Die Mafia ist ein Schwerpunktthema von correctiv.org. Unsere Kollegin Margherita Bettoni berichtet regelmäßig über die italienische Mafia – und die Mafia in Deutschland. Hier blickt sie zurück auf das Jahr 2015, auf die wichtigsten Fahndungserfolge und Fehlschläge.

Aktuelle Recherchen zur Mafia findet Ihr auf dieser Themenseite.

Auch im Jahr 2015 kontrollierte die kalabrische 'Ndrangheta den weltweiten Kokainschmuggel. Mindestens drei Operationen bestätigten das:

- Im Mai verhaftete das FBI im Rahmen der Operation „Columbus“ drei Personen italienischer Abstammung in New York. Den Wirt Gregorio G., seine Frau und sein Sohn sollen den Kokainhandel zwischen Costa Rica und Italien für die 'Ndrangheta organisiert haben. In Italien nahm die Polizei 13 weitere Personen fest. Das Kokain kam in Obstkisten in den USA an. Von dort gelangte es in Containern über spanische und holländische Häfen nach Europa.

- Im Juni offenbarte die Operation „Santa Fè“ eine Allianz zwischen der 'Ndrangheta und der kolumbianischen FARC-Guerrilla. Es war eine außergewöhnlich große Operation: Die Polizei nahm 42 Personen fest und beschlagnahmte mehr als vier Tonnen Kokain. Die italienische Polizei arbeitete mit der spanischen Guardia Civil zusammen, der amerikanischen Drug Enforcement Administration (DEA) und Custom and Border Protection (CBP) sowie Beamten aus Kolumbien, Peru und Ecuador. Auch in diesem Fall kam das Kokain per Schiff nach Italien, von wo es weiterverteilt wurde. Die Operation zeigte ein weiteres Mal, wie mächtig die 'Ndrangheta ist: Ihre Gesandten waren im kolumbianischen Dschungel an Orten unterwegs, die sogar für die kolumbianische Armee als No-Go-Area gilt.

- Im September gingen italienische Ermittler im Rahmen der Operation „Acero-Krupy-Connection“ gegen zwei 'Ndrangheta-Clans vor: 49 mutmaßliche Mafiosi der Clans Crupi und Aquino-Coluccio wurden festgenommen. Die Ermittlungen ergaben, dass die Mafiosi in Holland Kokain zwischen Tulpen und Rosen versteckten und die Ladung per Lastwagen nach Italien transportierten.

Operation „Rheinbrücke“

Im Juli waren es deutsche Ermittler, die zu einem Schlag gegen die 'Ndrangheta ausholten: Spezialkräfte der Polizei nahmen acht mutmaßliche Mafiosi im Kreis Konstanz fest. Der Verdacht: Die Verhafteten hatten am Bodensee eine deutsche Zelle der 'Ndrangheta gegründet.

Die Operation „Rheinbrücke“ erfolgte nach einem Haftbefehl italienischer Ermittler aus Reggio Calabria. Italien forderte daraufhin die Auslieferung der Verhafteten.

Dazu kam es nicht. Das Oberlandesgericht Karlsruhe erklärte die Auslieferung für unzulässig. Sieben der Verfolgten wurden auf freien Fuß gesetzt. Die Begründung: Die möglichen Straftaten sind nach deutschem Recht verjährt. Eine „Verfolgungsverjährung“ tritt in Deutschland nach fünf Jahren ein.

Krieg der Nachwuchs-Gangster

Seit zwei Jahren wird in Neapels Altstadt eine blutige Fehde ausgetragen: der „Krieg der Kinder-Gangster“. Mitglieder verschiedener Camorra-Clans kämpfen dabei um die Herrschaft in Neapels Altstadt. Fünf Morde und mindestens ebenso viele Mordversuche gehen auf das Konto dieser Fehde. Allein zwischen dem 3. und dem 6. September starben drei Menschen, darunter der 18-jährige Gennaro Casarano.

Blutige Machtkämpfe zwischen Mafia-Gruppen sind keine Neuigkeit. Aktuell aber kämpfen in Neapel Jugendliche gegeneinander, erst 16 bis 24 Jahre alt.  Die Staatsanwaltschaft spricht von „paranza dei bambini“, von „Kinder-Gangs“. Die Nachwuchs-Mafiosi halten sich an keine Regeln: Sie trainieren Schießen auf den Dächern der Altstadt, fahren auf Mopeds durch die engen Gassen und feuern wild um sich, um ihre Rivalen zu demütigen.

Giuliana Di Sarno, Leiterin des Altstadtbezirks 3, äußerte die Befürchtung, die Innenstadt Neapels könne zu einem „zweiten Bagdad“ verkommen.

Prozess gegen die Hauptstadtmafia

Seit Ende 2014 ist bekannt, dass Rom eine eigene Mafia hat: die Mafia Capitale, die Hauptstadt-Mafia. Bei mehreren Razzien nahm die Polizei Verdächtige fest – Dutzende korrupter Beamte, Lokalpolitiker und mutmaßlicher Krimineller. Die Ermittler entdeckten eine enge Verbindung zwischen der Mafia, Politikern und Unternehmern.

Der Pate der Hauptstadt-Mafia ist der ehemalige neofaschistische Terrorist Massimo Carminati, der sich „König von Rom“ nennt. Seine rechte Hand ist der Unternehmer Salvatore Buzzi, der bereits im Gefängnis saß.

Im November 2015 beginnt in Rom der „Maxi-Prozess“: 46 Angeklagte der Hauptstadt-Mafia stehen vor Gericht. Sie müssen sich unter anderem wegen Mitgliedschaft in einer mafiösen Vereinigung, Korruption und Erpressung verantworten. Der Prozess wird 2016 fortgesetzt.

Abgehört: die Wahl eines Paten

Palermo im Juni 2014: Die Paten eines Cosa-Nostra-Clans aus dem Altstadtviertel Santa Maria di Gesù wählen durch Handzeichen einen neuen Boss – in einem Friseursalon. Was die Mafiosi nicht wissen: Die Polizei hört mit, über eine Wanze, im Zuge der Operation „Torre die Diavoli“. Im Dezember werden sechs mutmaßliche Mafiosi festgenommen. Die Operation offenbart, wie sich die Cosa Nostra aus Palermo derzeit versucht, neu zu organisieren. 

 

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