EXKLUSIV: Mehr als 105 Millionen Euro haben Pharmafirmen im vergangenen Jahr an Österreichs Ärzte gezahlt, für Vorträge, Beratungshonorare, Studien und Spesen. Nur ein kleiner Teil der Ärzte war einverstanden, dass ihr Honorar auf den Websites der Pharmaunternehmen veröffentlicht werden darf. Dort lagen die Zahlen bisher versteckt und nicht durchsuchbar. In Kooperation mit der Zeitung „Standard“ und dem Österreichischen Rundfunk hat CORRECTIV die Daten befreit und in eine neue Datenbank überführt. Jeder Österreicher kann nun nachschauen, ob und wie viel Geld sein Arzt von Pharmaunternehmen bekommen hat.

Link zur Datenbank Euros für Ärzte in Österreich

Dr. Thomas Berger ist ein anerkannter Neurologe. Er arbeitet als stellvertretender Leiter der Innsbrucker Universitätsklinik für Neurologie, leitet einen Studiengang und ist Multiple-Sklerose-Beauftragter der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie. Kurzum: Ein Experte auf seinem Gebiet.

Berger führt in Österreich die Liste jener Ärzte an, die Zahlungen von der Pharmaindustrie erhalten und einer namentlichen Nennung zugestimmt haben. Im Jahr 2015 hat der Neurologe insgesamt mehr als 70.000 Euro erhalten. Der größte Teil kommt von der Firma Biogen, einem führenden Unternehmen für die Behandlung von Multipler Sklerose. „Ein Drittel dieser Summe kommt bei mir an. Der Rest geht an Mitarbeiter einer Arbeitsgruppe und an Studienteilnehmer“, sagt der Neurologe. Sieht er selbst Interessenkonflikte? „Nein. Ich kann von mir behaupten, dass ich meine Entscheidungen losgelöst von allen Einflüssen treffen kann. Meine Stelle an der Universität macht mich unabhängig. Für andere kann ich das nicht beurteilen.“

„Die anderen lassen sich beeinflussen, ich nicht.“

Mit dieser Selbsteinschätzung befindet sich Berger in guter Gesellschaft. Denn die meisten Ärzte sind überzeugt, dass sie unbestechlich seien, auch wenn sie sich von der Pharmaindustrie sponsern lassen. Ihren Kollegen trauen die gleichen Ärzte dagegen oft nicht über den Weg. In einem Krankenhaus in Kalifornien wurden Ärzte für eine Studie gefragt, ob sie bei der Auswahl von Medikamenten durch die Pharmaindustrie beeinflusst werden. 61 Prozent der Ärzte sagten, sie ließen sich „gar nicht“ beeinflussen. Dann wurden die gleichen Ärzte gefragt, ob sich ihre Kollegen beeinflussen lassen. Diesmal waren 84 Prozent der Mediziner der Ansicht, dass sich die Kollegen gelegentlich bis häufig beeinflussen lassen. 

Es gibt eine Vielzahl von Studien über dieses Phänomen, die Ergebnisse sind sehr ähnlich: Je mehr Geld ein Arzt von Pharmaunternehmen bekommt, desto häufiger verordnet er teurere Präparate und desto häufiger spielt er Nebenwirkungen herunter. „Wir Ärzte haben bezüglich Interessenskonflikten einen blinden Fleck“, diagnostiziert Dr. Klaus Lieb von der Uniklinik Mainz und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. „Wir lassen uns von der Pharmaindustrie einladen und glauben dennoch, wir seien unabhängig.“

Das Thema Interessenskonflikte gewinnt seit Jahren eine immer größere Bedeutung. Deshalb hat die Pharmaindustrie im Jahr 2010 selbst beschlossen, dass sie ihre Zahlungen an Ärzte veröffentlichen will. Nach dem Motto: Wir haben nichts zu verbergen und wollen deshalb transparent sein. Erstmals im Jahr 2016 haben die Konzerne, die europaweit im Pharmaverband Efpia zusammengeschlossen sind, einen Teil der Zahlungen an Ärzte veröffentlicht.

Die Daten der Pharmaindustrie sind nicht durchsuchbar

Doch die Zahlen sind in allen europäischen Ländern so unauffindbar auf den Websites der Konzerne versteckt, dass ein Patient chancenlos ist, nachzuschauen, ob zum Beispiel sein Hausarzt Geld angenommen hat.

In Österreich zum Beispiel ist die Situation noch schlimmer als in anderen EU-Ländern. Hier sind die veröffentlichten Daten bisher derart nichtssagend, dass selbst der Pharmaverband Pharmig bis heute weder weiß, wie hoch die Zahlungen der Industrie an die Ärzte insgesamt waren, noch, wie hoch der Anteil der Ärzte war, die einer Veröffentlichung zugestimmt haben oder wie viele Ärzte geldwerte Vorteile erhalten haben. Pharmig-Pressechef Peter Richter teilt auf Anfrage lediglich mit: „Wir haben keine offiziellen Zahlen dazu“, die interne Auswertung seines Verbands sei auch fünf Monate nach Abschluss der Datenerhebung „noch unvollständig“. Statt dessen verweist Pharmig auf eine Veröffentlichung des unabhängigen und renommierten Ludwig Boltzmann Instituts, dessen Zahlen der Pharmaverband „lediglich in ihrer Tendenz bestäitgen“ könne.

Erst wurden die deutschen Daten befreit, dann die Schweizer, jetzt die für Österreich

In Deutschland haben „Spiegel Online“ und CORRECTIV die von den Konzernen veröffentlichten Daten kopiert, sie ausgewertet und eine frei zugängliche neue Datenbank gebaut.  

Ähnlich lief es bei den Daten für die Schweizer Ärzte: Im August haben CORRECTIV und „Spiegel Online“ gemeinsam mit der Schweizer Zeitschrift „Der Beobachter“ die Daten ausgewertet und in die Datenbank übertragen.

Jetzt folgen die Daten für Österreichs Ärzte: eine Kooperation von CORRECTIV mit der Zeitung „Standard“ und dem Österreichischen Rundfunk“ (ORF). Neben den Namen von 20.500 deutschen Ärzten und den Namen von 4.200 Schweizer Medizinern finden sich seit heute nun auch die Namen von 3.582 Ärztinnen und Ärzten aus Österreich in der Datenbank. Sie haben zusammen rund 4,2 Millionen Euro bekommen. Im Schnitt hat jeder Arzt, der der Veröffentlichung zugestimmt hat, im vergangenen Jahr 1187 Euro bekommen. Unter den Medizinern, denen die Industrie mehr als 10.000 Euro im Jahr hat zukommen lassen, sind auch viele im Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien (AKH). 

Auf Platz 2 in der Rangliste der offen gelegten Pharmahonorare liegt der Lungenkrebsspezialist Robert Pirker von der Medizinischen Universität Wien mit rund 63.000 Euro. Auf Platz 3 folgt mit 48.000 Euro Bernd Lamprecht, Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde des Linzer Universitätsklinikums. Dass diese Ärzte an der Spitze stehen, heißt nicht, dass sie am meisten Geld bekommen haben.

Brustkrebsspezialist Gnant ist skeptisch: „Es gibt auch eine gewisse Neidgesellschaft“

Denn die überwiegende Mehrheit hat ihre Daten nicht offen gelegt, darunter auch Ärzte, die Honorare bezogen haben. Einer davon ist der Wiener Krebsspezialist Christoph Zielinski, Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin am AKH Wien. Um eine Stellungnahme gebeten, schreibt er, dass er regelmäßig seine Verbindungen ohnehin offen lege. Eine konkrete Summe bleibt er schuldig. Seine Daten ebenfalls nicht offen gelegt hat der anerkannte Brustkrebsspezialist Michael Gnant. Eine Offenlegungspflicht für einzelne Ärzte sieht er skeptisch: „Es gibt auch eine gewisse Neidgesellschaft, und ich denke, dass wir insgesamt im Umgang mit persönlichem Einkommen nicht eine Transparenz haben wie zum Beispiel in den skandinavischen Ländern oder in den Niederlanden. Und daher muss man hier mit Behutsamkeit die Argumente für und wider abwägen“, sagt Gnant auf Anfrage des ORF.

Nur 18 Prozent der Geldflüsse sind transparent

Nur 18 Prozent aller Geldflüsse an Ärzte und weitere Angehörige der Fachkreise sind direkt namentlich zurückzuverfolgen. Das österreichische Datenschutzrecht sieht vor, dass die individuelle Offenlegung nur mit Zustimmung des Empfängers geschehen darf. Theoretisch könnte ein Pharmaunternehmen die Zustimmung auch einfordern und bei Verweigerung keine Zahlung durchführen.

In Österreich ist die Offenlegungsrate im Vergleich zu Deutschland niedrig. Hierzulande haben 29 Prozent der Ärzte und Fachkreisangehörigen einer namentlichen Nennung zugestimmt. „Wir stehen am Anfang. Für die Branche ist das ein Kulturwandel. In den nächsten Jahren wird die Quote steigen“, kommentiert Jan Oliver Huber die Ergebnisse. Er ist Generalsekretär von Pharmig, dem Interessenverband der pharmazeutischen Unternehmen in Österreich. Franz Piribauer, Leiter der Arbeitsgruppe Gesundheit bei Transparency International glaubt dagegen: „Der aktuelle Verhaltenskodex bestraft die Mutigen und hält die anderen im Dunkeln. Ohne eine gesetzliche Pflicht wird sich daran auf Jahre nur langsam marginal etwas ändern.“

Wenn ein Arzt nicht in der Datenbank auftaucht, bedeutet es also, dass er entweder null Euro erhalten hat – oder dass er Geld erhalten, aber diese Zahlungen gegenüber der Öffentlichkeit verheimlichen will. 

Dass es auch anders geht, zeigt sich in den USA. Dort hat die Regierung von Barack Obama im Jahr 2010 den „Physician Payments Sunshine Act“ verabschiedet, ein Gesetz, dass die Pharmafirmen zwingt, Summe und Namen der Ärzte zu veröffentlichen, an die im zurückliegenden Jahr Geld gezahlt wurde. 

Ein solches Gesetz halten viele Experten für gerechter und aussagekräftiger als die gegenwärtige Freiwilligkeitsregelung, bei der in Österreich noch nicht mal 20 Prozent der Zahlungen namentlich veröffentlicht werden, und in Deutschland noch nicht mal 30 Prozent. Aber sowohl das österreichische Gesundheitsministerium als auch das deutsche machen keinerlei Anstalten, die Transparenz bei den Interessenskonflikten der Mediziner zu fördern. 

Anwendungsbeobachtungen gelten als Geschäftsgeheimnisse

Am intransparentesten sind die Zahlungen übrigens dort, wo das meiste Geld überwiesen wird: bei Forschungsprojekten und Anwendungsbeobachtungen (AWBs). Mediziner beobachten bei diesen AWBs, wie gut Patienten ein bestimmtes Medikament vertragen und erhalten im Gegenzug ein oft hohes Honorar von Pharmakonzernen. Wissenschaftlich sind diese Studien meist wertlos. Für Pharmaunternehmen ist dieser Posten insgesamt der größte. Im Jahr 2015 haben die Pharmig-Mitglieder 54 Millionen Euro für Forschung und Entwicklung an Ärzte oder Krankenhäuser gezahlt.

Der genaue Anteil der umstrittenen Anwendungsbeobachtungen im Vergleich zu den Ausgaben für Forschung insgesamt ist unklar. Eine vollständige Transparenz lehnen Pharmaunternehmen ab, weil dadurch Geschäftsinteressen gefährdet seien. Anders als für die Zahlungen für Vorträge, Beratungen, Kongressbesuche und Nächtigungskosten werden diese Daten nur zusammengefasst veröffentlicht. „Wenn der Anteil für Forschung und Entwicklung an allen Zahlungen in den nächsten Jahren steigt, ohne dass die Ausgaben detaillierter aufgeschlüsselt werden, dann wäre das ein Alarmsignal. Das ist ein weiterer Weg, um die Offenlegung zu umschiffen", sagt Transparency-Mann Piribauer.

Link zur Datenbank Euros für Ärzte in Österreich

 

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