Mehr als 7,5 Millionen Menschen in Deutschland sind Mini-Jobber. CORRECTIV zeigt in einer interaktiven Karte, in welchen Regionen diese Jobs besonders verbreitet sind und wer diese Jobs ausübt. Auffallend viele Frauen in westdeutschen Kleinstädten sind darunter. Für die Betroffenen ist das oft ein Problem.

Minijob, das klingt erst einmal nett. Bis zu 450 Euro im Monat steuerfrei dazu verdienen. Und für viele Menschen sind Minijobs tatsächlich praktisch. Für Studenten und Rentner zum Beispiel, und für all jene, für die der Minijob eine Nebentätigkeit ist. Bundesweit arbeiten mehr als 7,5 Millionen Menschen in einem solchen Job.

Für viele aber kann er zur Falle werden. Wenn sie über Jahre nur in Minijobs arbeiten. Wenn der Minijob kein Nebenjob ist, sondern der Hauptberuf. Es ist eine Falle, in die vor allem Frauen geraten, besonders häufig Frauen in Westdeutschland. Dort, in ländlichen Gegenden, verdient bis zu jede fünfte Frau ihr Geld ausschließlich mit einem Minijob.

Viele Frauen im mittleren Alter machen ihren Minijob als einzigen Job

Frauen und Männer zwischen 25 und 65 Jahren, die einen Minijob als einzigen Job machen, verglichen mit allen Minijobbern.
Daten, Stand: 30.06.2016

Natasza Ormian lebt in Falkensee, einem Städtchen am Berliner Stadtrand im Landkreis Havelland. Ihr Mann arbeitet beim Bundeskriminalamt, die beiden haben drei Kinder.  Gerade arbeitet Ormian in einem Mode-Outlet in der Nähe. Gern würde sie wieder halbtags arbeiten, am liebsten im Kulturbereich. Doch sie findet keine Teilzeitstellen, nur Minijobs. Durch die vielen Minijobs, die sie seit 15 Jahren macht, hat sie kaum Qualifizierungen vorzuweisen. „Wenn man so lange raus ist und dann Stellenanzeigen durchforstet – dann denkt man: Das kann ich nicht. Man weiß nicht mehr, was man kann, was man will. Man fühlt sich verloren, irgendwann.“ Sie hat selbst den Eindruck, in einer Minijob-Sackgasse gelandet zu sein.

Minijobberin Natasza Ormian. Teilzeitstellen? Fehlanzeige.

Minijobberin Natasza Ormian. Teilzeitstellen? Fehlanzeige.

Tania Röttger / Correctiv

 

Vor allem Frauen in Westdeutschland sind in Minijobs

Daten: Statistik der Bundesagentur für Arbeit: Geringfügig Beschäftigte nach Geschlecht und Altersgruppen,
regionale Abgrenzung nach dem Arbeitsort, eigene Berechnungen, Stand: 30.06.2016

 

Erstmals hat CORRECTIV die Minijob-Daten in einer interaktiven Karte aufbereitet. Sie belegt, dass Frauen Minijobs häufiger als einzigen Job machen – und dass sie ihn länger machen als Männer. Vor allem in Westdeutschland. In Ostdeutschland arbeiten Frauen oft in Voll- und Teilzeit, im Westen sei hingegen das „Zuverdienermodell“ verbreitet, sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg. Männer im Westen arbeiten Vollzeit, Frauen kümmern sich um Haushalt und Kinder. Und machen dazu vielleicht einen Minijob.

Zum Beispiel Vechta

Der Landkreis Vechta liegt im südlichen Niedersachsen. Es ist eine ländliche, traditionell geprägte Region. Dort sei es üblich, dass der Mann Hauptverdiener ist und seine Frau die Familienarbeit übernimmt. Zudem fehle es an Angeboten zur Kinderbetreuung, sagt Frank Halbsguth, Sprecher der dortigen Arbeitsagentur. Die Folge: 20,3 Prozent der Frauen, die zwischen 25 und 65 Jahren alt sind, machen einen Minijob.

Ähnlich ist die Lage in den westdeutschen Landkreisen Dingolfing-Landau in Ostbayern (21 Prozent), Delmenhorst (18,9 Prozent) und Emden (18 Prozent).

Ganz anders sieht es in Ostdeutschland aus. Im Saale-Holzland-Kreis in Thüringen beispielsweise arbeiten nur 3,5 Prozent der Frauen zwischen 25 und 65 ausschließlich in einem Minijob.

Brücke oder Sackgasse?

Minijobs waren einmal auch als Brücke gedacht, um nach Phasen der Kindererziehung oder Erwerbslosigkeit wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen. Doch gerade für verheiratete Frauen wird der Minijob zum Dauerzustand. Zur Sackgasse. Eine Studie des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung ergab, dass zwei von drei Minijoberinnen in Nordrhein-Westfahlen verheiratet sind – und der Mann der Hauptverdiener ist. Die Frau erwirbt damit kaum eigene Rentenansprüche. Die Ehe wird „zu einem Risiko im Erwerbsverlauf von Frauen“ – dieser vernichtende Befund stand schon im Jahr 2012 in einer Studie des Familienministeriums.

Dauerhaft nur in Minijobs zu arbeiten ist aus vielen Gründen problematisch:

  • Rente? Fehlanzeige. Wer 20 Jahre lang einen Minijob macht, erwirbt einen Rentenanspruch von monatlich rund 86 Euro. Und das nur, falls man freiwillig drei Prozent des Lohns in die Rentenkasse abgeführt hat. Nur 18 Prozent der Minijobberinnen tun das.
  • Sackgasse Minijob: Zahlen der Minjob-Zentrale belegen, dass jeder siebte Minijobber seine jetzige Tätigkeit länger als fünf Jahre verrichtet. Minijobs sind in der Regel simple Tätigkeiten, sie qualifizieren die Menschen nicht, um eine reguläre Stelle zu bekommen.
  • Unternehmen schummeln. Jeder siebte Minijobber in NRW erhält nicht den Mindestlohn, in Supermärkten, Modeläden, Restaurants. Mehr als 40 Prozent der Minijobber in NRW erhalten keinen bezahlten Urlaub oder Krankengeld. Oft wissen weder Arbeitgeber noch Minijobber, dass dies vorgeschrieben ist

„Frauen, die einmal im Minijob waren, finden nur zu einem geringen Teil den Übergang in reguläre sozialversicherungspflchtige Beschäftigungsverhältnisse“, hieß es 2012 in der Studie des Familienmisteriums zum Thema Frauen in Minijobs. Diese Tätigkeiten funktionierten nicht als Brücke, „sondern als sehr schnell wirkender Klebstoff“.

Durchschnittliche Dauer eines Minijob-Verhältnisses

Falle Ehegattensplitting

Sylvia Kuhn (Name geändert) ist 50 Jahre alt, wohnt in Wolfsburg und hat seit vielen Jahren einen Minijob – als Buchhalterin. Ihr Mann arbeitet bei VW, verdient dort gut. „Eigentlich muss ich nicht arbeiten“, sagt sie. Aber sie will, denn „irgendwann werden Kinder, Küche, Haushalt langweilig“. Für acht Stunden in der Woche bekommt sie 450 Euro im Monat. Sie hat mal mehr gearbeitet, aber das lohnte sich nicht, die Steuern fraßen den Lohn auf. Sie arbeitete doppelt so viel, verdiente aber nur 150 Euro mehr.

Wegen des Ehegattensplittings hat ihr Mann – mit dem großen Einkommen – die günstige Steuerklasse 3, sie selbst hat Steuerklasse 5. Bei der die Steuern so hoch sind, dass sich das Arbeiten kaum lohnt. Es sei denn im steuerfreien Minijob. Der Staat subventioniert das Hausfrauenmodell. Ihre freie Zeit will Kuhn jetzt in ein Ehrenamt investieren.

 

 

Berufsberaterinnen kennen solche Geschichten. Egal, ob sie für Arbeitsagenturen oder in privaten Initiativen mit Menschen sprechen, die wieder in das Berufsleben einsteigen möchten. Angelika König ist Beauftragte für Chancengleichheit in der Arbeitsagentur in Mönchengladbach, sie gibt regelmäßig Workshops für Wiedereinsteigerinnen. Viele Frauen, die in ihre Beratung kommen, lassen sich gerade scheiden. Sie haben sich jahrelang um die Kinder gekümmert, aber nicht um ihr Berufsleben. Sie haben einen Minijob, aber der Einstieg in reguläre Beschäftigung fällt schwer.

Sorgt sich Silvia Kuhn nicht um ihre Zukunft? „Doch, natürlich“, sagt sie. Aber sie hat sich informiert. Im Fall einer Scheidung würde sie einen Teil der Rente ihres Mannes bekommen, den Versorgungsausgleich. Sie müsste dann allerdings Vollzeit arbeiten. Kuhn sagt, das wäre kein Problem. Als Buchhalterin könne sie jederzeit eine volle Stelle bekommen.

Ost-West-Vergleich: Dauer der Minijob-Verhältnisse in NRW und Brandenburg

Vor allem Frauen in ländlichen Regionen in NRW machen ihren Minijob überdurchschnittlich lange.

 

Daten: Statistik der Minijob-Zentrale: Geringfügig entlohnte Beschäftigungsverhältnisse im Gewerblichen Bereich nach der Beschäftigungsdauer, aufgeschlüsselt nach Kreisen und kreisfreien Städten für Nordrhein-Westfalen und Brandenburg. Stand: 31.12.2016

 

 

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Mitarbeit: Sandhya Kambhampati

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