, ab dem 18. März seien sämtliche Jobcenter und Arbeitsagenturen geschlossen. Schuld daran sei das neuartige Coronavirus. Richtig ist: Es soll keine persönlichen Termine mehr geben, für Notfälle gibt es aber eine Kontaktmöglichkeit vor Ort. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 18. März.

Behauptung: Es wurde ein „Geheimplan“ der Regierung von 2012 entdeckt, der die aktuelle Coronavirus-Pandemie vorhersagte

Bewertung: teilweise falsch

Anders als die Seite Wallstreet-Online behauptete, gibt es keinen geheimen Plan, sondern eine öffentliche Risikoanalyse, die dem Bundestag vorgelegt wurde. Darin wurde 2012 anhand einer fiktiven Coronavirus-Art eine Pandemie hypothetisch durchgespielt. Die Details weichen von der aktuellen Pandemie durch SARS-CoV-2 ab. Es handelte sich nicht um eine „Vorhersage“; Risikoanalysen sollen der Überprüfung dienen, ob Deutschland auf solche Situationen vorbereitet ist. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 18. März.

Behauptung: Ibuprofen verschlimmert die Krankheit oder beschleunigt die Ausbreitung des Coronavirus

Bewertung: unbelegt

Eine Whatsapp-Sprachnachricht verbreitet in der zweiten Märzwoche eine erfundene Geschichte: Die Uniklinik in Wien habe nachgewiesen, dass Ibuprofen die Infektion mit dem Coronavirus verschlimmere. Das stimmt so nicht: Am 14. März veröffentlicht die Uniklinik eine Stellungnahme und spricht von „Fake News“. Die Frage nach möglichen Auswirkungen des Schmerzmittels ist aber ungeklärt, es gibt viele Experten, die von einer Einnahme abraten und vor möglichen negativen Folgen warnen. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 16. März.

Behauptung: Luft anhalten funktioniert als Selbsttest, Wasser trinken hilft gegen eine Infektion und Fibrose tritt nach nur wenigen Tagen auf (Whatsapp-Kettenbrief)

Bewertung: falsch

Sie tauchte Anfang März in den USA, in Asien und auch Deutschland auf: eine Nachricht mit angeblichen Tipps, wie man sich vor dem neuen Coronavirus schützt. Unzählige Menschen leiten die Hinweise auf Whatsapp weiter. Sie sind jedoch falsch. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 16. März.

Behauptung: Das neuartige Coronavirus ist schon lange bekannt, weil der Name auf Desinfektionsmitteln steht

Bewertung: falsch

Auf älteren Flaschen von Desinfektionsmitteln ist zu lesen, dass es gegen Coronaviren wirksam sei. Daraus leiten Facebook-Nutzer ab, dass das neuartige Coronavirus schon lange bekannt sei. Auf die Viren-Familie trifft das zu, auf die aktuelle Pandemie nicht. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 13. März.

Behauptung: Ein Video zeigt eine Aldi-Filiale, die von einer Menschenmasse wegen des Coronavirus gestürmt wird

Bewertung: falsch

Auf Tiktok wird am 29. Februar ein Video hochgeladen. Es soll eine Menschenmasse zeigen, die angeblich in Angst vor einer Coronavirus-Pandemie eine Aldi-Filiale stürmt. Auch bei Facebook ist der Clip in diesem Kontext zu finden. CORRECTIV hat recherchiert: Das Video ist schon mehrere Jahre alt und zeigt eine Aldi-Filiale in Kiel. Dort gab es einen Sonderverkauf von Laptops. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 5. März.

Behauptung: Deutschland hat Schutzausrüstung nach China geschickt, kurz bevor sich das Coronavirus hier ausbreitete

Bewertung: richtig

In einem Artikel vom 29. Februar wird behauptet, Außenminister Heiko Maas habe medizinische Schutzausrüstung an China verschenkt, kurz bevor das Coronavirus sich in Europa auszubreiten begann. Das Auswärtige Amt hat uns das bestätigt. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 5. März.

Behauptung: Das Coronavirus gefährdet Haustiere stärker als Menschen

Bewertung: unbelegt

Das Coronavirus gefährde Hunde und Katzen mehr als Menschen, wird im Titel eines Artikels behauptet, der am 29. Februar bei der Frankfurter Neuen Presse veröffentlicht wurde. Dafür gibt es bisher keine Hinweise. Zwar übertragen sich manche Coronaviren auf Haustiere – ob das auch für SARS-CoV-2 gilt, ist aber Anfang März noch unklar. Es gibt bis dato keine Hinweise, dass das Virus von Haustieren auf Menschen übertragen wurde. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 4. März. 

Behauptung: Ein Hund in Hongkong hat sich mit dem Coronavirus infiziert

Bewertung: größtenteils richtig

Am 28. Februar wird in mehreren Artikeln behauptet, ein Hund habe sich mit dem neuartigen Coronavirus infiziert. Tatsächlich ist in Hongkong laut Behörden ein Hund schwach positiv auf die Viruskrankheit getestet worden. Er zeigte aber keine Symptome. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 4. März.

Behauptung: WHO hat Hinweise, dass Coronavirus über Lebensmittel übertragen wird

Bewertung: teilweise falsch

Gibt es neue Erkenntnisse zur Übertragung des Coronavirus Covid-19 durch Lebensmittel? Das deutet ein Artikel von Medizin Heute vom 24. Februar an und führt damit in die Irre. Der Text gibt einen Lagebericht der WHO falsch wieder. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 27. Februar.

Behauptung: Afrikanische Migranten werden eine Coronavirus-Epidemie in Deutschland auslösen

Bewertung: unbelegt

In einem Text des Deutschland-Kuriers wird am 10. Februar behauptet, Migranten aus Afrika könnten eine Coronavirus-Epidemie in Deutschland auslösen. Dafür gab es zum damaligen Zeitpunkt keine Hinweise. Experten waren allerdings schon besorgt, dass sich das Virus in Afrika ausbreiten könnte. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 14. Februar.

Behauptung: Chinesische Behörden fordern, Haustiere zu schlachten 

Bewertung: teilweise falsch

Ein angeblicher Aufruf verschiedener chinesischer Behörden soll das Töten von Haustieren zum Schutz vor der Verbreitung des neuen Coronavirus fordern. Das wird in einem Artikel vom 4. Februar behauptet. Wir konnten aber nur einen Aufruf finden, in dem es um Straßentiere geht. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 14. Februar.

Behauptung: Chinesische Busfahrer trugen bei Evakuierten-Transport keine Schutzmasken und handelten damit fahrlässig

Bewertung: größtenteils richtig

In einem Facebook-Beitrag werden am 31. Januar mehrere Fotos eines Transports englischer Staatsbürger, die aus dem chinesischen Wuhan evakuiert wurden, gezeigt. Die Fahrer der Busse trugen keine Schutzmasken. Die Fotos sind echt, ihnen fehlt aber Kontext: Schutzmasken waren laut dem englischen Gesundheitsministerium nicht notwendig, es seien genügend Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 7. Februar.

Behauptung: Die Einnahme von Chlordioxid hilft gegen das neuartige Coronavirus

Bewertung: falsch

Auf mehreren Webseiten wird Chlordioxid als Heilmittel für das neue Coronavirus beworben. Am 28. und 29. Januar, sowie am 1. Februar erscheinen Artikel dazu. Chlordioxid schalte das Virus aus, wenn man es in einer Lösung trinke. Diese Behauptung ist falsch und gefährlich: Chlordioxid ist gesundheitsschädlich. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 7. Februar.

Behauptung: 5G ist Schuld an Todesfällen durch das neuartige Coronavirus

Bewertung: falsch

Die Webseite Connectiv Events spekuliert am 27. Januar, dass die Todesfälle durch das neue Coronavirus in Wuhan auch einem von „5G verursachten Zellabbau“ zugeschrieben werden könnten – die Strahlung könne zu „grippeähnlichen Symptomen“ führen. Das stimmt nicht. Die Todesfälle hatten nichts mit 5G zu tun. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 30. Januar.

Behauptung: Bill Gates hat ein Patent auf das neuartige Coronavirus und sagte einen Ausbruch mit 65 Millionen Toten vorher

Bewertung: größtenteils falsch

Über das neuartige Coronavirus kursiert das Gerücht, es sei bereits patentiert. Manche meinen daher, das Virus sei von „Eliten“ kreiert. Oder Bill Gates habe etwas damit zu tun. Am 23. Januar wird ein Artikel dazu veröffentlicht. Das stimmt nicht: Zwar gibt es bestehende Patente, allerdings für andere Arten von Coronaviren. Nicht für jenes, das in China ausbrach. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 28. Januar.

Behauptungen in einem Video: Das neuartige Coronavirus ist gefährlicher als das alte SARS-Virus, es handelt sich um eine Pandemie, Ärzte können Betroffenen nicht helfen und haben schon Mitte Januar empfohlen, Wuhan abzuriegeln

Bewertung: teilweise falsch

Am 23. Januar wird ein alarmierendes Youtube-Video über das Coronavirus in China veröffentlicht. Es geht viral und wird auch über Whatsapp verbreitet. Viele der Behauptungen sind übertrieben oder falsch und führen deshalb in die Irre. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 28. Januar.

Behauptung: Das neuartige Coronavirus ist auf einem Markt mit exotischen Tieren in Wuhan ausgebrochen

Bewertung: unbelegt

Als das neue Coronavirus im Dezember in China ausbrach, war der vermeintliche Ursprung schnell ausgemacht: der Huanan Seafood Market in Wuhan. Das behaupteten am 24. und 25. Januar zumindest mehrere Medien. Auf dem Markt wurden auch exotische Tiere verkauft. Zum Zeitpunkt unserer Recherche war nicht sicher, ob sich das Virus wirklich nur von dem Markt aus verbreitete. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck vom 28. Januar.

Dieser Artikel wird fortlaufend aktualisiert. Weitere Tipps für Interessierte und Journalisten für den richtigen Umgang mit dem Coronavirus gibt es hier.

CORONA_Factsheet_Header
(Bild: CORRECTIV)

Das Faktencheck-Team von CORRECTIV entkräftet fast täglich Falschmeldungen und Gerüchte zum neuartigen Coronavirus. Hier geben wir Interessierten und JournalistInnen Hinweise für die Berichterstattung und zum Umgang mit dem Virus – als Factsheet zum Download.

Seit Januar beschäftigen wir uns bei CORRECTIV.Faktencheck mit dem neuartigen Coronavirus, klären über Falschmeldungen und Gerüchte auf – und geben Hinweise zu den besten Quellen. Uns fällt auf, dass über Whatsapp und in lokalen Regionen falsche Informationen kursieren (hier unsere Faktenchecks zum Thema). 

Die wichtigsten Quellen und Hinweise haben wir jetzt in einem Factsheet zum Download gesammelt – damit BürgerInnen, JournalistInnen und Lokalredaktionen alles direkt auf einen Blick und die wichtigsten Links parat haben.

Hier gibt’s das Factsheet zum Download als PDF.

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Naomi Seibt und Niklas Lotz
Naomi Seibt und Niklas Lotz sind innerhalb kurzer Zeit zu Influencern geworden. (Collage: Ivo Mayr, CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Mit großem Aufwand bauen Neue Rechte ein Netzwerk von Medien und Influencern auf, in dem oft Desinformation verbreitet wird. Junge Youtuber wie Niklas Lotz mit seinem Kanal „Neverforgetniki“ oder Naomi Seibt profitieren davon. Wir zeigen, wer ihnen beim Aufstieg half.

Ein etwas verblichenes Plakat mit Weltkarte auf einer weißen Wand, eine silberne Schreibtischlampe im Hintergrund – das ist das Setting der Youtube-Videos von „Neverforgetniki“. Der junge Mann, dessen Kanal 133.000 Abonnenten hat, heißt Niklas Lotz, 20 Jahre alt. 

Er bezeichnet sich selbst gern als konservativ oder bürgerlich und wehrt sich vehement gegen den Vorwurf, er sei „rechts“ oder gar „rechtsextrem“. In seinen Videos, in denen er starr in die Kamera spricht, wettert Lotz gegen „Massenmigration“ und die Medien, gegen die Grünen, die SPD, die Klimabewegung oder Seenotrettung. Auch die CDU bekommt ab und zu ihr Fett weg. Kritik an der AfD sucht man vergeblich. Auf seinem offiziellen Instagram-Kanal folgt Lotz der AfD, der FPÖ und rechten Youtubern wie Timm Kellner oder Lisa Licentia.   

Unsere Recherche zeigt: Niklas Lotz wird von einem Netzwerk aus Bloggern, Youtubern und Autoren unterstützt. Sie gaben ihm eine Plattform – und nicht nur ihm. Auch die 19-jährige Youtuberin Naomi Seibt profitierte davon. Die Unterstützer der jungen Influencer haben viel gemeinsam: Sie bewegen sich in der Sphäre der Neuen Rechten, die sich eine eigene Medienöffentlichkeit aufbaut und Nachwuchs heranzieht, um ein junges Publikum zu erreichen. Sie verbreiten Desinformation. Und sie kennen sich.

Niklas Lotz und Naomi Seibt haben auf unsere Anfrage und Bitte um Stellungnahme nicht reagiert. 

Der Zeitverlauf

Scrollen Sie sich hier durch die Stationen der Karriere von Niklas Lotz (blau) und Naomi Seibt (rot).

Der Wegbereiter

Ein Mann half sowohl Naomi Seibt als auch Niklas Lotz bei ihrem ersten Schritt in die Öffentlichkeit: David Berger, der Betreiber des rechten Blogs Philosophia Perennis. Nachdem „Neverforgetniki“ 2016 ein paar Videos über selbstgeschriebene Gedichte veröffentlicht hatte, entstand auf seinem Kanal eine Lücke bis Anfang 2019. Dann tauchte im Januar 2019 ein Gastbeitrag von ihm bei Philosophia Perennis auf, und nur wenig später veröffentlichte er sein erstes politisches Video.

Die Richtung, die Lotz einschlug, war damit im Grunde bereits vorgezeichnet. David Berger gehört zu den Publizisten der Neuen Rechten, die sich in der „Vereinigung der Freien Medien“ zusammengeschlossen haben. Im Mai 2019 wurden sie von der AfD zu einer Konferenz in den Bundestag eingeladen. CORRECTIV hat außerdem schon so einige Beiträge von Philosophia Perennis als Falschmeldungen entlarvt. Zum Beispiel, dass ein Video angeblich zeige, wie Filmaufnahmen von ertrinkenden Migranten gefaket würden. Auf unsere Anfrage per E-Mail hat auch Berger nicht reagiert.

Das Vorwort von David Berger zu dem Gastbeitrag von Neverforgetniki
Vorwort von David Berger zu dem Artikel von Niklas Lotz. (Screenshot: CORRECTIV)

Naomi Seibt war sogar noch jünger als Niklas Lotz, als sie bei Philosophia Perennis ihr Debüt gab – sie war 16 Jahre alt. 2017 veröffentlichte Berger ein Essay von ihr über Nationalismus. Seit Mai 2019 hat die junge Frau einen eigenen Youtube-Kanal. Ihr erstes Video: ein Gedicht, mit dem sie an einem Wettbewerb der AfD teilnahm. Inzwischen hat sie mehr als 46.000 Abonnenten, und es dürften noch mehr werden, denn internationale Klimawandel-Leugner versuchen sie gerade als „Anti-Greta“ aufzubauen

Wenn Seibt eine „Anti-Greta“ sein soll, die den Medien „How dare you“ entgegen schmettert, dann will Niklas Lotz vielleicht der „Anti-Rezo“ sein. Immerhin produzierte er in Anlehnung an Rezos virales Video über „Die Zerstörung der CDU“ eine zeitlang ebenfalls Beiträge mit ähnlichen Titeln. Sein Kanal erlebte bereits „Die Zerstörung von ARD und ZDF“, „Die Zerstörung von Fridays for Future“ oder „Die Zerstörung von #wirsindmehr“.

Das häufigste Thema seiner Videos ist die angeblich eingeschränkte Meinungsfreiheit in Deutschland. Im Widerspruch dazu sind die Videos, in denen er seine Meinung vertritt, aber ziemlich erfolgreich: Sie erreichen mehrere hunderttausend Klicks. Dadurch, dass ihnen auf Youtube Werbung vorgeschaltet ist, verdient „Neverforgetniki“ Geld – und er hat kürzlich ein Buch veröffentlicht. Mit Belegen für seine Thesen nimmt er es indes nicht so genau. So deutete er mal im August 2019 an, eine CO2-Steuer sei tatsächlich nichts anderes als eine „getarnte Flüchtlingssteuer“. Dafür gab es keinerlei Anhaltspunkte, wie unser Faktencheck zeigte. 

Die Unterstützer

In der Strategie, Nachwuchs wie Lotz oder Naomi Seibt aufzubauen, zeigt sich ein Muster: Man interviewt sie und lässt sie von der eigenen Reichweite profitieren. Damit integriert man sie automatisch in ein Netzwerk, das bereits eine bestimmte Richtung eingeschlagen hat.

Unterstützung bekommt Lotz zum Beispiel von dem ehemaligen N-TV-Moderator Michael Mross. Er betreibt das Nachrichtenportal MMNews, auf dem 2015 zum Beispiel fälschlich berichtet wurde, dass die EU ab 2018 das Bargeld abschaffen wolle.

Niklas Lotz’s größter Unterstützer ist jedoch aktuell Heiko Schrang. Sein Buch erschien Ende 2019 in Schrangs Verlag „Macht steuert Wissen“. Schrang pushte „Neverforgetniki“ auf dem eigenen Youtube-Kanal bereits im April 2019 („Merkt euch diesen Namen!“). Ansonsten interviewt er mit großer Vertrautheit bekannte Namen: Michael Mross, David Berger oder Martin Sellner von der Identitären Bewegung. Er spricht von der „Impf-Lüge“ oder „5G-Zombies“ – ebenfalls beliebte Themen der Desinformation – oder einer „GEZ-Mafia“.

Heiko Schrang und Niklas Lotz Arm in Arm
Heiko Schrang und Niklas Lotz. (Quelle: Schrang-TV/Youtube. Screenshot: CORRECTIV)

Die Ablehnung der öffentlich-rechtlichen Medien ist etwas, das Niklas Lotz und sein Umfeld verbindet. So ist er Teil der noch jungen Initiative „Hallo Meinung“ des bayerischen Unternehmers Peter Weber, die zu einem Boykott des Rundfunkbeitrags aufruft. „Endlich bündeln wir unsere Kräfte“, sagte Lotz im Oktober in einem Gruß-Video. „Wir werden gegen das linke Meinungsdiktat in Deutschland vorgehen, wir werden demokratisch und rechtsstaatlich für eine Veränderung kämpfen und uns dafür einsetzen, dass Deutschland wieder ein schönes und lebenswertes Land wird.“

Auf dem Youtube-Kanal von „Hallo Meinung“ werden Amateurvideos von Bürgern veröffentlicht – darunter auch mehrere einer Frau namens Brigitta Gerecke. Sie trat bereits bei einem Neonazi-Aufmarsch von „Patrioten Niedersachsen“ 2018 in Peine auf, wie Fotos in Medienberichten (hier und hier) belegen. 

Die Verortung

Vielleicht weiß das Bürgerforum, weiß Niklas Lotz nichts von dem Hintergrund der Menschen, die sich bei „Hallo Meinung“ äußern. Auf unsere Anfrage bekamen wir von Lotz und Peter Weber keine Antwort. Doch das Netzwerk des jungen Youtubers, der sich bürgerlich und konservativ nennt, ist eindeutig rechts zu verorten. Weder er noch Naomi Seibt grenzen sich ab von der sogenannten Identitären Bewegung, die in Deutschland vom Verfassungsschutz als „Verdachtsfall Rechtsextremismus“ geführt wird.  

Kurz nach ihrem Gastbeitrag bei Philosophia Perennis 2017 verlinkte die Identitäre Bewegung auf ihrem Blog ein Interview von Naomi Seibt. Und im Juli 2019 wurde Seibt von Sellners Frau, Brittany Sellner (die damals noch Pettibone hieß), interviewt.

Brittany Sellner und Naomi Seibt im Interview
Brittany Sellner und Naomi Seibt im Interview. (Quelle: Brittany Sellner/Youtube. Screenshot: CORRECTIV)

Von Niklas Lotz ist kein direkter Kontakt zur IB bekannt. Doch deren Umfeld bezieht sich auf ihn. Außerdem werden seine Videos zusätzlich von Journalistenwatch beworben; regelmäßig verlinkt der rechte Blog seine Beiträge.

Als der Kanal „Neverforgetniki“ im August 2019 von Youtube gesperrt wurde, solidarisierte sich Martin Sellner, der Chef der IB in Österreich, auf seiner eigenen Webseite mit „Niki“. Er stellte sich mit ihm auf eine Stufe, weil auch sein eigener Kanal gesperrt worden war: „Von James Allsup [einem US-amerikanischen Rechtsextremen] über Neverforgetniki bis hin zu meinem Kanal, werden gezielt diejenigen ausgeschaltet, die unangenehm sind, weil sie nicht ins Bild passen“, schrieb Sellner. Zur Erinnerung: Martin Sellner ist der, dem der rechtsextreme Attentäter von Christchurch laut BKA im Januar 2018 Geld überwies.

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Bei eben dieser Youtube-Sperre wurde Niklas Lotz übrigens von dem Medienanwalt Joachim Steinhöfel vertreten. Steinhöfel steht in Verbindung mit „Hallo Meinung“, gemeinsam rufen sie zum Boykott des Rundfunkbeitrags auf. Im Oktober war der Anwalt zu Gast bei der AfD-Fraktion im Bundestag. Steinhöfel vertritt aktuell auch den rechtsgerichteten Blog Tichys Einblick in einem Prozess gegen CORRECTIV und die Faktencheck-Kooperation mit Facebook. Der Blog will dadurch unsere Faktenchecks unterbinden; Anlass war unser Artikel „Offener Brief zum Klimawandel: Weder haben ‘500 Wissenschaftler’ unterzeichnet, noch stimmen alle Behauptungen“.

Es ist dieses Netzwerk aus Beziehungen, das Youtubern wie Naomi Seibt und Niklas Lotz zum Aufstieg verholfen hat. Die junge Frau, die kürzlich über ihr Engagement zu Klimathemen behauptete: „Wir haben keine Agenda, hinter uns steht keine Ideologie.“ Und den jungen Mann, der in einem seiner jüngsten Videos sagte: „…dass ich im Austausch mit der Neuen Rechten in Deutschland stehen soll. Also, ich weiß gar nicht, was die Neue Rechte in Deutschland so in der Form ist. Mit wem tausche ich mich da regelmäßig aus? Ich weiß echt nicht, was die damit meinen.“

Gestaltung: Benjamin Schubert

Update, 3. März 2020: Wir haben in der Timeline zwei Informationen zu Naomi Seibt ergänzt. 

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Über die Medien wird gern behauptet, sie würden Lügen verbreiten und seien fremdgesteuert – viele Behauptungen dazu haben wir bereits als Falschmeldungen entlarvt. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Till Eckert

Es ist der ultimative Kampfbegriff: „Lügenpresse!“ Er soll ausdrücken, dass Medien angeblich systematisch Tatsachen verdrehen – oder bewusst nicht über gewisse Themen berichten. Diese Erzählung wird auch mit Falschmeldungen genährt und hat eine düstere Vorgeschichte.

Die Geflüchteten sitzen an Deck, einige haben den Kopf in die Hände gestützt. Sie warten. Das Schiff, auf dem sie sitzen, zieht monoton seine Kreise im Wasser. Seit Wochen darf die „Sea-Watch 3“, die sie am 12. Juni 2019 einige Seemeilen entfernt von der Küste von Libyen aus einem sinkenden Schlauchboot rettete, nicht in Lampedusa anlegen.

Die missliche Lage der Menschen an Bord wird von einer politischen und medialen Debatte überschattet: Matteo Salvini, damals noch Italiens Innenminister, verbietet der Kapitänin des Schiffes, Carola Rackete, in den Hafen einzufahren. Rackete wird das Schiff später trotzdem zur Anlegestelle lenken und von der Polizei abgeführt werden. Ein Gericht entschied letztlich laut Medienberichten: Sie war im Recht. Ende gut, alles gut? Nicht ganz.

Die erfolgreiche Mär von der inszenierten Seenotrettung

Ein bekannter Blog wollte die Geschichte offensichtlich nicht so stehen lassen: Journalistenwatch, ein Leitmedium der Neuen Rechten, spekulierte nach der Veröffentlichung einer ARD-Doku über die „Sea Watch 3“ in einem Artikel, dass es sich bei der Rettung der Menschen lediglich um eine „riesige Medienshow“ gehandelt habe. Die Aktion habe einer „Inszenierung“ mit dem „von vornherein geplanten Ziel, um jeden Preis auf Konfrontation mit den italienischen Behörden zu gehen“ geglichen. Im Text wird zum Beispiel die Frage aufgeworfen, ob die Geflüchteten „extra für die Reportage aufs Meer gebracht“ wurden.

Der öffentlich-rechtliche Sender soll eine Seenotrettung fingiert haben? So eine Meldung hat das Zeug zum viralen Hit – selbst wenn es, wie in diesem Fall, keinerlei Belege oder Indizien für sie gibt. Vielen dürfte der Text die Grundlage geliefert haben, einem alten Narrativ zu glauben, das vor allem über die öffentlich-rechtlichen Medien und ihre Journalisten verbreitet wird: dass sie angeblich lügen. Dass die Presse Tatsachen verdrehe, sie absichtlich weglasse oder von der Politik oder anderen Mächten gesteuert werde. All das wird gerne auf ein Wort komprimiert: „Lügenpresse”. 

Der Beitrag von Journalistenwatch. (Screenshot: CORRECTIV)

Wohl auch, weil er dieses Narrativ bediente, schaffte es der Artikel von Journalistenwatch trotz fehlender Fakten in kürzester Zeit zu hoher Reichweite, wurde mehr als 750 Mal auf Facebook geteilt und fand prominente Verbreiter. So teilte der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen den Artikel auf Twitter, auch AfD-Bundestagsabgeordnete sprangen auf. Zumindest Maaßen löschte seinen Tweet später wieder. Der Schaden war zu diesem Zeitpunkt aber schon angerichtet. 

Vorwürfe stellen sich oft als haltlos heraus

Im Verfassungsschutzbericht 2016 wird der „Lügenpresse“-Begriff als „Taktik rechtsextremistischer Propaganda“ bezeichnet (PDF zum Download, Seite 58). Ziel sei die Diffamierung der etablierten Medien. „Diese werden – vor allem im Zusammenhang mit der Zuwanderungsdebatte – als verlängerter Arm der gleichfalls verachteten verantwortlichen staatlichen Stellen betrachtet“, schreibt der Verfassungsschutz. Und: „Die Medien – so der Vorwurf – berichteten einseitig im Sinne der Regierung und wiesen vor allem auf die mit der Einwanderung verbundenen gesellschaftlichen Chancen hin.“ Nachteile, Risiken sowie die vermeintliche, oben geschilderte „Bedrohungslage“ für das deutsche Volk würden nach diesem Narrativ angeblich verschwiegen. 

Diesen Vorwurf, Medien würden angebliche Bedrohungen verschweigen, sieht unser Faktencheck-Team immer wieder im Netz. Meistens ist er haltlos. In einem viel geteilten Facebook-Beitrag wurde im August 2019 etwa behauptet, ARD und ZDF hätten nicht über einen Mord in Stuttgart berichtet. Das stimmte nicht, beide Sender haben über den Fall berichtet. Und auch wenn viele das nicht wahrhaben wollten: Auch über die Gelbwesten-Proteste in Frankreich oder Bauern-Proteste in den Niederlanden haben die Medien in Deutschland berichtet.

Facebook-Beitrag mit falscher Behauptung, veröffentlicht am 3. August 2019. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir sehen bei unserer Arbeit tatsächlich, dass bei dem Narrativ nur selten wirkliche Fehler von Medien gemeint sind – oder eben „Lügen“. Dass es solche natürlich geben kann, zeigte zuletzt der Fall Relotius. Und Beispiele für Fehler gibt es ebenso: Nach der Silvesternacht 2020 im Leipziger Stadtteil Connewitz übernahmen Journalisten laut Medienberichten etwa vorschnell eine Falschmeldung der Polizei. Wir beobachten aber, ähnlich wie im Verfassungsschutzbericht 2016 aufgeführt, dass das „Lügenpresse“-Narrativ vor allem dann bedient wird, wenn es in eine politische Agenda passt, etwa in Kombination mit Themen wie Migration oder Klimawandel.

„Lügenpresse“-Begriff wurde auch in der NS-Zeit verwendet 

Ralf Klausnitzer vom Institut für deutsche Literatur der Humboldt-Universität Berlin geht in einem Videobeitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung näher auf den „Lügenpresse“-Begriff und die dahinterstehende Denkweise ein. „Der Begriff ist ein Kampfbegriff, um so etwas wie den Gegner, den anderen, zu stigmatisieren, auszugrenzen, und ihm die Wahrheitsfähigkeit abzusprechen“, sagt er. 

Der Begriff hat laut Klausnitzer außerdem einen „verschwörungstheoretischen Grundgestus“: Wer ihn verwende, unterstelle, dass er im Besitz einer Wahrheit sei und eine Fähigkeit besitze, das angeblich faule Spiel der „Meinungsmacher“ zu durchschauen.

„Der Terminus ist ein gefährlicher Begriff, weil er eine ausdifferenzierte und sehr komplexe Lage auf ein Schlagwort verdichtet und verengt“, sagt Klausnitzer. Er habe außerdem eine Vorgeschichte, die viele nicht kennen würden: Er sei sowohl im Ersten Weltkrieg als auch in der NS-Zeit als bewusste Diffamierung eingesetzt worden, um Informationen, die von der offiziellen Propaganda abwichen oder aus dem Ausland kamen, unglaubwürdig zu machen. 

Die Geschichte des Begriffs „Lügenpresse“ zeigt auch eine Suche mit dem Google-Ngram-Viewer, mit dem man in den digitalisierten Beständen US-amerikanischer und europäischer Literatur suchen kann. Hochzeiten erfuhr „Lügenpresse“ demnach 1917 (während des Ersten Weltkriegs) und 1940, auf dem Höhepunkt der NS-Diktatur. 

Eine Auswertung der deutschen Google-Suchtrends ab 2004 zeigt, dass der Begriff im Netz lange Zeit keine wirkliche Rolle spielte und erst Ende 2014, Anfang 2015 intensiver gesucht wurde – dem Zeitraum, in dem die islamfeindliche Pegida-Bewegung das Wort öffentlichkeitswirksam skandierte, wie beispielsweise ein Videobeitrag des ARD Mittagsmagazins von 2015 zeigt.

Wer im Glashaus sitzt …

Trotz des düsteren geschichtlichen Hintergrunds dieser systematischen Diffamierung der Medien scheinen viele Menschen nicht müde zu werden, das Narrativ von der „Lügenpresse“ zu verbreiten, wann immer es sich anbietet. Anhand verschiedenfarbiger Wetterkarten wurde etwa im Juni 2019 behauptet, die ARD wolle Menschen manipulieren, indem sie die Klimasituation dramatisiere. Die Behauptung stimmte natürlich nicht: Die Karten waren nicht vergleichbar.

Mehrere Facebook-Seiten teilten die Grafik, unter anderem „Gegenwind Deutschland“. (Screenshot und Bearbeitung: CORRECTIV)

Komplett verhoben hat sich auch ein Facebook-Nutzer, der im Dezember 2019 behauptete, das ZDF hätte „wieder einmal Fake-News“ verbreitet: Der Sender habe berichtet, Deutschland sei im Klima-Risiko-Index erstmals unter den Top 3 der am stärksten betroffenen Regionen – für den Nutzer offenbar eine unmögliche Vorstellung. Dabei entsprach der Bericht des ZDF den Fakten

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Ebenfalls im Dezember behauptete ein Facebook-Nutzer, der MDR habe eine Falschmeldung über den Wasserstand der Victoriafälle im Süden Afrikas verbreitet. „Ein erschreckendes Beispiel dafür, dass der Begriff #Lügenpresse durchaus seine Berechtigung findet“, schrieb er. Wir fanden heraus, dass der MDR zwar in seinem Video wichtigen Kontext weggelassen hat – aber: das gleiche traf auch auf den Nutzer in seinem Facebook-Beitrag zu. 

Dieses letzte Beispiel könnte zu einer Art Versöhnung beitragen, zur Erkenntnis, dass alle mal Fehler machen, auch Journalisten – und dass Fehler nicht das gleiche sind wie Lügen.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Deutschland wird ein islamischer Staat“, „Migration verdrängt deutsche Traditionen“, „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“ und „Die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt“.

Collage ohne Titel
Über Ausbruch und Hintergründe der aktuellen australischen Buschfeuer sind mehrere Behauptungen im Umlauf. (Foto: Glen Moray / Picture Alliance, Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann , Till Eckert

Australien kämpft derzeit gegen hunderte Buschbrände. Menschen und Tiere sind gestorben oder wurden verletzt. Zum Ausbruch der Feuer gibt es im Netz viele Behauptungen, darunter ist eine sehr prominent: dass vor allem Brandstiftung der Auslöser für die Feuer sei, nicht der Klimawandel.

Satellitenfotos der Nasa zeigen große Rauchwolken über dem Meer. Medien weltweit berichten über die Zerstörung, die die Buschfeuer in Australien seit Wochen anrichten. Am 21. November 2019 berichtete die World Meteorological Organization von „katastrophalen Zuständen“ mit dutzenden von Bränden, angefeuert durch hohe Temperaturen, Wind und Trockenheit. Seitdem reißen die Meldungen über die Brände nicht ab. 

Laut der australischen Meteorologie-Behörde war das Jahr 2019 das wärmste und trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1910. Die Regenfälle seien die geringsten seit 1900 gewesen, seit konsistente Aufzeichnungen begannen. Dennoch verbreitet sich im Netz unter anderem die Behauptung, der Klimawandel habe nichts mit den Buschbränden zu tun. 

Wir haben einige der Behauptungen, die im Umlauf sind, überprüft: 

1. Buschbrände seien hauptsächlich von Menschen verursacht, nicht durch den Klimawandel

Mehrere Webseiten veröffentlichten in den vergangenen Tagen Artikel, in denen behauptet wird, Auslöser der Brände in Australien sei hauptsächlich Brandstiftung. So zum Beispiel Connectiv Events (mehr als 500 Mal auf Facebook geteilt) oder Schweizer Morgenpost (mehr als 1.800 Mal auf Facebook geteilt). 

In den Artikeln werden jeweils Zahlen zu den angeblich festgenommenen Brandstiftern genannt. So ist entweder von mehr als 180 (zum Beispiel hier) oder von rund 200 Menschen (zum Beispiel hier) die Rede. Diese Behauptung kursiert nicht nur in Deutschland.

In mehreren der Artikel wird dazu auf Zahlen der Polizei New South Wales verwiesen. Diese veröffentlichte am 6. Januar eine Pressemitteilung, in der steht, dass sie seit dem 8. November 2019 gegen 183 Menschen wegen 205 Buschfeuer-Fällen ermittelte, Verwarnungen aussprach oder Strafanzeige stellte. Die Polizei schlüsselt in der Mittelung aber auch genauer auf:

  • Gegen 24 Personen wurde wegen mutmaßlich absichtlich angezündeter Buschfeuer ermittelt.
  • Gegen 53 Personen wurde wegen mutmaßlicher Nichteinhaltung eines totalen Feuerverbots ermittelt.
  • Gegen 47 Personen wurde ermittelt, weil sie mutmaßlich eine angezündete Zigarette oder ein Streichholz weggeworfen haben.

Zu den anderen Fällen schreibt die Polizei nichts. Es stimmt demnach zwar, dass Menschen für manche Feuer in der aktuellen Saison die Schuld tragen, oft jedoch aus Fahrlässigkeit. Ob einer der Fälle zu einem der aktuellen großen Feuer führte, schreibt die Polizei nicht. In nur 24 Fällen kann man von mutmaßlicher Brandstiftung sprechen, bei denen absichtlich Feuer gelegt worden sei. 

Diese Zahlen gelten allerdings nur für den Bundesstaat New South Wales, einen von sieben. 

Es gibt mehrere Auslöser für Waldbrände

Die Faktenchecker von AFP haben für einen Artikel (14. Januar) recherchiert, gegen wie viele Personen in dieser Buschfeuer-Saison wegen Brandstiftung ermittelt wurde. Für Victoria liegen keine Daten vor – zählt man alle anderen Fälle zusammen, die die Polizeistationen AFP mitteilten, kommt man auf deutlich weniger als 180 Personen. Sie sollen Brände „absichtlich“ oder „rücksichtslos“ verursacht haben. Manche Bundesstaaten teilten Daten seit September 2019 mit, andere für einen kürzeren Zeitraum. 

Das Umweltbundesamt schrieb in einem Bericht über Waldbrände in Deutschland 2018: „In Fällen, in denen eine Ursache bestimmt werden kann, sind im Wesentlichen zwei Faktorenkomplexe von besonderer Bedeutung für das Waldbrandgeschehen: Zum einen das menschliche Handeln (Brandstiftung und Fahrlässigkeit) und zum anderen das Klima – bzw. Witterungsgeschehen.“ Zu letzterem schreibt das Bundesamt außerdem: „Klima und Witterung beeinflussen zusammen mit den lokalen Gegebenheiten (wie dem Vorhandensein von brennbarem Material) die Disposition einer Waldfläche für die Entzündung und in Folge das weitere Brandgeschehen (Feuerausbreitung).“

Die Regierung des Bundesstaats South Australia nennt aber auch weitere typische Auslöser für Waldbrände, darunter Fehler in elektrischen Anlagen, die eine Überhitzung verursachen, oder Blitzeinschläge. Bei aktuellen großen Feuern in den Bundesstaaten Victoria und New South Wales bezeichneten die Feuerwehrleute Steve Warrington und Ben Shepherd in Medienberichten hauptsächlich Blitze als Ursache. Auch die australische Meteorologie-Behörde schreibt in einem Infoartikel über „bushfire weather“, in manchen Regionen Australiens seien Blitze die Hauptursache für Buschbrände. Wir haben dazu bei den zuständigen Feuerwehrbehörden angefragt, bis zum Erscheinen dieses Artikels jedoch keine Antwort erhalten. 

Längere Buschfeuer-Saisons und häufiger „Brandwetter“

Dürreperioden und schlimme Waldbrände gab es in Australien schon häufiger, zum Beispiel im Januar 1994, im Dezember 2001 und im Oktober 2013, wie einem Sonderbericht der Meteorologie-Behörde von Dezember 2019 zu entnehmen ist. Vergleichbar mit 2019 seien am ehesten die Zustände im Oktober/November 1968 (Seite 19-20). 

Doch die Intensität der Buschfeuer nimmt in der Langzeitbetrachtung zu. So schrieb das australische Bushfire and Natural Hazard Cooperative Research Centre Mitte Dezember: „Die Tendenz zu intensiveren Brandsaisons und immer früher auftretender Feuergefahr ist ein klarer Trend im australischen Klima, aufgrund von reduzierten oder weniger zuverlässigen Regenfällen in der kühlen Saison und steigenden Temperaturen.“ 

Auch laut dem jüngsten Langzeit-Klimabericht (State of the Climate 2018) der australischen Meteorologie-Behörde und des Commonwealth Scientific and Industrial Research Organisation (Csiro) nimmt die Länge der Buschfeuer-Saison zu, und es kommt häufiger zu sogenanntem „Brandwetter“ (fire weather) (Seite 2). In der Auswertung heißt es klar: „Der Klimawandel, inklusive steigender Temperaturen, trägt zu diesen Veränderungen bei“ (Seite 5). Dem Bericht zufolge hat sich das australische Klima seit 1910 um etwas mehr als ein Grad Celsius erwärmt, was zu einer erhöhten Häufigkeit von extremer Hitze (extreme heat events) führe.

Die Anomalien der Oberflächen-Lufttemperatur in Australien (Abweichungen vom Durchschnitt) zeigen, dass die Temperaturen steigen. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)
Die Zahl extremer Hitzetage pro Jahr nimmt seit 1910 zu. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)

Im Südosten und Südwesten Australiens nahmen laut dem Bericht die Regenfälle ab, in Teilen des Nordens nahmen sie zu. Acht der zehn wärmsten Jahre Australiens seit Beginn der Aufzeichnungen seien seit 2005 aufgetreten.

Die Zahl gefährlicher „Buschfeuer-Wetter-Tage“ in Victoria (Süden Australiens) im Frühling nimmt tendenziell zu. (Quelle: Australian Bureau of Meteorology, Screenshot: CORRECTIV)

Sicher ist, dass steigende Temperaturen und Trockenheit bessere Voraussetzungen für größere und intensivere Feuer schaffen. Pauschal lässt sich weder sagen, es trage allein der Mensch durch Brandstiftung oder Fahrlässigkeit Schuld an den aktuellen Großfeuern in Australien, noch der Klimawandel – beide Faktoren spielen eine Rolle. 

2. Angebliche Brandstiftung durch „IS-Terrorist“?

Die österreichische Seite Wochenblick spekulierte am 8. Januar, dass ein „IS-Terrorist“ Buschbrände in Australien gelegt haben könnte, liefert aber keinen Beleg dafür. In dem Artikel heißt es lediglich, zwei jungen Männern namens Fadi und Abraham Z. werde vorgeworfen, am 22. Dezember ein Grasfeuer in Guildford, einem Vorort von Sydney, verursacht zu haben. „Tatsächlich hat die islamistische Terrororganisation Islamischer Staat (IS) bereits im November dazu aufgerufen, den Dschihad durch Brandstiftung voranzutreiben“, schreibt Wochenblick

Als einzige Quelle gibt die Seite einen Artikel der britischen Boulevardzeitung Daily Mail von November 2019 an, in dem es heißt, der „IS“ habe angeblich dazu aufgerufen, Waldbrände in den USA und Europa zu legen. „Dass diese Forderung nun in Australien umgesetzt wurde, ist ein denkbarer, schrecklicher Verdacht“, so Wochenblick weiter. Einen konkreten Hinweis gibt es für diesen „Verdacht“ aber nicht. 

Was stimmt, ist, dass es Medienberichte vom 7. Januar über zwei Brüder namens Fadi und Abraham Z. gibt. Sie hätten am 22. Dezember Feuerwerk in einem Park gestartet und ein Grasfeuer ausgelöst. Darüber berichten zum Beispiel Pacific Pundit, der australische Daily Telegraph und The Count. Laut einem weiteren Artikel von Miragenews fand die Gerichtsverhandlung am 7. Januar vor dem Parramatta Local Court statt. In all den Berichten wird nirgends ein islamistischer Hintergrund oder Hinweis auf ein solches Motiv erwähnt. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilt die Pressestelle der lokalen Gerichte in New South Wales per E-Mail mit, es sei nur einer der beiden Männer angeklagt, Abraham Z.. Der Vorwurf gegen ihn laute „fahrlässiger Umgang mit Sprengstoff, um Sachschäden zu verursachen“. Außerdem habe er ein Messer dabei gehabt. Zu weiteren Hintergründen könne man keinen Kommentar abgeben, heißt es in der E-Mail der Pressestelle. Fest steht aber: Es geht bei den Vorwürfen nicht um Brandstiftung und auch nicht um Terror. 

3. Die Feuer seien absichtlich gelegt worden, um den Weg für eine Bahnstrecke freizumachen

Auf Facebook kursiert außerdem ein Bild, das Karten von Australien und Kalifornien mit Gebieten von Bränden zeigen soll. Daneben werden Karten mit angeblich geplanten Verläufen von „Hochgeschwindigkeitsbahnen“ gelegt. Damit wird angedeutet, die Brände seien absichtliche Rodungen gewesen, um Platz für Bahnstrecken zu machen. Einer der Facebook-Beiträge vom 10. Januar wurde bereits mehr als 1.000 Mal geteilt.

Der Facebook-Beitrag mit den Karten, die angeblich einen Zusammenhang zwischen Buschbränden und dem Bau von Bahnstrecken zeigen. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Die Verschwörungstheorie in Bezug auf Kalifornien kursierte im November 2018. Die Karte oben links mit den roten Flächen stammt von der California of Forestry and Fire Protection, die sie im November 2018 auf Twitter veröffentlichte. Sie zeigt nicht die Ausdehnung der Feuer, sondern Bereiche, in denen eine „red-flag“-Warnung vor Brandgefahr herrschte. 

Einen Zusammenhang mit dem Verlauf der Hochgeschwindigkeitsbahn gibt es außerdem nicht, die falsche Behauptung wurde bereits 2018 entlarvt, zum Beispiel von den Faktencheckern von Snopes. Die Bahnkarte stammt demnach von der Webseite „America 2050“ und ist veraltet. Eine neuere Karte zeige, dass der Streckenverlauf nicht annähernd mit den roten Feldern übereinstimme. Auf der Seite Metabunk legten Nutzer die Karten grafisch übereinander und zeigten so, dass sie nicht zueinander passen.

Legt man die Karten von Kalifornien übereinander, ist die Übereinstimmung nicht vorhanden. (Quelle: Metabunk, Screenshot: CORRECTIV)

Auch im Fall von Australien ist an der Theorie nichts dran. Eine Google-Bildersuche zeigt, dass die Karte unten rechts von der australischen Regierung stammt. Sie soll einen möglichen Verlauf einer Hochgeschwindigkeits-Bahn an der Ostküste zeigen, von Melbourne bis Brisbane. Die Karte unten links soll die Feuer zeigen, die angebliche Übereinstimmung ist jedoch nur mit gutem Willen erkennbar. Andere, vollständige Karten der Feuer in Australien, zum Beispiel von My Fire Watch oder von der Nasa zeigen, dass die Feuer nicht entlang der möglichen Bahnstrecke verlaufen – und dass es auch an vielen anderen Orten brennt, an denen keine Bahnen geplant sind. 

Die Feuer in Australien laut einem Datenportal der Nasa (Ansicht zeigt die Feuer der letzten sieben Tage, abgerufen am 13. Januar 2020 um 17:45 Uhr). (Screenshot: CORRECTIV)
Die Karte mit dem möglichen Verlauf einer Bahnstrecke im Süden Australiens. (Screenshot: CORRECTIV)
Nähere Ansicht des Südens Australiens im Nasa-Datenportal. (Screenshot am 13. Januar 2020 um 17:45 Uhr: CORRECTIV)

Zum gleichen Ergebnis kam am 10. Januar auch Buzzfeed in dem Faktencheck zu der Behauptung, die offenbar auch auf Englisch ihre Kreise auf Instagram, Youtube, 4chan und Tiktok zieht. 

Der Facebook-Nutzer, der das Foto am 10. Januar in Deutschland verbreitete, ist übrigens auch der Ansicht, dass in Australien und Kalifornien keine echten Waldbrände wüten, sondern dass dort und auch in Kalifornien Laserwaffen eingesetzt wurden.

Experte geht von Desinformationskampagne aus

Falsche Behauptungen über den Ausbruch und Hintergründe der Buschbrände verbreiten sich außer in Deutschland laut Medienberichten weltweit. Auch die US-amerikanischen Faktenchecker von Snopes haben einen Artikel dazu veröffentlicht. 

Laut einer Analyse eines Forschers der Queensland University of Technology, die der britische Telegraph und der Guardian zitieren, gibt es Anzeichen für eine „Desinformationskampagne“. So werde der Hashtag „#ArsonEmergency“ (Deutsch: Brandstiftungs-Notstand) auf Twitter gezielt von Accounts verbreitet, die den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel leugnen.

Falschmeldungen_Jahresrückblick
Im vergangenen Jahr wurden viele falsche Informationen verbreitet. Doch ob etwas eine Lüge ist, können wir in den meisten Fällen nicht sagen – denn zur Lüge gehört Intention, die wir nicht beweisen können. (Collage: Ivo Mayr)

von Tania Röttger

Manipulierte Bilder aus dem Amazonas, erfundene Verbrechen und Gerüchte über Greta Thunberg: 2019 zeigte einmal mehr, wie viral Falschmeldungen gehen können. Wir haben die meistgeteilten, die wir entlarvt haben, zusammengesucht – und die Faktenchecks, für die sich unsere Leser am meisten interessiert haben.

Ein weiteres Jahr mit zahlreichen Faktenchecks liegt hinter uns. Wir sahen zum Beispiel neue Klimabewegungen aufkommen, und wie manche versuchten, sie mit Falschmeldungen zu diskreditieren. Wir haben die Wahlen für das Europäische Parlament begleitet und beobachteten dabei weniger Desinformation, als im Vorfeld befürchtet wurde. Unser Team wurde angefeindet, aber erhielt auch viele unterstützende Zuschriften unserer Leserinnen und Leser. 

In unserem Jahresrückblick 2019 zeigen wir Ihnen wir die fünf meistgeteilten Falschmeldungen des Jahres, die wir geprüft haben. Sie wurden auf Facebook am stärksten verbreitet und erreichten so möglicherweise Millionen Menschen. Und wir haben auch unsere fünf meistgelesenen Faktenchecks herausgesucht.

Die fünf meistgeteilten Falschmeldungen, die wir 2019 entlarvt haben

1. Nein, es gibt keine Hinweise auf Crystal Meth, das als „Brausepulver“ an Schulen kursiert

Dieses Bild kursiert seit 2016 auf Facebook, enthält aber eine falsche Warnung. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf Facebook wird seit 2016 eine Warnung vor einer angeblich neuen Droge verbreitet. Dabei handele es sich um Crystal Meth mit „verschiedenen Geschmacksrichtungen“ wie Erdbeere und Wassermelone, das aussehe wie ein „Brausepulver“. Dem BKA ist kein solcher Fall bekannt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 66.000 Mal auf Facebook geteilt.

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2. Verkürztes Sat1-Video über Flüchtlingsfamilie verbreitet sich

Mitglieder der Familie aus dem Sat1-Film. (Screenshot: CORRECTIV)

Ein Video über eine elfköpfige Flüchtlingsfamilie wird wieder geteilt. Darin geht es unter anderem um Geld, das die Familie erhält. Das Video ist echt, aber tendenziös verkürzt.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 60.000 Mal auf Facebook geteilt.

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3. Dieses Bild stammt nicht aus dem Amazonasgebiet, sondern aus Indien und wurde nachbearbeitet

Ein dramatisches Bild, das aber nicht die Feuer im Amazonas zeigt. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Netz sind Bilder im Umlauf, die Nutzer fälschlicherweise mit den aktuellen Bränden im Amazonas-Gebiet in Verbindung bringen. Das eines schreienden Affen wird zehntausendfach auf Facebook geteilt, obwohl es 2017 in Indien entstand.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 57.000 Mal auf Facebook geteilt.

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4. Vergewaltigung in Lüneburger Kurpark 2016? Ermittlungen wurden wegen „erheblicher Zweifel“ an den Darstellungen eingestellt

In einem Artikel von 2016, der aktuell wieder tausendfach geteilt wird, ist von einer angeblichen „Gruppenvergewaltigung durch Islamisten“ in Lüneburg die Rede. Die Polizei sagt gegenüber CORRECTIV: „Mit hoher Wahrscheinlichkeit hat es diese Tat nicht gegeben.“

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 53.000 Mal auf Facebook geteilt.

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5. Dieses Video von einem Mann, der eine Frau schlägt, ist weder aktuell noch stammt es aus Deutschland

Standbild aus dem Video. (Screenshot: CORRECTIV)

In einem alten Video, das momentan wieder häufig auf Facebook geteilt wird, ist zu sehen, wie ein Mann eine Frau im Beisein ihrer Kinder attackiert. Viele Nutzer gehen offenbar davon aus, dass der Täter noch nicht gefasst ist und der Vorfall in Deutschland stattfand. Das ist nicht richtig.

Die ursprüngliche Behauptung wurde mehr als 52.000 Mal auf Facebook geteilt.

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Unsere meistgelesenen Faktenchecks des Jahres

1. Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft.

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2. Manipuliertes Foto von Greta Thunberg wird zehntausendfach geteilt

(Screenshot: CORRECTIV)

Nach wie vor versuchen Menschen im Netz, mit Behauptungen über die Klimaaktivistin Greta Thunberg Stimmung zu machen. Aktuell wird ein offensichtlich gefälschtes Bild der 16-Jährigen verbreitet.

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3. Nein, dieses Video zeigt keine Zuwanderung von „1.000 Afrikanern“, sondern Menschen auf dem Weg zur Arbeit

Ein Video vom Bahnhof Ashausen wird massiv im Internet verbreitet. Darauf zu sehen ist eine sehr große Gruppe Menschen, die gemeinsam aus dem Zug steigt. Unsere Recherchen zeigen: Sie sind auf dem Weg zur Arbeit. 

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4. Claudia Roth hat nicht das Gesetz gebrochen, als sie den Bundestag trotz weniger Anwesender für beschlussfähig erklärt hat

Dieses Bild wurde von verschiedenen AfD-Konten auf Facebook geteilt. Doch die Behauptung stimmt nicht. (Screenshot: CORRECTIV)

In der Bundestagssitzung vom 27. Juni 2019 hat Bundestags-Vizepräsidentin Claudia Roth den Antrag der AfD auf einen sogenannten Hammelsprung abgelehnt. Das Gesetz hat sie damit nicht gebrochen.

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5. Nein, 2017 gab es nicht 95.000 Gewalttaten durch Flüchtlinge

Ein bekannter Facebook-Nutzer sagt in einem Video, in Deutschland messe man Taten von Rechtsextremen zu viel Bedeutung bei angesichts von angeblich 95.000 Gewalttaten durch Flüchtlinge 2017. Doch diese Zahl stimmt nicht.

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Wird aus Deutschland bald ein islamischer Staat? Dieses Narrativ steckt hinter vielen Falschmeldungen. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Cristina Helberg

„Harems“ in Deutschland, Gummibärchen-Verbot im Kindergarten und eine Bundeskanzlerin, die einen islamischen Staat ankündigt? Mit solchen Falschmeldungen bauen Webseiten und Blogs die Erzählung auf, deutsche Kultur werde von muslimischen Menschen verdrängt.

Angela Merkel blickt freundlich in die Kamera, doch der Satz, der neben ihr auf der viel geteilten Collage steht, sorgt für Angst und Empörung bei vielen Nutzern: „Deutschland wird ein islamischer Staat werden. Die Deutschen müssen sich damit abfinden.“ 

Jemand hat die zwei Sätze in Anführungsstriche gesetzt, so als habe die Kanzlerin das wirklich gesagt. Neben Angela Merkels Gesicht ist eine Deutschlandflagge samt Moschee montiert und der Hinweis: „Der größte Hochverrat in der europäischen Geschichte“. Seit Jahren taucht das falsche Zitat der Kanzlerin immer wieder im Netz auf und wird tausendfach geteilt.  

Ein frei erfundenes Angela-Merkel-Zitat hat der Blog Michael Mannheimer 2018 zusammen mit vielen anderen Webseiten verbreitet. (Screenshot: CORRECTIV)

Es ist ein Narrativ der Desinformation, das immer derselben Argumentation folgt: Eine angebliche Anpassung der deutschen Kultur aus Rücksichtnahme auf Muslime führe langfristig zu einer Islamisierung Deutschlands. 

Wer dieses Szenario vor Augen hat, für den kann schon ein angebliches Gummibärchen-Verbot im Kindergarten den Untergang des Abendlandes einläuten: 2018 gab es in einem Kindergarten in Österreich einen Streit um einen mit Gummibärchen belegten Geburtstagskuchen. Manche Arten von Gelatine können im Islam verboten sein. Webseiten konstruierten aus dem Streit die Falschmeldung, muslimische Eltern hätten ein generelles Gummibärchen-Verbot gefordert. Die Stadt sah sich daraufhin genötigt, sich öffentlich zu christlichen Feiern zu bekennen. Der Bürgermeister posierte demonstrativ mit Tüten voller Gummibärchen und übergab sie dem Kindergarten. 

Der Fall zeigt auch: Es müssen sich nur genug empörte Bürger melden, bis ein Bürgermeister bereit ist, Gummibärchen in die Kamera zu halten und das auch noch auf der offiziellen Homepage der Stadt hochzuladen.

Der Bürgermeister der österreichischen Stadt Mödling überreichte Vertreterinnen des Kindergarten Gummibärchen und stellte das Foto auf der Webseite der Stadt öffentlich. (Screenshot: CORRECTIV)

Kulturkampf in Schulen und Kindergärten?

Neben Kindergärten sind angeblich auch Schulen von Islamisierung bedroht. Im Januar 2019 machte auf Facebook ein Brief die Runde, in dem die Schulleiterin einer Grundschule in Dresden die Eltern über eine „Islam-Woche“ informierte. Sie empfahl den Kauf des Koran, kündigte den Besuch von Imamen an und bat um den Verzicht  auf Schweinefleisch als Frühstück. Wir fanden heraus: Der Brief war gefälscht

Kinderehen und angebliche Harems sind ein weiteres Lieblingsthema von desinformierenden Webseiten und Blogs. Um Schreckensmeldungen zu diesen Themen zu verbreiten, werden auch mal Politikeraussagen erfunden: Nein, Aydan Özoguz (SPD) hat als Integrationsbeauftragte der Bundesregierung Kinderehen nicht als „Aufgabe von Scharia-Gerichten“ bezeichnet. Die Grünen-Politikerin Nargess Eskandari-Grünberg hat auch nicht gesagt „Wer gegen den Bau von Moscheen ist, soll Deutschland verlassen!”. Und die SPD-Politikerin Karen Taylor hat nicht verkündet; „„Es gibt kein Recht auf Heimat für euch Deutsche“. 

Die Bedrohung der Heimat 

Die Amadeu-Antonio Stiftung veröffentlichte 2017 den Bericht „Toxische Narrative – Monitoring rechts-alternativer Akteure“. Die Stiftung ist laut einem Sachstands-Bericht des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages aus dem Jahr 2018 „eine als gemeinnützig anerkannte Stiftung bürgerlichen Rechts mit Sitz in Heidelberg, die sich für eine demokratische Zivilgesellschaft einsetzt und sich gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus wendet.“

In dem Bericht der Stiftung werden Narrative beschrieben, die zehn untersuchte „rechts-alternative“ Webseiten, darunter PI-News und Compact Magazin, am häufigsten nutzten. Dazu gehörte auch das Narrativ „Bedrohung von außen“, also Erzählungen darüber, dass Gefahr für Deutsche von Nicht-Deutschen ausgehe. 

Unter dieses Narrativ fällt auch die Erzählung, dass Deutschland ein islamisches Land zu werden drohe. Dann würde angeblich die Minderheit der Muslime in absehbarer Zeit zur Mehrheit und setze islamisches Recht und islamische Kultur und Religion durch. 

Scharia und Weihnachten

Wenn es nach vielen Falschmeldungen geht, dann ist diese Kulturübernahme bereits im vollen Gange. Deshalb sollen Muslime in einem Dortmunder Einkaufszentrum zum Beispiel auch den Weihnachtsbaum zerstört haben und ein Supermarkt als Reaktion prompt alle Weihnachtsprodukte aus dem Sortiment genommen haben. Beides stimmt nicht. Das Video stammt aus Ägypten. Sogar der Papst soll eine Islamisierung Europas schon als „Fortschritt für die Menschheit“ bezeichnet haben. Auch das stimmt so nicht

AfD-Politiker nahmen die angebliche Bedrohung der Islamisierung 2018 so ernst, dass sie sogar eine Satire-Meldung teilten, in der Politiker und Islamverbände angeblich die Übernahme der Scharia in das deutsche Rechtssystem forderten. Das war natürlich frei erfunden

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Besonders bedrohlich wurde es im Februar 2019. Der Blog Halle Leaks meldete, nicht mehr lange und alle Bewerberinnen der Miss-Germany-Wahl müssten wohl in Burka antreten. Um „sogenannte ‘religiösen Minderheiten’ nicht zu verletzen und keine Glaubenskriege in Berlin anzuzetteln“, gebe es ab jetzt keine Bikinis mehr zu sehen. Richtig ist: Die Veranstalter reagierten nach eigenen Angaben mit dem Verbot von Bikinis auf dem Laufsteg auf gesellschaftliche Entwicklungen. Es gehe nicht mehr länger nur um das Aussehen der Kandidatinnen und man wolle sich als emanzipierte Marke präsentieren. Burkas waren keine Alternative.

Schuld an der Änderung war also keine Islamisierung, sondern ein weniger sexistisches Frauenbild.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Migration verdrängt deutsche Traditionen“, „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“ und „Die Meinungsfreiheit wird eingeschränkt“.

meinungsfreiheit
Wird in Deutschland die Meinungsfreiheit eingeschränkt? Das ist eine häufig wiederkehrende Behauptung. (Collage: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Tania Röttger

Kritik an Migration stehe unter Strafe, wer etwas gegen den Islam sagt, müsse Geld zahlen oder bekomme sein Kind entzogen – diese Behauptungen sollen belegen, dass die Meinungsfreiheit in Deutschland angeblich gefährdet ist. Diese konkreten Beispiele sind falsch, aber das Gefühl, das sie erzeugen sollen, wirkt.

Ein Mann mit Baseball-Cap sitzt in einer Gefängniszelle, verzweifelt lässt er den Kopf hängen. Über der Zeichnung steht, dass Bürger ab dem 11. Dezember nur noch positiv über Migration sprechen dürften und Kritik als Hetze gelte, die unter Strafe stehe.

Am 11. Dezember 2018 wurde der UN-Migrationspakt offiziell angenommen. Die Sache mit der Strafe für Kritik war eine von vielen falschen Behauptungen über den Pakt. Unser Faktencheck zeigte, dass nicht Kritik bestraft werden sollte – sondern dass der Pakt Staaten dazu aufrief, Hasskriminalität wie Hassrede gegen Migranten unter Strafe zu stellen. Das war in Deutschland jedoch längst der Fall. 

Das Narrativ

Behauptungen, die mit konkreten Beispielen Angst machen sollen, sehen wir immer wieder. Sie suggerieren, dass bestimmte Dinge nicht mehr gesagt werden dürfen, dass man für bestimmte Äußerungen bestraft werde. Zu wessen Gunsten die Meinungsfreiheit angeblich eingeschränkt werden soll, liefern die Beiträge gleich mit: Wahlweise für den Islam, Flüchtlinge oder die Migration. 

Mal wird behauptet, ein Politiker habe gefordert, „Asylkritikern Grundrechte zu entziehen“, mal, dass Angela Merkel „Asylkritiker“ mit Kindesentzug bestrafen wolle

Beides ist falsch. Im ersten Beispiel ging es um einen Gastbeitrag von Peter Tauber in der Welt anlässlich des Mordes an Walter Lübke – er forderte, Artikel 18 des Grundgesetzes gegen Verfassungsfeinde anzuwenden, nicht gegen „Asylkritiker“. Und beim zweiten Beispiel wurde ein Artikel des deutschen Anwaltvereins extrem verzerrt. Eigentlich ging es nämlich darum, dass ein Elternteil sein Umgangsrecht mit einem Kind verlieren könnte, wenn es das Kind durch seine politische Gesinnung direkt gefährde. Mit Angela Merkel hatte das nichts zu tun.

Das Thema Migration sollte einer anderen Behauptung zufolge sogar die Ursache für die Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) der EU gewesen sein. Sie sei nur eingeführt worden, um „Massenmigration“ zu verschleiern, behauptete ein Blogger. Einfach dadurch, dass die DSGVO angeblich die Fotografie verbiete. Unser Faktencheck ergab, dass beide Behauptungen falsch waren: Die DSGVO verlangt lediglich, dass abgebildete Menschen auf Fotos, die für kommerzielle Zwecke genutzt werden sollen, ihre Einwilligung geben müssen.

Wo das Narrativ auftaucht 

Diese Erzählungen sind nicht nur in Deutschland verbreitet. Sie existieren international. 

Die Falschmeldung zum Beispiel, die EU werde Kritik am Islam mit Geldstrafen belegen, erschien zuerst auf der Webseite des US-amerikanischen Gatestone Institutes, das nach unseren Recherchen schon mehrmals islamfeindliche Falschmeldungen veröffentlicht hat. Tatsächlich ging es in dem Text um verschiedene internationale Aktionspläne und Abkommen, keines von ihnen sah jedoch Geldstrafen für Islamkritik vor, wie unser Faktencheck zeigte. Strafbar waren weiterhin nur Straftaten wie Hassrede, Verleumdung oder Gewalttaten.

Ebenso falsch war die Meldung, dass jemand in England bis zu sieben Jahre Gefängnis fürchten müsse, wenn er oder sie Kritik am Islam übe. Auch hier ergab unser Faktencheck, dass die geplanten Strafen für Hasskriminalität gelten, nicht für Kritik an der Religion.

Die Beispiele erzeugen Sorge vor Fremdbestimmung. Dazu wandert ein Zitat des Philosophen Voltaire durch die Sozialen Netzwerke: „Wenn Du wissen willst, was Dich beherrscht, finde heraus, wen Du nicht kritisieren darfst.“ Allerdings ist dies gar kein Zitat von Voltaire, sondern stammt von einem Holocaustleugner.

Wir sehen also, wie versucht wird, die These der fehlenden Meinungsfreiheit mit falschen Behauptungen zu belegen.  

Was man nicht mehr sagen darf

Die Rechtslage ist eigentlich eindeutig. Die Meinungsfreiheit wird durch das Grundgesetz gewährt. Artikel 5 Absatz 1 schreibt vor: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. […] Eine Zensur findet nicht statt.“

Doch Umfragen zeigen, dass das Narrativ der eingeschränkten Meinungsfreiheit in Deutschland wirkt. 

Das Gefühl, dass Artikel 5 Absatz 1 in der Praxis nicht vollkommen gilt, ist offenbar weit verbreitet. Zum Beispiel gibt es eine Umfrage im Auftrag der Zeit, laut der 41 Prozent der befragten Ostdeutschen sagten, um die Meinungsfreiheit sei es heute nicht besser gestellt als in der DDR. Oder die Allensbach-Studie von Mai dieses Jahres, in der 71 Prozent der Befragten meinten, man könne sich beim Thema Flüchtlinge „leicht den Mund verbrennen, wenn man darüber spricht“. Gleiches meinten 66 Prozent für Äußerungen über den Islam und 63 Prozent für Äußerungen über Juden. 

Was hinter einem Gefühl oder einer Meinung steht, können wir natürlich nicht faktenchecken. 

Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung schreibt uns auf Anfrage per E-Mail: „Wenn Leute das Gefühl haben, sie könnten ihre Meinung nicht mehr sagen, dann verfängt die rechtsextreme Strategie, einerseits ganzen Gruppen von Menschen ihre demokratischen Grund- und Menschenrechte abzusprechen und sich gleichzeitig als Opfer zu inszenieren.“

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Dieses Gefühl sollte wohl auch angeregt werden, als ein Bundestagsabgeordneter der AfD behauptete, nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte sei der Schutz des Islam wichtiger als die Meinungsfreiheit. „Islam-Kritik verboten“ hatte er seinen Facebook-Beitrag betitelt. Das war eine Fehlinterpretation, wie unser Faktencheck belegte. Das Gericht hatte lediglich geurteilt, dass eine Österreicherin eine verhängte Strafe wegen „Herabwürdigung religiöser Lehren“ zahlen müsse. Sie hatte behauptet, dass der Prophet Mohammed pädophil gewesen sei.

Soziale Netzwerke sind Orte voll von „Kritik“

Wie die Studien zeigen, fühlen manche, dass die Meinungsfreiheit eingeschränkt wird – und wenn nicht von außen, dann aus dem Inneren derer, die es nicht mehr wagen, zu bestimmten Themen ihre Meinung zu äußern. 

Doch in den Sozialen Netzwerken sind zu den Themen Migration, Islam und Flüchtlinge sehr viele extreme, erschreckende und verletzende Meinungen zu finden. Und seit Einzug der AfD in den Bundestag gibt es auch dort viele Reden, die aus Kritik an diesen Themen bestehen.

Vielleicht steckt hinter dem Narrativ auch ein anderes Gefühl – dass man für seine Meinung kritisiert wird. Aber das Grundgesetz gibt niemandem das Recht, seine Meinung ohne Gegenstimmen verbreiten zu dürfen. Das Recht auf Kritik macht Meinungsfreiheit aus.

Wo endet Kritik, wo beginnt die Straftat?

In unterschiedlichen Ländern gibt es unterschiedliche Auffassungen davon, wie grenzenlos die Meinungsfreiheit ist. In Deutschland hat sie mehr Schranken als in den USA zum Beispiel. Eine Linie verläuft in unserem Land zwischen Meinungsfreiheit und Hassrede, die unter Umständen bestraft werden kann.

Zwischen Hassrede und Kritik besteht jedoch ein Unterschied. Oliver Saal von der Amadeu Antonio Stiftung schreib uns dazu: „Die Meinungsfreiheit ist in Deutschland ein elementares Grundrecht. Sie deckt jede Äußerung ab, die nicht verboten ist.“ Verboten seien zum Beispiel die Leugnung des Holocaust oder Aufrufe zur Gewalt gegen marginalisierte Gruppen. „Es gibt also auch sehr viele abwertende Aussagen, die unüberlegt, gelogen, abwertend oder moralisch falsch sind – und dennoch erlaubt.“

Europäische und deutsche Gerichte verhandelten in den vergangenen Jahren immer wieder darüber, ob bestimmte Äußerungen über den Islam noch von der Meinungsfreiheit gedeckt, oder schon in Hassrede übergehen. Äußerungen von Personen, die die rechtlichen Grenzen des Sagbaren über Muslime und den Islam ausweiten wollen. 

Zum Beispiel Geert Wilders, der in einem Film im Jahr 2007 den Islam mit Terroranschlägen gleichsetzte; oder die rechtsextreme Partei Pro NRW, die 2012 ein Verfahren gewann mit der Folge, dass sie Mohammed-Karikaturen auf einer Demonstration mitführen durfte; oder die Österreicherin Sabaditsch-Wolff, die den Propheten Mohammed einen Pädophilen nennen wollte. Für manche gibt es sogar finanzielle Unterstützung – zum Beispiel vom US-amerikanischen islamfeindlichen Think-Tank Middle East Forum

Ob dies langfristig Auswirkungen hat, ob sich der Raum dessen, was Sagbar wird, vergrößert, bleibt abzuwarten.

Dieser Artikel ist Teil unserer Serie „Narrative der Desinformation“. Außerdem ist erschienen: „Migration verdrängt deutsche Traditionen“ und „Klimawandel? Früher sagte man einfach Sommer!“.