54 Pharmafirmen haben Zahlungen an Mediziner offengelegt – allerdings nur, wenn diese damit einverstanden waren. Euer Arzt ist nicht dabei? Diese Quellen können Euch weiterhelfen.

Mehr als 500 Millionen Euro zahlen Pharmafirmen Jahr für Jahr an Ärzte, Fachkreisangehörige und Einrichtungen: für Reisen, für die Durchführung von Studien, für Beratungen. Jetzt haben 54 Unternehmen erstmals einen Teil ihrer Zahlungen offengelegt, CORRECTIV und „Spiegel Online“ haben die Daten zusammengetragen und ausgewertet.

Das Problem: Die Unternehmen nennen ausschließlich die Namen von Medizinern, die der Veröffentlichung zugestimmt hatten. Dieses Einverständnis gaben jedoch nur 29 Prozent – etwas mehr als 20.000 von mehr als 71.000 Ärzten und Fachkreisangehörigen, die Geld von den Unternehmen erhalten hatten.

Nachfragen oder recherchieren

Findet sich ein Mediziner nicht in den Veröffentlichungen des Transparenzkodex (hier geht es zur Datenbank), hat
das also kaum eine Aussage. Möglicherweise hat er tatsächlich keine Verbindungen. Möglicherweise hat er aber auch eine Veröffentlichung der Daten abgelehnt. Oder er erhält Zahlungen zum Beispiel von einer Generika-Firma, die sich nicht am Transparenzkodex beteiligt.

Wer dem nachgehen möchte, kann einen einfachen Weg verfolgen: bei seinem Arzt nachfragen.

Aber es gibt weitere Möglichkeiten der Recherche, vor allem unter Ärzten, die auch Forschungsaufsätze schreiben. Mediziner sind heutzutage in der Regel verpflichtet, bei Veröffentlichungen Interessenkonflikte anzugeben. Dadurch ergeben sich vier Ansatzpunkte:

1. Leitlinien

Für viele Krankheiten existiert eine medizinische Leitlinie mit Behandlungsempfehlungen. Die Verfasser haben somit einen großen Einfluss auf die Verschreibungspraxis in Deutschland. Aus diesem Grund fordert die zuständige Arbeitsgemeinschaft (AWMF) seit 2010 dazu auf, Interessenkonflikte offenzulegen. Alle Leitlinien sind frei zugänglich und können über eine Suchfunktion nach Namen durchforstet werden.

Ein Beispiel für eine Interessenkonflikts-Erklärung aus einer Leitlinie kannst Du hier anschauen. Sie gehört zu den Behandlungsempfehlungen für Kopfschmerzen, die durch einen zu hohen Gebrauch von Schmerzmitteln verursacht wurden. Der darin genannte Essener Neurologe Hans Christoph Diener ist mit mehr als 200.000 Euro der Bestverdiener unter den Medizinern, die im Rahmen des Transparenzkodex der Veröffentlichung ihres Namens zugestimmt haben. Hier geht es zur Leitlinien-Suche.

2. Internationale Fachzeitschriften

Wollen Mediziner in der Forschungswelt anerkannt werden, müssen sie Studien in internationalen Fachzeitschriften veröffentlichen. Viele solche Zeitschriften fordern von ihren Autoren, Interessenkonflikte anzugeben. Die beste Suchmöglichkeit bietet Pubmed, die Onlinebibliothek der amerikanischen National Institutes of Health. Dort ist es möglich, sich bei der Recherche direkt auf Autorennamen zu konzentrieren. In der linken Spalte lassen sich die Suchergebnisse zudem auf frei zugängliche Studien begrenzen.

Bei einer Suche nach dem Neurologen Diener etwa stößt man so als erstes auf diese aktuelle Studie aus dem renommierten Fachblatt "The Lancet". Noch vor den Literaturangaben sind am Ende der Studie umfassende Interessenkonflikte offen gelegt. Hier geht es zur Pubmed-Suche.

3. Deutsches Ärzteblatt

Die Zeitschrift der Bundesärztekammer und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung enthält Beiträge vieler deutschsprachiger Mediziner und ist thematisch breit aufgestellt. Seit 2011 verpflichtet sie ihre Autoren dazu, Interessenkonflikte offen zulegen. Die Daten sind auch ohne Anmeldung unter den Texten abrufbar, das Archiv lässt sich bei der erweiterten Suche direkt nach Autorennamen durchforsten. Für ein Beispiel scrolle in diesem - willkürlich gewählten - Artikel nach ganz unten. Hier geht es zum Ärzteblatt-Archiv.

4. Suchmaschinen

Arbeiten Mediziner etwa als Referenten für die Pharmaindustrie, bringt das öffentliche Auftritte mit sich. Aus diesem Grund kann sich auch eine einfache Recherche in einer Suchmaschine auszahlen, zum Beispiel mit dem Namen des Mediziners in Kombination mit Begriffen wie „Interessenkonflikt”, „Symposium”, „Referent” oder „Offenlegung”. Eine weitere Suche mit englischen Begriffen kann die Chancen noch weiter steigern.

Bist Du fündig geworden? Dann spreche Deinen Arzt im Zweifel darauf an. Dass er mit Pharmaunternehmen kooperiert, muss nicht heißen, dass er ein schlechter Mediziner ist. Fast alle renommierten Ärzte besitzen Verbindungen mit der Industrie, um Unternehmen unter anderem bei der Entwicklung neuer Medikamente zu beraten.

Daneben gibt es jedoch auch umstrittenere Verbindungen - etwa, wenn Ärzte als Referenten bei einer Tagung auftreten und das neue Medikament einer Firma präsentieren.

Egal was der Anlass ist, bergen alle Verstrickungen ein ähnliches Risiko: Es kann passieren, dass sich die Mediziner mit dem Unternehmen verbunden fühlen und nicht mehr unvoreingenommen urteilen können. Deshalb ist es so wichtig, alle Verbindungen zwischen Industrie und Ärzten auf ihre Notwendigkeit zu hinterfragen. Dazu können auch Patienten einen Teil beitragen.

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