Auf diesen Moment hatte die Pharmaindustrie seit Jahren hingearbeitet: Nach all den Skandalen um Urlaubsreisen für Ärzte, iPods für Top-Verordner und kaum getarnte Schmiergeld-Vereinbarungen wollte die Industrie am 30. Juni 2016 ein neues Kapitel im Umgang mit der Öffentlichkeit aufschlagen.

Transparenz solle ab jetzt herrschen, verkündete die Chefin des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller, Birgit Fischer, auf einer Pressekonferenz in Berlin. 54 der namhaftesten Pharmakonzerne haben seither ihre Zahlungen an Ärzte veröffentlicht. Das ist grundsätzlich ein Fortschritt.

Aber die Art und Weise, wie die Veröffentlichung erfolgt, diskreditiert das Bemühen vom Start an. Denn die Pharmakonzerne präsentieren die Daten in einer Weise, die klar macht, dass sie am besten keiner lesen soll.

  1. Jedes Unternehmen versteckt seine Zahlungen an Ärzte in PDFs, die in vielen Fällen nicht computerlesbar sind. Die Ärzte sind in diesen Dokumenten häufig nur nach Vornamen sortiert, die Orte, in denen die Praxen liegen, tragen keine Postleitzahlen. Manche Firmen wie Grünenthal verbieten es sogar ausdrücklich, die Daten zu nutzen.
  2. Die Pharmafirmen haben von nicht mal 30 Prozent der Ärzte die Einwilligung erhalten, ihren Namen zu veröffentlichen. Dies liegt auch am mangelnden Engagement mancher Unternehmen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass bei GlaxoSmithKline 90 Prozent der Ärzte einverstanden waren mit der Veröffentlichung ihrer Namen, bei Sanofi-Aventis aber nur 16 Prozent? 
  3. Der allergrößte Teil der Zahlungen, die Honorare für die umstrittenen Anwendungsbeobachtungen (AWB) und andere Studien, bleiben auch weiter eine Black Box – die Unternehmen verweigern jede Auskunft, wie viel Geld an welche Ärzte für AWBs floss. Das Argument, dass hiermit Geschäftsgeheimnisse geschützt würden, zieht nicht. Denn alle Kern-Daten über AWBs sind ohnehin bekannt und werden auf der Seite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) veröffentlicht. Einzig die Namen der Ärzte, die dabei mitmachen, bleiben auch künftig im Dunkeln.

Wir wollten uns mit dieser Pseudo-Transparenz nicht abfinden. Wir haben gemeinsam mit den Kollegen von „Spiegel Online“ die PDFs der Pharmafirmen ausgewertet, die Informationen extrahiert und in eine eigene Datenbank überführt. Dort kann nun jeder Patient selber nachschauen, ob sein Arzt im vergangenen Jahr Geld oder geldwerte Vorteile von der Pharmaindustrie erhalten hat. Es ist eine frei zugängliche Datenbank, in der jeder Internetnutzer nach dem Namen, dem Ort oder der Postleitzahl unter mehr als 20.000 Ärzten suchen kann.

Wir freuen uns, auch als kleines Recherchebüro der großen Pharmaindustrie helfen zu können auf ihrem Weg zu mehr Transparenz.

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