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Schlecht am Start

Start-ups gelten als Goldstandard unter den Unternehmensgründungen. Sie verbinden wirtschaftlichen Erfolg mit einem gewissen kalifornischen Tech-Glamour und der Hoffnung, dass aus einem kleinen Unternehmen ein Weltkonzern wie Apple oder Google werden kann. Während Berlin längst auch zur Start-up Hauptstadt wurde, läuft es in NRW eher mau. Die Mühen des hiesigen Wirtschaftsministerium bringen wenig.

von Stefan Laurin

© Start-Ups in deutschen Garagen sind selten von Rüdiger Stehn unter Lizenz CC BY-SA 2.0

Die Garage ist ein Mythos. In einer Garage in Palo Alto wurden 1939 Hewlett-Packard gegründet und die Erfolgsgeschichte des Silicon Valleys gleich mit. Jahrzehnte später wurde der erste Apple-Computer, der Apple I, von Steve Jobs und Steve Wozniak ebenfalls in einer Garage in Los Altos zusammengebaut. Ein paar Jungs mit guten Ideen und wenig Geld konnten so ziemlich aus dem Nichts einen Weltkonzerne erschaffen. Unternehmen wie Hewlett-Packard, Apple, Microsoft, Google, Amazon oder Facebook haben in den Folge hunderttausende Jobs geschaffen, neue Industriezweige gegründet und die Welt verändert. Wie wir uns online zurechtfinden, wie wir einkaufen, uns zum Geburtstag gratulieren, was wir mit Computern, Tablets und Smartphones machen, haben diese Unternehmen geprägt und mit ihren Technologien zum Teil erst möglich gemacht.

Start-ups, die scheinbar aus dem Nichts entstehen und weltweit erfolgreich sind, sind seither  der Traum vieler Politiker, denn sie versprechen schnelles Wachstum, das mitunter ganze Regionen wirtschaftlich verändern kann. So wie im Silicon Valley – als aus einer von Obstanbau und Rüstungsindustrie geprägten Region im Umfeld der Stanford-Universität das technische und kulturelle Zentrum des digitalen Zeitalters wurde. Für den nordrhein-westfälischen Wirtschaftsminister Garrelt Duin (SPD) sind Start-ups deshalb nicht weniger „die maßgeblichen Motoren des digitalen Wandels“.

Nur jedes zehnte Start-up sitzt in NRW

Duins Ministerium hat dazu die Initiative „Strategie für die Digitale Wirtschaft“, kurz Strategie DWNRW, gegründet und unterstützt sechs sogenannte DWNRW-Hubs in Aachen, Bonn, Düsseldorf, Köln, Münster und dem Ruhrgebiet. Es geht um „eine enge Zusammenarbeit zwischen Start-ups, Industrie und Mittelstand“, schreibt das Wirtschaftsministerium im Wirtschaftsbericht 2016 und unterstützt die „Hubs“ mit insgesamt „bis zu 12,5 Millionen Euro.“ Die NRW-Bildungsministerin Svenja Schulte (SPD) startete ein Programm mit Namen „HochschulStart-up.NRW“, das vom Wirtschafts- und Wissenschaftsministerium bis 2020 mit 70 Millionen Euro gefördert wird und Gründer an den Unis unterstützen will. Und auch Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) kümmert sich um die kleinen Technikschmieden, besuchte in Köln das Start-up-Zentrum STARTPLATZ und erklärte sich angesichts eines Golf-Simulators – überraschend unsozialdemokratisch – als Golf-Fan.

Das Wirtschaftsministerium hat mit Tobias Kollmann sogar einen eigenen Start-up-Spezialisten an Bord. Kollmann ist Professor für „E-Business und E-Entrepreneurship“ an der Universität Duisburg-Essen und gibt sich gemeinsam mit Wirtschaftsminister Duin im 2015 erschienenen Bericht „Digitale Wirtschaft NRW“ sehr kritisch, was die Lage im Land betrifft: „Ein Blick in unser Land zeigt, dass in diesen drei Dimensionen auch in Relation zur Landes- und Bevölkerungsgröße mit den USA massive Nachteile zu beobachten sind.“ Es gebe allgemein zu wenig Gründer und Start-ups, von den insgesamt 5.000 jungen Unternehmen In Deutschland hätten gerade mal 400 bis zu 450 ihren Sitz in NRW. Es müssten mehr Köpfe für die Digitale Wirtschaft gewonnen werden, die innovative Start-ups in diesem Bereich mit innovativen Geschäftsprozessen und -modellen im Bundesland gründen.

Nur wenig Gründer im Land

Um dieses Ziel zu erreichen, soll Gründern über die sechs „Hubs“ auf vielfältige Weise geholfen werden: Es soll unter anderem Angebote für Erstfinanzierungen geben, und es sollen Kontakte zu Investoren und möglichen Kunden aus der Region vermittelt und durch Verbindungen zu Hochschulen Mitarbeiter gewonnen werden. Die Mühe scheint sich zu lohnen. Der Start-up-Monitor 2015 weist die Region „Rhein-Ruhr“ mit 109 Unternehmen als drittwichtigsten Gründerstandort Deutschlands nach München (122) und Berlin (330) aus, was beeindruckender aussieht als es ist: Die Region Rhein-Ruhr mit dem Ruhrgebiet, Köln und Düsseldorf zählt fast zehn Millionen Einwohner, Berlin 3,4 Millionen und München eine gute Million. Die Zahl der Gründer ist in NRW also im Verhältnis zur Einwohnerzahl gering, und das trotz einer einzigartigen Hochschuldichte und zahlreichen Unternehmen als potentiellen Kunden.

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Doch das ist nicht das einzige Problem. Die Zahlen selbst sind zweifelhaft. In Deutschland werden Start-ups nicht erfasst, fragt man die Industrie- und Handelskammern, wird man auf den Start-up-Monitor verwiesen, der seine Zahlen durch die Befragung von „Venture Capital­-Investoren, Business Angels, Technologiezentren, Acceleratoren, Inkubatoren, Businessplanwettbewerben, Coworking Spaces, nationalen und regionalen Entrepreneurship-­Vereinigungen sowie persönlichen Netzwerken“ erhält. Diese Zahlen sind dann so spannend, dass sich Bundeswirtschaftsminister Gabriel im Vorwort zum Start-up-Monitor 2015 zu der Behauptung hinreißen lässt: „Gleichzeitig bauen Start-ups ihre Funktion als Jobmotoren aus: Sie schaffen durchschnittlich 17,6 Arbeitsplätze (inkl. Gründer und Gründerinnen) in 2,8 Jahren nach der Unternehmensgründung.“ Der IHK-Gründerreport beurteilt die Start-up-Szene weniger euphorisch. „Neues unternehmerisches Potenzial konnten wir in Deutschland in den letzten Jahren kaum erschließen“, sagt DIHK-Präsident Eric Schweitzer. „Das Segment der vielversprechenden wissensintensiven Start-ups ist zu klein, als dass hieraus eine Trendwende auf breiter Front entstehen könnte.“

Berlin ist auch Start-up-Hauptstadt

Ein Blick auf die Seite Angel.co, die weltweit Start-ups listet, zeigt, was Schweitzer meint. Die Start-up-Szene in Deutschland ist eher übersichtlich: 6 Start-ups führt Angel.co für Bochum, 9 für Essen und 12 für Dortmund. In Köln und Düsseldorf sieht es mit 219 und 71 Start-ups zwar deutlich besser aus als im Ruhrgebiet, aber im Vergleich zu 1930 Start-ups in Berlin, ist alles was in NRW passiert kaum mehr als ein netter Kindergeburtstag, bei dem die Kleinen Unternehmer spielen.

Das sieht auch Melikshah Ünver so. Zusammen mit seinen Brüdern und einem Freund leitet er das Unternehmen StartupCVs, das jungen Technologieunternehmen dabei hilft, Mitarbeiter zu finden. „Berlin ist für Start-ups die einzige wichtige Stadt in Deutschland, auch wenn es international ein Zwerg ist.“ 2.000 Start-ups in Berlin sind im Verhältnis zu 27.000 im Silicon Valley oder 16.876 in New York überschaubar. „Aber Berlin wächst, hier gibt es das, was in allen anderen deutschen Städten fehlt: Ein Ökosystem für Technologieunternehmen.“ Zu dem gehören Zalando, Soundcloud und Delivery Hero mit der Marke lieferheld.de. „Gute Programmierer finden hier nicht nur einen Job, das finden sie in jeder Stadt. In Berlin können sie den Arbeitgeber wechseln, können sie schnell neue Jobs finden, ihr Marktwert steigt. Das zieht sie an, und das bietet keine andere Stadt. Wer als Techie spannende Aufgaben sucht und gut verdienen will, muss in Deutschland nach Berlin gehen.“ Und viele tun das – auch aus dem Ausland zieht Berlin die gesuchten Fachkräfte an, sagt Ünver und räumt ein, dass es bislang erst ein wirklich großes und erfolgreiches Start-up gab: „Zalando hat es geschafft, das war der bislang größte Erfolg eines Unternehmens aus Berlin. Aber bei den vielen Unternehmen, die wir hier haben, können andere folgen.“

Chancen werde nicht genutzt

Ünver glaubt nicht, dass eine weitere Stadt in Deutschland an den Berliner Erfolg anknüpfen kann, und hält das auch nicht  für ein vernünftiges Ziel: „Es macht Sinn, wenn sich in Deutschland die Start-up-Szene auf Berlin konzentriert, weil nur hier die Chance besteht, ein Tech-Öko-System aufzubauen, das international erfolgreich sein kann.“ Städte wie Köln oder Düsseldorf hätten da keine Chance. Aber keine Regel ohne Ausnahme: „Wenn sich eine Region auf ein Thema konzentriert, in dem sie einen natürlichen Vorteil hat, kann sie sich mittel- und langfristig in diesem Themengebiete auch international etablieren. Wenn allein schon zwei bis drei wenige Faktoren zusammenspielen, kann das ein Wettbewerbsvorteil für die Region sein. Beispiel: ein international anerkanntes Unternehmen im Bereich IT-Sicherheit trifft auf einen Lehrstuhl, der ebenfalls eine gute Reputation genießt. Wenn dann noch die Politik etwas nach hilft, ist man schon einen großen Schritt weiter.“ Aber dafür muss man dann auch Ressourcen in die Hand nehmen. Sollte zum Beispiel der Arbeitgeber da sein, der Lehrstuhl oder der anerkannte Professor hierfür aber fehlen, muss man diese Fachkompetenz eben in die Region ziehen.

IT-Sicherheit ist nur ein Beispiel, laut Melikshah Ünver wäre auch das „Internet of Thing“ ein gutes Beispiel. Deutschland habe in der Phase der Industrialisierung eine führende Rolle gespielt, sei noch immer führend in vielen Bereichen des Ingenieurwesens. Für Ünver könnte das dem Land in die Hände spielen: „Wir haben das Engineering-Know-How, wir müssen nun die richtigen Anwendungen rechtzeitig erkennen und entsprechend Lösungen entwickeln, um vom rapiden Trend zur Vernetzung von Geräten und Maschinen zu profitieren.“ Chancen würden sich auch für Standorte im Ruhrgebiet auftun. Mit dem Görtz Institut für IT-Sicherheit verfügt etwa Bochum über ein anerkanntes Forschungsinstitut, mit G-Data über ein erfolgreiches mittelständisches Unternehmen aus dem Bereich IT-Sicherheit und mit escrypt aus Bochum und secunet in Essen über erfolgreiche Start-ups im Umfeld. Doch eine klare Fokussierung auf das Thema findet bislang nicht statt. „Spitz muss man es machen“, sagt Melikshah Ünver, fokussiert – doch noch fehlt es hierzulande an Zuspitzungen.