Serie Zero Impunity, Teil 1: Bei einem Militäreinsatz in der Zentralafrikanischen Republik kommt es zu zahlreichen Übergriffen französischer Soldaten an jungen Frauen. Die Behörden gehen dem nur halbherzig nach – und vertuschen die Vorfälle, wo sie können.

Warum wir über dieses Thema berichten.

In Boda, einem kleinen Ort in der Zentralafrikanischen Republik, wohnt Familie Pazouku in einem Haus aus Backstein. Im Innenhof plappert der anderhalbjährigen Elie, dann gibt es ein lautes Scheppern: Er liebt es, seine Breischale auf den Boden zu werfen.

Elie hat helle Haut. Die Nachbarn nennen ihn „den Franzosen.“

Im Februar 2014 kommen französische Soldaten nach Boda. Sie sind Teil der Mission Sangaris, die – von einem UNO-Mandat gestützt – den Bürgerkrieg in der Zentralafrikanischen Republik befrieden helfen soll. Dort bekämpfen sich christliche Anti-Balaka- und muslimische Seleka-Milizen; internationale Beobachter befürchten einen Völkermord.   

Fast drei Jahre später, Ende 2016, räumt das Pariser Verteidigungsministerium uns gegenüber erstmals ein, dass französische Soldaten während ihres Einsatzes an Vergewaltigungen und Fällen von sexuellem Missbrauch beteiligt waren. Je nach Schwere des Vergehens hätten die Soldaten den Dienst verlassen, sich einem Disziplinarverfahren unterziehen müssen oder einen Rang verloren. Wie viele Verfahren es gab, um was es genau ging, teilt das Ministerium nicht mit. Fest steht: Um Elie hat sich der französische Staat bisher nicht gekümmert.

Zero Impunity, erste Folge: Erstmals gelang es uns, exklusive Einblicke in die Abschlussberichte der französischen Ermittler zu erhalten. Zudem fanden wir unter den Soldaten Zeugen, die bestätigen, dass es wiederholt zu sexuellen Übergriffen gegenüber einheimischen Mädchen und Frauen kam.

Die junge Tomatenverkäuferin

In Boda bauen die Soldaten ihr Lager inmitten der Stadt auf, einen Steinwurf vom Haus der Familie Pazouku entfernt – an einem Kreisverkehr, dort, wo eine Bar zu einer Tankstelle umfunktioniert wurde und Diamantenschürfer ihr Feierabend-Bier trinken. Gegenüber der Basis steht Noella Pazouku und verkauft Tomaten. Eines Tages lässt ein Soldat ihr ausrichten, sie möge ihn abends treffen. Das minderjährige Mädchen nimmt die Einladung an.

„Er hat mich in ein Haus in ihrem Camp gebracht. Wir haben miteinander geschlafen. Es war mein erstes Mal. Anschließend hat er mir 15.000 zentralafrikanische Francs gegeben (rund 23 Euro). Aber auf dem Rückweg haben Kämpfer der Anti-Balaka mir das Geld wieder abgenommen“, erzählt Noella in ihrer Muttersprache, dem Sango. Rastazöpfe umrahmen ihr jugendliches Gesicht.   

Pazouku spricht kein Französisch, die Grundschule musste sie abbrechen. Als sie sieben war, bekam sie eine Hirnhautentzündung, zeitweilig konnte sie nicht sprechen, bis heute redet sie stockend und hört schlecht. Sie braucht zwei Tage, um ihre Geschichte zu erzählen.

„Wir haben uns noch ein zweites Mal getroffen, am selben Ort, wieder hatten wir Geschlechtsverkehr. Eines Tages ist er mit seiner ganzen Mannschaft abgezogen. Seitdem habe ich nie wieder von ihm gehört“, sagt Pazouku.

Französische Ermittler gehen davon aus, dass Noella Pazouku zum Zeitpunkt der Tat 17 Jahre alt war.

Die Mutter erstattet Anzeige

Im Oktober 2014 übergeben die französischen Soldaten das Camp in Boda den Blauhelmen der UNO-Mission MINUSCA. Kämpfe brechen aus. Mit ihrer Mutter und ihren sieben Geschwistern flieht Pazouku aus der Stadt und „schlägt sich ins Gebüsch.“ Die Mutter hält die Familie mit dem Verkauf von essbaren Blättern und gegrillten Raupen über Wasser. Lange misstraut sie der Erzählung ihrer Tochter, von einem Soldaten schwanger zu sein. Doch als sie am Tag der Geburt die weiße Haut des Neugeborenen sieht, schenkt sie ihr Glauben.

Vier Monate nach der Geburt, im August 2015, erstattet die Mutter Anzeige. Sie hatte zuvor im Radio eine Sendung über sexuellen Missbrauch gehört. Die Klage lautet auf „Vergewaltigung durch eine Person, die ihre Autorität zur Befriedigung ihrer sexuellen Bedürfnisse und zur Machtausübung benutzt“.

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Die Soldaten wohnen direkt neben den Einheimischen. Offiziere warnen vor Prostitution.

Damien Roudeau

Ermittlungen im Schneckentempo

Ein Abkommen zwischen Frankreich und der Zentralafrikanischen Republik vom 18. Dezember 2013 legt fest, dass französische Soldaten nur von der französischen Justiz verurteilt werden können. Die Staatsanwaltschaft in Paris benötigt acht Monate, um ein Amtshilfeverfahren an die zentralafrikanischen Behörden zu richten. Fünf weitere Monate vergehen, bis Ermittler Noella Pazouku Fotos der potentiellen Täter vorlegen. Inzwischen sind zwei Jahre seit der Begegnung vergangen. Die Soldaten haben auf den Bildern normale Frisuren – und keine kahlrasierten Schädel mehr, wie während ihres Einsatzes. Pazouku fällt es schwer, den möglichen Täter wiederzuerkennen.

Auf die Idee, eine DNA-Probe des kleinen Elie zu nehmen, kommen die Ermittler nicht.

Nahrung gegen Sex

Bis Ende Oktober 2016 erstatten mindestens zehn weitere Personen bei der Staatsanwaltschaft Paris Anzeige gegen Soldaten der Sangaris-Mission – wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung. Der „Guardian“ berichtet am 29. April 2015 über einen internen Bericht der UNO, in dem die Rede von Kindern ist, die offenbar sexuelle Handlungen gegen Geld und Nahrung bei französischen Soldaten eintauschen mussten, andere wurden vergewaltigt. Zwischen April und November 2014 richtet die UNO eine Untersuchungskommission ein, die Menschenrechtsverletzungen in Zentralafrika nachgehen soll – durch Soldaten aus Burundi, Gabun und Frankreich. Diese drei Länder stellten die Blauhelm-Kontingente.

Mehrere NGOs hatten sich an die UNO gewandt und von Übergriffen der Blauhelme in der UNO-Mission MINUSCA und der französischen Mission Sangaris berichtet. Auch „Ärzte ohne Grenzen” berichtet uns, französische Soldaten hätten zwei Schwestern im Alter von sieben und neun Jahren und ein dreizehnjähriges Mädchen vergewaltigt. In ihren ärztlichen Attesten beschreiben sie Spuren von sexueller Gewalt und Fesselungen. Doch im UNO-Abschlussbericht vom 6. Dezember 2014 finden sich keine Passagen über mögliche französische Täter. Begründung: Die Kommission habe zu „wenig Ressourcen“ gehabt, um gegen diese zu ermitteln.

Mauer des Schweigens

„Uns wurde häufig gesagt, einige Soldaten der Sangaris-Mission hätten sexuelle Beziehungen zu minderjährigen Mädchen unterhalten“, sagt der mauritanische Rechtsanwalt Fatimata M’Baye, einer der drei UNO-Ermittler. Aber sie seien auf eine Mauer des Schweigens gestoßen. Mehrfach seien sie ins Generalbüro der Sangaris-Mission gefahren, um herauszufinden, welche Einheit wann an welchem Ort stationiert war. Die Generaldirektion habe sich geweigert, ihnen diese Informationen zu geben.

Durchlässig wie ein Schweizer Käse

Dabei waren die Behörden gewarnt. Acht Monate nach Beginn der Operation Sangaris, am 3. August 2014, dringen mehrere Offiziere in Briefen an die interne Aufsichtsbehörde des Militärs darauf, die „Sicherheit der Soldaten“ zu erhöhen.

Ein Hauptgefreiter bezeichnet das französische Camp als durchlässig wie einen „Schweizer Käse“. Personen könnten ohne Kontrollen ein- und ausgehen. Das benachbarte Flüchtlingscamp müsse umfriedet werden, die Nähe verursache viele Probleme. Die Bewohner würden um Essen betteln, es habe sich ein  „Netz von Prostitution“ entwickelt, das bis spät in die Nacht funktioniere.

Ein Oberst beschwört, den Kampf gegen Prostitution zu verstärken, da sie das „Image des Militärs“ schädigen könne. Kinder würden dazu benutzt, die Arbeit der Wachposten und Patrouillen zu stören.

Blowjob durch den Zaun

Ein an der Mission beteiligter Offizier berichtet uns gegenüber von weiteren Vorfällen: Einmal sei ein Wachposten von seinem Vorgesetzten dabei erwischt worden, wie er sich durch den Zaun habe oral befriedigen lassen. Ein andermal sei ein Kamerad ausgeflogen worden, um sich „gegen Viren behandeln“ zu lassen. Er hatte nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr offenbar Angst, sich infiziert zu haben. Wieder ein anderes Mal erzählte ihm ein Kamerad von einer Mutter im benachbarten Flüchtlingscamp, die offenbar mehreren Soldaten die sexuellen Dienste ihrer Tochter angeboten habe. Der Offizier geht zu seinem Vorgesetzten und erzählt ihm davon. Der flucht und bestätigt indirekt, dass die Geschichte stimmt.

Doch auch dieser Vorfall wird nie aktenkundig.

Ermittler des französischen Militärs gehen den Vorgängen in den Basen ebenfalls nach – und veröffentlichen ihren Abschlussbericht im Mai 2015. Zwei Offiziere werden darin zitiert mit den Worten, sie seien „vollkommen überrascht“ über die Vorwürfe der Vergewaltigungen. Die „Enge“ des Lagers habe es unmöglich gemacht, diese Taten „in aller Diskretion“ zu verüben, es hätte somit eine große „Komplizenschaft“ von zahlreichen Personen erfordert.

Diesen Aussagen folgt der Abschlussbericht. Es heißt darin:  „Auf dem Gelände gab es nur sehr wenig Intimität, in der sexuelle Handlungen hätten vollzogen werden können.“

Der Abschlussbericht ist ein Zeugnis dafür, warum die weltweite sexuelle Gewalt an Zivilisten so selten geahndet wird. Täter werden von ihren Vorgesetzten oder Kameraden gedeckt, weil sie fürchten, sich mitschuldig gemacht zu haben. Oder weil sie das Ansehen der Truppe, in der sie selbst arbeiten, nicht schädigen wollen. Die Aufsichtsbehörden, in diesem Fall die Militär-Ermittler, unterstehen selbst dem Militär und sind zudem logistisch auf die Truppen vor Ort angewiesen. So gibt es keine unabhängigen Nachforschungen - und auf der anderen Seite Opfer, die in Krisenregionen leben, hungrig und häufig minderjährig.

 

CORRECTIV ist Kooperationspartner der internationalen Recherche www.zeroimpunity.com. Das Projekt mit Veröffentlichungen in verschiedenen europäischen Medien wurde von Nicolas Blies, Stéphane Hueber-Blies und Marion Guth (a_BAHN) gegründet, die sich als „engagierte Dokumentaristen“ bezeichnen.

 

Übersetzung aus dem Französischen: Annika Joeres

 

CORRECTIV-Serie Zero Impunity

„Die perfekte Waffe“: Warum wir über das Thema berichten

Teil 1: Französische Soldaten sollen jungen Frauen in Zentralafrika missbraucht haben