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Kind im Brunnen

Kind im Brunnen

„Kein Kind zurücklassen!“ ist das Prestigeobjekt von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und Co. Doch wie läuft es für Kinder in NRW, die vom Jugendamt betreut werden? Ist es in fünf Jahren rot-grüner Regierung besser geworden? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Der Auftakt (I)

von Christoph Schurian

Seit vielen Wochen habe ich mich mit einem Thema beschäftigt: Wie läuft es mit Kindern und Jugendlichen in NRW, die vom Jugendamt betreut werden. Ist es besser geworden, seit die Landesregierung sagt: „Kein Kind zurücklassen!“ Was hat sich verändert? Ich habe Konferenzen besucht, Reden gehört, Akten gewälzt, Statistiken durchforstet. Ich habe mich mit vielen Menschen getroffen. Einige haben offen mit mir geredet, andere wollten lieber anonym bleiben oder gar nichts sagen. Mitten im Wahlkampf ist das Thema ein Politikum. Nicht wenige haben zu mir gesagt, bringt das doch erst nach den NRW-Wahlen heraus. Aber das war keine Option. Wir müssen über die Bilanz von „Kein Kind zurücklassen!“, über die Jugendhilfe jetzt sprechen. Deshalb habe ich mich auf den Weg gemacht. Es ist eine Recherche mit offenen Enden, keine Abrechnung. Dazu ist das Thema viel zu wichtig. Und zu ernst.

Sozialer Brennpunkt Familie

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Unser Buch zur Serie „Kind im Brunnen“ kann in unserem Shop bestellt werden.

Aus seinem Büro blickt Werner Fiedler auf einen Spielplatz aus Holz und Stein. Im Zentrum der Anlage ist die Skulptur eines Kindes in Windeln, aus denen Wasser quillt, das in eine Rinne zum Planschen fließt. Nebenan sieht er die Fenster der kleinen Büros der Sozialarbeiter. Das Jugendamt Gladbeck erstreckt sich auf vier Etagen, es ist die größte Einrichtung in der Stadtverwaltung. Fiedler winkt zwei jungen Frauen, Kolleginnen, die unterwegs sind zu einem Fall. Meldungen auf Kindeswohlgefährdung, Inobhutnahmen, Heimunterbringung – Arbeit am härtesten aller sozialen Brennpunkte, den Familien. Seit Anfang der 1990er Jahre haben sich die Fälle, um die sich das Jugendamt kümmert, verdreifacht. In Nordrhein-Westfalen von 97.000 auf 270.000. Acht Prozent der Kinder und Jugendlichen sind betroffen, die Ausgaben haben sich seit 1998 auf das Vierfache erhöht. Mehr als zwei Milliarden werden in NRW für Erziehungsberatung und die Hilfen zur Erziehung ausgegeben.

Wie das Wasser aus der Babywindel auf dem Spielplatz laufen die Kosten der Jugendhilfe weg. Ohne dass irgendetwas besser wird. Oder besser werden kann. Man muss die Windel wechseln. Dringend.

Ein erfolgreicher Slogan

Seit 2012 gibt es in Nordrhein-Westfalen das Projekt „Kein Kind zurücklassen. Kommunen in NRW beugen vor“. Es ist das wichtigste Projekt, das so genannte Leitprojekt von Landesregierung und Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD). Daran will sie sich messen lassen, das ist ihr Anspruch.

Der Slogan jedenfalls ist ein Erfolg. Er ist in aller Munde, auf der Homepage der Ministerpräsidentin, auf SPD-Wahlkampfseiten. Er wird zitiert vom Kanzlerkandidaten Martin Schulz: „Kein Kind zurücklassen“ verkörpere das Lebensgefühl in Nordrhein-Westfalens. Schon Ernest Hemingway habe geschrieben, wie es ist, jemanden zurückzulassen: „Es ist, als ob ein Stück Küste abbreche.“

Das Problem: „Kein Kind zurücklassen!“ ist nicht nur ein guter Wahlkampfspruch. Es ist ein Programm mit anfangs 18 Modellkommunen, in einer zweiten Phase sind es jetzt 40 Gemeinden und Kreise im Bundesland. Und es ist ein nobles Versprechen, keine Kinder zurückzulassen. Etwas zu verbessern. Allen Kindern eine Chance zu geben. Aber stimmt das? Werden wirklich weniger Kinder zurückgelassen? Hat sich etwas geändert, für die Kinder aus armen Familien, mit geringer Bildung, kaum Deutschkenntnissen? Werner Fiedler sagt: Nein, der lobenswerte Ansatz der Landesregierung wurde zum „Schaulaufen“.

Es fehlt politischer Wille

Werner Fiedler gab den Impuls zu dieser Recherche, es ist auch seine Geschichte. Gerade ist er Rentner geworden. Nach vierzig Jahren Sozialarbeit. Er zieht ein bitteres Fazit – trotz „kein Kind zurücklassen“. Viele Jugendämter seien überfordert und desorganisiert, die Ergebnisse der Arbeit mit abgehängten, schwierigen Kids desaströs.

Ich habe es nicht glauben können: Mehr als 40 Prozent aller Hilfsmaßnahmen werden ergebnislos abgebrochen. Bei Heimunterbringung und bei Pflegefamilien scheitern sogar mehr als 50 Prozent.

Fiedler sagt: Es fehlt nicht an Geld, nicht an Personal, aber es fehlt an politischem Willen in vielen Rathäusern. Und der Landesregierung in Düsseldorf fehle es an politischer Kraft in die Kommunen wirksam hinein zu regieren, in den Jugendämtern etwas zu verändern. Also würden die oft hochengagierten Fachkräfte ausgebremst, statt um die Interessen der Kinder gehe es um die von Bürgermeistern, Ortsvereinsfürsten oder Dezernenten.

Ich habe lange Gespräche geführt mit Werner Fiedler. Wir waren zusammen in Gladbeck, Dormagen, Dortmund. Ich habe die AWO besucht, den Deutschen Jugendhilfetag, Wahlkampfveranstaltungen. Und ich war bei geheimen Treffen mit Unternehmern, Wissenschaftlern, Machern. Hier beginnt meine Geschichte.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

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Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Fiedlers Traum

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute das Finale: Fiedlers Traum (XII)

von Christoph Schurian

An einem seiner letzten Arbeitstage habe ich Werner Fiedler in seinem Eckbüro besucht. An den Fenstern ein ausladender Ficus, der ihn in den Jahrzehnten im Jugendamt begleitet hat. „Der war noch größer“, sagt Fiedler, ein Kollege aus dem Grünflächenamt habe den gepflegt und zurückgeschnitten.  Auf dem Besprechungstisch steht eine Schale mit Sand und Steinen aus Island und Namibia. Sehnsuchtsorte auch auf dem Wandkalender mit Fotos von Yachten unter vollen Segeln.

Er wäre gerne nach New York gesegelt und dann ins Museum of Modern Art. Ist ein Traum geblieben. An der Wand eine Filzstiftzeichnung aus städtischem Besitz. 1977 malte Salvador Dali drei Blätter zur Kohle fürs Bochumer Bergbaumuseum. Hinten zwei Dinosaurier mit Urpflanzen, vorne wärmt sich ein schwarzer Schattenmann an einem Bollerofen. Auf eine surreale Szenerie sieht man auch aus Fiedlers Büro.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Vor zwei Jahren wurde der Wasserspielplatz eröffnet mit dem Kinderbuddha in der Mitte und den nässenden Windeln. Ein Kind im Brunnen, wortwörtlich. Im Sommer planschen hier die Kinder und kreischen. Fiedler war zuletzt unter anderem zuständig für Jugendförderung. Die städtische Spielraumleitplanung, auch die Neugestaltung am Neuen Rathaus gehörte mit zu seinen Aufgaben. Es sind Skulpturen in hellen Sandfarben, Felsen mit Urzeitkrebsen, ein Matschkrater und eine Klippe, auf dem ein windschiefes Holzhaus steht mit notdürftig geflicktem Dach, darunter eine dunkle Höhle, Märchenland im Rathauspark.

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Unser Buch zur Serie „Kind im Brunnen“ kann in unserem Shop bestellt werden.

Das Kind mit den vollen Hosen, das klapprige Haus auf der Klippe, das undichte Dach. Der Spielplatz am Jugendamt wirkt wie ein Märchenspiegel, eine Pointe in Richtung Rathaus, dessen Mitarbeiter auf den kuriosen Spielpatz schauen müssen und die lärmenden Kinder im Sommer.

Von Schicksalen traumatisiert

Fiedler ist groß und stark, man sieht ihm das Rentenalter nicht an. Treppen kann er nicht mehr gut steigen, die Knie sind kaputt, das Herz auch nicht mehr ganz gesund. Der Job hat ihn zermürbt. „Heute weiß ich, ich bin traumatisiert“, sagt der Sozialpädagoge. Die Jahre im Allgemeinen Sozialen Dienst hätten ihn geschafft, die Erfahrungen mit abgehängten, mit misshandelten Kindern.

Ausrücken zum Familieneinsatz: Ein türkischer Vater, der seinen Söhnen mit der Eisenstange „dermaßen auf den Schädel wichste, bis die Haut aufplatzt“ – er ist später an einem Hirntumor gestorben. Kinder in der Obdachlosensiedlung, der Familienvater kaufte sich ein dickes Auto, ein CB-Funkgerät, er müsse ja immer erreichbar sein, falls sich ein Arbeitgeber bei ihm melde. Seine Frau und Kinder hatte er zuhause eingeschlossen, fast verhungern lassen. Familien, die sich von trockenem Blechkuchen vom Vortag ernährten. Familien, in denen jeder mit jedem Sex hatte. Jugendliche, die sich am ganzen Körper ritzten und doch keine Aufnahme fanden in einer psychiatrischen Klinik.

„Um uns hat sich damals niemand gekümmert“, sagt Fiedler – „auch wir selbst nicht.“ Es habe keine Supervision gegeben, keine kollegiale Beratung. Aber die Erfahrungen motivierten ihn, es besser zu machen.

Jahre des Aufbruchs in Gladbeck

Seit den 1980er Jahren wehte in Gladbeck ein Aufbruchsgeist; es war wie später in Dormagen. Im Jugendamt haben sie sich früh mit dem Thema Gewalt in der Familie befasst, aber auch mit „interner Qualitätsentwicklung“. Sie haben das Fach- und Finanzcontrolling eingeführt, um das nicht „einem Sozialarbeiter allein zu überlassen“. Und sie haben sich an der „Entsäulung“ versucht. Das ist zwar ziemliches Jugendamtsdeutsch, aber eben auch ziemlich entscheidend für Jugendarbeit in einer Kommune.

Säulen sind die Arbeitsfelder des Jugendamtes wie Allgemeiner Sozialer Dienst, Kindertagesstätten oder offene Jugendarbeit. Säulen ragen aber auch außerhalb auf: Freie Träger, Schulwesen, Gesundheitswesen. Und alle Säulen zusammen sind für Kinder und Jugendliche zuständig, oft ohne vernünftig zu kooperieren. „Wir haben den Schulen signalisiert, wir brauchen euch!“ Die neue Arbeit in Gladbeck, der Präventionsverbund wurde vom Landesjugendamt unterstützt. Und es hat sich sogar rentiert.

Fiedler erinnert sich, wie die Kosten für die Hilfen zur Erziehung in den Milleniumsjahren stagnierten. „Wir haben damals mit Qualität gesteuert“ – auch durch standardisierte Verfahren, mit eigenen Handbüchern, mit Schrittfolgen. Ohne eine kollegiale Beratung wurden beispielsweise „Hilfen zur Erziehung“ gar nicht mehr bewilligt. Die Zahlen sind nicht schwer zu lesen: Von 2000 bis 2003 blieben die Kosten und Fallzahlen bei Heimkindern relativ gleich, ebenso bei den Hilfen zur Erziehung, die von 4 Millionen auf 4,9 Millionen stiegen. Ab 2005 lesen sich die Bilanzen völlig anders – 2016 sind es statt 400 mehr als 800 Kinder und Jugendliche, die in den Hilfen zur Erziehung gezählt werden, Kostenpunkt 14,8 Millionen Euro.

Bürgermeister beendete das Konzept

„Wir waren damals eines von wenigen Jugendämtern, das die Kosten im Griff hatte“, meint Fiedler und ist immer noch stolz auf die Ergebnisse. Auch wenn sie mehr als zehn Berufsjahre zurückliegen. Und was ist danach geschehen? In einem Wort: Kommunalpolitik. „Der neue Bürgermeister hat die bestehenden Strukturen zerschlagen.“ Die Leitung des Jugendamtes wurde neu besetzt, der neue Amtsleiter verfolgte ein anderes Konzept. Das über Jahre geknüpfte Präventionsnetzwerk zwischen den Säulen der Gladbecker Jugendhilfe wurde nicht fortgeschrieben und durch ein „Bündnis für Familie“ ersetzt. Die Kompetenzen der bisherigen Leitungsebene waren nicht mehr gefragt.

Als Gladbeck 2012 eine der Modellkommunen im Landesprogramm „Kein Kind zurücklassen! Kommunen beugen vor“ wurde, schöpfte Fiedler neue Hoffnung, an die Arbeit vor 2005 anknüpfen zu können. Er wurde zu einem der Programmkoordinatoren der Stadt und freute sich auf den „offenen kritischen Dialog“, den er bei Amtsleitung und Bürgermeister seit 2005 vermisste.

Man kann Fiedlers Handschrift noch heute erkennen; nicht in Gladbeck, aber auf der offiziellen Internetpräsenz vom „KeKiz“-Landesprogramm. Dort wird die Gladbecker Präventionsarbeit seit 2000 – und nicht erst seit 2005 – erwähnt und eine realitätsnahe Ausgangslage in der Stadt skizziert: „In Gladbeck gelten 42% der Familien als arm bzw. armutsnah. Es gibt außerdem überdurchschnittlich viele gescheiterte kindliche Biografien und seit Jahren steigende Kosten der Hilfen zur Erziehung (…) Es existiert inzwischen eine vielseitige Maßnahmelandschaft, jedoch noch keine gesamtstädtische Vorbeugestrategie.“ Nach nur einem Jahr in Sachen KeKiz stellte sich die Stadt 2013 inhaltlich und personell neu auf. Abteilungsleiter Fiedler rückte wieder ins Glied zurück.

Krafts Leitprojekt, ein Schaulaufen?

Durch die „Re-Organisation“ wurden die „ursprünglichen Zielstellungen zurückgestellt“. Statt sich eingehend mit Jugendamtsarbeit, mit Case-Management und den Sozialräumen zu befassen – und dabei nicht den „Logiken der Institutionen“ zu folgen, wie es Fiedler listig formulierte – rückten genau die Institutionen wieder in den Mittelpunkt. Seit 2014 wurde ein unverfängliches „Präventionsleitbild“ erarbeitet. Angesichts von Rekordjahren, stark steigenden Ausgaben und Fallzahlen in den Erziehungshilfen, angesichts einer Zunahme der von Armut bedrohten Kindern ist es ein maues Ergebnis mit einem aber sehr pathetischen Namen: „Gladbecker Versprechen“.

Fiedler hat gute Gründe beleidigt zu sein. Aber das trifft es nicht. Es ist eine Frage von Gerechtigkeit. Dürfen sich Kommunen, darf sich das Land mit Erfolgen in der Jugendhilfe schmücken, die es, wenn überhaupt, nur in Einzelfällen gibt?!

„Kein Kind zurücklassen!“, das sind für Fiedler „einige Leuchttürme, ein Schaulaufen“. Und ein überschaubares Programm, wenn man sich die mehr als zwei Milliarden betrachtet, die allein in NRW in jedem Jahr in die Erziehungshilfen fließen; und die zigtausend Mitarbeiter der Jugendämter sind gar nicht einberechnet.

„Erstmal müsste man öffentlich feststellen, wir haben große Probleme, wir verlieren immer noch 20 Prozent eines Jahrgangs!“ Stattdessen wird auf politische Kommunikation wie in den USA gesetzt, wo der Slogan „Kein Kind zurücklassen“ ja auch ursprünglich herkommt. Eine zündende Punch-Line – nur nicht für die Kinder, die zurückbleiben. Und die verzweifelt Engagierten in der Jugendhilfe, die Werner Fiedlers.

Fiedler ist und bleibt ein Sozialarbeiter, kein Politiker. Die Lage treibt ihn um. Und große Fragen: „Warum gleicht kein Jugendamt einem anderen? Warum wird das Rad permanent neu erfunden? Warum gibt es keine klaren Vorgaben für die kommunale Jugendhilfe? Warum lässt sich das nicht auf Bundesebene gesetzlich vereinfachen? Und was soll das mit der kommunalen Selbstverwaltung, vor der sogar die Landesregierung zittert?“

Wenn er es entscheiden könnte, würde er ein Standardjugendamt durchsetzen in ganz Deutschland. Sein Traum. Es dürfe kein „Lotteriespiel“ mehr sein, an welche Art von Jugendamt, an welchen Sachbearbeiter man gerate. Dann stehe im Sozialgesetzbuch, wie eine Präventionskette aussehen muss, wie Partizipation und Zusammenarbeit, wie integrierte Jugendhilfe- und Schulentwicklungsplanung. Dann würde zur Arbeit der Jugendämter auch die kontinuierliche Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen gehören. Dann würden Jugendämter nicht mehr zum Spielball von Kommunalpolitik und Ambitionen der Bürgermeister: „Die kommunale Selbstverwaltung ist in hohem Maße verantwortlich für den schlechten Gesamtzustand der Jugendhilfen, dann würde der Bund sagen, wie ein Jugendamt aussehen muss – fertig, bums, aus, Ende.“

***

Ende, aus? Nicht ganz.

Werner Fiedler wird weiter für die Idee eines standardisierten Jugendamts streiten. Kein leichter Weg – in dem gerade novellierten Jugendhilfegesetz ist das kein Thema. Im Gegenteil: Die Jugendhilfe in Deutschland wird auf Jahre bleiben wie sie ist, auch die „Hilfen zur Erziehung“, das hat Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig der Branche versprochen. Die Rechte von Pflegeeltern werden weiter gestärkt.

Richter können den permanenten Verbleib der Kinder in einem neuen Zuhause anordnen, wenn sich die Lage in der „Herkunftsfamilie“ nicht verbessert. Für Ministerin Schwesig ist es „kaum zu ertragen, wenn Pflegekinder zurück in ihre Herkunftsfamilien müssen und dort wiederholt Gewalt erleben, und in manchen Einzelfällen – wir alle kennen die traurigen Geschichten – sogar sterben. Das darf nicht passieren“.

Schwesig selbst hat den Fall eines durch Unterernährung zu Tode gekommenen Kindes hautnah miterlebt, als SPD-Kommunalpolitikerin in Schwerin. Lea-Sophie verhungerte im November 2007 im Haushalt ihrer Eltern, dem Jugendamt gelang es nicht, zu intervenieren. Die Tragödie beeinflusst die Politik von Manuela Schwesig bis heute. Sie machte damals als Kritikerin von Bürgermeister und Jugendamt bundesweit auf sich aufmerksam. Heute ist sie Familienministerin – geprägt, vielleicht sogar traumatisiert von dem Schicksal der kleinen Lea-Sophie.

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Lea-Sophie, Kevin, Jessica – es waren insgesamt drei Fälle aus Norddeutschland. Drei Kinder, die bei ihren Eltern ums Leben gekommen sind; zwischen 2005 und 2007. Die Erfahrungen von damals haben die Jugendhilfe, die Arbeit der Jugendämter enorm verändert.

Damoklesschwert Kindeswohl

In meinen Recherchen bin ich immer wieder auf diese Frage gestoßen: Wie kann man das Kindeswohl wirksam schützen? Aber noch häufiger: Wie kann man sich selbst schützen, als Mitarbeiter eines Freien Trägers, eines Jugendamts, als Institution? Wie ein Damoklesschwert hängt das Kindeswohl über allen Beteiligten. Die massive Ausweitung von Interventionen in Familien, der Boom in den Familienhilfen oder Tagesgruppen, letztlich geht das zurück auf die kindlichen Todesfälle. Und auf die Angst von Ämtern und Politik, das etwas Vergleichbares passiert, dass die Schuldfrage gestellt wird in der Öffentlichkeit.

Und so wird im Zweifelsfall noch eine Maßnahme mehr bewilligt, werden bundesweit immer mehr Kinder im Zweifelsfall aus ihren Familien genommen, und im Zweifelsfall nicht auf Partizipation, auf die Zusammenarbeit zwischen Eltern und Kind und Jugendamt gesetzt, sondern auf den Zugriff.

Welche Folgen das hat, lässt sich bisher nur beziffern: Nach einer beispiellosen Rekordjagd wurden 2016 für Erziehungshilfen bundesweit 10 Milliarden Euro aufgewendet. Die Novelle zum Jugendhilfegesetz aus dem Ministerium von Manuela Schwesig heißt „Gesetz zur Stärkung von Kindern und Jugendlichen“. Zweifel sind angebracht, wer damit wirklich gestärkt wird.

Zweifel angebracht sind auch in Nordrhein-Westfalen, an der Politik von Hannelore Kraft. Ihr Parteivorsitzender Martin Schulz nennt die Sozialdemokratin stolz das „Soziale Gewissen der Republik“, weil sie sagt „Kein Kind zurücklassen!“. Es sind besonders viele Zweifel in NRW. „Kein Kind zurücklassen!“ ist ein Landesprogramm, ein „Leitprojekt“ ohne Einfluss, ohne eine angemessene Ausstattung. Und in der zweiten Phase ohne den mächtigen Partner. Die Bertelsmann-Stiftung, die die Initiative einst mit angestoßen hatte, zieht sich weitgehend zurück. Trotz „Kein Kind zurücklassen!“ bleibt Kinder- und Jugendhilfe weiterhin Sache der Kommunen. Und die fast 170 Jugendämter in NRW lassen sich nicht vorschreiben, wie sie das Thema anzugehen haben. Erst recht nicht durch ein lockeres Diskussions-Netzwerk von mittlerweile 40 Kommunen.

Kommunen machen, was sie wollen

Jede Stadt verfolgt eine eigene Linie. Und vergleichen lassen sie sich auch nicht gern. Zu vielen Kennziffern aus den Städten, Kreisen und Gemeinden liegen keine offiziellen Statistiken vor. Betrachtet man nur die Zahl der „Inobhutnahmen“ von Kindern aus ihren Familien zeigt sich ein erschreckend uneinheitliches Bild: Düsseldorf „greift“ viermal so häufig zu wie Duisburg. Die Stadt Dormagen, die seit Jahrzehnten einen alternativen Jugendhilfeansatz verfolgt, versucht Kinder überhaupt nicht ihren Eltern zu entziehen. Hier werden nicht Fälle gezählt, sondern Stunden, in denen die Kinder aus den Familien genommen werden, um in einer Tagespflege etwa vernünftig ernährt zu werden.

Ärgerlich finde ich die politische Kommunikation hinter „Kein Kind zurücklassen!“. Es klingt wie ein Versprechen, wie ein gutes Gefühl, die kümmern sich, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Und das in Wahlkampfzeiten. Das Programm selbst leistet aber nichts davon, nicht einmal eine wirklich kritische Bestandsaufnahme, wie es bestellt ist, um die Jugendhilfe im Land. Wie die Zahlen der Ausgaben und der betreuten Kinder und Jugendlichen nach oben klettern – und leider auch die Zahlen der abgebrochenen Interventionen: Mehr als 50 Prozent der Heimunterbringungen, mehr als 40 Prozent der ambulanten Hilfen werden vorzeitig abgebrochen. Auch weil Kommunen machen können, was sie wollen, weil ihnen niemand Vorgaben machen kann. Schon mal gar nicht, wie ein Jugendamt auszusehen hat. Werner Fiedler hat wirklich einen lange Weg vor sich.

Mehr sein als nur ein Slogan

Apropos Lea-Sophie. In Nordrhein-Westfalen kamen 2016 zwei Kinder durch Vernachlässigung, Verwahrlosung, Überforderung von Eltern zu Tode. Luca in Viersen und Anakin im Hochsauerlandkreis – gegen eine der betreuenden Sozialarbeiterinnen läuft zur Zeit ein Verfahren. Die Jugendhilfe betreibt nicht nur einen hohen Aufwand mit bescheidenen Ergebnissen. Sie kann trotz der Ausweitung von Erziehungshilfen auch nicht verhindern, dass Kinder zuhause um ihr Leben gebracht werden. Uwe Sandvoss vom Jugendamt Dormagen, die Modellkommune im Land in Sachen Jugendhilfe und Kinderschutz, hat mich schwer beeindruckt. Er ist selbst in Heimen aufgewachsen, hat das in die Arbeit des Jugendamts eingebracht. Und er weiß auch deshalb, es geht immer um Hilfe zur Selbstbestimmung, um die Stärkung von Kindern. Und um Angebote, die die Eltern annehmen können und wollen. „Wir sind eine Demokratie!“ Der Schutz des Kindeswohls ist kein Zwangsmittel des Staates, um tote Kinder zu verhindern, sondern zuallererst ein Recht von jungen Menschen auf Unversehrtheit und Chancengleichheit.

Nach Monaten, in denen ich mich mit dem Thema auseinander gesetzt habe, finde ich, „Kein Kind zurücklassen!“ ist immer noch ein toller Slogan. Es wäre schön, wenn er zu mehr führen würde, zu einer wirklich neuen Politik für Kinder und Jugendliche in Schwierigkeiten.

© Vincent Burmeister

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Flüchtlinge im Jugendamt

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Flüchtlinge im Jugendamt (IX)

von Christoph Schurian

Zwei dunkelhäutige Männer in schwarzen Anzügen stehen vor der Tür und versuchen Ordnung ins Gedränge zu bringen. Im Konferenzraum 002 ist es stickig am ersten sommerwarmen Tag des Jahres. Alle Sitzplätze sind belegt. Zuhörer lehnen und hocken an den Wänden. Weil sich einige noch in den Raum zwängen wollen, bleibt die Tür offen und die Klimaanlage ohne Wirkung, was den Saal weiter aufheizt. Aber das Publikum auf dem deutschen Jugendhilfetag murrt nicht, sie sind ja vom Fach.

Und der Anlass ist zu interessant: Die Ergebnisse einer großen Studie zur Situation von Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen (UMF) in Deutschland werden vorgestellt. Es ist die erste qualitative Evaluation zur Lage der so genannten UMF unter der Betreuung von Jugendämtern. Die Forscher hatten ihre Nase früh im Wind. Als sie 2012 ihr Vorhaben entwickelten, um von 2014 an bis 2017 Daten zu sammeln, ahnten sie nicht, welche Rolle das Thema in der Jugendhilfe bald spielen wird.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Zur Zeit werden von den Jugendämtern in Deutschland rund 62.000 junge Flüchtlinge betreut. Das sind mehr als ein Viertel aller nicht bei ihren Familien untergebrachten Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Die hohe Zahl ist ein Ergebnis der starken Zuwanderung von Flüchtlingen im Jahr 2015. Im Eilverfahren beschloss der Bundestag in den bewegten Wochen noch ein Gesetz: Der staatliche Schutz des Kindeswohls gilt seither genauso für zugewanderte Minderjährige.

Die Jugendlichen können auf das gesamte Bundesgebiet verteilt werden. Vor Ort ist das jeweilige Jugendamt für Betreuung und Unterbringung zuständig, aber auch in Aufenthaltsfragen eingebunden. Häufig übernimmt das Jugendamt die Amtsvormundschaft. Es ist viel neue und zusätzliche Arbeit für die Ämter, Mitarbeiter und freien Träger. Und es sind viele neue Fälle in den Hilfen zur Erziehung. Wieder mal. Der Wachstumskurs in der Jugendhilfe geht weiter. Aber liegt das jetzt wirklich an den Flüchtlingen?

Kosten steigen seit Anfang der 90er

Ob in Duisburg, in Mettmann oder auch in Würselen, die Betreuung der UMF wurde von den Städten als „große Herausforderung“ für die kommunalen Haushalte und den Kostenpunkt „Hilfen zur Erziehung“ (HzE) beschrieben. Der bis in die erste Jahreshälfte 2016 „unverminderte Zuzug“ von UMF habe die stationären Erziehungshilfen in die Höhe schießen lassen. Und wenn die Beratungen der Kommunalhaushalte anstehen, verweisen Kämmerer und Bürgermeister oft auf die geflüchteten Jugendlichen als Grund für steigende Kostentitel.

Doch die Sache hat einen Haken.

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Unser Buch zur Serie „Kind im Brunnen“ kann in unserem Shop bestellt werden.

Für die Begleitforscher und Datensammler der Jugendhilfe ist die Lage gar nicht so eindeutig: „Es ist allerdings darauf hinzuweisen“, schreibt die führende bundesdeutsche Arbeitsstelle für Jugendhilfestatistik von der TU Dortmund in ihrer aktuellen Auswertung, „dass die erneute ungebrochene Zunahme der Ausgaben im Bereich der Hilfen zur Erziehung und sonstigen Einzelfallhilfen nicht ausschließlich auf die neuen Herausforderungen durch unbegleitet eingereiste ausländische Minderjährige zurückzuführen sind.“

Tatsächlich steigen die Aufwendungen für Erziehungshilfen seit Anfang der 1990er Jahre und der Einführung des Jugendhilfegesetzbuchs stetig. Und zwar in den verschiedensten Hilfebereichen von Inobhutnahmen mit Heimunterbringung über die „Eingliederungshilfen für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche“ bis zu den sozialpädagogischen Familienhilfen.

Es ist eine Linie mit nur einer Richtung, lange vor der „Herausforderung“ minderjähriger Flüchtlinge. 2006 gab es bundesweit gerade einmal 900 von ihnen in Obhut der Ämter. Trotzdem war 2006 ein Rekordjahr der Jugend- und Erziehungshilfe. Gefolgt von einem Rekordjahr, von einem Rekordjahr und noch einem Rekordjahr. Bis heute. Die Ausgaben für Erziehungshilfen steigen so sicher wie die Preise für Bahnfahrkarten oder das Bier auf dem Oktoberfest.

Zwischen den Zahlen

Im Rekordjahr 2015, dem jüngsten statistisch ausgewerteten Kalenderjahr, wurden erstmals mehr als 10 Milliarden Euro für die Jugendsozialarbeit ausgegeben für mehr als eine Million Kinder und Jugendliche. Pro Person sind das durchschnittlich 10.000 Euro, eine einfache Rechnung. Schwerer ist es, Jugendhilfestatistiken zu erklären.

Denn natürlich gibt es keine einheitliche Jugendhilfe in Deutschland, die ja vor allem von Kommunen organisiert wird; allein in NRW agieren 163 Jugendämter. Die erhobenen Zahlen sind eher als eine Konstruktion zu verstehen. Sie beschreiben Trends, belegen die Ausgabenspirale. Sie sind aber nur aufsummierte Einzelergebnisse aus Städten und Kreisen, zwischen denen es überdeutliche Abweichungen gibt. Die HzE-Statistik fürs ganze Land und ebenso für ganz NRW zeigt zwar, wie sich die Ausgaben generell entwickeln. Die Wirklichkeit der Erziehungshilfe versteckt sich zwischen den Zahlen.

Die offiziellen Jugendhilfestatistiker der Technischen Universität Dortmund hatten für die Disparität zuletzt harsche Worte übrig. Die Unterschiede in der Bilanz von Hilfen und Kosten zwischen den einzelnen Jugendämtern, könnten auch darauf hinweisen, dass „unterschiedlich professionell und effizient“ gearbeitet werde, schreiben sie in ihren jüngsten Anmerkungen zur Jugendhilfe aus dem März 2017. Es gebe „gravierende und erklärungsbedürftige Unterschiede“ zwischen den Ämtern und vermutlich in jeder Stadt ein „unterschiedliches konzeptionelles Verständnis der Hilfearten“. Sprich: Es werden Äpfel und Birnen verglichen, jeder macht etwas anderes und bei den Hilfen zur Erziehung fehlt ein gemeinsames Konzept in den Jugendämtern. Ein miserables Zeugnis für die Branche.

Beispiele für die Uneinheitlichkeit sind nicht schwer zu finden. Etwa bei Inobhutnahmen, dem schärfsten Mittel des Jugendamtes. Eltern wird die Erziehungsfähigkeit abgesprochen, die Kinder werden „rausgenommen“ und in einer stationären Einrichtung oder bei Pflegeeltern untergebracht. Die Zahlen der Inobhutnahmen differieren nicht nur zwischen den Jugendämtern im Land, sie klaffen meilenweit auseinander.

Mittelwert aus Extremen

In Deutschland verharrt die Globalzahl der Inobhutnahmen seit Jahren auf einem hohen Niveau. Rechnet man die unbegleiteten Flüchtlinge heraus, liegt die Gesamtzahl derzeit bei etwa 35.000 in Deutschland, 2006 waren es 26.000, am Ende der 1990er Jahre aber auch schon mal mehr als 31.000. In Nordrhein-Westfalen wurden für 2015 mehr als 16.000 Inobhutnahmen angezeigt, ohne die jungen Flüchtlinge fällt die landesweite Zahl der Inobhutnahmen sogar leicht gegenüber den Vorjahren. Schaut man sich allerdings die Entwicklung in einzelnen Kommunen an, wird klar: Ein Gesamtbild gibt es nicht.

Zum einen bleiben es natürlich Einzelfälle, individuelle Schicksale, die sich nur schlecht in eine Normalverteilung einzwängen lassen. Andererseits setzt sich der Mittelwert aus lauter Extremwerten zusammen. Und wird damit ungefähr so aussagekräftig wie ein Wetterbericht für ganz Europa: Im kontinentalen Mittel wird es morgen zehn Grad, von Island bis zu den griechischen Inseln.

Die Städte Düsseldorf, Dortmund und Wuppertal haben in den letzten Jahren relativ viermal so viele Kinder in Obhut und aus den Familien genommen wie die Stadt Duisburg, und doppelt so viele wie die Stadt Essen. Die Stadt Bottrop zählt ungefähr doppelt so viele Inobhutnahmen wie Mülheim an der Ruhr. Es sind regional, sozial und wirtschaftlich oft vergleichbare Städte mit den gravierendsten Unterschieden; verwirrende Ergebnisse in einer Hoheitsaufgabe von Jugendämtern.

Erstaunliche Ergebnisse werden auch im überfüllten Raum 002 präsentiert, aus der brandneuen Flüchtlingsstudie. Zu mehr als 1.300 der unbegleiteteten minderjährigen Flüchtlinge haben Sozialpädagogen in Heimen und Wohngemeinschaften vor allem im Süden und Westen Deutschlands regelmäßig detaillierte Erhebungsbogen ausgefüllt. Die „Begeisterung für wissenschaftliche Begleitforschung“ sei in hektischen Zeiten ja bekanntlich besonders ausgeprägt, flachst Michael Macsenaere, einer der ariviertesten Jugendhilfeforscher des Landes zur Freude des Fachpublikums.

Bleiberecht entscheidend für Entwicklung

Dann ist Schluss mit lustig, es geht ans Eingemachte: Drei Viertel der UMF aus der Studie leben in Wohngruppen mit anderen Flüchtlingen, drei Viertel sind zwischen 16 und 17 Jahre alt, sie stammen aus 45 Ländern, jeder Fünfte mit einem ungeklärten Aufenthaltsstatus, 80 Prozent sind zumindest geduldet. Für die Ergebnisse und die Effektivität der Hilfen spiele das Bleiberecht die alles entscheidende Rolle, sagt Macsenaere – und eben „nicht das Alter, nicht das Geschlecht und nicht das Herkunftsland“. Für die Entwicklung der Jugendlichen sei nicht ihr „kultureller Hintergrund“, sondern die Bleibeperspektive entscheidend. Sei die unsicher, machten die Flüchtlinge nicht mit, hätten die Hilfen wenig Sinn, würden die jungen Menschen von den Sozialpädagogen nicht erreicht. Aber das funktioniert auch umgekehrt.

Ist nämlich eine Bleibeperspektive vorhanden, sind die Pädagogen kompetent in Asylverfahren, bleibt der Flüchtling mehr als sechs Monate in der betreuten Wohngruppe, am besten 18 Monate und länger, sind die Ergebnisse der Flüchtlinge „außerordentlich gut“. Mehr als 40 Prozent der UMF sprechen danach fließend deutsch. Die Chancen auf ein gutes Leben in Deutschland werden von den Hauptamtlichen überwiegend als „sehr gut“ beurteilt, obwohl die Jungen und wenigen Mädchen schwer traumatisiert seien: Achtzig Prozent von ihnen geben an, Gewalt erlebt zu haben, vor allem im Krieg und auf der Flucht. Trotzdem fielen die Bewertungen der sozialen Kompetenzen der UMF nach 18 Monaten dreimal, noch einmal: DREIMAL so gut aus wie bei den einheimischen Jugendlichen in den Hilfen.

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Die Studie belegt zwei Dinge: Sie zeigt den Nutzen von Jugendhilfe bei jugendlichen Flüchtlingen, bei offenbar motivierten jungen Menschen trotz Traumaerfahrungen. Und sie zeigt den Nicht-Nutzen von Jugendhilfe bei einer großen Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die nicht erst kürzlich zugewandert ist.

Und das ist leider nichts Neues: Die Abbruchquoten in Heimen und Wohngruppen, auch in Pflegefamilien sind auch im Mittelwert irrwitzig hoch. 2015 gab es in Deutschland 54,8 Prozent gescheiterte Heimunterbringungen. Und nur 45,2 Prozent verliefen, wie es der aufgestellte „Hilfeplan“ vorsah; in Nordrhein-Westfalen sogar nur 41 Prozent. Die Unterbringung von Kindern und Jugendlichen bei Pflegefamilien gelang etwas besser. Aber auch hier werden 46 Prozent, also fast die Hälfte, vorzeitig und ungeplant abgebrochen. Der Grund für die schlechten Ergebnisse? Vermutlich ist es ein ganzes Bündel.

 

Als ich Werner Fiedler das erste mal getroffen habe, sprudelte es gleich im Kaufhaus-Café aus dem ehemaligen Jugendamtler heraus: Jede gescheiterte Hilfe, erst recht jede gescheiterte stationäre Hilfe sei ein neuer „Beziehungsabbruch“, eine tiefe Erschütterung für die Jugendlichen, eine Erfahrung von Fremdbestimmung und dem Gefühl: „Ich kann mein Leben nicht selbst in die Hand nehmen, ich werde gelebt.“

Das will ihm nicht in den Kopf. Es sind für ihn keine Zahlen, keine Fälle, sondern Biografien, Prägungen. Und mit den Gefühlen von schrecklichen Erfahrungen, von Ohnmacht ist es wie beim Energieerhaltungssatz, wie in der Chemie. Nichts verschwindet, Wasser verdunstet in Wolken aus denen Regen fällt, der ins Grundwasser sickert, Bäche füllt, Flüsse, das Meer, Wasser verdunstet … Es gibt auch Kreisläufe des Unglücks.

Im stickigen Raum 002 rätselten die Fachleute noch lange miteinander: Warum ist es mit so vielen einheimischen Kindern und Jugendlichen in den Heimen, in den Erziehungshilfen eigentlich genauso wie mit den jungen Flüchtlingen ohne Bleibeperspektive?

© Vincent Burmeister

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Helikopter-Staat

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Helikopter-Staat (X)

von Christoph Schurian

Politik ist wie die Fahrt auf einer Ausfallstraße in Wahlkampfzeiten. Wir sehen Motive auf uns zukommen und lassen sie hinter uns. „Kein Kind zurücklassen“ stand eben noch bunt auf einem Reklameschild. Dann kommt ein neues.

Der Slogan hat einige Jahre auf dem Buckel und eine interessante Geschichte, sowohl in Deutschland als auch in den USA, wo das Copyright liegen dürfte. Mit „No Child Left Behind“ schaffte George W. Bush 2001 den Einzug ins Weiße Haus. Der Satz mit Pathos, das leicht abgewandelte Zitat von der Front wird dem „Ungedienten“ George W. geholfen haben.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter-Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

„No Man Left Behind“ ist die eiserne Regel der US-Marines: Keiner fällt dem Gegner in die Hände, Verletzte werden rausgeholt. Zur Not mit Hubschrauber, offene Luke, MG-Salven, Männer schweben an Strickleitern über Feindesland. In den USA störte sich offenbar niemand an dem martialischen Kinder-Soldatenspruch. Im Gegenteil. Der „No Child Left Behind Act“, eine Reform des staatlichen Schulwesens in den USA, wurde 2002 in breiter Mehrheit beschlossen. Mit seiner nordrhein-westfälischen Variante, den Präventionsketten in den Kommunen für ein gelingendes Aufwachsen, teilt das US-Gesetz nur den schmissigen Namen.

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Unser Buch zur Serie „Kind im Brunnen“ kann in unserem Shop bestellt werden.

Auf deutsch klingt „Kein Kind zurücklassen!“ weniger nach Camouflage und Dschungelkrieg, sondern nach Wandertag in Zweierreihen. Vorn und hinten wachen die Kindergärtnerinnen über den kleinen Zug in neongelben Warnwesten. Es ist ein Satz wie gemalt für potenzielle sozialdemokratische Wähler; die SPD nennt die seit zehn Jahren die „solidarische Mehrheit“.

Vor Martin Schulz hatte die SPD schon einmal einen Parteivorsitzenden aus dem Rheinland, aus Rheinland-Pfalz. Auch Kurt Beck versuchte den Sozialdemokraten Hoffnung zurückzugeben, diesmal nach der Abwahl von Kanzler Gerhard Schröder, den Protesten gegen die Agenda 2010 und dem Erstarken der Linken. Er war damit nicht sehr erfolgreich. Aber die Verabschiedung eines neuen Grundsatzprogramms fällt in seine Zeit: das „Hamburger Programm“. Es scheint sich um ein Lieblingsbuch von Hannelore Kraft und der Landes-SPD zu handeln.

Der „vorsorgende Sozialstaat“

Im Hamburger Programm wird nicht gespart mit großen Worten. Es gehe um nicht weniger als die „Entscheidungsfrage, ob das noch junge Jahrhundert Frieden und Wohlfahrt“ für alle Menschen bringe, schreibt Kurt Beck im Vorwort. Und weiter: „Mit der solidarischen Mehrheit werde der vorsorgende Sozialstaat entwickelt, der Armut bekämpft, den Menschen gleiche Chancen auf ein selbstbestimmtes Leben eröffnet (…) wir wollen kein Kind zurücklassen.“ Der damalige SPD-Generalsekretär und „Programmdirektor“ Hubertus Heil brachte die Gedanken zu „kein Kind zurücklassen“ und „vorsorgender Sozialstaat“ noch klarer auf den Punkt:

„Der Sozialstaat, den wir bislang kennen, verfolgt zu sehr nachsorgende Ziele. Er wird oft erst richtig aktiv, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist. Er kümmert sich wenig darum, Krankheiten, Arbeitslosigkeit, Bildungsmangel von vornherein zu verhindern. Der vorsorgende und in die Menschen investierende Staat fördert Beschäftigung, setzt auf Gesundheitsprävention und verhindert Armut (…) Wenn wir das tun, dann wird es auch immer weniger Menschen geben, um die wir uns im Nachhinein kümmern müssen, die nämlich durch einen Rost gefallen sind.“

Das Kursbuch von Hannelore Kraft und ihrer Landesregierung wurde also vor mehr als zehn Jahren in der SPD-Parteispitze geschrieben, Wort für Wort. Die vorbeugende beziehungsweise „vorsorgende Politik“ wurde bereits 2007 auf die Agenda nach der „Agenda 2010“ gesetzt. Zusammen übrigens mit einem neuen alten sozialdemokratischen Versprechen, dem „demokratischen Sozialismus“. Im Superwahljahr 2017 erinnert sich die NRW-SPD besonders intensiv ihres Hamburger Grundsatzprogramms und seiner Thesen. Als ob die 79 Seiten etwas reifen mussten.

Das NRW-Wahlprogramm nennt sich „NRW-Plan für die solidarische Mehrheit“. Und wenn sich alle angesprochen fühlen, die für die SPD zur „solidarischen Mehrheit“ gehören – also „Arbeitnehmer“, „Ehrenamtliche“, „Frauen und Männer“, „Familien“, dazu „Wissenschaftler und Existenzgründer“, außerdem „Kulturschaffende“, „Menschen, die Zugang zum Arbeitsmarkt suchen“ und natürlich „Rentner“ – dann ist die Partei wirklich bald wieder das, was sie Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre darstellte. Die strukturelle, äh, solidarische Mehrheit. Mindestens.

Sound of Sozialpolitik

Zurück nach Düsseldorf, zurück zur Rede der Ministerpräsidentin vor der AWO im März, Solidarische unter sich. Hannelore Kraft berichtete von ihren Reisen nach Nordamerika, etwa nach Kalifornien oder in die kanadische Provinz Ontario, über die Frage wie Übergänge zwischen Familie, Kita, Schule und Ausbildung gelingen, wie man keine Talente verliere. Nordrhein-Westfalen setze deshalb auf Talentscouts, auf „Kein Abschluss ohne Anschluss“, den Ausbildungskonsens. Und investiere Milliarden in Kinder, Bildung und Familien.

Man habe sich auf den Weg gemacht mit „langem Atem“. Kraft spricht frei, noch ohne Wahlkampftimbre, weicht vom Manuskript ab. In einem Nebensatz, etwas vernuschelt, fast geht es unter, sagt sie, eigentlich müsse die Präventionskette ja schon bei „No Means No“, bei „Nein heißt Nein“ beginnen. Der neue Sound of Sozialpolitik. Vorbeugen ist besser als heilen. Finde nur ich das gruselig?

Als sich die SPD vor zehn Jahren zum vorsorgenden Sozialstaat bekannte, wurde auf dem Parteitag in Hamburg auch gestritten. Es gab die Angst kritischer Genossen, wer auf Prävention setze, vernachlässige wohlmöglich die Nöte der Menschen, denen es jetzt schlecht gehe, die jetzt auf staatliche Unterstützung angewiesen wären. Könnte sein. Aber mehr als soziale Kahlschläge in der Gegenwart drohte seit Hamburg eine andere Gefahr.

Hannelore Kraft ist – auch wenn sie vom Kanzlerkandidaten Martin Schulz dazu ernannt wurde – nicht das „soziale Gewissen“ der Republik, sondern eine kühl Überzeugte. Sie glaubt an Prävention, langfristig an das Vermeiden von sozialen Reparaturkosten, an den „Return of Invest“ für den Sozialstaat. Fiskalisch ist das eine unsichere Wette auf die Zukunft. Niemand kann vorhersagen, ob sich die Milliarden für Kitas, für Hilfen zur Erziehung, frühe Hilfen wirklich rentieren. Noch ob sie auf Dauer überhaupt bezahlbar sind in schlechteren Zeiten für öffentliche Haushalten. Und außerdem ist es eine Art staatliche Amtsvormundschaft für die Abgehängten und deren (künftige) Kinder.

Vorbeugen besser als heilen?

Wer behauptet, zu wissen, wie durch Prävention wirksam Armut, Bildungsarmut vermieden wird, wie Sucht, Gewalt, Diskriminierung und die Schrecken von Traumata gebannt werden, der müsste das alles schon jetzt beherzigen und daran arbeiten. Müsste schon jetzt ein Jugendhilfesystem aufgebaut haben, das trotz gewaltigem Aufwand von Engagement, Personal und Geld gute, wenigstens bessere Ergebnisse erzielt. Und nicht für hunderttausende Beziehungsabbrüche steht, für Jugendamtskarrieren, für mangelnde Mitwirkungsmöglichkeiten. Das alles ist aber nicht der Fall, sondern häufig das Gegenteil.

Ist vorbeugen wirklich besser als heilen? Es gibt einen ähnlichen Diskurs in der Kriminologie. Manche Forscher meinen, die Polizei könne demnächst bereits einschreiten, bevor eine Tat geschieht, weil es ihr aufgrund von Daten möglich würde, vorherzusagen, wann und wo und durch wen etwas geschieht. Man muss fürchten, die sozialpolitische Umsetzung dieses monströsen Gedankens nennt sich „vorbeugender Sozialstaat“.

Außerdem ist Politik – hoffentlich! – anders. Sie muss Menschen erreichen, sich Diskussionen stellen, dem wandelnden Zeitgeist und Wahlen. Und nach einem Gang an die Urnen, wird eine andere Mehrheit genauso vorbeugen? Oder etwas anderes ausprobieren? Passt Politik „mit langem Atem“ und über eine Legislatur hinaus in die Demokratie der Wahlperioden? Darf man das?

Die Landesregierung ist nicht allein. Sie hat einen einflussreichen Partner an ihrer Seite, der sich Wahlen nicht stellen muss. Die Bertelsmann-Stiftung in Gütersloh hat „Kein Kind zurücklassen! Kommunen beugen vor“ gemeinsam mit der Landesregierung entwickelt und gestartet. Beide Seiten, beide mächtigen Frauen an der Spitze, Brigitte Mohn und Hannelore Kraft, sind überzeugt vom Nutzen präventiver Politik. Aber vielleicht nicht mehr ganz so überzeugt wie zum Start ihrer Initiative im Herbst 2012. Könnte man zumindest denken, wenn man eine Presseerklärung des Familienministeriums aus dem Januar 2017 liest.

Das Leitprojekt ist eine Farce

Eigentlich ist es eine Erfolgsmeldung. „Kein Kind zurücklassen!“ werde ausgeweitet auf 40 Kommunen, auf 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen im Bundesland: „Eines der zentralen Vorhaben der Landesregierung – die vorbeugende Politik – geht damit in die Fläche.“ Interessanter ist es zwischen den Zeilen: „Kein Kind zurücklassen! Kommunen beugen vor“ heißt jetzt „Kein Kind zurücklassen! Für ganz Nordrhein-Westfalen“. Der vorbeugende Effekt der Landesinitiative rückt in den Hintergrund, nachdem sich die Begleitforschung standhaft weigert, die finanziellen Auswirkungen von frühen Hilfen in den Kommunen exakt zu beziffern. Auch bei der Bertelsmann-Stiftung geht es nicht mehr um kommunalen Mehrwert. Im Nachsatz heißt „KeKiz“ hier „Kommunen schaffen Chancen“.

Das einstige Leitprojekt des Landes ist im fünften Jahr zu einem eher unterausgestatten, beim Familienministerium angesiedelten Programm geworden, ein lockeres Netzwerk. Versprochen wird zwar, dass alle „interessierten Kommunen“ bis 2020 Teil der Initiative werden können. Wie erstrebenswert das ist für Gemeinden und Städte angesichts des Finanzvolumens von 2,3 Millionen Euro pro Jahr, ist fraglich: „Jede neue Kommune erhält eine jährliche Förderung in Höhe von 30.000 Euro zur Koordinierung der Präventionsarbeit.“ Das reicht nicht einmal für eine Verwaltungskraft. Angesichts von „200 Milliarden“, die die Landesregierung seit 2010 für Kinder, Familien und Bildung ausgegeben haben will, sind das Brosamen.

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Die Bertelsmann-Stiftung zieht weiter. Finanziert „KeKiz“ nicht mehr mit. Wie man hört, war innerhalb der Stiftung nicht immer völlig klar, was an „KeKiz“ nun Projekt war und was PR (für die Ministerpräsidentin). In den ersten vier Jahren des Programms zeichneten die Gütersloher noch verantwortlich für die wissenschaftliche Begleitung. Jetzt steht in der Januar-Presseerklärung im vorletzten Satz: „Auch die Bertelsmann Stiftung wird beim Thema kommunale Vorbeugung aktiv bleiben und stellt den Kommunen ihr Forschungswissen zur Verfügung.“

Für die FDP im Landtag war das Anlass für eine Kleine Anfrage, welche Aufgaben die Bertelsmann-Stiftung denn in der zweiten Phase von „KeKiz“ übernehme? Die Antwort der Landesregierung:

„Die Bertelsmann Stiftung betreibt Grundlagenforschung zum Thema Prävention für alle Kommunen. Dazu hat die Bertelsmann Stiftung Mittel aus dem Europäischen Sozialfonds für folgende Forschungsvorhaben beantragt: Begleitforschung zur Optimierung kommunaler Verwaltungsstrukturen für präventives Handeln im bundesweiten und europäischen Vergleich, Begleitforschung zur Stärkung der Elternkompetenz, Erhebung steuerungsrelevanter Erkenntnisse auf Basis von Mikrodaten, fiskalische Begleitforschung zu Fallkosten und Falldichte in den Erziehungshilfen, Entwicklung von Qualitätsstandards in den Hilfen zur Erziehung.“

Ein einfaches „keine“ hätte genügt.

Politik ist wie die Fahrt auf einer Ausfallstraße im Wahlkampf. Stand da nicht eben noch „Kein Kind zurücklassen“?

© Vincent Burmeister

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Die Guten

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Die Guten (XI)

von Christoph Schurian

Regierungen kommen und gehen, Jugendämter bleiben. In den kommunalen Einrichtungen können Ziele wirklich mit langem Atem verfolgt werden. Wenn man welche hat. In Dormagen haben sie vor 20 Jahren aus einem großen Ziel viele kleine abgeleitet. Aus Sorge um den Kinderschutz und dem Kampf gegen Kinderarmut entstand ein neuer Arbeitsansatz fürs Jugendamt. Und Dormagen wurde ein Vorbild, eine Modellkommune – zehn Jahre vor „Kein Kind zurücklassen!“.

Man merkt es nicht auf den ersten Blick. Zwischen Neuss und Köln, im Süden kilometerweit Bayerland, im Norden führt vom Bahnhof eine Bundesstraße ins Zentrum. Durch eine Einkaufsschleuse mit Eiscafé über einen kleinen Platz mit Sonnenschirmen und Raucherheizpilzen gelangt man ins „Neue Rathaus“.

Uwe Sandvoss wartet, wir sind eine halbe Stunde zu spät. Er hat die Zeit überbrückt, liest ein Buch zu „Lifelong Learning“, zu lebenslangem Lernen: „Will ich den Kollegen vorstellen.“ Als Sozialarbeiter im Jugendamt hat er gelernt mit Fehlern umzugehen, da können ihn 30 Minuten Verspätung nicht schocken.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Wir sind im Rheinland, Köln ist nicht weit. Ich bin mit Werner Fiedler unterwegs, dem Bottroper Gladbecker, einem nüchtern bedächtigen Charakter. Es ist auch eine Reise der Temperamente. Wir sitzen im gediegenen Sitzungsraum des Bürgermeistertrakts mit blank polierten Kaffeekannen. Fiedler ist ein Riesenfan des Dormagener Modells, für ihn der Beweis, dass es anders geht: „Ich bin ja 40 Jahre in der Jugendhilfe, die Ergebnisse sind außerordentlich verbesserungsfähig, trotz aller Mittel, die wir reingesteckt haben, hat sich die Situation nicht verbessert.“ Sandvoss nimmt den Faden auf: „Ich sehe es nicht so pessimistisch.“ Jede Intervention habe ihre Wirkung, auch jede abgebrochene. Letztlich gehe es um Hilfe, nicht nur zur Selbsthilfe, sondern „zur Selbstbestimmung“.

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Und Sandvoss weiß, wovon er redet.

Seit dem Ende der 1990er Jahre haben sie die Jugendhilfe in Dormagen gegen den Strich gebürstet. Man könnte es präventives Denken nennen, vordenken. Die Stadt hat 60.000 Einwohner in Pendeldistanz nach Köln und Düsseldorf, eine niedrige Arbeitslosenquote, Rheinufer, viel Wald, aber auch Siedlungen mit sozialen Schwierigkeiten, abgehängte Familien und dazu einen Altbürgermeister, der sich den Schutz von Kindern zur Lebensaufgabe gemacht hat. Heinz Hilgers ist seit einem Vierteljahrhundert Präsident des Kinderschutzbundes, in Dormagen wirkte er 16 Jahre als Stadtoberhaupt. Der Jugendhelfer in der Kommunalpolitik ist einer der Schlüssel zum Erfolg in der rheinischen Mittelstadt.

Die Idee setzt sich durch

Ein anderer Schlüssel: Sie haben dort angesetzt, wo der Schuh drückt und nicht nur bei den Symptomen. Es ging um Kinderarmut, die Armut zurückzudrängen, Benachteiligungen zu verhindern, ein besseres soziales Umfeld zu schaffen. Und das so früh wie möglich. Bundesweit wurde Dormagen mit den „Babybegrüßungsbesuchen“ bekannt, die sie seit 2006 bei den allerjüngsten Einwohnern und deren Eltern machen. Sie überreichen dazu ein Paket mit einem  offiziellen „Eltern-Begleitbuch“ und von Sponsoren gestiftete Geschenke vom Rauchmelder bis zum Babypuder.

Gelsenkirchen hatte gleichzeitig eine ähnliche Idee mit Willkommensbesuchen Kontakte herzustellen zwischen Eltern und Jugendamt. Heute gibt es kaum eine Kommune, die die Idee nicht übernommen hat. Kommunen beugen vor. Auch ganz von allein.

Was Dormagen besonders macht: Hier kommt der Bezirkssozialarbeiter. Hier gibt es ihn noch, die Kraft an der Basis. Er wurde nicht eingespart, ersetzt durch die Fallmanager im Allgemeinen Sozialen Dienst, die die Arbeit an die Freien Träger weiterreichen. „Familien brauchen einen direkten Ansprechpartner für alle Themen, nicht zwanzig verschiedene“, sagt Sandvoss. Deshalb hätten sie sich nie aus den Stadtteilen verabschiedet. Im Gesundheitswesen gebe es ja auch den Allgemeinmediziner, nicht nur Spezialisten. Dormagen hat in den letzten 20 Jahren sehr viel anders gemacht.

Es begann mit einer Nabelschau, einer Qualitätsanalyse. Leitwerte wurden entwickelt und jede Aufgabe des Jugendamtes miteinander durchleuchtet von „außerfamilialen Hilfen zur Erziehung im stationären Bereich“ bis zu den „Aufgaben des Adoptionsvermittlungsdienstes“. Am ersten „Dormagener Qualitätskatalog“ wurde mehr als zwei Jahre gearbeitet. Und die Arbeit steht nicht still.

Auch die Politik zieht mit

Von Beginn an waren die Freien Träger und deren Mitarbeiter dabei. Gemeinsam wurden stationäre Hilfen abgebaut, die ambulanten Hilfen zur Erziehung umgebaut. „Der Deckel muss zum Topf passen“, sagt Sandvoss. Auch eine Putzhilfe kann eine Hilfe zur Erziehung darstellen, sogar eine große. Und trotz Flexibilisierung und hohen Qualitäten gelang etwas Erstaunliches: Im städtischen Haushalt fiel die „Preissteigerungsrate“ nur gering aus, wie es Sandvoss nennt. Die Ausgaben für Hilfen zur Erziehung sind im Rahmen geblieben, anders als in den meisten anderen Städten.

„Wir haben im Jugendamt nie auf Case-Manager gesetzt, die Hilfen verteilen, wir setzen auf Unterstützungsmanager.“ Umformulieren, neu denken, Sandvoss macht das gerne, er sieht das Jugendamt als „Beziehungsamt“, warnt davor nur noch arme Kinder in den Blick zu nehmen. „Auch Reiche haben Bedarf.“ Und in Dormagen hatten sie offenbar viel Glück miteinander. Dass Kollegen zusammenfanden, die für intensive Qualitätsdiskussionen bereit waren: „Zufall“, sagt Sandvoss dazu. Auch dass die verschiedenen Bürgermeister, ob von SPD oder CDU, am Kurs festgehalten haben. Irgendwann wären sie aber einfach zu gut gewesen, sagt Sandvoss und lächelt gewinnend.

„Ich habe 50 Jahre Erfahrung in der Jugendhilfe“, sagt er. Schwarzes volles Haar, ein Mitfünfziger, ist in Heimen aufgewachsen. Noch unter Erziehern, die eigentlich Schreiner waren, in Schwesternheimen, die nichts als „Aufbewahrungsanstalten“ darstellten. Er hat die Veränderungen Anfang der 1970er Jahre erlebt, die Pioniere. Die hätten ihm erlaubt, als Jugendlicher die Einrichtung zu verlassen, für ein Jahr aus der Schule herauszugehen. „Heute würdest du für so etwas aus der Jugendhilfe fliegen!“

Demokratische Jugendhilfe

Was Sandvoss als Jugendlicher erlebt hat, prägt ihn bis heute: „Der Druck muss raus“ – aus Gesellschaft, aus Schulen, aus Jugendämtern. Und die Angst, auch vor Fehlern im Jugendamt. Bei Verwahrlosung reiche es meistens, die Kinder tagsüber, acht Stunden lang in einer Einrichtung zu verpflegen, „wo sie sich die Zähne putzen“.

In Dormagen zählen sie nicht mehr die Anzahl der Inobhutnahmen von Kindern, weil es sie kaum noch gibt. Sie zählen die Stunden, in denen sie die Kinder aus den Familien nehmen. Man müsse Angebote machen, die auch die Eltern annehmen können, ohne sich bevormundet zu fühlen.

„Wir sind eine Demokratie“, sagt Sandvoss. Das gelte auch für die Jugendhilfe. Der Schutz des Kindeswohls sei ein Recht der jungen Menschen und kein Mittel des Staates, um familiäre Tragödien, oder sogar tote Kinder zu verhindern. Im Übrigen verzehnfache sich die häusliche Gewalt gegen Kinder nach dem Eintritt ins staatliche Schulwesen. Auch das eine Folge von Leistungsdruck und enttäuschten Erwartungen in den Familien, durch die Schule hole sie gesellschaftliche Wirklichkeit, die Ausgrenzung ein.

Der Dormagener Vordenker möchte versuchen auch hier umzuschwenken: Warum können Schulen nicht Lebensraum für alle werden, warum werden Hausaufgaben nicht mit den Eltern in der Schule gemacht?

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Die kluge Kommune Dormagen macht auch mit beim Landesprogramm „Kein Kind zurücklassen!“, als eine, manche sagen, als die Modellkommune. Sandvoss findet „KeKiz“ gut. Er ist da entspannt, lobt die neu entstandene „Metaebene“ zwischen Land und beteiligten Städten und hat dennoch noch eine lange Wunschliste. Die „Familienzentren“ – sie wurden unter der schwarz-gelben Landesregierung von Jürgen Rüttgers und Familienminister Armin Laschet aufgebaut – müssten stärker werden.

Sandvoss findet die Trennung von Jugendhilfe und Schulwesen sowieso obsolet. Grundschulen sollten zu Familienzentren werden, hier finde die „soziale Inklusion“ statt, auch über Migrationsgrenzen hinweg. Und das Land sollte die Ideen aus den Kommunen auch in die „eigene Struktur aufnehmen“, vor allem im Schulministerium. Bisher wollen sie dort „lieber keine Veränderungen“.

Sandvoss muss zum nächsten Termin, in Dormagen sind Sozialarbeiter gefragte Leute. Wir finden allein hinaus, vorbei an einer Ahnengalerie der ehemaligen Bürgermeister und einer Hochvitrine mit Urkunden, Kupferstichen und Holzwappen. Zwischen der Heimatgeschichte und den Bildern der Stadtoberen steht mitten im Bürgermeistertrakt ein Kicker. Im Zug kratzt sich Fiedler am Bart, „die sind schon etwas optimistischer im Rheinland“.

© Vincent Burmeister

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Unfreie Träger

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Unfreie Träger (VIII)

von Christoph Schurian

Einen der Jugendhilfe-Unternehmer darf ich treffen, er bleibt anonym, ich habe es ihm versprochen. Nach dem Studium wurde B. Sozialarbeiter, hat mit Jugendlichen gearbeitet in städtischen Projekten. Nach etlichen Dienstjahren hat er sich aus dem öffentlichen Dienst verabschiedet, war bei einem freien Träger tätig. Irgendwann hat er eine eigene Firma gestartet, die zunächst mit Honorarkräften arbeitete. Familienhelfern, die das nebenbei machten, Freiberufler, die sich selbst versicherten, nicht „Full-Time“ arbeiten wollten, sondern vielleicht noch Musik, Kunst machen wollten.

Die junge Firma hatte wenig Mitarbeiter, geringe Fixkosten, konnte maximal flexibel reagieren. Je nachdem wie viele Klienten ihnen das Jugendamt zusprach. Sie waren frei. Während es einige der Jugendämter bis heute nicht interessiert, wie sich ein kleiner Anbieter organisiert und wer bei ihm die Hilfen zur Erziehung ausführt, pochten andere eine Stadtgrenze weiter auf strengere Vorschriften: nur noch ausgebildete Sozialpädagogen, Festangestellte. Ein Korsett mit Folgen.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

B. und seine Firma müssen umsetzen, was das Jugendamt als Monopolist verlangt. Meinungsverschiedenheiten mit dem Auftraggeber gefährden das Unternehmen, und zwar einseitig. Besonders für kleinere Sozialdienstleister sind Jugendämter ein komplizierter Auftraggeber. Für sie erscheint die Jugendamtslandschaft an Rhein und Ruhr wie ein Flickenteppich mit wenig Gemeinsamkeiten, auch nicht in den eigentlichen Inhalten der Arbeit, den Hilfekonzepten.

B. berichtet von den Unterschieden zwischen Ämtern, ja selbst innerhalb von Jugendämtern. So würden die Stundensätze für sozialpädagogische Familienhilfen allein im Großraum Ruhrgebiets je nach Stadt zwischen 46 und 76 Euro schwanken. Entscheidend für die Hilfsmaßnahme sind vor Ort der Allgemeine Soziale Dienst (ASD) des Jugendamts und deren Mitarbeiter, die als Case-Manager die Hilfen beauftragen und koordinieren.

Im ASD wirken Entscheider mit disparaten Konzepten, sagt B. – das kann ein ehemaliger Bundeswehrausbilder sein und gleich nebenan eine reformpädagogisch geprägte Frau mit einem Faible für sanftere Konzepte. Wer auf diesem Markt bestehen will, brauche Fingerspitzengefühl und ein gutes Netzwerk. Oder als Organisation eine Größe, die es mit Stadtverwaltungen aufnehmen kann.

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Politische Regieanweisung

Freie Träger haben Wohlfahrtsgeschichte in Deutschland geschrieben. Bevor der Staat sich um die Fürsorge seiner Untertanen sorgte, begannen konfessionell geprägte Vereinigungen die sozialen Verwerfungen durch Industrialisierung und Verstädterung zu lindern. Aus einer Mischung von katholischer Soziallehre und liberalem Gedankengut schälte sich schließlich ein so genanntes „Subsidiaritätsprinzip“ heraus. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde es zu einer politischen Regieanweisung im Reich.

Das Engagement der gemeinnützigen Verbände, wie der zur Massenorganisation ausgewachsene Caritas-Verband, wurde geschützt und gefördert. Statt staatliche Einrichtungen aufzubauen wurde bei Waisenheimen oder Krankenhäusern auf die Angebote der „subsidiären“, sprich: der untergeordneten Verbände zugegriffen. Umgekehrt standen die Sozialverbände als Nicht-Regierungs-Organisationen loyal zum Staat. Die Stabilität des Kaiserreichs bis in den Ersten Weltkrieg hinein beruhte auch auf diesem Korporatismus, und der nicht zuletzt auf wirtschaftlichen Verflechtungen.

In der Weimarer Republik war Subsidiarität ein Grundprinzip einer zerklüfteten Gesellschaft mit einem entsprechend ausufernden Verbandswesen aller Konfessionen und Weltanschauungen. Nach der Gleichschaltung in den Führer-Staat Nazi-Deutschlands ließ die Bundesrepublik das Subsidiaritätsprinzip wieder aufleben. Doch nicht ohne Konflikte. In der Jugendhilfe bauten Kommunen auch auf eigene Angebote, wollten dieses Feld nicht allein den freien Trägern überlassen.

Ein beeindruckendes Comeback erlebte das „Subsidiaritätsprinzip“ dann ab den 1980er Jahren. Das Outsourcing in der Wirtschaft machte es vor. Der Trend ging zur Privatisierung von Staatsbetrieben und von kommunalen Einrichtungen, erst recht nach dem Zusammenbruch des Ostblocks. Unter der christlich-liberalen Bundesregierung wurde „Privat vor Staat“ und auch die Subsidiarität zum Kerngedanken einer neuen Sozialgesetzgebung: Der Staat sollte sich, nicht zuletzt aus fiskalischen Gründen, verschlanken. Das Kinder- und Jugendhilfegesetz, das 1990 in Kraft trat, schreibt vor, die „Hilfen zur Erziehung“ von freien Trägern erfüllen zu lassen.

Und so ringen die riesige Caritas und die kleinen Beraterbüros wie das von B. seither auf einem wachsenden Markt der öffentlichen Mittel. Ein Sparkurs wurde es nicht.

„Die Caritas kann natürlich bessere Tarife machen als wir“, meint B.: Ein großer Verband sei freier in seinen Entscheidungen, unabhängiger von den Jugendämtern. Trotzdem hat sich auch das Unternehmen von B. gut entwickelt, in wenigen Jahren wurde die Millionenmarke im Umsatz übersprungen – mit mehr als einem Dutzend fester Mitarbeiter.

Das übliche Programm

Das Risiko sei sehr groß, die Arbeit mit den problematischen Familien belastend. Was auf der Strecke bleibe, sei die Freiheit in der praktischen Arbeit. „Die ASDler gehen ja nicht raus.“ Nach einer Meldung auf Kindeswohlgefährdung würden zwei Jugendamtsmitarbeiter die Familie begutachten, nach einer kurzen Inaugenscheinnahme würde im Amt entschieden, welche Hilfen angemessen sind, mit welchen Zielen, in welchem Umfang und von welchem Träger.

„Vier Wochenstunden, Laufzeit sechs Monate“ sei das übliche Programm, sagt B. – jede Woche müssten sie dem Amt über den Hilfeverlauf berichten. Schließlich finde ein Hilfeplangespräch aller Beteiligten statt, um über die Fortdauer der Hilfen, andere Interventionen oder das Ende der Maßnahme zu beraten. Zu kurz komme, ob Helfer und Familie miteinander auskommen. Eine Probezeit gebe es nicht.

„Wir machen das intern, sehen die erste Woche als Schnupperphase und beenden die Maßnahme von uns aus, wenn es nicht passt“, sagt B.. Aus Bordmitteln. Umgekehrt führten ökonomische Zwängen zu seltsamen Entwicklungen. Wenn die Stabilisierung in einer Familie schnell gelinge, wenn wieder Rhythmus in den Tagesablauf komme oder das Schulschwänzen aufhörte, „kann das Amt die Hilfe vorzeitig einstellen“. Dann zu Lasten des freien Trägers. Der habe daran natürlich wenig Interesse. Vom Kind aus, von seiner Entwicklung und den Beziehungen zu Eltern, Geschwistern werde wenig gedacht, sagt B. enttäuscht. Das Jugendamt greife zum Mittel der Sozialpädagogischen Familienhilfe nach einem Hinweis auf Kindeswohlgefährdung nicht zuletzt aus Selbstschutz, „die wollen dokumentieren, dass sie etwas getan haben“.

Die andere Seite des Schreibtisches kennt Werner Fiedler, der frisch pensionierte Abteilungsleiter aus Gladbeck. Seit vielen Jahren herrsche unter den freien Trägern eine Art „Goldgräberstimmung“, der Fantasie seien keine Grenzen gesetzt. Die Kommunen bräuchten die Angebote für die ständig steigende Zahl von zu betreuenden Kinder- Jugendlichen und Familien. Und die in Rechnung gestellten Fallkosten würden „nicht selten in astronomische Höhen gehen und das bei häufig ernüchternden Ergebnissen“, meint Fiedler. Allein das Jugendamt Gladbeck beauftrage 150 unterschiedliche freie Träger: „Wer soll die alle kontrollieren?“

Die Hilfen zur Erziehung und ganz allgemein die Kinder- und Jugendhilfe sind auch ein Spielplatz für neue Ideen und Konzepte. Seit 1990 das Jugendhilfegesetz, das Sozialgesetzbuch VIII verabschiedet wurde, hat sich die Palette ausgeweitet. Zu den stationären Hilfen kamen individualpädagogische Ansätze, beispielsweise „Boot-Camps“ oder Daueraufenthalte für Jugendliche im Ausland, um den Jungen und Mädchen in einer fremden Umgebung einen neuen Start zu ermöglichen.

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Neben dem Gebot der Subsidiarität halfen auch haushalterische Taschenspielertricks dem Neuen auf den Weg: Die berechneten Tagessätze für Heimerziehung in kommunalen Einrichtungen beinhalten auch beträchtliche Ausgaben für den kommunalen Verwaltungsapparat in der Jugendhilfe. Laufende Kosten, die nicht verschwinden, auch dann nicht, wenn ein Kinderheim geschlossen wird. „Da werden Äpfel mit Birnen verglichen“, sagt Fiedler. Freie Träger rechneten geschickter, ihr Apparat sei weniger groß. Trotzdem: „Erfahrungen Ende der 1990er Jahre haben mir gezeigt, dass die Kommune Angebote günstiger vorhalten kann, wenn sie selbst Anbieterin ist.“ Doch nicht nur dieses Kind ist längst in den Brunnen gefallen.

In der Messe Düsseldorf, Halle 3, entfaltet sich das ganze Spektrum der Hilfen, Kletterkurse, Kanufreizeiten bis zu Individualmaßnahmen im Urwald Nicaraguas. Besonders viel Fantasie haben die Jugendhelfer aus Bayern mitgebracht. Wie eine Trachtengruppe zeigt sich die viele Dutzend starke Gruppe in Dirndl oder Lederhose. Mit Handzetteln laden die engagierten Sozialarbeiter ein zur „Guerillaparty“ an ihren Messestand. Der ist auch einer größten beim Jugendhilfetag: ein Biergarten mit Biertischen und Brezeln. Die Szenerie ist umstellt von Bauzäunen mit Stacheldraht, lebensgroßen Fotografien von Flüchtenden, darüber auf schwarzem Tuch das Motto der Jugendhilfe Oberbayern: „Uns geht es ja gut.“

© Vincent Burmeister

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: 22 Millionen Chancen

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: 22 Millionen Chancen (VII)

von Christoph Schurian

Alle drei Jahre wird der deutsche Kinder- und Jugendhilfetag veranstaltet. Ende März 2017 versammelt sich die Branche in Düsseldorf zu Kongress und Messe – wenn man das überhaupt so nennen kann. Es treffen sich dort ja fast nur staatliche oder gemeinnützige Organisationen. An den Messeständen des Jugendamtes Neuss, den Stehtischen von Paritätischem, Rotem Kreuz oder der Alevitischen Gemeinde Deutschlands geht es nicht um die neuesten Produktkataloge, Zulieferverträge oder die Unterzeichnung eines „Letter of Intent“ mit einem Investor bei einem Glas Champagner. Um viel Geld geht es trotzdem.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Die Kinder und Jugendhilfe boomt. Die Aufwendungen für Jugendhilfe betrugen im vergangenen Jahr bundesweit mehr als 41 Milliarden Euro. Die Summe hat sich seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Zwei Drittel der Ausgaben werden von den Kommunen aufgebracht, 29 Prozent von den Bundesländern, der erkleckliche Rest kommt vom Bund.

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Mehr als die Hälfte wird in Kitas und Kindergärten gesteckt. Immerhin mehr als zehn Milliarden, und damit rund ein Viertel, entfallen auf Erziehungshilfen, also die vom Jugendamt verantworteten Angebote für Kinder und Jugendliche von der Erziehungsberatung bis zur stationären Heimunterbringung. Die Vorsitzende der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe, die gebürtige Oberhausenerin Karin Böllert, spricht von einem „enormen“ Arbeitsmarkt: „Von der Kita-Erzieherin bis zum Heimerzieher, vom Streetworker bis zum Sozialarbeiter im Jugendklub arbeiten mehr als 760.000 Menschen in der Kinder- und Jugendhilfe – und damit so viele wie in der gesamten deutschen Bauwirtschaft und nahezu so viele wie in der deutschen Automobilindustrie.“ Enorm trifft es.

Markt der Möglichkeiten

Enorm selbstbewußt ist auch das Motto des Jugendhilfetags „22 Millionen Junge Chancen“. Alle in Deutschland lebenden 22 Millionen jungen Menschen unter 27 Jahren sind eine gewaltige Zielgruppe mit Millionen-Chancen für die Jugendhilfemacher. Aber natürlich ist es so nicht gemeint, sondern sozialpädagogischer: Jeder junge Mensch ist eine Chance für die Gesellschaft, jedem einzelnen solle eine Chance gegeben werden. Und die Jugendhilfe will dabei sein – von der Schwangerschaft bis zum Berufsleben, vor allem aber in der Phase zwischen drei und sechs. In diesem Alter besuchen mehr als 90 Prozent der Kinder in Deutschland einen Kindergarten oder eine Kita.

Der Jugendhilfetag ist eine Messe ohne Dresscode, Aktenrollkoffer und After-Shave-Wolken. Ein Markt der Möglichkeiten. Am Stand einer Initiative der Flüchtlingsarbeit werden gemeinsam afrikanische Armbänder geknüpft. Jugendämter – aus Nordrhein-Westfalen stellen sich allein mehr als 20 vor – zeigen einen Medienparcours oder veranstalten Kopfhörerdiskos mit Infoclips. Der Bundesverband für individual- und Erlebnispädagogik wirbt mit dem Satz „wir be-rühren“ für seine intensiven Hilfsmaßnahmen für besonders schwierige Jugendliche im In- und Ausland.

Sarah Wieners Stiftung stellt das Präventionsprojekt „Ich kann kochen“ vor mit einem jungen vollbärtigen Koch-Erzieher. Überall bei den Ausstellern steht ein Teller mit Gummibärchen und Lollis. Die Jüdische Wohlfahrtsorganisation verteilt koschere Erdnussflips aus Israel. Doch der meiste Betrieb herrscht, wo Kaffee ausgeschenkt wird, noch mehr, wo eine italienische Kaffeemaschine zum Einsatz kommt. Es ist eine Jugendmesse für Erwachsene.

Krafts Grundsatzrede

„gemeinsam gesellschaft gerecht gestalten“ lautet die Unterzeile des Branchentreffs, ein Motto zum Unterhaken wie auf dem Kirchentag. In der Düsseldorfer Stadthalle sind es zur feierlichen Eröffnung des Jugendhilfetages lange Wege für die drei Redner entlang einer endlosen Bühne. Aber es wird kein Spießrutenlauf für den Oberbürgermeister, nicht für Hannelore Kraft und erst recht nicht für Familienministerin Manuela Schwesig, alle SPD. Fröhlich wird Thomas Geisel empfangen, als Vater von fünf Töchtern. Sehr laut wird geklatscht für eine Gesetzgebungsinitiative von Nordrhein-Westfalen, die Rechte von Kindern ins Grundgesetz schreiben zu lassen – nach 25 Jahren Diskussion.

Am lautesten fällt der Applaus für Bundesministerin Schwesig aus und ihre „Grundsatzrede“ zu den Perspektiven von Kinderschutz und Jugendhilfe und zur Novelle des Jugendhilfegesetzes: Der Schutz der Kinder wird gestärkt, Kinderärzte sollen mehr mitarbeiten. Bei akuter Kindeswohlgefährdung ist ihnen seit 2012 erlaubt, die Schweigepflicht auszusetzen und das Jugendamt zu informieren. Nun sollen sie erfahren, wie es weitergegangen ist mit dem betroffenen Kind.

Die „rechtlich unsichere Situation“ von Kindern in Pflegefamilien soll verbessert werden durch die Stärkung der Rechte von Pflegeeltern. Schwesig setzt auf „dauerhafte Perspektiven“, damit die Kinder „nicht wieder zurück in das gleiche Martyrium müssen“. Schließlich, und da steigert sich der Beifall, werde auch im neuen Jugendhilfegesetz, das noch in dieser Legislaturperiode verabschiedet werden soll, an den „Hilfen zur Erziehung“ nichts geändert.

Die Geschäftsgrundlage der gesamten Branche bleibt unangetastet, Erleichterung.

Die 106 Paragraphen des achten Sozialgesetzbuches, allen voran die Paragraphen 27 folgende sind so etwas wie eine Parallelwährung für Ämter und gemeinnützige Sozialunternehmen, die so genannten freien Träger. Es sind Dickfische darunter wie der Paritätische, AWO und Caritas. Aber allein in NRW gibt es auch viele hundert kleinere Firmen, die sich auf die Umsetzung von „Hilfen zur Erziehung“, etwa die sozialpädagogische Familienhilfe spezialisiert haben. In den letzten Jahren waren sie alle auf Wachstumskurs. Reden wollen sie über die Arbeit nicht so gern. Das hat gute Gründe. Vor allem die kleineren Marktteilnehmer sind das letzte Glied der Kette, der Präventionskette.

Die Jugendämter brauchen und buchen Dienstleistungen. Aber noch mehr sind diese Sozial-Start-Ups auf die Beauftragungen angewiesen, auf einen guten Draht zu Sozialarbeitern und Entscheidern des Allgemeinen Sozialen Dienstes. Die Kinder- und Jugendhilfe, in den Worten der Vorsitzenden des Jugendhilfetags „die Zukunftsbranche“, ist eine Branche aus vielen Abhängigkeiten und Hierarchien.

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Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Späte Hilfen

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Späte Hilfen (VI)

von Christoph Schurian

Es gibt viele Jasmins, viele Familien Schneider. Werner Fiedler hat dutzende Geschichten im Kopf. Sie lassen ihn nicht los.

Nach seiner Zeit im Jugendzentrum in Ellinghorst wechselte er an einen Schreibtisch im Jugendamt. Fünf Jahre arbeitete der gebürtige Bottroper im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) Gladbeck, dann in der Jugendpflege. Zwischen 1997 und 2005 war er als Abteilungsleiter im Jugendamt der Stadt zuständig für die kommunale Jugendhilfe, außer den Kindergärten. Seit Frühjahr 2017 ist Fiedler Rentner.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Vierzig Berufsjahre haben ihn geprägt, die traurigen Schicksale, aber auch Menschen, die in ein normales Leben gefunden haben. Er kann jetzt die Zeit mit seiner Frau und den Enkeln verbringen, dem Hund, dem Boot in Holland, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Doch Fiedler bleibt Sozialarbeiter. Der Fall ist nicht erledigt. Zu viel läuft falsch in der Jugendhilfe, nicht nur in Gladbeck. Als Rentner will er nicht mehr Rücksicht nehmen, muss niemanden schonen, sich selbst auch nicht.

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Familie Schneider steht für Fiedler exemplarisch für das „Systemversagen der Jugendhilfe“. Das Jugendamt hatte hier eigentlich einen Vorsprung: Die Familie fällt früh auf, der Sohn ist noch ein Kleinkind, die Tochter Jasmin nicht auf der Welt. Auch die Probleme der Familie – Depressionen, Sucht, Verwahrlosung – sind bekannt. Trotzdem wird abgewartet. Ein Familienhelfer kommt nach Jahren hinzu, die Erziehungshilfe startet, als Daniel und Jasmin auf die Schule gehen. Dabei entscheiden die frühen Jahre, über die Fähigkeit zu lernen, sich auszudrücken, sich zu bewegen. Ob Kinder die Regelschule schaffen, eine Ausbildung. Oder ob sie abgehängt werden, geparkt auf einer Förderschule, bis die Schulpflicht abgelaufen ist.

Lehren aus der Hirnforschung

„Wir müssen früh einsteigen, und wir müssen die Familien erhalten und nicht ersetzen“, sagt Fiedler und erinnert an eine Langzeituntersuchung aus England. Neben ihm stapeln sich Aufsätze, Strategiepapiere, Statistiken zu einem Papierturm, einer Gedankenstütze. Frühe Hilfen sind eine Lehre aus der Entwicklungsbiologie, der Hirnforschung – wie und wann sich Kinder einrichten im Leben. Auf der Insel haben sie das dreißig Jahre lang empirisch untersucht. Bis zum sechsten Lebensjahr wirkten Hilfsangebote „außerordentlich gut“ – danach nehme der Einfluss ab, gehe schließlich gegen Null, sagt Fiedler: „Was willst du einem 14-Jährigen noch groß erzählen?!“

Das ist nicht nur in England common sense, auch in Deutschland. Wenn Kinder aus prekären Lebensverhältnissen, aus Elternhäusern mit geringer Schulbildung bereits mit drei Jahren oder jünger in eine Kita gehen, machen sie noch in einem Sportverein mit, sind ihre Entwicklungschancen doppelt so gut. Bei Kindern aus zugewanderten Familien mit geringen Deutschkenntnissen ist der Unterschied noch eindeutiger: Statt 75 Prozent kommen von den frühen Kita-Besuchern nur noch ein Drittel mit mangelhaftem Sprachvermögen auf die Grundschule.

Noch bedenklicher als die späte Hilfe für Jasmin findet Fiedler die Haltung des Fachpersonals. „Die Sozialarbeiter spielen ‚Lieber Gott‘“, sagt er. „Dabei kann es keine Hilfe gegen jemand geben.“ Sie meinen es besser zu wissen als die Betroffenen.

Die Willkür der Ämter

Jasmin soll in der Tagesgruppe bleiben, auch wenn sie nicht will, Jasmin soll fest ins Heim, obwohl die Familie dagegen ist, über ihr Schicksal und die Entmachtung der Eltern wird in einer Sitzung gesprochen, an der das Mädchen nicht teilnimmt. Ein Gutachten zur Überprüfung der Erziehungsfähigkeit der Eltern wird vor Gericht beantragt, ohne Mutter oder Vater darüber vorher zu unterrichten. „Das Ausmaß an Partizipation ist sehr bescheiden“, knurrt Fiedler. Dabei sei Partizipation im Sozialgesetzbuch vorgeschrieben und ein Schlüsselbegriff für die gute Jugendarbeit.

Fiedler spricht offen von „Willkür“ der Jugendämter und Sozialarbeiter des Allgemeinen Sozialen Dienstes (ASD). Diese Willkür ist ein Grund, warum er noch keinen Strich unter sein Arbeitsleben ziehen will, warum seine Bilanz so düster ausfällt.

Fiedler kennt sich in den Niederlanden gut aus. Da stehe das Kind und die Familie wirklich im Vordergrund. Die Gespräche fänden zuhause statt, die Familie entscheide, wer teilnimmt, welche Hilfen sie möchte und welche nicht. Im Zweifelsfall könnten sie die Sozialarbeiter auch außen vor lassen. Fünfzig Jahre nach der Heimkampagne gegen die Fürsorgeknäste wird in Deutschland immer noch nicht auf Augenhöhe mit Menschen umgegangen. Fiedler: „Ich weiß nicht, was das ist? Ein therapeutischer Ansatz? Von einer Stadtverwaltung?“

Es dürften sich dahinter auch die gewachsenen Sorgen um das Wohl von Kindern verbergen. 2008 trat ein neues Bundesgesetz in Kraft, das familiengerichtliche Maßnahmen erleichtert und die Wächterfunktion des Jugendamtes stärkt. Es war eine der vielen Reaktionen nachdem Anfang des Jahrtausends mehrere Kleinkinder trotz Betreuung des Jugendamtes ums Leben kamen, verhungert, zu Tode geprügelt, massiv misshandelt.

Damoklesschwert über Sozialarbeitern

Die tragischen Lebensgeschichten von Jessica oder Kevin führten zu Mordprozessen gegen Elternteile, aber auch zu Fragen an die Jugendämter. Kommunen, Politik und Gesellschaft sind seither in einem Alarmzustand. Im Zweifelsfall kommen alle Maßnahmen der Erziehungshilfe zur Anwendung bis zur Inobhutnahme, zum Entzug des Kindes – um sich im Nachhinein nicht vorwerfen zu lassen, zu wenig getan zu haben. Die Sorge um das Kindeswohl hängt wie ein „Damoklesschwert“ über den handelnden Personen, sagt Fiedler, sagen Kollegen aus anderen Jugendämtern, berichten Sozialarbeiter, die für freie Träger in den Familien arbeiten. Es herrscht eine Mischung aus neuer Achtsamkeit und hastigem Alarmismus.

Welche Auswirkungen die Zunahme von „Hilfen zur Erziehung“ bis zur „Inobhutnahme“ auf die betroffenen Kinder und Familien haben, ist bislang unbekannt. Quantitativ ist das rasante Wachstum in der Jugendhilfe, die Vielzahl von Maßnahmen nicht zu übersehen.

Die auch dadurch zunehmende Ohnmacht von Eltern und Kinder gegenüber den Jugendämtern haben Werner Fiedler „tief erschüttert“. Es ist eine Ohnmacht mit vielen Facetten: Kinder, die bei Adoptiveltern leben, werde trotz Nachfragen vom Jugendamt auf Jahre vorenthalten, wer ihre leiblichen Eltern sind. Sozialarbeiter verhinderten den Kontakt zum leiblichen Elternteil. „Dabei haben Kinder ein Recht auf Eltern, ein Recht auf ihre Wurzeln“, sagt Fiedler. Die Ämter handelten nicht selten nach Gutsherrenart.

Fiedler erinnert sich an einen alleinerziehenden Vater, dem seine Kinder in einer Geheimaktion weggenommen wurden: Das Kleinste wurde um neun Uhr früh in der Kita abgeholt, zeitgleich die anderen Kinder aus der Schule. Lehrer, Kindergärtner seien nicht gefragt worden, es hätte ja durchsickern können. Der Vater sei erst nach dem Zugriff informiert worden, „Gott sei Dank, hat er ruhig reagiert“.

Geht es nur um Selbstschutz?

Natürlich waren es schwierige Lebensumstände, ein Vater, vier Kinder, der „Papa kiffte und soff“, wurde gesehen, als er spät abends angetrunken aus einer Kneipe kam – mit den Kindern. Trotzdem, fragt sich Fiedler, in welcher Maßlosigkeit wird da in Familien hinein regiert?! Geht es wirklich ums Kindeswohl oder um den Selbstschutz von Sozialarbeitern, Jugendamt und Stadtspitzen?

Überforderte Eltern, suchtkranke Eltern, selbst Eltern, die ihre Kinder schlagen, bleiben Eltern, sagt Werner Fiedler. Trotz Vernachlässigung, trotz Gewalterfahrungen würden fast alle den Wunsch haben, ihre Eltern regelmäßig zu sehen, auch wenn sie ihnen Böses angetan haben. „Das zu ermöglichen, ist Partizipation – es muss einen Beteiligungsprozess geben“, meint Fiedler. Familien werden zu wenig befähigt, Entscheidungen über ihre Zukunft selbst zu treffen.

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Immer schneller werde das Familiengericht angerufen, ob bei Familie Schneider oder im Fall der „Familie A“. Auch sie haben eine Familiengeschichte mit Problemlagen, Sucht, Gewalt. Auch die Eltern A. wurden ins Rathaus zitiert, wo ihnen erklärt wurde, „dass sie nicht in der Lage sind, ihren Kindern gerecht zu werden“. Vor Gericht bat der Sozialarbeiter vom Allgemeinen Sozialen Dienst um den Entzug der elterlichen Sorge. Der Richter beauftragt – wie bei den Schneiders – einen Gutachter, der die Erziehungsfähigkeit beurteilen soll. Für Fiedler taugt das nur selten etwas.

„Mindestens die Hälfte der Gutachten sind das Papier nicht wert, auf dem sie stehen“, sagt er. Es gebe keine verbindlichen, einheitlichen Kriterien, die Aufträge sind mit bis zu 30.000 Euro pro Prüfung sehr lukrativ und zumeist werden die Entscheidungen des Familiengerichts und des Jugendamtes legitimiert. „Die Erziehungsunfähigkeit wird in der Regel bestätigt“, weiß Fiedler. Das liege auch an oberflächlichen Recherchen.

Die Gutachter bezögen sich vor allem auf die vom Jugendamt geführten Akten, danach führen sie einige Gespräche mit Eltern und Kindern, seltener mit Dritten. Trotzdem werde den Gutachten eine „enorme Bedeutung“ zugesprochen, auch von den Eltern: Die sehen den erfahrenen Psychologen mit Doktortitel und sind eingeschüchtert, sagt Fiedler – „welche Macht das ist, wie hilflos die Eltern dagegen stehen!“

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Die Akte Jasmin

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Die Akte Jasmin (V)

von Christoph Schurian

„Jasmin Schneider, Band I“ steht auf der Akte. Kein außergewöhnlicher Fall, Realität am Rand der Gesellschaft. Ein Sozialarbeiter des „Allgemeinen Sozialen Dienstes“ bearbeitet bis zu einhundert Akten wie die von Jasmin* (alle Namen geändert). Heftet die Gesprächsprotokolle ab, Beschlüsse, Abrechnungen. Jasmin ist anfangs elf Jahre alt, sie hat einen älteren Bruder, Daniel. Es gibt Vater, Mutter, Sohn und Tochter. Doch die Schneiders sind keine Musterfamilie, sie sind dicht umzingelt von Schulden, Armut, Arbeitslosigkeit, von Krankheiten, Sucht, Verwahrlosung und Missbrauch. Und vom Jugendamt.

Einige Monate vor Jasmins Geburt fiel die Familie dem Amt das erste Mal auf, Anlass war eine Räumungsklage. Die Akte Jasmin beschreibt nach Aktenlage auch die Vorgeschichte der Familie Schneider, die ersten Gespräche mit dem Amt. Themen der ersten „Zusammenarbeit“, wie es das Jugendamt nennt, sind der Zustand der Wohnung, Depressionen der Frau, Beziehungsprobleme, Alkoholkonsum und Spielsucht des Mannes. Es bleiben sehr hartnäckige Begleiter der Familie.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Eine verabredete „Zusammenarbeit“ mit dem Gesundheitsamt scheitert. Die Eheleute waren „nicht zuverlässig“ genug. Zwei Jahre später, Jasmin ist auf der Welt, werden erneut „unzumutbare Zustände“ in der Wohnung festgestellt. Wieder werden auch die Depressionen der Mutter erwähnt. Eine Beraterin der Caritas beschreibt das Verhältnis zwischen Frau Schneider und deren Mutter als schwer belastet. Es sind Problemketten, ohne Anfang und ohne Ende.

Die Wohnung bleibt in einem miserablen Zustand. Der Vater spielt, trinkt, im Rausch wird er gewalttätig. Seine Frau überlegt, sich zu trennen. Auch Jasmin wird jetzt aktenkundig. Sie schluckt als Kleinkind die Schmerztabletten der Mutter und muss in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Nach acht Jahren unsteter, eher zufälliger Beobachtung beschließt das Jugendamt eine erste Hilfsmaßnahme für die Familie, eine „Hilfe zur Erziehung“ (HzE). Ein Familienhelfer der Caritas kommt für einige Stunden in der Woche, bespricht das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern, diskutiert Regeln und Ziele mit der Hausgemeinschaft.

Jasmin macht Sorgen

Mit Hilfe scheint es besser zu gehen. Nach einem Jahr, so das Jugendamt, ist die Familie stabiler, die Eheleute entspannter, der Vater hat das Trinken aufgehört, Daniel geht aufs Gymnasium. Nur Jasmin macht Sorgen, sie verletzt sich, zündelt. Die Familienhilfe wurde beendet. Wenige Monate später eskaliert die Lage. Daniel gibt an, er und Jasmin seien von der Mutter geschlagen worden. Aus Angst bittet er um eine „Inobhutnahme“ durchs Jugendamt. Daniel lebt daraufhin im Haushalt von Verwandten, das Sorgerecht der Eltern für ihn wird ausgesetzt. Bei Jasmin warnt die Klassenlehrerin vor „Verwahrlosungstendenzen“.

Als Mutter Schneider dem Jugendamt berichtet, Jasmins kürzlich verstorbener Großvater habe das Kind sexuell misshandelt, beginnt die eigentliche Akte „Jasmin Schneider, Band I“ mit den ungeübten Unterschriften der Eltern auf einem offiziellen Vordruck.

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Jasmins Personalien stehen oben auf dem Antrag auf „Hilfe zur Erziehung“, darunter zwei Kästchen zum Ankreuzen; „ehelich“ oder „unehelich“. Die Eltern sind aufgeführt, ihr Arbeitgeber – beide Schneiders beziehen Arbeitslosenhilfe. Auf der Rückseite finden sich Informationen des Sozialen Dienstes. Sie klingen wie eine Patienteninformation vor einem besonders komplizierten Eingriff:

„Wir haben Sie über die möglichen Leistungen der Jugendhilfe informiert und Sie auf Rechte und Pflichten hingewiesen. Ihre Mitwirkung ist notwendig bei der Aufstellung und regelmäßigen Überprüfung eines gemeinsamen Planes für die Hilfe, des sog. Hilfeplanes. An der Ausarbeitung dieser Hilfeplanung wird auch das Kind bzw. der Jugendliche seinem Alter entsprechend angemessen beteiligt.

Die Informationen, die wir von Ihnen für die Hilfeleistung benötigen, werden vertraulich behandelt und unterliegen dem Datenschutz.

An den Kosten für die Hilfe müssen sich möglicherweise auch die Eltern bzw. auch das Kind, der Jugendlich und der junge Volljährige beteiligen. Ob und in welchem Umfang Unterhalts- bzw. Kostenbeiträge geleistet werden müssen, wird bei der Antragsberatung bzw. der weiteren Hilfeplanung geklärt. Hierzu benötigen wir Auskünfte über Einkommens- und Vermögensverhältnisse.

Erklärung des Personenberechtigten:

Ich bin eingehend beraten worden und beantrage Jugendhilfe.“

Die soziale Operation Jasmin startet mit einem sogenannten „Hilfeplan“, aufgestellt von Jugendamt, Therapeutin, Familienhelfer, Eltern und Jasmin. Für das Fachpersonal stehen eine Gesprächstherapie der Mutter sowie der Aufenthalt in einer Traumastation für Jasmin im Vordergrund. Familie Schneider selbst ist bescheidener, wünscht sich Hilfen im Alltag und Dinge zu unternehmen, die „Spaß“ machen. Verschiedene Welten.

Hilfen zur Erziehung, Level Zwei

In der Traumaklinik kann Jasmin dann über den Missbrauch durch ihren Opa sprechen. Sie bekommt gezeigt, wie sie mit dem Erlebten umgehen kann, lernt die Geschichte in einem „eigenen Tresor“ zu verschließen. Nach Ansicht der Therapeuten aus der Klinik benötigt das Mädchen neben Schule und Familie weitere tägliche Betreuung. Es sind Hilfen zur Erziehung, Level Zwei; ein Antrag auf Aufnahme in einer Tagesgruppe, wieder Rechtsbelehrungen und wieder zwei unsicher zitternde Unterschriften.

Jasmin wird nach Schulschluss in die Gruppe gebracht, isst dort zu Mittag, macht Hausaufgaben, spielt mit anderen Kindern, bevor es abends nach Hause geht. Außerdem besucht das Mädchen eine Traumagruppe für sexuell misshandelte Mädchen, ihr Vater geht in die begleitende Elterngruppe. Die Veranstalter der Traumagruppe beschreiben Jasmin als Kind aus einer „multi problem family“. Von anderen Mädchen in der Gruppe werde sie als „schrecklich“ empfunden, auch ihr Vater falle durch sein Aussehen „raus“, schreibt der Kinderheim-Träger. Kosten macht er für die unbeliebten Außenseiter dennoch geltend.

Pro Familie sind es 2.400 Euro. Jasmins Aufenthalt in der Tagesgruppe kostet ungefähr 2.000 Euro. Hinzu kommen Sitzungen bei einer Kindertherapeutin. Der finanzielle Aufwand für das traumatisierte Mädchen beträgt also weit mehr als 4.000 Euro im Monat. Die Familienhilfe sollte eigentlich auslaufen, wird aber fortgesetzt, um den Eltern zu helfen, ihr Leben in den Griff zu bekommen. Die Familiendynamik sei zu sehr von „guten Zeiten, schlechten Zeiten“ geprägt, meint das Jugendamt.

Jasmins Bruder Daniel trägt ebenfalls schwer an Erfahrungen von Missbrauch, als Teenager begann er Drogen zu nehmen, zu trinken. Er ist in einem Jugendheim untergebracht und wird auf eine individualpädagogische Maßnahme im Ausland vorbereitet, auch die mit erheblichem Aufwand verbunden. Aus der „multi problem family“ ist in sieben Jahren Beobachtung und zwei Jahren „Zusammenarbeit“ mit dem Jugendamt eine „multi assistance family“ geworden. Die indirekten Hilfeleistungen übersteigen die Zahlungen aus staatlichen Transferleistungen an Familie Schneider um ein Vielfaches, ausgezahlt würden sich die Hilfen zur Erziehung zu einem stattlichen Mittelstandsgehalt summieren.

Jasmins Bruder geht ins Ausland

Die Akte „Jasmin Schneider, Band I“ begleitet drei Jahre, Jahre in denen die Hilfen für das Mädchen im Teenageralter ausgeweitet werden. Bruder Daniel verbringt die Zeit im Ausland in einer individualpädagogischen Maßnahme; falls er seinen Geburtstag zu Hause verbringen möchte, fallen Flugkosten für ihn und Betreuer an. Genauso umgekehrt. Erst der Vater, dann die ganze Familie besuchen den Jugendlichen, müssen von einem ortskundigen Mitarbeiter des freien Trägers begleitet werden. An den Gesprächen zu den Hilfen für Jasmin nimmt immer mehr Fachpersonal teil, immer mehr freie Träger sind beteiligt und mehr Mitarbeiter des Jugendamtes.

Während Jasmin und ihre Eltern irgendwann gerne weniger Unterstützung hätten, bereits mit einer sozialpädagogischen Familienhilfe zufrieden wären, sieht die Expertenrunde der „Professionellen“ das ganz anders. Obwohl die Eltern sich in einem Sozialprojekt engagieren, obwohl Jasmin nicht mehr in der Tagesgruppe sein möchte. Doch das Amt glaubt nicht an die Stabilisierung in der Familie und würde das pubertierende Mädchen am liebsten schnell in einem Heim unterbringen und damit den Eltern zu entziehen. Die Tagesgruppe nach der Schule ist den Begleitpädagogen eine willkommene Vorform der Rundumbetreuung im Jugendheim. Jasmin wird bald in eine Einrichtung eingegliedert, die an ein Kinderheim angeschlossen ist. Und darin bestärkt, in Konfliktfällen in dem Heim auch zu übernachten.

Anlass zur Sorge besteht, natürlich. Jasmin wäscht sich unregelmäßig, trägt schmutzige Kleidung, kratzt sich die Haut auf. Ihre Lehrerin klagt in einem internen Papier ans Jugendamt über katastrophale Hygiene, fehlendes Frühstück, aggressives Sozialverhalten, Lügengeschichten, Unordnung. Jasmins Mutter würde Kontaktversuche abblocken, die Wohnung sei vermutlich in einem desaströsen Zustand wie Jasmins Seele schwarz. Die Dreizehnjährige habe Todeswünsche in Schulhefte notiert.

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Hilfen zur Erziehung, Level Drei

Suizidgedanken, Messie-Haushalt, kein Frühstück – für das Jugendamt sind das Reizsignale. Jasmin wird ermuntert gegen ihren und den Wunsch ihrer Eltern möglichst oft in der Tagesgruppe zu bleiben, auch das Wochenende und die Ferien dort zu verbringen. Praktischerweise rechnet das Heim mit der Stadt für Jasmin bereits einen Vollzeitplatz ab, was die Sozialarbeiterin gegenüber einer Controllerin rechtfertigt. Das vorläufige Ende vom Lied sind für Jasmin dann Hilfen zur Erziehung, Level Drei: die Heimunterbringung.

Es wird kein harmonisches Gespräch gewesen sein zwischen den Mitarbeitern des Jugendamtes, Vertretern der Tagesgruppe, der Klassenlehrerin von der Förderschule und Jasmins Eltern. Jasmin ist mittlerweile 14, doch über ihre Zukunft wird ohne ihr Beisein entschieden. Sie fehlte wegen einer Erkrankung, entschieden wird trotzdem. Das sogenannte „Hilfeplangespräch“ findet ohne den Bedürftigen statt. Und das Ergebnis steht vorher fest: Eine Woche früher hatte das Jugendamt beim Amtsgericht beantragt, Jasmins Eltern das Sorgerecht weitgehend zu entziehen, ein Gutachter solle die Erziehungsfähigkeit der Eltern überprüfen.

Vater Schneider hatte zuvor seine Frau verprügelt. Jasmin hat das nicht direkt mitbekommen. Sie sei besser in der Schule geworden, weniger auffällig, berichtet die Lehrerin. Aber sie habe damit begonnen, Mitschüler anzutatschen, verhalte sich „stark sexualisiert“. Auch zuhause, sagt Jasmins Mutter. Als die Klassenlehrerin die Runde verlassen hat, erfahren die Eltern das weitere Vorgehen vom Jugendamt. Jasmin soll ins Heim, die Eltern zu einem Gutachter, Jasmins „Kindeswohl“ sei gefährdet.

Frau Schneider wehrt sich. „Thematisiert ihren Ärger“, heißt das im Jugendamtsdeutsch, wenn man die Verantwortung über das eigene Kind verliert. Die Mutter kritisiert Jasmins Tagesgruppe, die stationäre Heimunterbringung von Sohn Daniel und sagt, „sie wäre mit einer Heimunterbringung ihrer Tochter niemals einverstanden“.

Laut Protokoll wird der Antrag ans Amtsgericht auf Teilentzug der elterlichen Sorge gestellt. Dabei liegt der in Wahrheit schon seit Tagen vor Gericht. Aber das erfahren die Schneiders nicht. Um 16.15 Uhr endet das Gespräch und das Gesprächsprotokoll mit den Sätzen:

„Das Protokoll ist gemeinsam erarbeitet worden und bildet die Grundlage der weiteren Zusammenarbeit. Sollten binnen 2 Wochen keine Einwände gegen dieses Protokoll erhoben werden, wird es verbindlich.“

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Kommunikationsdesaster mit falschen Zahlen

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Kommunikationsdesaster mit falschen Zahlen (III)

von Christoph Schurian

Hannelore Kraft hatte bei der AWO-Konferenz am Ende noch einmal geworben für „KeKiz“, das jetzt in einer zweiten Phase ausgeweitet werde auf 40 Kommunen – und damit auf 60 Prozent der Kinder und Jugendlichen in NRW. Dennoch brauche man den „langen Atem“, bis man die Ergebnisse der vorbeugenden Politik sehen könne. So vorsichtig haben das die Landesspitze und Hannelore Kraft nicht immer formuliert. Der Sozialforscher Peter Strohmeier kann ein Lied davon singen.

Das heißt, er könnte es. Wenn es der Sozialwissenschaftler nach einigem Hin und Her nicht vorgezogen hätte, seine Aussagen aus einem langen Gespräch nicht freizugeben und die Verwendung zu untersagen. Strohmeier schreibt: „Wie ich mich erinnere, sollte ihr Buch ja kurzfristig noch vor der Landtagswahl erscheinen. In diesem Zusammenhang sehe ich die Gefahr, in einer Weise instrumentalisiert zu werden, die mit meinen Einstellungen und Absichten nicht übereinstimmt.“ Es ist also Druck auf dem Kessel vor den Wahlen Mitte Mai.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Klaus Peter Strohmeier werden wir aber nicht komplett rauslassen können. Das Gespräch kann er nicht ungeschehen machen. Es hat stattgefunden. Wörtlich zitieren wir den Professor aber aus frei zugänglichen Quellen, seine wiederholt und öffentlich geäußerte Kritik an der Landesregierung kann er ebenfalls nicht ungeschehen machen.

Strohmeier ist der emeritierte Leiter des Zentrums für interdisziplinäre Ruhrgebietsforschung an der Ruhr-Universität Bochum und der Experte für den Sozialraum Ruhrgebiet. Er hat ihn vielleicht sogar erfunden. Seit Anfang der 1990er Jahre forscht er zur Lage der Region, etwa zur Auflösung von klassischen Arbeiterfamilien im Ruhrgebiet, zur Verteilung von Armut und von Reichtum im Revier.

Strukturwandel hat nicht nur gute Seiten

Heute gehört die sozialräumliche Analyse, die Beschäftigung mit Segregation sogar zum Lehrstoff für angehende Immobilienmanager. Strohmeier gibt für sie Lehrveranstaltungen an der privaten EBZ-Business School der deutschen Immobilienwirtschaft in Bochum. Aus dem Besprechungsraum sieht man in eine matschige Baugrube, die Business-School baut ein Hörsaalzentrum – die gute Seite des Strukturwandels.

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Unser Buch zur Serie „Kind im Brunnen“ kann in unserem Shop bestellt werden.

Von der schlechten wollte anfangs kaum jemand etwas wissen. Als Nordrhein-Westfalen 50 Jahre alt wurde, 1996, hat Strohmeier mit einem Kollegen einen Text geschrieben in einem Aufsatzband zum Ruhrgebiet. Es wurde ein Plädoyer zum Hinsehen auf eine Region, die durch den Wegfall von hunderttausenden Arbeitsplätzen in der Schwerindustrie von steigender Armut und steigenden Belastungen für die kommunalen Haushalte geprägt ist, von weniger Kindern, aber mehr armen Kindern. Nach einem Vortrag zum „Sozialraum Ruhrgebiet“ hieß es im Umfeld der damaligen NRW-Familienministerin Ilse Brusis (SPD), der Strohmeier rede den Strukturwandel kaputt.

Dabei stammt Strohmeier selbst aus dem Ruhrgebiet, ist stolzes Kind einer Bergmannsfamilie und seit den 1970er Jahren Mitglied der SPD. Die nicht immer harmonische Beziehung zu seiner Partei wurde in den letzten Monaten erneut auf eine Probe gestellt. Der Anlass: Das Landesprogramm „Kein Kind zurücklassen!“.

Richtige Ziele, schlechte Umsetzung

Strohmeier kennt „KeKiz“ wie wenige andere. Schon lange vorher hat er Themen wie kommunales Familienmanagement oder „Audit – familiengerechte Kommune“ auf den Weg gebracht. Grundlage seines Ansatzes sind Zahlen, Daten, Fakten, evidenzbasiertes Arbeiten.

Er war in der ersten Phase zwischen 2012 und 2016 für die Evaluation verantwortlich. Heute steht er immer noch voll hinter KeKiz, findet den Ansatz richtig, die Arbeit mit den Kommunen, die wissenschaftliche Begleitung. KeKiz solle unbedingt auf das ganze Land ausgeweitet werden, sagt er. Die Ziele seien richtig, die Beispiele aus den Kommunen machten Hoffnung. Weniger Lob hat Strohmeier allerdings für die Arbeit der Landesregierung übrig: „Die Bewegung in den Kommunen hat mich beeindruckt, eine kritische Haltung habe ich jedoch zur weitgehend unveränderten Praxis auf der Landesebene.“

„Kein Kind zurücklassen! Kommunen in NRW beugen vor“ startete 2012 mit 18 Kommunen, 18 Prototypen, florierende Großstädte wie Münster, schrumpfende Städte wie Gelsenkirchen, ländliche Zonen wie der Kreis Warendorf. Anders als es der Infinitivsatz nahelegt, geht es bei „Kein Kind zurücklassen“ nicht darum, mit dem Einsatz von sehr viel Fördergeld keine Kinder mehr zurückzulassen. Die Sache ist pädagogischer, nachhaltiger angelegt. In der ersten Projektphase wurden acht Millionen bereitgestellt – hiervon gelangte nur ein geringerer Teil an die Kommunen, der Löwenanteil ging an ISA Münster und die Bertelsmann-Stiftung. In der zweiten Phase sind es sogar nur noch vier Millionen (aber dafür 40 Kommunen).

Erfolge der Landesregierung?

Die Teilnehmergemeinden bekommen Zuschüsse für Koordinationsarbeit und werden Teil eines „Lernnetzwerks“. Unterstützt von Wissenschaftlern und Landesregierung soll gutes Aufwachsen für alle Kinder stärker in den Fokus rücken: Wie möglichst viele Familien mit frühen Hilfen erreicht werden, wie möglichst viele Kinder, möglichst früh die Kita besuchen, wie mehr die Schulübergänge und Abschlüsse schaffen. So genannte „Präventionsketten“ sollen geschmiedet werden. Und das zuallererst zwischen den kommunalen Einrichtungen, die mit den Belangen von Kindern und Jugendlichen zu tun haben. Denn bisher ziehen Jugendamt, Schulamt, Sozialamt, Sportamt, Kulturdezernat, Grünflächenamt und Gesundheitsamt nur selten an einem Strang. Pardon: einer Präventionskette.

Peter Strohmeier befasst sich seit Jahrzehnten mit sozialen Randlagen, mit Kinderarmut und deren Folgen. Dass die mit „KeKiz“ für Ministerpräsidentin, für Staatskanzlei und die gesamte Landesregierung an zentraler Stelle stehen, freut den Sozialforscher. Endlich ist ganz oben angekommen, dass Kinder das höchste Armutsrisiko haben; dass es immer weniger Kinder gibt, aber immer mehr sozial abgehängte Kinder. Doch die Führungsebene in Düsseldorf hat den Professor nach vier Jahren KeKiz nicht nur Freude gemacht. Damit die kommunalen Akteure enger zusammenarbeiten, brauche es starke Bürgermeister, so Strohmeiers Analyse. Querschnittspolitik sei in vielen Ämtern nicht sehr populär, trotzdem gebe es gute Beispiele, gute Bürgermeister, die sich auf den Weg gemacht hätten. Und die Landesregierung?

„Viele Kommunen sind deutlich weiter als die Landesregierung“, so der Wissenschaftler – bei den Kommunen werde ressortübergreifendes Arbeiten gefördert, die Landesregierung selbst habe aber „erhebliche Kooperationsdefizite zwischen den Ressorts“. Widerstände seien nicht überwunden worden. Die beiden grünen Häuser, das Gesundheitsministerium und das Schulministerium, müssten stärker mitmachen. Doch von den beiden wichtigen Häusern hat das Projekt nur wenig Unterstützung erhalten.

Der Zahlen-Eklat

Ein zweites Hindernis für die erfolgreiche Umsetzung von KeKiz ist nicht nur für Strohmeier die Konkurrenz. In Düsseldorf gibt es Parallelprojekte in der Landesregierung mit ähnlichen Themen und Zielen. Das Gesundheitsministerium betreibt „Gesund aufwachsen“, das Bauministerium „Starke Quartiere, starke Menschen“, das Wissenschaftsministerium fördert „Integrierende Stadtpolitik“ und das Arbeitsministerium verantwortet „Kein Abschluss ohne Anschluss“. Und alle diese Projekte sind vom Finanzvolumen weit besser ausgestattet als KeKiz, das so genannte „Leitprojekt“ von Landesregierung und Hannelore Kraft.

Zum Eklat zwischen dem evaluierenden Professor und der Staatskanzlei kam es bereits im September 2016. Auch da ging es um Zahlen. Im Landtags-Ausschuss wurde der Abschlussbericht der ersten Phase von KeKiz vorgestellt. Einer der Berichterstatter war Strohmeier, der die Erfolge in den Kommunen lobte und für das Projekt als Regeleinrichtung warb. Was Strohmeier und die anderen Berichterstatter den Parlamentariern nicht vorlegten, nicht vorlegen konnten und wollten, waren exakte Summen, wie viel durch die neue, vorbeugende Politik denn schon eingespart worden sei. Für die Opposition nahm Marcel Hafke den Ball auf. Der fiskalische Ansatz von „Kein Kind zurücklassen!“ und vorbeugendem Politikansatz sei von Ministerpräsidentin Hannelore Kraft aber stets betont worden, sie habe damit sogar höhere Schulden im Landeshaushalt begründet.

Der FDP-Abgeordnete zitierte dann aus einer Broschüre zu KeKiz, die 2014 von der Staatskanzlei herausgegeben wurde. Darin wurden genaue Ersparnisse genannt: „Seit fünf Jahren keine Inobhutnahmen mehr von Kindern unter 14 Jahren in Arnsberg-Moosfelde. Einspareffekt: 30.000 Euro“. Auch Bielefeld (2,7 Millionen), Gelsenkirchen (130.000 Euro), Oberhausen (500.000), Hamm (100.000) und dem Kreis Warendorf (430.000) wurden als erfolgreiche Sparkommunen aufgeführt. Strohmeier distanzierte sich im Ausschuss sofort und scharf von der Broschüre aus der Staatskanzlei: „Nichts von den Daten ist Teil der wissenschaftlichen Begleitforschung (…) Ich kenne diese Zahlen nicht.“

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Das Kommunikationsdesaster im Landtagsausschuss kann Strohmeier bis heute nicht verstehen: Die Zahlen seien falsch gewesen, schimpft er. Wenn behauptet werde, es würden schon jetzt Millionen eingespart, dann stimme das einfach nicht: „Es gibt genug gute Gründe, in den Nachwuchs und in die Familien im Lande zu investieren, auch wenn sich das erst langfristig rechnen wird und wenn nicht jeder Kämmerer etwas davon merken wird“, so Strohmeier – die Landesregierung müsse sich hier „endlich ‘ehrlich’ machen“.

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

Kinder bedeuten Zukunft. Unterstützung und Chancengleichheit für die nächste Generation entscheiden über den Erfolg eines Landes. Wie ist es um die Jugendhilfe in NRW bestellt – mit der Betreuung durchs Jugendamt? Was hat Krafts Prestigeprojekt „Kein Kind zurücklassen!“ erreicht? Und was muss nach fünf Jahren rot-grüner Regierung kommen? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Aufstieg und Fall der Sozialarbeit (IV)

von Christoph Schurian

Der Auftakt zu „Kein Kind zurücklassen!“ war „der Hammer“, erinnert sich Werner Fiedler. Tausend geladene Gäste. „Feinstes Buffet“ im Colosseum in Essen. Früher waren hier die Mechanischen Werkstätten von Krupp. Jetzt ist daraus eine Musicalbühne in bester Lage geworden, gegenüber vom Einkaufszentrum Limbecker Platz. Zwischen Gastspielen von „Rocky Horror Picture Show“ und „Cinderella“ luden am 9. November 2011 die NRW-Staatskanzlei und ihr Kooperationspartner, die Bertelsmann-Stiftung zum „Kick Off“. Es fühlte sich an wie der Beginn einer neuen Zeit, sagt Fiedler, „angefixt“ sei er von dem neuen Konzept gewesen, keine Kinder zurücklassen, vorbeugende Kommunen.

Die Konzentration auf die Kinder hatte dem Sozialarbeiter aus Gladbeck immer gefehlt und der Fokus auf kommunale Praxis, die besser werden muss, im Netzwerk mit anderen Kommunen, mit Wissenschaftlern und Landespolitik. „Ich habe dort das gehört, was ich schon lange dachte.“ Fiedler hatte große Erwartungen und erlebte große Enttäuschungen, wie so oft in seinem Berufsleben.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Werner Fiedler ist Sozialarbeiter der ersten Stunde und dazu einer wie aus dem Bilderbuch. Baumlang, ein ergrauter Lockenkopf, Stoppelbart, Nickelbrille, Norwegerpulli statt Hemd, Anorak statt Sakko. Ein großer starker Bruder, Spitzname: „Langen“. Fiedler hört man an, wo er herkommt, nördliches Ruhrgebiet. Vater Chemiefacharbeiter, Mutter Krankenschwester, eine behütete Kindheit in einer properen Arbeitersiedlung in Bottrop-Boy. Die Eltern verdienten beide, der Familie ging es gut.

Am Gymnasium wurde Fiedlers soziales Urvertrauen erstmals erschüttert. Für viele Lehrer und Mitschüler war er der Siedlungsjunge, ein Außenseiter. „Ich möchte nicht über die Schule sprechen“, sagt Fiedler fünfzig Jahre später, immer noch angefasst. Er hat trotzdem das Abitur geschafft, einen Ausbildungsplatz bekommen zum Bankkaufmann bei der WestLB in Essen. „Ich kannte das Krankenhauswesen durch meine Mutter. Aber Arzt, das hätte ich mir nie zugetraut, das war damals eine soziale Grenze.“

Was macht Fiedlers Tochter heute? Richtig, Ärztin.

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Unser Buch zur Serie „Kind im Brunnen“ kann in unserem Shop bestellt werden.

Fiedler wohnt mitten in Bottrop, man hört das Geläut des nahen Rathauses. Er hat einen ebenfalls ziemlich großen, ziemlich lockigen Hütehund, mit dem er stundenlang im Wald spazieren geht. An den Wänden im Wohnzimmer hängen und stehen Fotoposter, New York, Mode, Marilyn. Wir sitzen stundenlang auf zwei schwarzen Couchen. Jonas schläft neben seinem Herrchen. Immer wenn der den Raum verlässt, rutscht das Tier rüber auf die andere, vorgewärmte Seite und nicht wieder zurück. Fiedler schimpft dann, schubst den Hund weg und lacht: „Pädagogik hilft“, sagt Fiedler, „nur zuhause nicht.“

Sozialarbeiter aus Überzeugung

Er hat dann doch studiert. Nicht Finanzwirtschaft, nicht Medizin, sondern Sozialarbeit an der neu gegründeten Gesamthochschule Essen. Seine Abschlussarbeit schrieb er zum Thema „Sozialarbeit unter kapitalistischen Produktionsbedingungen“. Klingt nach einer Abrechnung, nach Marx-Lesekreisen und Studentenbewegung. Aber wir sind im Ruhrgebiet, nicht in Münster oder Berlin. Fiedler hatte kein Studentenleben, er zog sein Studium durch, hatte eine berufstätige Frau, pendelte werktags aus Bottrop an die Hochschule, spielte Fußball, schrieb Sportberichte für die Lokalzeitung, jobbte.

Sozialarbeiter wollte Werner Fiedler nicht aus ideologischen Gründen werden, sondern weil er Glück hatte. Und andere nicht.

Als Schüler machte Fiedler mit in der Jugendarbeit der Kirche. In Bottrop waren das nicht nur Zeltlager, der Jugendpastor war auch ein Pionier für Sozialarbeit, gründete einen Verein für Jugendhilfe. Fiedler wurde dort als Teenager mit sozialen Brennpunkten konfrontiert, half in einer Teestube, einem Anlaufpunkt für Drogensüchtige. Und lernte eine andere Siedlung kennen als seine eigene in Bottrop-Boy, eine für Obdachlose. Das hat sein Leben verändert.

Der Muff von tausend Jahren

Ende der 1960er war das Land in Bewegung geraten, auch die Sozialarbeit mit Kindern und Jugendlichen, die damals noch „Fürsorge“ genannt wurde. Die neue Linke, die außerparlamentarische Opposition, protestierte gegen den „Muff von tausend Jahren“ an den Universitäten, aber auch in Heimen, die wie Knäste wirkten und wo so genannte „schwer Erziehbare“ Gewalt und Ausgrenzung erlebten als Menschen zweiter Klasse, als „Asoziale“.

Ulrike Meinhof arbeitete als Journalistin zu den Zuständen in den Fürsorgeanstalten, den autoritären Erziehungsmethoden mit großem Echo in der Öffentlichkeit. Eine „Heimkampagne“ versteckte Ausreißer aus den Anstalten, in zivilem Ungehorsam wurden Wohngemeinschaften für die Fürsorgeflüchtlinge gegründet. Anfang der 1970er Jahre waren Ulrike Meinhof und einige der Aktivisten der Heimkampagne dann selbst in den Untergrund gegangen. Die anfangs illegalen Einrichtungen für Jugendliche waren Vorbilder geworden. Überall entstanden betreute Wohngemeinschaften für Jugendliche, die nicht mehr zuhause leben konnten oder wollten. Die 1968er hatten die Jugendfürsorge in wenigen Jahren gedreht.

Keine Bücher, keine Spielsachen

Fiedler studierte in Essen nicht im Geist von Zucht und Ordnung, sondern partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit Betroffenen, Hilfe zur Selbsthilfe. Das die aber natürliche Altersgrenzen hat, wusste er schon als Student. „Die Möglichkeiten bei den Älteren etwas zu verändern, sind außerordentlich gering“, wusste er. Sucht spiele eine zentrale Rolle, viele der Erwachsenen lebten in den Tag hinein, die müssten sich selbst mit dem Schopf aus dem Sumpf ziehen.

Aber die Not der Kinder in den Obdachlosenwohnungen „die hat mich nachhaltig verfolgt“. Es fehlte an Büchern, an Spielsachen, an jeglichen Anregungen und am Aufbruchsgeist und Elan der Eltern, dass es ihre Kinder einmal besser haben sollen…

Werner Fiedler wusste schon damals, nicht nur Reichtum, auch Armut wird vererbt. Einige von den Kindern aus der Obdachlosensiedlung trifft er in der Stadt an den Treffpunkten von Obdachlosen und Trinkern wieder. Sie haben nicht herausgefunden aus dem „Teufelskreis“.

Du kannst Bottrop-Boy verlassen, aber Bottrop-Boy verlässt dich nicht. Vielleicht war es das! Fiedler hatte gute Aussichten um bei der WestLB Karriere zu machen statt zu studieren. Er hätte an der neuen Gesamthochschule vermutlich Hochschullehrer werden können statt Sozialarbeiter an der Basis. Aber da wollte er hin. Er absolvierte ein sehr enttäuschendes Anerkennungsjahr in der Heimatstadt Bottrop und hatte danach seine beste Zeit: Als Sozialarbeiter in einem Jugendzentrum in Gladbeck-Ellinghorst, offene Kinder- und Jugendarbeit mit Kicker, Tischtennisplatte, Disko und Filmabenden.

„Ich kannte in Ellinghorst jeden Papa, ich kannte jede Mama, jedes Kind, wir hatten Besuchszahlen, da träumen die heute nicht mal mehr von“, sagt Fiedler und ist in seinem Element: Da sein, professionelle Beziehungen „zu den Blagen“ herstellen, Türen öffnen, jeder darf kommen. Wenn die Jungs sich am Stromkasten treffen, hingehen, quatschen. Mit Eltern reden. Ansprechbar sein für alle im Stadtteil. „Wir hatten im Jahr 25.000 Kinder und Jugendliche in dem Zentrum bei zwei Mitarbeitern und einem Etat von 5.000 Mark.“

Es waren die guten Zeiten als „freischaffende Künstler“, sagt Fiedler, jeder Sozialarbeiter hatte ein anderes Konzept, jeder arbeitete aus Leidenschaft. Und für alle war es Neuland, für die Sozialarbeiter, fürs Jugendamt, die Stadt, die Kinder und ihre Familien. Die größte Enttäuschung in Fiedlers Berufsleben ist, dass diese Zeit zu Ende ging. Nicht nur für ihn persönlich.

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Der im Stadtbezirk, vor Ort wirkende Sozialarbeiter vom Jugendamt wurde abgeschafft, ohne dass es bessere Konzepte gegeben hätte. Viele Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit wurden aus Kostengründen geschlossen. Die Mitarbeiter vom Jugendamt, sagt Fiedler, gehen heute nur selten raus. Die Kinder auch. Die Jugendeinrichtungen spiegeln die Segregation in der Gesellschaft, die Heterogenität, in dem einen treffen sich Türkischstämmige, im zweiten nur Libanesen. Aus dem städtischen Sozialarbeiter wurde ein Case-Manager, aus den „Blagen“, ihren Papas und Mamas wurden Klienten, Fälle. Hinter verschlossener Tür: „das Klientel“.

Und das Jugendamt ist seitdem wieder auf dem Weg zu einem Fürsorgeamt, vor dem sich die Menschen fürchten.

Kind im Brunnen

Kind im Brunnen: Politik mit dem Rechenschieber

„Kein Kind zurücklassen!“ ist das Prestigeobjekt von Kraft und Co. Doch wie läuft es für Kinder in NRW, die vom Jugendamt betreut werden? Ist es in fünf Jahren rot-grüner Regierung besser geworden? Zusammen mit einem erfahrenen Sozialarbeiter haben wir seit Monaten recherchiert. Die Ergebnisse haben den Umfang eines Buches angenommen. „Kind im Brunnen“ – die exklusive Serie zum Buch. Heute: Politik mit dem Rechenschieber (II)

von Christoph Schurian

Nach 19 Minuten schwant es auch der Ministerpräsidentin. „Aber wem sag ich das?!“, ruft Hannelore Kraft, die Arbeiterwohlfahrt sei doch längst dabei: „Die AWO hilft uns ja!“ Der Saal applaudiert laut und herzlich, es ist ein Schulterschluss wenige Monate vor der Landtagswahl in NRW. Die SPD-Politikerin spricht auf der Sozialkonferenz der AWO im gediegenen Kongresszentrum der Messe Düsseldorf. Eine Rede zum Motto der Tagung „Stark für Kinder und Jugendliche“. Ihr Lieblingsthema, sagt Kraft, und dazu ein Heimspiel bei dem vor fast 100 Jahren von einer Sozialdemokratin gegründeten Wohlfahrtsverband, der in der Zwischenzeit zu einem der größten Arbeitgeber Deutschlands geworden ist.

Die Folgen unserer Serie „Kind im Brunnen“

Folgen, die erschienen sind, werden verlinkt. Die ausstehenden Folgen veröffentlichen wir in den kommenden Wochen.

  1. Der Auftakt

  2. Politik mit dem Rechenschieber

  3. Ein Kommunikationsdesaster

  4. Aufstieg und Fall der Sozialarbeit

  5. Die Akte Jasmin

  6. Späte Hilfen

  7. 22 Millionen Chancen

  8. Unfreie Träger

  9. Flüchtlinge im Jugendamt

  10. Helikopter Staat

  11. Die Guten

  12. Fiedlers Traum

Kraft hat eine Rede vor sich, die sie aber so nicht hält und die es deshalb nicht gibt. Auch nicht für die Presse. Das Manuskript werde nicht herausgegeben, lässt die Staatskanzlei zugeknöpft mitteilen. Dabei ist Politik für Kinder und Familien das Leitmotiv der Ministerpräsidentin, das Landesprogramm „Kein Kind zurücklassen!“ (KeKiz) das Leitprojekt der Landesregierung. Hannelore Kraft wird mehr als hundertmal zum Thema gesprochen haben. Was soll diesmal anders gewesen sein?!

Im Internet findet sich „Kein Kind zurücklassen!“ als einziges Regierungsvorhaben direkt auf der Startseite der Ministerpräsidentin gleich unter den „Tat-Kraft“-Tagen, den Tagespraktika der Politikerin. In Düsseldorf erzählt Kraft am Rednerpult von einem ihrer Einsätze im wirklichen Arbeitsleben. 2011 sei sie in ihrer Heimatstadt Mülheim/Ruhr mit einem Familienhelfer von der Caritas unterwegs gewesen, das habe sie tief beeindruckt. Wie viel Liebe in den betroffenen Familien gewesen ist und wieviel Verzweiflung und Überforderung. Auch in der Organisation: Sechs bis sieben Stellen seien an einer Hilfsmaßnahme in einer Familie beteiligt gewesen, „das ist nicht gut“, sagt Kraft, das wäre nicht gut koordiniert gewesen. Deshalb sei es so wichtig gewesen, das Pilotprojekt ‚Kein Kind zurücklassen!‘ aufzusetzen: „Wir müssen uns im Sozialraum besser organisieren“.

Die kühle Pragmatikerin

Vor fünf Jahren hätten sie sich deshalb „auf den Weg gemacht“. KeKiz sei „sehr gut“. 80 Prozent der angeschobenen Maßnahmen seien erfolgreich gewesen. Ob in Hamm, Unna oder im beschaulichen Arnsberg im Sauerland. Auch dort gebe es einen Arbeiterstadtteil, Moosfelde, ein sozial schwieriges Quartier. Jetzt habe man dort gute Übergangsquoten in die weiterführenden Schulen, würden die wenigsten Kinder aus Familien herausgenommen, stadtweit. „Durch frühe Hilfen können wir die späteren Chancen von Kindern beeinflussen“, sagt Kraft. Je besser die Präventionsketten funktionierten, desto höher seien die Chancen auf einen Schulabschluss, auf gelingendes Aufwachsen. Die ersten Jahre von „Kein Kind zurücklassen!“ hätten gezeigt, „gezielt Vorbeugen lohnt sich“, sagt Kraft. Sie meint das durchaus wörtlich.

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Der Trick an der Politik der Vorbeugung von Hannelore Kraft: Der Ansatz klingt bestechend logisch. Wenn sich eine Gesellschaft nur früh und gut genug um den Nachwuchs kümmert, auch um die Kinder von armen Leuten, investiert sie in die eigene Zukunft und in die der öffentlichen Kassen, weil die gesellschaftlichen Folgekosten von Armut und Verwahrlosung sinken, die „Reparaturkosten“. Hannelore Kraft, die als Kümmerin gilt, ist eher kühle Pragmatikerin. Ihr sozialpolitischer Ansatz wird oft missverstanden als Politik mit Herz. Es ist Politik mit dem Rechenschieber. Und ein Lehrbeispiel für geschickte, man könnte auch sagen zynische politische Kommunikation.

Nach ihrem Regierungsantritt 2010 ließ Kraft wie eine Unternehmensberaterin eine Datenerhebung in Auftrag gegeben. Die Firma „Prognos“ fand für sie heraus, dass allein in Nordrhein-Westfalen jedes Jahr von Bund, Land und Kommunen mehr als 23 Milliarden Euro aufgewendet werden für soziale Folgekosten. Seien es die Aufwendungen für Arbeitslosengeld, die dem Gemeinwesen fehlenden Steuereinnahmen von Schulabbrechern oder die seit Jahren steigenden Kosten für Jugendhilfe, etwa die Unterbringung von Kindern außerhalb des Elternhauses.

NRW hinkt bei Kita-Plätzen hinterher

Prognos ging mit einem unsentimentalen Blick an die Daten heran. Auch Kosten von Verbrechen, Gerichtsverfahren oder Gefängnissen gingen ein in die Bilanz. Und umgekehrt wäre ein heiler, idealer Staat also ein Staat ohne Folgekosten. Vor der AWO erinnerte Hannelore Kraft an die 23 Milliarden, in die die immensen Gesundheitskosten der Armut noch gar nicht eingerechnet seien.

Nach dem Kassensturz machte sich Rot-Grün daran, die Politik im Bundesland neu zu justieren. Statt die Sparpolitik und den Privatisierungskurs des vorherigen CDU/FDP-Bündnisses fortzusetzen, formulierten die Landesregierungen seit 2010 einen vorbeugenden Politikansatz. Für die Ministerpräsidentin sind es „massive Aufwendungen für Bildung“. Seit 2010 seien in NRW 200 Milliarden für Kinder, Bildung und Familien aufgewendet worden, das allermeiste Geld für Ganztagsschulen und Kindertagesstätten.

Ähnlich wäre das aber vielleicht ohne den neuen Politikansatz geschehen, vielleicht sogar ohne Regierungswechsel: 2013 trat der Rechtsanspruch auf Kinderbetreuung auch für Unter-Dreijährige in Kraft. Und trotz der eingesetzten Milliarden hinkt NRW bei Kitaplätzen und erst recht beim Anteil der Kinder, die dann wirklich eine Kita besuchen, weit hinterher.

In keinem Bundesland gehen weniger Kleinkinder in eine Kita als in Nordrhein-Westfalen. Im Durchschnitt ist es nur jedes vierte Kind. Dem AWO-Fachpublikum lieferte Kraft eine Erklärung: Im Ruhrgebiet habe das mit Traditionen zu tun, Frauen hätten dort schon immer seltener gearbeitet. Außerdem sei die Erwerbsquote von Frauen unter Zuwanderern ebenfalls unterdurchschnittlich.

Dass das aber das Hauptproblem bei der Herstellung von besseren Bildungschancen ist, dass genau deshalb Kinder zurückgelassen werden, vor allem im Ruhrgebiet, in den Armutshochburgen im Westen, dass die beschworenen „Präventionsketten“ kaum greifen können, kommt erst Stunden später zur Sprache in Düsseldorf. Ohne die Ministerpräsidentin.

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