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Neun Mitglieder einer Familie, die Sat1 im Frühjahr 2018 vorstellte. Seitdem taucht immer wieder ein tendenziöser Zusammenschnitt der Sendung auf, der einen falschen Eindruck erweckt. (Screenshot von Youtube: CORRECTIV)

von Tania Röttger

Ein Video über eine elf-köpfige Flüchtlingsfamilie wird wieder verbreitet. Das Video ist echt, aber tendenziös verkürzt.

Die Webseite Truth24 veröffentlichte am 15. Oktober einen kurzen Artikel mit dem Titel „Moslemfamilie: 11 Kinder – 5239 Kindergeld und Sozialhilfe pro Monat“. Darunter: Ein Absatz Text und ein Video, in dem die Familie in ihrer Leipziger Wohnung vorgestellt wird. Darin kommen Menschen in der Fußgängerzone zu Wort, die den Fall der Familie verurteilen. Außerdem behauptet Truth24 im Text zu dem Video, der Vater wolle nicht arbeiten. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde der Artikel mehr als 1.100 Mal auf Facebook geteilt.

Wir haben bereits zweimal über das Video berichtet, den ersten Faktencheck veröffentlichten wir im Mai 2018, den zweiten im Januar 2019.

Unbekannte haben das Video aus Sat1-Material erstellt

Das Video ist immer dasselbe. Das Bildmaterial stammt aus einer Sendung des Sat1-Frühstücksfernsehens, die am 31. März 2018 auf Youtube veröffentlicht wurde. Inzwischen ist das Video der Originalsendung dort nicht mehr verfügbar. Sat1 hat es wohl entfernt. Unbekannte haben daraus einen Zusammenschnitt gemacht, den unterschiedliche Portale immer wieder verbreiten.

In dem geschnittenen Video, das Truth24 nun verbreitet, wird eine syrische Flüchtlingsfamilie vorgestellt. Eine Männerstimme erzählt von der Wohnung (220 Quadratmeter Altbau, 1.220 Euro warm pro Monat) und dem Geld, das die Familie erhalte (nach Abzug der Miete rund 4.000 Euro). Er erzählt auch von der einstigen Arbeit des Vaters als Zeitungs- und Postzusteller in Deutschland, beides sei aber an „seinen mangelnden Deutschkenntnissen gescheitert“. Insgesamt erhalte die Familie 5.239 Euro Kindergeld und Sozialleistungen pro Monat.

Danach äußern sich in dem Video Menschen in der Leipziger Fußgängerzone kritisch über den Fall. So sagt eine Frau: „Da bleibt mir der Atem stehen. Das ist unfassbar. Wenn ich an deutsche Familien denke – wir haben so viele arme Familien in Deutschland, warum bekommen die das nicht?“ Ein Sat1-Mikrofon taucht dabei im Bild auf.

Das Video im Beitrag von Truth24 stammt von Youtube. Ein Kanal einer Privatperson mit 835 Abonnenten hat es am 17. November 2018 dort hochgeladen. Bis heute wurde es mehr als 65.000 Mal angeklickt. Inzwischen wurde das Video gelöscht. Laut Youtube wegen einer Urheberrechtsbeschwerde.

Das Video, das Truth24 in ihren Artikel eingebettet hat, wurde inzwischen von Youtube entfernt. (Screenshot: CORRECTIV)

Falsche Behauptungen über den Vater

Truth24 behauptet in dem Beitext des Videos, der Vater habe „keine Lust zu arbeiten“, weil er mehr Geld vom Amt bekomme. 

Diese Behauptungen hat sich Truth24 ausgedacht. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Originalvideo, das Sat1 inzwischen entfernt hat, aber CORRECTIV bei den vorherigen Faktenchecks vorlag, kam der Vater selbst zu Wort. Er sagte über die Zahlung von 5.239 Euro: „Das ist für mich zu viel, weil wir wollen ja unser Geld nicht beim Arbeitsamt kriegen. Wir wollen das selber kriegen, und ich will gerne arbeiten.“ Er mache gerade einen Deutschkurs.

Szene aus dem Beitrag vom „Frühstücksfernsehen“, die im Zusammenschnitt auf der Webseite von Truth24 fehlt. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Zusammenschnitt fehlen mehrere Angaben zur Familie

Auch das Interview mit einer Tochter wurde herausgeschnitten. Sie spricht gut Deutsch und macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Kindergarten. Ebenso zeigt der Zusammenschnitt nur Stimmen von Bürgern, die den Fall kritisieren. Bürger, die Verständnis zeigen, fehlen. So sagt eine Frau im Original-Beitrag von Sat1: „Wenn man die Menschen integrieren will, dann muss man sie wahrscheinlich auch erstmal finanziell unterstützen.“

Und ein Mann sagt: „Es ist auch eine große Summe, aber wenn man es dann wirklich mal runterrechnet auf die Situation, dann relativiert sich das sehr stark.“

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Denn während die Summe von 5.239 Euro nach viel Geld klingt, sind es – auf die Familienmitglieder aufgeteilt – knapp 410 Euro pro Person. Wenn eine deutsche Familie in derselben Situation wäre, bekäme sie denselben Betrag. Auch das kommt im Sat1-Video vor. Dort sagt Brigitte Laux vom Landkreis Leipzig: „Dieser Sozialhilfesatz ist Grundsicherung, und Grundsicherung gilt für alle gleich.“ Dieser Teil fehlt aber bei dem Ausschnitt von Truth24.

Sat1 geht gegen Videos vor

Als wir Sat1 im Mai 2018 zu dem Video befragten, distanzierte sich Sprecherin Sandra Scholz davon per E-Mail: „Es wurden Teile des Beitrags ohne unsere Zustimmung und vor allem tendenziös neu zusammengeschnitten, wovon wir uns klar distanzieren. Das Video muss umgehend gelöscht werden. Wir haben den Fall an unsere Rechtsabteilung übergeben.“

Auch als wir sie zu unserem zweiten Faktencheck kontaktierten, schrieb Scholz uns, dass Sat1 die Facebook-Konten abmahnen werde, die das Video unrechtmäßig verbreiten. Scholz schrieb: „Wir sind dankbar über jeden Hinweis von anderen Usern oder Zuschauern, die uns auf derartige Posts oder Videos hinweisen, damit wir sie überprüfen und ggf. dagegen vorgehen können.“

Update, 20.11.2019: Kurz nach Veröffentlichung des Artikels wurden wir darauf aufmerksam, dass das Video, das Truth24 bei sich eingebettet hat, von Youtube entfernt wurde. Wir haben das an entsprechender Stelle im Text eingefügt, inklusive eines Screenshots der die Begründung von Youtube zeigt.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch: Das Video ist ein Zusammenschnitt eines Beitrags von Sat1 – einordnende Stimmen wurden entfernt. Die abwertende Behauptung über den Vater der Familie hat Truth24 erfunden.

Begegnungsstätte Moschee Neukölln
Die Neuköllner Begegnungsstätte veranstaltete am 3. April einen symbolischen Gebetsruf – anders als geplant, versammelten sich jedoch zahlreiche Menschen vor Ort. (Foto: Carsten Koall / dpa)

von Alice Echtermann

In Berlin erschienen 300 Menschen zu einem symbolischen Gebetsruf – mutmaßlich wegen eines Missverständnisses. Der Vorfall wird nun jedoch in einem Artikel als angeblicher Beleg präsentiert, dass für Muslime in Corona-Zeiten andere Regeln gelten. Die Berliner Polizei betont, es gebe keine Ausnahmen für bestimmte Religionen.

In einem Artikel der Webseite Ein Reich vom 5. April wird behauptet, Bußgelder wegen Verstößen gegen das Kontaktverbot müssten „nur Deutsche“ zahlen, nicht Muslime. Als angeblicher Beleg wird ein Fall in Berlin geschildert, es wird jedoch wesentlicher Kontext ausgelassen. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 10.000 Mal auf Facebook geteilt. Er erschien wortgleich zuvor auf Anonymous News, dort wurde er 4.300 Mal geteilt. 

In Berlin hatten sich laut Polizei am 3. April während Gebetsrufen vor einer Moschee rund 300 Menschen versammelt. Dem Imam, dem Ordnungsamt (Bezirksamt Neukölln) und den Beamten „gelang es nur zum Teil, die Anwesenden zum Abstandhalten zu bewegen. Das Gebet wurde im Einvernehmen mit dem Imam vorzeitig beendet“, schrieb die Polizei auf Twitter.

Der Artikel von Ein Reich stellt den Vorfall als angeblich gezielten Aufruf zur Versammlung dar. In der Überschrift ist die Rede von einem „Massengebet“. Und in der Einleitung heißt es: „Hunderte Moslems kamen in Berlin zum traditionellen Freitagsgebet und folgten dem Ruf ihres Imams. Die Polizei bemühte sich um Auflösung der illegalen Versammlung.“

Polizei macht nach eigenen Angaben keinen Unterschied bei verschiedenen Religionen

Auf Nachfrage schrieb die Polizei Berlin in einer E-Mail an CORRECTIV am 21. April, dass es sich nicht um eine geplante Versammlung gehandelt habe. Es gebe zudem keine Sonderregelung für bestimmte Religionen. Kundgebungen mit bis zu 20 Personen dürften nur mit einer Ausnahmegenehmigung durchgeführt werden. „Bislang waren Gottesdienste oder Begegnungen in Kirchen, Synagogen und Moscheen nicht erlaubt.“ 

Am Telefon bekräftigte Polizeisprecher Michael Gassen noch einmal: „Wir machen keinen Unterschied bei Muslimen, Christen oder anderen Versammlungen.“

Es sei ein symbolischer Gebetsruf der Moschee geplant gewesen – als Ersatz für das gemeinsame Gebet, das derzeit nicht persönlich stattfinden konnte. „Es war hier nicht von einer Ansammlung von Menschen auszugehen, da zusätzlich durch die Moschee dazu aufgerufen wurde, nicht zu erscheinen“, erklärt der Polizeisprecher. 

Die Moschee bat die Menschen am selben Tag auf Facebook, fernzubleiben

Der Originalaufruf zu der Aktion „Ich höre deinen Ruf“ ist noch auf der Webseite der Neuköllner Begegnungsstätte zu finden. Ab dem 3. April sollte immer freitags um 13.30 Uhr und täglich um 18 Uhr der Gebetsruf ertönen. Der Aufruf ist missverständlich, denn ihm ist nicht zu entnehmen, dass niemand persönlich zum Gebet erscheinen sollte. Es heißt darin, dass zeitgleich mit dem islamischen Gebetsruf per Lautsprecher auch die Glocken der christlichen Genezareth-Gemeinde ertönen sollten.

Am 3. April, also am Tag des ersten Gebetsrufs, warnte die Gemeinde vormittags um 11.41 Uhr auf ihrer Facebook-Seite, niemand solle persönlich erscheinen. Es werde eine Facebook-Live-Übertragung geben. Die Menschen hielten sich offensichtlich nicht daran. Um 16.15 Uhr am Nachmittag, also nach dem ersten Gebetsruf, schrieb die Gemeinde auf Facebook: „Sollten sich erneut Menschen vor der Moschee versammeln, wird der Gebetsruf in dieser Form eingestellt.“ 

Warnung der Moschee auf Facebook
Die Warnung der Moschee auf Facebook am 3. April vormittags. (Screenshot: CORRECTIV)

Das deckt sich mit einem weiteren Tweet der Polizei am Abend des 3. April. Darin steht: „Die Verantwortlichen der Moschee sicherten zu, dass sie über die sozialen Medien nochmals darauf hinweisen werden, dass den digitalen Gebetsrufen nicht durch persönliches Erscheinen gefolgt werden muss und und diese bei erneuten Menschenansammlungen sofort beendet werden.“

Am 4. April teilte die Moschee dann auf Facebook mit, die Aktion müsse vorerst eingestellt werden, da sich „entgegen unserer Bitte, geltende Gesetze einzuhalten und Zuhause zu bleiben“ während des Gebetsrufs wiederholt Schaulustige an der Moschee eingefunden hätten.

Mitteilung der Moschee
Die Mitteilung der Moschee, dass die Aktion eingestellt werden müsse. (Screenshot: CORRECTIV)

Am 6. April schrieb dann der CDU-Bezirksvorsitzende von Neukölln, Falko Liecke, auf Twitter, er habe den öffentlichen Gebetsruf verboten. Darüber berichtete unter anderem der RBB.  

Keine Bußgelder wegen zu wenig Personal vor Ort

Die Personen, die vor der Moschee eintrafen, wurden laut Polizei aufgefordert, entweder Abstand zu halten oder nach Hause zu gehen. „Dieser Aufforderung kamen die Personen zunächst nicht nach.“

Tatsächlich seien aber keine Bußgelder verhängt worden. Der Grund sei, dass nicht genügend Einsatzkräfte vor Ort waren, um Personalien aufzunehmen. „Wir mussten hier auf Maßnahmen verzichten, die wir sonst durchgeführt hätten“, sagt Gassen am Telefon. 

Die Schlussfolgerung des Artikels von Ein Reich („Das heißt im Klartext nichts weiter, als dass der Corona-Bußgeldkatalog nur für Deutsche gilt“) ist also falsch.  

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Artikel lässt relevanten Kontext weg und zieht falsche Schlussfolgerungen.

mannheim_pixabay

von Lea Weinmann

Auf Facebook wird behauptet, in Mannheim habe eine große Gruppe Migranten bei einem Transport eng beieinander gestanden – den Corona-Maßnahmen zum Trotz. Es stimmt, dass dort Flüchtlinge verlegt wurden. Es gab laut Behörden aber Maßnahmen zum Infektionsschutz.

Eine Facebook-Nutzerin veröffentlicht in einem Beitrag vom 9. April ein Foto, das sie am Morgen des gleichen Tages in Mannheim aufgenommen haben will. Darauf sei angeblich eine große Gruppe Flüchtlinge zu sehen, die vor Reisebussen eng zusammen gestanden hätte, allen Corona-Maßnahmen zum Trotz, so suggeriert es der Beitrag.

Der originale Beitrag wurde zwischenzeitlich von dem Sozialen Netzwerk gelöscht, aber am 10. April als Screenshot auf anderen Seiten veröffentlicht (hier und hier). Zusammengenommen wurde der Beitrag damit bisher mehr als 10.000 Mal auf Facebook geteilt (Stand: 16. April).

Der originale Facebook-Beitrag wurde gelöscht, ein Screenshot davon verbreitet sich aber auf Facebook weiter. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Tatsächlich zeigt das Foto eine Gruppe Asylsuchender, die an diesem Morgen aus einer Erstaufnahmeeinrichtung in Mannheim in verschiedene Stadt- und Landkreise verlegt wurde. Die zuständigen Behörden haben sich nach eigenen Angaben aber darum bemüht, die Auflagen zum Infektionsschutz bei der Busfahrt einzuhalten.

Tatsächlich wurden Flüchtlinge von der Industriestraße in Mannheim in andere Unterkünfte verlegt

Nach Recherchen von CORRECTIV wurde das Foto an der Industriestraße in Mannheim aufgenommen: Auf dem Foto ist das Logo eines Fliesenhändlers zu erkennen, dessen Geschäft sich an der Industriestraße befindet. Ein Vergleich mit der Straßenansicht in dem Online-Kartendienst Google-Street-View macht deutlich, dass das Foto dort aufgenommen wurde.

Ein Abgleich mit dem Online-Kartendienst Google-Street-View zeigt: Das Foto wurde an der Industriestraße in Mannheim aufgenommen. (Quelle: Google, Screenshot: CORRECTIV)

An der Industriestraße befindet sich eine Erstaufnahmeeinrichtung für Asylsuchende, die vom Regierungspräsidium Karlsruhe betrieben wird.

Auf Anfrage von CORRECTIV bestätigt das Regierungspräsidium, dass am 9. April früh morgens insgesamt 42 Personen aus der Erstaufnahmeeinrichtung in andere Stadt- und Landkreise verlegt wurden. Dafür habe man drei Kleinbusse und einen Reisebus eingesetzt.

Es ist also richtig, dass Asylsuchende in Mannheim weiterhin verlegt werden – auch während der Corona-Krise.

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Es gibt laut Behörden viele Auflagen, um beim Transport für Infektionsschutz zu sorgen

Der Facebook-Beitrag erweckt jedoch den Eindruck, die zuständigen Behörden würden – im Gegensatz zum Umgang mit der sonstigen Bevölkerung – bei der Betreuung der Flüchtlinge nichts tun, um den nötigen Infektionsschutz sicherzustellen. Das ist irreführend.

Das Dienstleistungsunternehmen, das für die Betreuung der Flüchtlinge in der Einrichtung zuständig ist, hat nach Angaben des Regierungspräsidiums verschiedene Auflagen umgesetzt, um bei den Busfahrten für Infektionsschutz zu sorgen: So gebe es einen neuen, „großzügigeren“ Treffpunkt für die Abfahrt, sowie Absperrungen und Markierungen auf dem Boden, um die Abstandsregeln einzuhalten. Diese Maßnahmen würden von einem Sicherheitsdienst überwacht, den das Regierungspräsidium dafür eingesetzt hat, schreibt uns eine Sprecherin des Präsidiums per E-Mail.

Familien und Ehepaare hätten nahe beieinander gestanden

„Bedauerlicherweise kann dabei nicht vollständig verhindert oder ausgeschlossen werden, dass gemeinsam reisende Familien oder Ehepaare – insbesondere während sie auf ihre Abfahrt warten – nah beieinander stehen“, schreibt die Sprecherin weiter.

Das Regierungspräsidium Karlsruhe erklärt in einer E-Mail an CORRECTIV, wie Maßnahmen zum Infektionsschutz beim Transport von Asylsuchenden umgesetzt werden. (Screenshot: CORRECTIV)

Flüchtlinge werden in andere Unterkünfte verlegt, um Belegung zu „entzerren“, sagt die Behörde

Dass die 42 Asylsuchenden auf drei Kleinbusse und einen großen Reisebus verteilt wurden, hatte laut Regierungspräsidium ebenfalls den Grund, die Menschen innerhalb der Busse „möglichst weit auseinander“ setzen zu können.

Auch in den Erstaufnahmeeinrichtungen selbst seien die Behörden bemüht, die Belegung zu „entzerren“, um auch damit das Infektionsrisiko zu verringern, schreibt die Sprecherin. Deshalb würden Asylbewerber momentan „vermehrt“ aus den Einrichtungen des Landes in die Stadt- und Landkreise gebracht, „da die dortige Unterbringung stärker dezentral und damit kleinteiliger ist, sodass weniger Personen in einzelnen Unterkünften zusammenleben.“

Ein weiterer Auszug aus der E-Mail des Regierungspräsidiums Karlsruhe an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Flüchtlinge als angebliche Übeltäter in der Corona-Krise werden vermehrt zum Narrativ in den Sozialen Netzwerken

In der Vergangenheit verbreiteten sich in den Sozialen Medien vermehrt Narrative über Flüchtlinge, die sich während der Corona-Krise nicht an die Kontaktbeschränkungen halten. Behauptet wurde auch, dass die mediale Aufmerksamkeit rund um die Pandemie dazu genutzt werde, Migranten heimlich einzuschleusen. Erst vor Kurzem hat CORRECTIV eine ähnliche Behauptung über eine Ankunft von Asylsuchenden in Görlitz widerlegt.

Korrektur (20. April): In einer früheren Version des Artikels stand, dass die Flüchtlinge nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel verteilt werden, der festlegt, wie viele Flüchtlinge ein Bundesland aufnehmen soll. Diese Verteilung war bei den Personen, um die es in dem Artikel geht, bereits abgeschlossen.

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Das Foto zeigt Flüchtlinge, die an diesem Tag verlegt wurden.

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Ein Facebook-Beitrag der Seite „Görlitz bewegt sich“ mit diesen Fotos erweckt den falschen Eindruck, Asylbewerber seien „heimlich“ in die Stadt gebracht worden. Das ist falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Eine Facebook-Seite behauptet, in der Stadt Görlitz seien während der Maßnahmen zur Verlangsamung des Coronavirus „heimlich Migranten“ angekommen. Das ist falsch. Am 10. März kamen 23 Asylbewerber aus Erstaufnahmeeinrichtungen nach Görlitz, so wie sonst auch regelmäßig.

Die Facebook-Seite „Görlitz bewegt sich“ teilte am 10. März zwei Fotos eines Reisebusses und aussteigender Menschen mit dem Kommentar: „Wo kommen denn die ‘Schutzsuchenden’ so plötzlich her? Still und heimlich heute auf der Struve Straße… Der erste Bus von wievielen? Ach ja wir haben den ersten Corona Fall. Da ist kein Platz mehr für andere Themen“. Der Beitrag wurde knapp 4.000 Mal geteilt. 

Andere Facebook-Nutzer teilten die Bilder in den darauffolgenden Tagen mit ähnlichen Behauptungen. „Still und heimlich“ seien „Migranten“ über Nacht mit Bussen im sächsischen Görlitz gelandet. Die Maßnahmen gegen den Coronavirus würden das vertuschen. „Alle sind abgelenkt durch Corona und klammheimlich werden die Migranten eingeflogen“, schrieb ein Nutzer (3.400 Mal geteilt). Ein anderer Nutzer vermutete: „Coronavirus Panik macht blind…versammeln darf man sich auch nicht, das wiederum macht für die Regierung alles etwas einfacher“ (knapp 300 Mal geteilt)

Keine „heimliche“ Ankunft 

Das Landratsamt Görlitz stellt in einer Antwort auf eine Presseanfrage von CORRECTIV klar, dass es sich um die normale regelmäßige Zuweisung von Asylbewerbern aus Erstaufnahmeeinrichtungen handele. Eine Sprecherin des Landratsamt Görlitz schreibt per E-Mail: „Nach Rücksprache mit der Ausländerbehörde des Landkreises Görlitz kann ich Ihnen mitteilen, dass monatlich durch die Landesdirektion Sachsen Asylbewerber aus den Erstaufnahmeeinrichtungen in die Landkreise und kreisfreien Städte verteilt werden. Dies erfolgt nach dem Königsteiner Schlüssel.“ Der sogenannte Königsteiner Schlüssel legt fest, wie viele Asylsuchende ein Bundesland aufnehmen muss. 

Weiter schreibt die Görlitzer Behörde: „Am Dienstag, 10. März 2020, wurden dem Landkreis Görlitz 23 Personen zugewiesen. Die Organisation (auch der Bustransport) der Zuweisung erfolgt durch die Landesdirektion Sachsen.“  Nach ihrer Ankunft würden die Personen in die Gemeinschaftsunterkünfte des Landkreises Görlitz verteilt. 

Die E-Mail des Landratsamts Görlitz vom 24. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Dass die Ankunft der Personen keinesfalls heimlich oder in der Nacht stattfand, wie von den Facebook-Nutzern behauptet, belegen auch die von ihnen selbst verbreiteten Bilder.  Bereits am 12. März berichtete die Sächsische Zeitung (Artikel zahlungspflichtig) über die falschen Gerüchte im Internet und die Klarstellung der Behörden. 

Die Facebook-Gruppe „Görlitz bewegt sich“

Die Facebook-Seite „Görlitz bewegt sich“, die die Fotos offenbar zuerst verbreitete, bezeichnet sich selbst als Verein mit dem Ziel: „Gemeinsam, friedlich, neutral für unsere Zukunft, unsere Heimat und unsere Kultur, gegen die Fehlpolitik!“ 2016 berichtete die Sächsische Zeitung über die dahinter stehende „asylkritische Initiative“ in Görlitz. 

Auf der Facebook-Seite werden Bilder von Lastwagen mit der Beschriftung „Führerhaus“ und islamkritische Inhalte geteilt. Das Profilbild der Seite unterstellt Angela Merkel, sie wolle dem Land die Identität rauben, um es zu islamisieren. Diese verbreiteten Narrative der Desinformation („Deutschland wird ein islamischer Staat“ und  „Migration verdrängt deutsche Traditionen“) haben wir bereits in Hintergrundartikeln analysiert. 

Ein von der Facebook-Seite „Görlitz bewegt sich“ geteiltes Foto. (Screenshot: CORRECTIV).
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Am 10. März kamen regulär 23 Asylbewerber aus Erstaufnahmeeinrichtungen nach Görlitz. Laut Landratsamt Görlitz werden regelmäßig Personen auf die Städte aufgeteilt.

München 22
Der Tweet der Polizei München vom 22. März 2020 (Screenshot: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

In einer Sprachnachricht, die sich zum Beispiel über Whatsapp verbreitet, behauptet ein Mann, demnächst würden 20.000 Geflüchtete in München eintreffen. Die aktuellen Maßnahmen zum Stopp des Coronavirus sollten das vertuschen. Die Polizei München stellt klar: Es handelt sich um eine Falschmeldung.

Die Männerstimme in der aktuell kursierenden Sprachnachricht warnt, in und um München verteilt würden in den nächsten Tagen 20.000 Geflüchtete ankommen. „Per Bahn, per Flixbus und mit der Lufthansa.“ Die „Ausgangssperre“ zum Coronavirus sei wahrscheinlich auch deshalb verhängt worden, „dass wir das nicht mitkriegen“. Eine Quelle für die Behauptung wird nicht genannt.

In Bayern gilt seit dem 20. März eine Ausgangsbeschränkung, die das Verlassen der Wohnung nur „bei Vorliegen triftiger Gründe erlaubt“. Dazu gehören unter anderem „die Ausübung beruflicher Tätigkeiten“, Arztbesuche und Einkäufe. 

Die Polizei München schrieb auf Twitter zu der Behauptung, damit solle etwas vertuscht werden: „Nein! Durch die Ausgangsbeschränkung soll nicht die Ankunft von 20.000 Flüchtlingen vertuscht werden“. Es handele sich also um eine Falschmeldung. Die Polizei warnt außerdem: „Insbesondere über Messenger-Dienste werden derzeit gezielt Falschmeldungen und böswillige Gerüchte verbreitet.“

Medienberichten zufolge gibt es derzeit keine Pläne Bayerns, Flüchtlinge aus Griechenland aufzunehmen. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) hat sich Anfang März dagegen ausgesprochen.

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Unsere Bewertung:
Falsch. Laut Polizei München handelt es sich um eine Falschmeldung.

Asylsuchende Grenze Türkei
Asylbewerber dürfen unter bestimmten Umständen weiter einreisen, sollen aber auch mehrfach gesundheitlich durchgecheckt werden. (Symbolbild: picture alliance / AA)

von Lea Weinmann

Auf dem Blog Philosophia Perennis wird behauptet, Asylbewerber dürften trotz des verhängten Einreisestopps für Nicht-EU-Bürger weiter einreisen. Ob sie gesundheitlich gecheckt würden, sei angeblich unklar. Dem Artikel fehlt wesentlicher Kontext; die Behauptungen sind zum Teil falsch.

Im Kampf gegen das neuartige Coronavirus haben die Staats- und Regierungschefs der EU am 17. März beschlossen, Reisen in die EU zu beschränken. Am gleichen Abend, nach einer Videokonferenz des Europäischen Rates, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel, man habe sich auf ein 30-tägiges Einreiseverbot für Menschen aus Ländern geeinigt, die nicht der EU oder EFTA angehören (mit Ausnahme Großbritanniens).

Ebenfalls am 17. März behauptete der islamkritische Blogger David Berger auf seinem Blog Philosophia Perennis, die Einreisesperre gelte nicht für Asylbewerber; für sie seien die deutschen Grenzen weiterhin offen. Zuvor hatte er in einem anderen Artikel am selben Tag geschrieben: „Inwiefern hier die Möglichkeit bzw. der Wille der Verantwortlichen vorhanden sind, möglichst umfangreiche und verlässliche Gesundheits-Checks durchzuführen, bleibt völlig unklar.“

Zusammengenommen wurden die Artikel von Berger laut dem Analysetool Crowdtangle bisher mehr als 17.000 Mal auf Facebook geteilt (Stand: 19. März). Auch die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch hat am 17. März geäußert, die Grenzen seien für Asylbewerber weiter offen.

Die Behauptungen stimmen jedoch nur teilweise. Es ist richtig, dass Menschen, die internationalen Schutz benötigen, von der Beschränkung ausgenommen sind. Diese sollen aber bei der Einreise Gesundheitskontrollen durchlaufen – und können dabei auch abgewiesen werden. 

Die EU-Kommission hat Ausnahmen zur Einreisesperre definiert

Der Sprecher des Bundesinnenministeriums (BMI), Steve Alter, sagte in der Regierungspressekonferenz am 18. März (ab Minute 11:11) auf die Frage eines Journalisten, dass es in Bezug auf Asylanträge an den Außengrenzen des Schengen-Raums „bisher keine Verfahrensänderung im Vergleich zu vorgestern [16. März]“ gebe. Man kann also weiterhin Asylanträge stellen.

Der Grund dafür findet sich in den Leitlinien zum Umgang mit der Corona-Krise, auf die sich Staats- und Regierungschefs der EU-Länder verständigt haben und die die Europäische Kommission am 16. März in einer Mitteilung formulierten: Auf den Seiten 2 und 3 ist aufgelistet, wer von der Einreisebeschränkung ausgenommen ist – darunter Gesundheitspersonal, Grenzgänger, Diplomaten und eben auch „Personen, die internationalen Schutz oder Schutz aus anderen humanitären Gründen benötigen“.

In der Mitteilung der EU-Kommission an den Europäischen Rat vom 16. März sind Ausnahmen von der Einreisebeschränkung definiert. (Quelle: EU-Kommission, Screenshot: CORRECTIV)
In der Mitteilung der EU-Kommission an den Europäischen Rat vom 16. März sind Ausnahmen von der Einreisebeschränkung definiert. (Quelle: EU-Kommission, Screenshot: CORRECTIV)

David Berger zitiert in seinem Artikel einen Bericht der FAZ vom 16. März, in der diese Ausnahmen ebenfalls genannt werden. Was in seinem Text jedoch nicht erwähnt wird, ist die Tatsache, dass Asylbewerber nicht die einzigen sind, die weiter einreisen dürfen. 

Zudem suggeriert der Artikel, dass „unsere Sicherheit“ in Gefahr sei, weil keine Kontrollen durchgeführt würden. Es fehlt der Satz, der in dem EU-Dokument direkt auf die Ausnahmeregelungen folgt und der auch in dem Artikel der FAZ noch Erwähnung findet: „Für Personen, die in den erweiterten EU-Raum einreisen dürfen, sollten koordinierte und verstärkte Gesundheitskontrollen durchgeführt werden.“

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Nicht-EU-Bürger sollen laut EU-Kommission an den Außengrenzen „systematisch kontrolliert“ werden

Wie diese Kontrollen aussehen sollen, hat die Kommission in einem weiteren, englischsprachigen Papier zum EU-Grenzmanagement am 16. März ausgeführt. Darin heißt es unter anderem: „Alle Personen, sowohl EU- als auch Nicht-EU-Bürger, die die Außengrenzen überschreiten, […] werden an den Grenzübergangsstellen systematisch kontrolliert“ (unter Punkt IV).

Außerdem haben die Mitgliedstaaten demnach die Möglichkeit, Nicht-EU-Bürgern die Einreise zu verweigern, wenn sie relevante Symptome aufweisen, einem besonderen Infektionsrisiko ausgesetzt waren und als „Gefahr für die öffentliche Gesundheit“ gelten. 

Innenministerium: Neu ankommende Asylbewerber sollen „sehr zeitnah“ getestet werden

Der Sprecher des Bundesinnenministeriums äußerte sich in der Regierungspressekonferenz auch zu Gesundheitskontrollen und Quarantänemaßnahmen für einreisende Asylbewerber in Deutschland (ab Minute 12:23): Man habe das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und die Ausländerbehörden schon in der vergangenen Woche gebeten, neu ankommende Asylbewerber „sehr zeitnah“ auf eine Erkrankung mit Covid-19 zu testen, sagte er. Die Bundespolizei stehe für die Kontrollen in Kontakt mit den zuständigen Gesundheitsämtern. 

Ein Sprecher des Bamf hat uns das auf Anfrage per E-Mail bestätigt: Die Bundesländer sollen demnach die Tests direkt bei der Registrierung der Ankommenden durchführen. Damit will man laut Bamf verhindern, dass infizierte Personen in Erstaufnahmeeinrichtungen gelangen.

Das Bamf bestätigt CORRECTIV auf Anfrage, dass die Länder auf Anweisung der Bundesbehörden Asylbewerber bei der Registrierung testen sollen. (Screenshot: CORRECTIV)
Das Bamf bestätigt CORRECTIV auf Anfrage, dass die Länder auf Anweisung der Bundesbehörden Asylbewerber bei der Registrierung testen sollen. (Screenshot: CORRECTIV)

Neue Situation seit dem 18. März: Resettlement-Programme sind ausgesetzt

Während unserer Recherche verbreitete sich zudem am 18. März die Meldung, dass Deutschland die humanitäre Flüchtlingsaufnahme ausgesetzt habe. Das bedeutet, dass keine Flüchtlinge mehr über sogenannte organisierte Resettlement-Verfahren nach Deutschland geholt werden.

Normalerweise nimmt Deutschland seit 2012 pro Jahr ein Kontingent besonders schutzbedürftiger Menschen auf, die weder eine Chance auf Rückkehr in ihr Heimatland haben, noch die Möglichkeit, sich in ihrem ersten Fluchtland zu integrieren, schreibt das Bundesinnenministerium auf seiner Webseite.

Das Bamf hat uns die Aussetzung der Programme auf Nachfrage per E-Mail bestätigt: Das Innenministerium habe das Bamf angewiesen, das Resettlement-Verfahren mit der Türkei und die Resettlement-Verfahren des Bundes für Menschen in humanitären Notlagen „bis auf Weiteres auszusetzen“, schreibt ein Sprecher.

„De facto ‎waren die deutschen humanitären Aufnahmeverfahren wegen verschiedener wechselseitiger Reisebeschränkungen und operativer Einschränkungen […] bereits seit vergangenen Freitag [13. März] zum Erliegen gekommen“, fügt der Sprecher hinzu. 

Ein Sprecher des Bamf bestätigt uns per E-Mail, dass die humanitäre Flüchtlingsaufnahme in Deutschland „bis auf Weiteres“ ausgesetzt ist. (Quelle: EU-Kommission, Screenshot: CORRECTIV)
Ein Sprecher des Bamf bestätigt uns per E-Mail, dass die humanitäre Flüchtlingsaufnahme in Deutschland „bis auf Weiteres“ ausgesetzt ist. (Quelle: EU-Kommission, Screenshot: CORRECTIV)

Auch die Internationale Organisation für Migration (IOM) und das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) haben ihre Resettlement-Verfahren seit dem 17. März offiziell ausgesetzt.

Damit ist es für die Geflüchteten, die die Kriterien für ein Resettlement-Verfahren erfüllen, aktuell nicht mehr möglich, einen Asylantrag zu stellen. Am 20. März teilte das Bamf zudem mit, Asylanträge von nun an nur noch schriftlich entgegenzunehmen; für besondere Fälle gebe es Ausnahmen. Das schränkt das Asylrecht weiter ein. 

David Berger hat diese neuen Informationen in seinen Texten auf Philosophia Perennis vom 17. März bisher nicht ergänzt.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Asylbewerber dürfen unter bestimmten Umständen weiter einreisen, sollen aber auch mehrfach gesundheitlich durchgecheckt werden.

Flüchtlinge
Dieses Video zeigt keine neue Registrierungsstelle für Flüchtlinge. Es erschien nicht im März 2020, sondern bereits im Jahr 2015. (Screenshot: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Auf Facebook wird derzeit ein Video geteilt, das die Bauarbeiten aus einer Registrierungsstelle für Flüchtlinge zeigt, die angeblich in Kürze eröffnen solle. Es wurde schon 2015 aufgenommen.

Ein Facebook-Nutzer hat am 10. März ein Video auf seinem Profil geteilt. Darin sind Aufnahmen einer großen Halle zu sehen. Ein Mann namens Dirk Kleiböhmer erklärt darin, dass dort eine Registrierungsstelle eingerichtet werden solle zur Aufnahme von Asylbewerbern. Man rechne mit 1.000 Menschen pro Tag, die dort registriert werden sollen. Der Betrieb werde „am Montag“ starten. 

In dem gesamten 44-sekündigen Video ist oben rechts in der Ecke das Datum 6. März 2020 eingeblendet. Außerdem gibt es einen Hinweis auf die Quelle WN-TV. Der Facebook-Nutzer schreibt dazu: „Im Schutze der Corona wurde das Volk wieder verarscht und keiner hat es gemerkt.“

Das Video erweckt durch das Datum oben rechts in der Ecke den Eindruck, aktuell zu sein. (Screenshot und rote Markierung: CORRECTIV)
Das Video erweckt durch das Datum oben rechts in der Ecke den Eindruck, aktuell zu sein. (Screenshot und rote Markierung: CORRECTIV)

Das Video wurde mittlerweile mehr als 4.300 Mal auf Facebook geteilt. Es ist allerdings schon von 2015 und hat keinen Zusammenhang zur aktuellen Situation ankommender Asylbewerber in Deutschland. 

Video ist alt und stammt von 2015

Das Video wurde am 17. September 2015 auf dem Youtube-Kanal der Westfälischen Nachrichten (WN-TV) aus Münster hochgeladen. 

Es zeigt die Arbeiten an der Registrierungsstelle für Flüchtlinge am Flughafen Münster/Osnabrück (FMO). Dirk Kleiböhmer, der Mann in dem Video, arbeitet als Brandschutzexperte in Münster. Offensichtlich wurde das Video heruntergeladen und mit einem aktuellen Zeitstempel versehen, um anschließend wieder bei Facebook hochgeladen zu werden. 

Die Zeitung Westfälische Nachrichten veröffentlichte 2015 mehrere Berichte zu der neuen Registrierungsstelle, unter anderem hier und hier

Im Jahr 2015 wurden vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge 890.000 Zugänge von Asylsuchenden in Deutschland registriert, es wurden 441.899 Anträge auf Asyl gestellt. Die Zahl ist seitdem stark gesunken. Im Jahr 2019 waren es insgesamt 142.509 Anträge, die in Deutschland von Asylsuchenden gestellt wurden (PDF, S. 6).

Kommentare bei Facebook deuten darauf hin, dass Nutzer glauben, das Video ist aktuell

In den Kommentaren zu dem Video auf Facebook gibt es bereits Hinweise auf das Alter der Aufnahmen. Allerdings gibt es auch zahlreiche wütende Kommentare. Dort steht beispielsweise „Deswegen gibt es ja Corona dass wir nichts mitbekommen sollen wieviele Flüchtlinge zu uns kommen“ oder „Danke Frau Merkel das brauchen wir jetzt“. 

Facebook-Kommentare unter dem Video. (Screenshot: CORRECTIV)
Facebook-Kommentare unter dem Video. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Mit der aktuellen Lage und der Pandemie durch das neuartige Coronavirus hat das Video nichts zu tun. Es wurde schon 2015 veröffentlicht und zeigt die damalige Einrichtung einer Registrierungsstelle für Flüchtlinge am Flughafen Münster/Osnabrück. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video ist von 2015.

Video von der griechischen Grenze zu Mazedonien
Ein Video auf Facebook zeigt, wie Migranten und Flüchtlinge versuchen, ein Grenztor aufzubrechen. Es ist vier Jahre alt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Derzeit wird auf Facebook ein Video verbreitet, das angeblich Flüchtlinge und Migranten zeigt, die aktuell die Grenze zu Griechenland durchbrechen wollen. Es entstand jedoch an der griechisch-mazedonischen Grenze und ist mutmaßlich von 2016. 

Der Nutzer, der das Video am 5. März auf Facebook hochgeladen hat, schreibt dazu: „Unfassbar, was sich da abspielt. Griechenland braucht Hilfe. Sofort. Solche Szenen werden von den Mainstream Medien nicht gezeigt.“ Im Video ist zu sehen, wie Polizisten vor einem weißen Tor stehen, offenbar ein Grenzübergang. Dahinter sind zahlreiche Menschen, vor allem Männer, die schreien und am Tor rütteln und es auch einmal schaffen, es aufzustoßen. 

Der Kommentar des Nutzers weist darauf hin, dass sich diese Szene angeblich an der türkisch-griechischen Grenze abgespielt hat, wo seit etwa einer Woche Flüchtlinge und Migranten laut UN-Flüchtlingskommisariat versuchen, aus der Türkei in die EU zu gelangen. Das Video wurde auf Facebook bereits fast 13.000 Mal geteilt. 

Die Behauptung ist jedoch falsch. Das Video wurde an der griechisch-mazedonischen Grenze aufgenommen, und zwar höchstwahrscheinlich 2016. Die Menschen in dem Video, die das Tor aufbrechen wollten, befanden sich in Griechenland und wollten nach Mazedonien (heute: Nordmazedonien).

Tausende Flüchtlinge saßen 2016 in Griechenland fest, weil Mazedonien sie an der Grenze abwehrte

Die Polizisten in dem Video tragen Schutzschilde, auf denen Buchstaben zu sehen sind, die dem kyrillischen Alphabet ähneln. Mit Hilfe der Google-Translate-App identifizieren wir die Sprache als Mazedonisch. Auf den Schilden steht „Polizei“. 

Foto Polizisten Mazedonien
Die Polizisten in dem Facebook-Video tragen Schutzschilde mit kyrillischen Buchstaben. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Google-Recherche zeigt: Der Schriftzug stimmt überein mit dem der mazedonischen Polizei. 

Ein Polizei-Auto aus Mazedonien
Ein Archivbild eines mazedonischen Polizeiautos. (Foto: Dickelbers, Macedonia police car 06, CC BY-SA 4.0)

Bei einer Google-Suche auf Englisch nach „break gate Macedonia border Greece“ fanden wir Artikel von 2016, in denen es darum geht, dass Migranten ein Grenztor zu Mazedonien niedergerissen hätten. Zum Beispiel fanden wir einen Bericht der Irish Times und einen der BBC – beide mit Videos.  

Die Videos zeigen mutmaßlich die gleiche Situation, nur von der anderen Seite des Grenzzauns aus gefilmt. Die Szenen sind nicht ganz identisch, anhand von Umgebungsmerkmalen lässt sich aber sagen, dass sie am selben Ort entstanden sind. 

In allen Videos ist das weiße Grenztor mit Stacheldraht zu sehen, durch das unten Bahnschienen führen. Im Hintergrund auf griechischer Seite sind drei markante, hohe Masten.

Screenshot aus dem Facebook-Video
Das Tor mit den drei Masten im Hintergrund (von Mazedonien aus gesehen rechts vom Tor) im Facebook-Video. (Screenshot: CORRECTIV)
Screenshot aus dem Video der BBC
Das Tor mit den drei Masten (von Mazedonien aus gesehen rechts vom Tor) im Video der BBC von 2016. (Screenshot: CORRECTIV)

Zudem ist in allen drei Videos ein rautenförmiges Straßenschild sichtbar. 

Screenshot aus dem Facebook-Video mit Schild
Schild in der Facebook-Aufnahme. (Screenshot und rote Markierung: CORRECTIV)
Screenshot aus dem Video der Irish Times
Schild im Hintergrund des Videos der Irish Times von 2016 (Screenshot und rote Markierung: CORRECTIV)
Screenshot aus dem Video der BBC mit Schild
Schild im Hintergrund des Videos der BBC von 2016. (Screenshot und rote Markierung: CORRECTIV)

Fest steht also: Das Video auf Facebook wurde an der griechisch-mazedonischen Grenze aufgenommen. Es zeigt nicht die aktuelle Situation an der türkisch-griechischen Grenze. 

Den genauen Zeitpunkt der Aufnahme von Facebook können wir nicht verifizieren. Das Video passt jedoch zu den Berichten von Anfang 2016. Laut BBC und Irish Times saßen Ende Februar 2016 etwa 6.500 bis 7.000 Menschen an der griechischen Grenze zu Mazedonien fest. Sie campten dort laut den Medien tagelang, die Stimmung wurde immer angespannter und die Menschen versuchten, das Tor zu durchbrechen. 

Laut deutschen Medienberichten hatte Mazedonien die Grenze zu Griechenland im Januar 2016 geschlossen, damit wurde die Balkanroute in die EU blockiert. Bereits Ende 2015 hatte Mazedonien laut Berichten mit dem Bau eines Grenzzauns begonnen.  

Die aktuelle Lage an der türkisch-griechischen Grenze entstand, nachdem der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am 29. Februar 2020 laut Medienberichten erklärt hatte, die Tore zur EU seien für Flüchtlinge und Migranten geöffnet. Daraufhin hatte es einen Ansturm auf die Grenze gegeben. Griechenland lässt die Menschen jedoch nicht ins Land. 

Update, 10. März 2020: Wir haben im Text die Information ergänzt, dass Mazedonien heute Nordmazedonien heißt. Das Land wurde 2019 umbenannt. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video zeigt eine Situation an der griechisch-mazedonischen Grenze 2016. 

Eine Frau am Strand von Lesbos
Zahlreiche Fotografen waren vor Ort, als ein Boot mit Menschen an der Küste von Lesbos ankam. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Bilder inszeniert wären. (Foto: picture alliance / Photoshot)

von Alice Echtermann

Anhand eines Videos wird behauptet, Journalisten hätten Fotos von ankommenden Flüchtlingen und Migranten auf Lesbos inszeniert. Die Vorwürfe von „Fotoshootings“ oder „Schauspielern“ sind haltlos. Die Ankunft der Menschen mit einem Schlauchboot ist aus verschiedenen Quellen dokumentiert. 

Sind die Flüchtlingen und Migranten, die an der Küste der griechischen Insel Lesbos ankommen, in Wahrheit Models oder Schauspieler und die Fotos von ihrer Ankunft inszeniert? Diese Behauptung wird gerade im Netz verbreitet. Insbesondere das Foto einer Frau mit rötlichen Zöpfen, die kniet und ihre Arme emotional zum Himmel streckt, steht dabei im Fokus. 

Nutzer auf Facebook verbreiten Fotos und Videos von der Szene und behaupten, sie sei gestellt („Dreharbeiten“). Die Beiträge werden tausendfach geteilt. Unter den Verbreitern sind auch der AfD-Bundestagsabgeordnete Johannes Huber und der hessische AfD-Landtagsabgeordnete Dimitri Schulz. 

Schulz schrieb am 1. März auf Facebook: „So entstehen die Fake News unserer Medien! […] wenn man sich dieses Video mal anschaut, kann man genau erkennen, dass alles inszeniert ist. Ein Mann schnallt sich einen Rettungsring um und begibt sich ins Wasser. Ein Kameramann gibt der Frau Anweisungen, wie sie zu schreien hat. Nur das Klacken der Fotolinsen übertönt die ganze Szenerie.“ Sein Beitrag wurde 9.500 Mal geteilt.

Die Behauptung, alles sei inszeniert, ist falsch

CORRECTIV hat Material von der Ankunft der Menschen auf Lesbos zusammengetragen und Journalisten und Fotografen kontaktiert. Das Ergebnis: Die Behauptungen, das Ganze sei inszeniert und die Menschen seien Schauspieler oder Models, sind falsch. 

Facebook-Post von Johannes Huber (AfD)
Der Facebook-Beitrag des AfD-Abgeordneten Johannes Huber (Screenshot: CORRECTIV)

Die Facebook-Beiträge enthalten ein kurzes Video von der Szene an der Küste von Lesbos. Darin ist zu sehen, wie ein Mann vor der knienden Frau steht und sie fotografiert. Im Hintergrund sind weitere Fotografen. In dem Beitrag von Johannes Huber heißt es, die Menschen hätten sich „mehrmals in Szene geworfen“. Tatsächlich ist in Hubers Video – und auch in dem von Dimitri Schulz und einem Video auf Youtube – aber einfach zweimal derselbe Clip hintereinander geschnitten. Er ist im Original nur neun Sekunden lang. 

Das Video stammt von der Journalistin Liana Spyropoulou, die vor Ort berichtete

Das Originalvideo stammt von der Journalistin Liana Spyropoulou, die für die Bild-Zeitung vor Ort in Griechenland berichtet. Sie hat es am 29. Februar auf Twitter hochgeladen mit dem Kommentar: „Lesbos früher am heutigen Tag. Die Ankunft von mehr Booten voller Flüchtlinge auf den östlichen Ägäischen Inseln wird erwartet, weil der Wind sich beruhigt hat.“ 

Spyropoulou hatte außerdem zuvor zwei Tweets veröffentlicht, die die Ankunft des Bootes dokumentieren. In dem ersten schreibt sie, es sei ein „Boot mit Flüchtlingen“ auf dem Meer gesichtet worden, ein Navy-Schiff nähere sich ihm. 

In dem zweiten Tweet sind zwei Fotos zu sehen. Eines zeigt ein graues Schlauchboot mit Flüchtlingen und einen Fotografen im Vordergrund. Auf dem zweiten sind Menschen an Land, darunter der Fotograf und die Frau aus dem Video. Im Hintergrund links ist das graue Schlauchboot erkennbar. 

Tweet der Journalistin Liana Spyropoulou
Der zweite Tweet von Liana Spyropoulou. Im rechten Foto ist im Hintergrund die Frau mit den rötlichen Zöpfen. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir konnten außerdem zahlreiche Fotos von der Ankunft des Bootes von verschiedenen Fotografen in der Pressedatenbank Picture Alliance finden. Video-Aufnahmen finden sich außerdem bei dem türkischen Sender TRT World am 29. Februar auf Twitter, in einem Youtube-Video der Welt und einem Video der britischen Daily Mail. Letzteres Video zeigt auch das Schlauchboot weit draußen auf dem Meer, und das Navy-Schiff, das Spyropoulou in ihrem Tweet erwähnte.


Auf den Bildern und Videos ist zu sehen, wie die Menschen wegen der Wellen Schwierigkeiten haben, aus dem Boot auszusteigen. Darunter ist auch die Frau mit den rötlichen Zöpfen. Man sieht bei TRT World, dass sich mehrere Fotografen auf sie konzentrieren, weil sie so emotional reagiert. Das bedeutet aber nicht, dass die Szene nicht echt wäre. 

Flüchtlinge auf Lesbos
Die Menschen in dem Schlauchboot, darunter die Frau mit den rötlichen Zöpfen (links vorne im Boot). (Foto: Angelos Tzortzinis/dpa)

Journalisten warten auf die Ankunft von Booten

Auf Nachfrage erklärt uns Liana Spyropoulou, wie die Journalisten die Ankunft der Menschen abpassen, um Fotos zu machen. Wir chatten mit ihr über Twitter. Sie und ihre Kollegen hätten an dem Tag die „übliche Methode“ in Skala (wo die meisten Boote ankämen) angewendet, schreibt sie: Morgens um 5.30 Uhr aufzustehen und mit dem Auto an der Küste entlang zu fahren. „Wir haben große Kameraobjektive und halten Ausschau nach Booten, weil das unser Job ist. Zu berichten und Material von den Ankünften zu haben. Wenn einer von uns ein Boot sieht, ruft er die anderen an“, erklärt die Journalistin.

Das Wetter an dem Tag sei „schrecklich“ gewesen, schildert sie weiter. Die Journalisten seien überrascht gewesen, dass die Menschen die Überfahrt geschafft hätten. 

Emotionale Reaktionen habe sie bei Geflüchteten schon oft erlebt: „Ich habe das Schlimmste erlebt. Schiffbrüche mit Babys und Kindern, die ertrunken sind und deren Eltern schrien. Andere brachen zusammen, als ihre Füße die Steine des Strandes berührten.“ In ihren Nachrichten an uns drückt Spyropoulou auch ihre Empörung über die Behauptungen aus: „Ich habe hunderte von Videos und Fotos von 2015. Sind die alle Fake?“, fragt sie.  

Weitere Reporter schildern den Vorfall auf gleiche Weise

Wir haben zudem den Fotografen Giorgos Moutafis, der Fotos an dem Tag gemacht hat (hier), angeschrieben. Er antwortet uns knapp: „Bitte vertraut den Fotografen.“ Und schickt ein weiteres Video von Euronews, in dem die Ankunft des Bootes und die anschließende Versorgung der Menschen durch Helfer zu sehen ist. 

Auch die französischen Faktenchecker von Libération haben die Behauptungen am 2. März überprüft und kamen zum Ergebnis, dass sie falsch sind. Sie befragten mehrere Journalisten und Fotografen, darunter Aris Messinis von der Nachrichtenagentur AFP, der ebenfalls vor Ort war. Er sagte Libération, es sei keine Inszenierung gewesen. „Einige Migranten fingen an zu weinen, zu beten, zu singen. […] Wir haben angefangen, sie zu fotografieren, als wir ihre Reaktion sahen.“ 

Und der Videojournalist Savvas Karmaniolas sagte den französischen Faktencheckern: „Das Wetter war sehr schlecht, es war sehr windig und wir waren überrascht, dass sie das Ufer erreichen konnten. Das Boot hätte sinken können. Ich denke, die Migranten hatten große Angst, was die Reaktion dieser Frau erklärt. Ich glaube nicht, dass sie die Kameras in Betracht gezogen hat. Die Videojournalisten und Fotografen kamen zusammen, um Bilder aus verschiedenen Blickwinkeln aufzunehmen.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Menschen an der Küste von Lesbos sind keine Models oder Schauspieler. Die Fotos sind nicht inszeniert worden.  

Türkei Griechenland Grenze Flüchtlinge
Migranten betreten den Grenzbereich zwischen der Türkei und Griechenland. (Foto: picture alliance/ZUMA Press)

von Bianca Hoffmann

In einem Artikel wird behauptet, dass vier Millionen Menschen in der Türkei darauf warten würden, in die EU einreisen zu können. Die Zahl wurde aus dem Kontext gerissen.

In einem Artikel von Compact Online wurde am 29. Februar behauptet, vier Millionen Geflüchtete würden aus der Türkei nach Europa kommen. Impliziert wird auch, dass sie nach Deutschland kommen würden. 

Es seien nach Angaben der Türkei seit Freitag bereits 18.000 Menschen über die türkische Grenze in die EU gekommen, mit den Zahlen von Samstag könnten 30.000 auf dem Weg sein, heißt es in dem Text. Dann wird ein Vergleich mit 2015 gezogen: Damals seien täglich 10.000 Asylsuchende nach Deutschland gekommen.

Der Artikel wurde laut dem Analyse-Tool Crowdtangle bereits mehr als 4.100 Mal auf Facebook geteilt. Die im Text genannten Daten sind unbelegt, denn die Angaben der einzelnen Akteure zu den Zahlen weichen stark voneinander ab.

In der Türkei gibt es etwa 4,1 Millionen Flüchtlinge

Im Jahr 2015 wurden vom Bundesministerium für Migration und Flüchtlinge 890.000 Zugänge von Asylsuchenden in Deutschland registriert. Laut Medienberichten waren es im September 2015 teilweise „bis zu 10.000 Geflüchtete“ pro Tag, die eingereist sind. 

Die Aussage, vier Millionen Asylbegehrende würden auf ihre „Einkehr ins gelobte Land“ warten, ist eine Übertreibung. Im Jahr 2020 leben etwa 4,1 Millionen Flüchtlinge in der Türkei, berichtet der UNHCR, die Flüchtlingsagentur der Vereinten Nationen. Darunter seien 3,7 Millionen Syrer. Allerdings gibt es keine Informationen darüber, ob diese Menschen alle ihre Flucht in Richtung EU fortsetzen wollen. 

Widersprüchliche Zahlen aus der Türkei, Griechenland und von der IOM

Im Text heißt es, es hätten sich 18.000 beziehungsweise 30.000 Menschen auf den Weg gemacht. Dazu gibt es unterschiedliche Angaben. Der türkische Innenminister Süleyman Soylu veröffentlicht täglich bei Twitter Zahlen dazu. Er schrieb tatsächlich am Samstag (29. Februar), dass 36.776 Menschen das Land über Edirne verlassen würden. Die letzte von ihm veröffentlichte Zahl stammt von Freitag (6. März). Demnach seien es inzwischen 142.175 Menschen. 

Der Tweet des türkischen Innenministers Süleyman Soylu. (Screenshot: CORRECTIV)
Der Tweet des türkischen Innenministers Süleyman Soylu. (Screenshot: CORRECTIV)

Die griechische Regierung veröffentlichte jedoch – ebenfalls bei Twitter – eine Meldung, wonach niemand die griechische Grenze in die EU überqueren könne. Außerdem wies das Land darauf hin, dass die Zahlen, die durch die Türkei verbreitet werden, falsch und irreführend seien. 

Dieser Tweet des griechischen Außenministeriums besagt, dass niemand die griechische Grenze überschreiten könne. (Screenshot: CORRECTIV)
Dieser Tweet des griechischen Außenministeriums besagt, dass niemand die griechische Grenze überschreiten könne. (Screenshot: CORRECTIV)

Beide Länder beschuldigen sich derzeit gegenseitig, sodass sie als Quellen nicht herangezogen werden können. 

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Anders ist das bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Das ist eine internationale Organisation der Vereinten Nationen, die Hilfsprogramme für Migranten durchführt. Mitarbeiter vor Ort zählten laut einer Pressemitteilung vom 1. März 13.000 Flüchtlinge und Migranten an der türkisch-griechischen Grenze. Sie sammeln sich dort, weil die Grenze von Griechenland geschlossen wurde. 

Am Donnerstag (5. März) schrieb der UNHCR in seinem „The Refugee Brief“, die griechische Regierung habe berichtet, seit Samstag sei die illegale Einreise von 35.000 Menschen an der Grenze verhindert worden. 

Unklar, wie sich die Situation an der Grenze entwickeln wird 

Es ist unklar, wie sich die Situation an der türkisch-griechischen Grenze weiter entwickeln wird. 

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan hatte am Samstag (29. Februar) laut Medienberichten erklärt, die Tore zur EU seien für Migranten geöffnet. Daraufhin hatte es einen Ansturm auf die Grenze gegeben. In Folge dessen ist es auch zu Ausschreitungen entlang der Grenze gekommen.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die genauen Zahlen der Menschen, die sich auf den Weg in die EU machen, sind unklar.

syrian boy
Dieser Tweet soll den Tod eines Syrers an der türkisch-griechischen Grenze dokumentieren. (Collage: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Auf Twitter werden zurzeit mehrere Videos verbreitet, die angeblich den Tod eines syrischen Flüchtlings an der griechisch-türkischen Grenze dokumentieren. Obwohl es laut Medienberichten Augenzeugen für die Tat gibt, spricht die griechische Regierung von „Fake-News“.

Vorsicht, in diesem Artikel ist explizites Material verlinkt, das einen schwer verletzten oder toten Mann zeigt. 

Die arabische Journalistin Jenan Moussa veröffentlichte am Montag (2. März) mehrere Videos bei Twitter. Diese sollen den Tod eines jungen Mannes an der griechisch-türkischen Grenze dokumentieren.  

Das erste Video ist aus einer Menschenmenge heraus gefilmt. Als sich die Menge teilt, kann man einen Menschen erkennen, der am Boden liegt. Dazu schreibt Moussa: „Dies ist der erste gemeldete Todesfall unter Migranten, die versuchten, von der Türkei nach Griechenland zu gelangen.“ Ein syrischer Mann sei von griechischen Grenzsoldaten erschossen worden. 

Der Tweet wurde bereits mehr als 1.500 Mal geteilt. Es gibt zwar Indizien, die dafür sprechen, dass sich der Vorfall so ereignet hat, die griechische Regierung spricht allerdings von „Fake-News“. 

Getöteter Syrer hieß nach Recherchen der Journalistin Mohammed alArab

Die Journalistin Jenan Moussa berichtet, dass sie Kontakt zur Familie des Getöteten gehabt habe und dass es sich dabei um den 22-jährigen Mohammad alArab handle, der seit fünf Jahren in der Türkei lebe und arbeite. Sie schreibt, er sei von Gummigeschossen getroffen worden.

Tweet von Jenan Moussa (Screenshot: CORRECTIV, Quelle: Twitter)
Tweet von Jenan Moussa (Screenshot: CORRECTIV, Quelle: Twitter)

Woher die für ihre investigativen Berichte über den sogenannten Islamischen Staat bekannte Journalistin das Video hat, ist nicht klar. Allerdings belegt sie den Vorfall mit einem weiteren Video auf Twitter, auf dem der Mann von einem Boot getragen wird. Weitere Fotos und Videos dokumentieren einen leblosen jungen Mann, an dem mutmaßlich Wiederbelebungsmaßnahmen durchgeführt werden. 

Die Kleidung des Mannes stimmt augenscheinlich in allen drei Aufnahmen überein. 

Griechischer Regierungssprecher spricht von „Fake-News“

Jenan Moussa veröffentlichte die Videos um 10:01 Uhr am 2. März. Schon eine Stunde später reagierte der griechische Regierungssprecher Stelios Petsas ebenfalls auf Twitter. Er schrieb: „Ein Video, das den Todesfall an der griechisch-türkischen Grenze zeigt, ist Fake-News. Wir rufen alle auf, Vorsicht walten zu lassen, wenn sie über Nachrichten berichten, die die türkische Propaganda fördern.“

Die griechische Regierung dementiert also, dass es einen Todesfall gab. In einem späteren Tweet schreibt Petsas außerdem, dass die griechischen Grenzstreitkräfte keine Schüsse auf Personen, die versuchen, illegal ins Land zu reisen, abgegeben hätten. 

Die Journalistin antwortete darauf am 4. März gegen 10 Uhr bei Twitter und zeigte das Foto eines Sarges. Dazu schrieb sie: „Es ist ein Trend, jede unwillkommene Geschichte als gefälschte Nachricht abzutun. Aber das waren keine gefälschten Nachrichten. Nur eine richtige Berichterstattung durch mich.“ Sie schreibt weiter, dass der Leichnam von Mohammad alArab in den nächsten Stunden die türkisch-syrische Grenze erreichen werde und er dann in Syrien beerdigt würde. 

Medien interviewen angebliche Augenzeugen des Vorfalls

Verschiedene Medien recherchierten ebenfalls zu dem Fall und fanden laut eigenen Angaben Augenzeugen des Vorfalls. So sprach der britische Fernsehsender Channel4 am 2. März mit einem Mann namens Ali Idress. Dieser berichtet, dass Mohammad alArab etwa 40 Meter von der Grenze entfernt gewesen sei, als ihn eine Kugel in die Kehle getroffen habe. Daraufhin sei er tot zu Boden gefallen. 

Die Nachrichtenagentur Reuters schreibt am 2. März, sie habe von einem Augenzeugen erfahren, dass sich der Vorfall nördlich der Stadt Enez zugetragen habe. Der Zeuge der Nachrichtenagentur macht allerdings keine weiteren Aussagen zu der Art der Verwundung. Als Quelle für den Vorfall nennt Reuters zwei nicht namentlich genannte türkische Sicherheitskräfte. 

Auch der österreichische Kurier berichtete über den Fall, konnte das Video allerdings nicht verifizieren. 

(Hinweis: Wenige Tage später, am 4. März, berichteten türkische Behörden in Edirne von einem anderen Fall; griechische Polizisten und Grenzschützer hätten mit scharfer Munition auf mehrere Personen geschossen. Ein nicht identifizierter Mann sei in die Brust getroffen worden und wenig später in einem Krankenhaus der Universität Trakya gestorben. Auch diese Berichte wies die griechische Regierung laut Medienberichten zurück.)

Update, 6. März: Kurz nach der Veröffentlichung erreichte uns ein Kommentar zu unseren Artikel, in dem auf ein Video hingewiesen wurde. Das Team von „Forensic Architure“ der Goldsmiths Universität aus London hat den Vorfall mit Hilfe von Videos und Satellitenbildern überprüft und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die Videos in Griechenland an der Grenze entstanden sind.  An unserer Bewertung ändert sich dadurch nichts, da bislang keine offizielle Quelle den Tod von Mohammad alArab bestätigt hat.  

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es ist nicht klar, ob an der griechisch-türkischen Grenze ein Mann von griechischen Grenzstreitkräften mit Gummikugeln erschossen wurde – es gibt aber viele Indizien, die dafür sprechen.

Evros Männer an Feuer
In der türkisch-griechischen Grenzregion lagen die Temperaturen in der Nacht zu Sonntag zwischen 0 und -2 Grad Celsius, wie der Deutsche Wetterdienst CORRECTIV mitteilte. (Foto: dpa)

von Bianca Hoffmann

In einem Artikel wird behauptet, Medien hätten Falschnachrichten verbreitet, als sie berichteten, an der griechisch-türkischen Grenze hätten nachts Minusgrade geherrscht. Das ist falsch, die Temperaturen lagen tatsächlich unter 0 Grad.

Die Webseite Info-Direkt hat am 3. März einen Artikel veröffentlicht, in dem behauptet wird, Medien würden „Fake News“ über Minusgrade in Griechenland verbreiten. Der Text bezieht sich auf einen Bericht von RTL vom 2. März, in dem ein Reporter sagt: „Eine Familie mit zwei kleinen Kindern hat am Sonntag den Grenzfluss Evros überquert. Die Kinder waren bei Minus ein Grad Außentemperatur nur in eine Decke gewickelt, eines der Kinder zitterte extrem.“

Info-Direkt zweifelt diese Aussage an und schreibt, in der griechischen Stadt Orestiada seien es 18 Grad Celsius, nachts 11 Grad. Aus Lesbos sei es 20 Grad warm, nachts lägen die Temperaturen bei 12 Grad. 

Schaut man sich nur die aktuellen Temperaturen in der Region an, treffen diese Zahlen zu. Laut der Vorhersage des griechischen Wetterdienstes sollte es am Mittwoch, 4. März, in Ormenio, 30 Kilometer von Orestiada entfernt, tagsüber bis zu 19 Grad warm sein. Und auch die Zahlen von Lesbos lassen sich anhand der Daten des Wetterdienstes bestätigen (Vorhersage für die Stadt Mytilini auf Lesbos für den 4. März: bis zu 19 Grad). 

DWD bestätigt Minustemperaturen an der türkisch-griechischen Grenze am 1. März

Allerdings ist in dem Bericht des RTL-Korrespondenten von Sonntag (1. März) die Rede. CORRECTIV hat beim Deutschen Wetterdienst (DWD) nachgefragt, wie die Temperaturen in der betroffenen Region waren. 

Pressesprecher Andreas Friedrich schreibt per E-Mail: „In der Nacht von Samstag auf Sonntag herrschten im angesprochenen Grenzgebiet zwischen der Türkei und Griechenland Temperaturen zwischen 0 und -2 °C. Am Sonntag tagsüber stiegen sie dann auf ca. 14 °C.“ 

Auf der Insel Lesbos lagen die Temperaturen in der Nacht zu Sonntag zwischen vier und sechs Grad, schreibt er weiter. Tagsüber sei es dann etwa 13 Grad warm gewesen. 

E-Mail von Andreas Friedrich, Pressesprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD). (Screenshot: CORRECTIV)
E-Mail von Andreas Friedrich, Pressesprecher des Deutschen Wetterdienstes (DWD). (Screenshot: CORRECTIV)

Die Aussage in dem Bericht von RTL, es hätten Minusgrade geherrscht, ist demnach richtig. 

Der Artikel von Info-Direkt verbreitet hingegen falsche Informationen, da sich die dort angegebenen Temperaturen nicht auf Sonntag, sondern auf Dienstag (3. März) beziehen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Temperaturen an der türkischen Grenze lagen Sonntagnacht nicht bei 11 Grad, sonden bei bis zu minus zwei Grad.

Grenzübergang Pazarkule Griechenland
Dieses Tor des Grenzübergangs Pazarkule (hier ein Pressefoto) ist auch im Hintergrund einiger Bilder auf Facebook zu sehen. (Foto: Arnaud Dumontier/MAXPPP/dpa)

von Alice Echtermann

Nutzer auf Facebook verbreiten angebliche Fotos von Ausschreitungen an der Grenze zu Griechenland. Einige der Bilder stammen jedoch nicht von dort. 

Hinweis: Einige der Fotos in diesem Artikel enthalten Darstellungen von Gewalt. 

„Griechenland bringt gerade mit Knüppel und Tränengas den Syrischen Flüchtlingen, egal ob Frauen, Kinder oder Männer die Europäischen Menschenrechte bei“, schreibt ein Nutzer zu Fotos, die er am 29. Februar auf Facebook hochgeladen hat. Sie zeigen angeblich Szenen vom Grenzübergang zwischen der Türkei und Griechenland und Menschen, die dort verletzt wurden. Der Post wurde bereits mehr als 2.500 Mal geteilt. 

Die Zusammenstellung der Bilder ist jedoch irreführend: Nicht alle Fotos entstanden in der aktuellen Situation an der türkisch-griechischen Grenze. 

Ein Facebookbeitrag mit fünf Fotos
Dieser Beitrag mit fünf Fotos wurde mehr als 2.500 Mal auf Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Am 29. Februar hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan laut Medienberichten verkündet, die Türkei habe ihre Grenzen zu Griechenland und Bulgarien für Flüchtlinge geöffnet. Zahlreiche Flüchtlinge und Migranten versuchen laut dem Flüchtlingskommissariat der UN seitdem, nach Griechenland zu gelangen. Es kursieren Fotos und Videos im Netz, die angeblich die Lage vor Ort zeigen sollen. 

Das Foto des Mannes mit blutigem Gesicht ist von 2015

Im Vordergrund der Fotos auf Facebook steht vor allem das Foto des Mannes mit blutigem Gesicht (oben links), der ein Kind in gelbem T-Shirt auf dem Arm hält. Das Bild ist jedoch alt und stammt von einem anderen Ort. Es wurde 2015 an der serbisch-ungarischen Grenze aufgenommen. 

Eine Rückwärtssuche des Fotos bei der Bildersuchmaschine Tineye zeigt, dass das Foto erstmals im September 2015 im Netz auftauchte. Auf der russischen Webseite Vesti ist ein Video vom 17. September 2015 zu finden, in dem der Mann zu sehen ist. Es ist betitelt mit: „Migranten versuchen, die ungarisch-serbische Grenze zu überschreiten“. Auch in einem russischen Youtube-Video vom 18. September 2015 ist die Szene zu sehen (ab Minute 0:47), und in einem Video von Euronews vom 16. September 2015 läuft derselbe Mann mit dem Kind durchs Bild (ab Minute 0:49). 

Auch aktuelle Fotos aus Griechenland dabei

Die weiteren Bilder des Facebook-Posts haben wir ebenfalls einzeln überprüft. Zwei davon zeigen den Grenzübergang Pazarkule zwischen der Türkei und Griechenland. Fotos dieses Grenzübergangs finden sich auch zum Beispiel in der Datenbank Picture-Alliance. 

Menschen stehen vor dem geschlossenen Grenzübergang Pazarkule zu Griechenland
Dieses Tor des Grenzübergangs Pazarkule (hier ein Pressefoto vom 2. März 2020) ist auch im Hintergrund einiger Bilder auf Facebook zu sehen. (Foto: Arnaud Dumontier/MAXPPP/dpa)
  • Das Bild von zwei Personen vor dem Grenzübergang (oben rechts), ist in einem Artikel vom 1. März 2020 auf der griechischen Seite Alfavita zu finden. Im Text geht es um Zusammenstöße von Polizei und Flüchtlingen an einem Grenzübergang.  
  • Das Bild von mehreren Personen vor demselben Grenzübergang (unten links) tauchte laut der Bilder-Suchmaschine Tineye erstmals am 29. Februar 2020 im Netz auf, ist also authentisch. 
  • Eine Quelle des Bilds einer Familie, deren Kinder sich unter einem Wellblech verstecken (unten rechts), konnten wir nicht finden. Es wurde von dem türkischen Außenminister Mevlüt Çavuşoğlu auf Twitter verbreitet, aber er hat nicht angegeben, wann und wo das Foto aufgenommen wurde. Deshalb wissen wir nicht mit Gewissheit, ob es aktuell ist und von der türkisch-griechischen Grenze stammt. 
Tweet von Mevlüt Çavuşoğlu
Mevlüt Çavuşoğlu wirft auf Twitter Griechenland Brutalität gegen Flüchtlinge vor. (Screenshot: CORRECTIV)

Fotos von Tränengas-Dosen

Die zwei Fotos, auf denen jemand Dosen in der Hand hält, die laut Aufschrift Tränengas enthielten (Mitte und unten rechts), postete der Grünen-Europaabgeordnete Erik Marquardt am 29. Februar auf seinem verifizierten Twitter-Kanal. Er schrieb dazu: „An der türkisch-griechischen Landgrenze werden Geflüchtete von Griechenland mit CS-Gas und Gewalt zurückgedrängt.“ Auf einem der Bilder ist der Grenzübergang Pazarkule im Hintergrund zu sehen. 

Auf Nachfrage schrieb Marquardt CORRECTIV bei Twitter, die Fotos seien ihm geschickt worden. Er leitete uns die Nachrichten auf Whatsapp weiter. Darunter sind weitere Fotos und Videos, die den Grenzübergang zeigen und dichte Gaswolken, die sich von dort ausbreiten. Wir können den genauen Zeitpunkt der Aufnahme nicht verifizieren. Es gibt jedoch auch zahlreiche weitere Medienberichte aus Deutschland und dem Ausland, dass Griechenland Tränengas an der Grenze eingesetzt habe. Das spricht dafür, dass die Fotos authentisch sind. 

Fotos kursieren auch auf Twitter – dort mit einem älteren Bild einer klagenden Frau

Auch auf Twitter kursieren vier der Fotos, die auf Facebook verbreitet wurden, in einer Collage. Ein weiteres Bild, das dort gezeigt wird, ist das einer verzweifelten Frau, die ein Kind umarmt. 

Woher es stammt, ist unklar – Fakt ist aber, es kann keinen direkten Bezug zu den aktuellen Ausschreitungen an der Grenze haben. Diese begannen erst nachdem der türkische Präsident Erdoğan am 29. Februar sagte, die Türkei habe die Tore geöffnet. Das Bild der Frau jedoch wurde bereits am 9. Februar 2020 genutzt, um Artikel über Flüchtlinge auf Lesbos auf Yahoo.de und Nau.ch zu bebildern. Es tauchte laut einer Rückwärtssuche bei Tineye erstmals am 3. Februar 2020 im Netz auf. 

Ein Tweet mit Fotos, die Griechenland zeigen sollen
Ein Tweet mit mehreren der Fotos und zusätzlich dem einer weinenden Frau. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Das Bild soll laut den Quellenangaben eine Frau auf Lesbos zeigen und von der Nachrichtenagentur AFP stammen. Wir konnten das Originalfoto jedoch nicht finden. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Unter die echten Bilder von den Ereignissen an der Grenze werden dramatische Bilder aus anderem Kontext gemischt. Das ist irreführend.