AfD-Propaganda: Jetzt mit KI

Dank künstlicher Intelligenz kann die AfD demnächst das Netz noch viel stärker als bisher fluten. Wir haben vorab von diesen Plänen erfahren.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser,

das Folgende wird Sie vielleicht überraschen. Vielleicht denken Sie: Häh, das Internet ist doch jetzt schon überflutet von AfD-Propaganda – kann das noch mehr werden? Aber ja: Alles, was wir bisher an Hetz- und Hass-Posts gegen Migranten, queere Menschen und gemeinnützige Vereine von AfD-Absendern gesehen haben, war erst der Anfang.

Nach dem kommenden Wochenende soll es erst richtig losgehen: Eine AfD-eigene Firma hat eine KI-Propaganda-Maschine gebaut. Worauf wir uns einstellen müssen, steht im Thema des Tages.

Und falls Sie sich fragen, weshalb wir von der Sache wissen, noch bevor sie vorgestellt wird? Nun ja, wir waren undercover.

Wir haben vor dem AfD-Parteitag außerdem einen Überblick erstellt, wie unterschiedlich die Positionen innerhalb der Partei zum Thema „Remigration“ sind. Weil es wichtig ist, nicht alle AfD’ler über einen Kamm zu scheren, sondern die Partei differenziert darzustellen. Und in der aktuellen Fun Facts-Folge erzählt unser Reporter Jean Peters über den verschwundenen Goldschatz der AfD.

Wie Sie an unserer heute veröffentlichten Story sehen, wird Künstliche Intelligenz für uns ein immer wichtigeres Recherche-Thema. Wenn Sie Ideen haben, was wir uns zu diesem Komplex mal anschauen sollten (auch gern undercover), dann schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: AfD-Propaganda jetzt mit KI

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Die ideologischen Brüche in der AfD • Reform der Rente: Mehr Geld für klimaschädliche Industrien

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Wo hat die AfD ihren Geldschatz versteckt?

Denkanstoß: Migration in Spanien: Einfach mal machen!

Leserfrage der Woche: Hugo L. fragt: Welche Heizung nutzt Wirtschaftsministerin Katherina Reiche in ihrem Privathaus?

Faktencheck: Deutschlandfahne verboten? Beiträgen zu viralem Video fehlt Kontext

Gute Sache(n): So geht Frankreich gegen Ultra-Fast-Fashion vor • Erste Islamische-Theologische Fakultät in Europa • Illegaler Heiratsantrag auf dem Empire-State-Building

CORRECTIV ganz persönlich: Erfahrungen aus Schulen vor den Landtagswahlen

Grafik des Tages: Die höchsten Nebeneinkünfte im Bundestag

Er gehe jetzt mal alle Funktionen durch, bietet er seinem Gast an, man solle ruhig zwischendurch fragen. Dieser Gast ist ein vermeintliches AfD-Mitglied aus Bochum-Wattenscheid. In Wirklichkeit handelt es sich um einen Reporter von CORRECTIV, der sich unter falschem Namen für ein Webinar angemeldet hat. Er bekommt eine Eins-zu-Eins-Einführung von Hau persönlich.“

So beginnt unsere heute Morgen veröffentlichte Story über die – bisher noch unveröffentlichte – neue Propaganda-KI-Maschine der AfD. Sie können Sie hier komplett lesen. Es geht darum, wie AfD-Leute künftig in Minutenschnelle maßgeschneiderte politische Werbebotschaften erstellen können.

Eine Empörungsmaschine als Symbolbild im Stile eine Synthesizers
Illustration: Ivo Mayr / CORRECTIV (KI-generiert)

Das Tool zieht sich die Informationen, auf denen die Social Media-Posts aufgebaut sind, nicht aus dem gesamten Internet – sondern gezielt von voreingestellten Quellen: Nius, Apollo News, Junge Freiheit, also von Desinformations-Portalen. Nutzer können sich anzeigen lassen, wie hoch der „Viralitätsscore“ einer Meldung sein dürfte – also: Welches Empörungs-Potenzial man damit erreicht.

Das Projekt soll wohl jetzt offiziell starten …
… zumindest laut der Ankündigung von AfD-Mann Hau gegenüber unserem Reporter. Demnach soll es am Wochenende beim Bundesparteitag offiziell vorgestellt werden.

Warum macht die AfD das?
Es ist ja nichts Neues, dass die Partei deutlich mehr Geld und Aufwand in ihre Social Media-Aktivitäten steckt als die Parteien im demokratischen Spektrum. Letzteren fällt es derzeit auf die Füße, dass sie nicht schon viel früher und viel mehr das Potenzial der Sozialen Netzwerke ernst genommen haben. Wobei die AfD natürlich einen entscheidenden „Vorteil“ hat: Mit Empörung und falschen Fakten lässt sich viel mehr Empörung im Netz erzeugen als mit konstruktiven Vorschlägen.

Mit dem Einsatz der eigenen Propaganda-KI könnte die Partei ihre Reichweite und somit ihren Einfluss auf das Stimmungsbild im Land deutlich ausweiten.

Das Perfide an den Plänen:
Werbung machen darf man ja. Das Problem, das unser Reporterteam herausgearbeitet hat, ist aber dieses: 

Während „herkömmliche“ KI-Agenten von den Herstellern wie OpenAI, Google und Anthropic eingebaute Sperren haben – zum Beispiel: keine Volksverhetzung möglich – erlaubt das eigene AfD-Tool offenbar genau das. Jedenfalls lassen sich die Sperren leicht umgehen. Unsere Tests haben ergeben, dass sich mit dem Tool richtig einfach Hass- und Hetzbotschaften erstellen lassen, die so gar nichts mehr mit Fakten zu tun haben und verfassungsfeindlich sind. 

Wir haben das nicht nur selbst getestet, sondern mit unserem Vorab-Zugang (danke an Herrn Hau!) auch einen Fachmann testen lassen: Markus Beckedahl, den Chef des Zentrums für Digitalrechte und Demokratie. Er kommt zum selben Ergebnis wie wir – und hat dazu heute auch einen Text veröffentlicht. Darin schreibt er: Obwohl es auch hier sanfte Sperren gibt (zum Beispiel erstellt das Tool erstmal nicht ohne Widerspruch Social Media-Posts zum Prompt „Ausländer raus“), kann man es dann trotzdem machen:

„Es bedarf nur wenig Kreativität, um am Filter vorbei trotzdem verfassungsfeindliche Inhalte zu generieren.“


Welchen Unterschied macht das neue Tool?

Klar, verfassungsfeindliche Beiträge konnten AfD-Politiker auch schon vorher in ihren Social Media-Posts veröffentlichen, und das haben einige ja auch schon kräftig getan. Der Unterschied ist aber, dass sie sich die Inhalte jetzt gar nicht mehr selbst ausdenken müssen, und die Social Media-Posts auch nicht mehr selbst basteln müssen. 

Das macht die Propaganda-Maschine jetzt für sie. Also wird die Flut an Hass- und Hetz-Posts absehbar zu einer Monsterwelle heranwachsen.

Was sagen die Beteiligten?
Ungewöhnlich viel: Die Kanzlei Höcker – die immer wieder die AfD in Presserechts-Fragen vertritt – schickte uns gestern ein langes Schreiben. Wir hatten unter anderem Fragen an Alice Weidel geschickt: Stimmt es, dass sie die KI schon nutzt – und manche ihrer Social Media-Posts gar nicht als KI-gemacht kennzeichnet?

Nein, nein, das sei anders, versicherte die Kanzlei. Weidel nutze nur einen Teil des neuen Instrumentenkastens. Nur die Veröffentlichungs-Software, nicht den KI-Teil, sozusagen. 

Einkommensteuer wird reformiert
Die Spitzen der schwarz-roten Koalition haben eine umfassende Reformagenda vorgestellt. Diese sieht unter anderem Steuerreformen für Familien, strengere Regeln bei Krankschreibungen und Bürokratieabbau vor. Mit der Reform der  Einkommensteuer sollen vor allem Familien mit niedrigem oder mittlerem Einkommen stärker entlastet werden. Gegenfinanziert wird das durch eine Änderung der „Reichensteuer”. Künftig wird sie gesplittet: Ab einem Jahreseinkommen von 250.000 Euro beträgt der Steuersatz 45 Prozent, ab 280.000 Euro 47 Prozent.
tagesschau.de

Regierung will Informationsfreiheitsgesetz einschränken
Die Bundesregierung will das Informationsfreiheitsgesetz reformieren. Künftig sollen Anfragen nur noch bei nachgewiesenem „berechtigten Interesse“ möglich sein, während Organisationen, Medien und viele in Deutschland lebende Menschen von Anfragen ausgeschlossen werden könnten. Die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Linken, Clara Bünger, kritisiert die Pläne scharf und wirft der Koalition vor, Transparenz einzuschränken und das Gesetz auszuhöhlen. Hintergrund ist ein Beschlusspapier des Koalitionsausschusses, das eine Neuausrichtung der Auskunftsrechte vorsieht.
stern.de / fragdenstaat.de

Robert-Koch-Institut meldet über 800 Hitzetote in Deutschland
Schon vor den schlimmsten Hitzetagen sind in Deutschland nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts mehr als 800 Menschen an den Folgen der Hitze gestorben.
Mehr als 60 Prozent der Verstorbenen waren 85 Jahre oder älter. Besonders ab einer durchschnittlichen Wochentemperatur von etwa 20 Grad zeigt sich ein Anstieg der hitzebedingten Gesamtsterblichkeit. Die Daten zu hitzebedingten Todesfällen für die Woche der Hitzewelle stehen noch aus.
zeit.de

Die ideologischen Brüche in der AfD
Schon seit der Gründung der AfD gibt es Streit um Inhalte. Beim Parteitag am Wochenende prallen die Lager wieder aufeinander. CORRECTIV analysiert ideologische Gräben: Wo sind Bruchlinien, worüber zerstreitet sich die Partei immer wieder?
correctiv.org

Reform der Rente: Mehr Geld für klimaschädliche Industrien
Die Koalition will alle Vorschläge der Rentenkommission umsetzen. Sie plant, dafür auch Geld am Kapitalmarkt anzulegen. Offenbar könnten dabei Mittel auch in klimaschädliche Industrien fließen.
correctiv.org


Diese Aufenthaltslegalisierung ist historisch: Mehr als eine Million „irreguläre“ Migranten haben bis gestern in Spanien einen Antrag auf „Regularización“ gestellt. Die Bedingungen sind schlicht: Sie sind bereits seit etwa einem Jahr im Land und nicht vorbestraft. Rund ein Drittel der Anträge wurde bereits bewilligt. Damit ist es die größte Legalisierung irregulärer Migranten in Europa jemals. Und ein Frontalangriff auf die aktuelle EU-Abschottungspolitik.

Die Aktion birgt ein hohes Risiko für Spaniens sozialistischen Premierminister Pedro Sánchez. Denn die „außerordentliche Regularisierung“ fußt nicht auf einem im Parlament beschlossenen Gesetz, sondern auf einem Dekret des Königs, das auf einer Volksinitiative beruhte. Diese bekam zwar die benötigten 700.000 Stimmen, die aktuelle Stimmung in der Bevölkerung ist laut Umfragen aber gespalten. Denn zunächst waren 500.000 Bewerberinnen und Bewerber angekündigt, nun sind es mehr als doppelt so viele. Ob das Ganze vor Gericht hält, steht noch nicht endgültig fest. 

Dennoch: Spanien stellt sich gegen die migrationsfeindlichen Tendenzen in vielen westlichen Ländern. Und es macht dabei einen guten Deal. Aus zwei Gründen:

  1. Viele sind gut qualifiziert – und sprechen Spanisch
  2. Die meisten arbeiten – auch für uns
Symbolbild Leserfrage der Woche

Es mag absurd klingen, dass jemand, der fossile Energien fördert, eine Wärmepumpe nutzt – unmöglich ist es jedoch nicht. Meine Kollegin Elena Kolbe schrieb einmal über solche Widersprüche. Sie traf einen Vertreter eines Gas-Lobby-Verbandes, der stolz erzählte, er habe sich eine Wärmepumpe einbauen lassen. Auch Frank Schäffler, Ex-FDP-Bundestagsabgeordneter und scharfer Kritiker des „Heizungsgesetzes“, hat sich eine Wärmepumpe angeschafft

Deutschland-Flaggen sieht man in Berlin aktuell häufig bei Übertragungen der Fußball-Weltmeisterschaft. (Archivfoto: Michael Ukas / DPA / Picture Alliance)

Endlich verständlich
Das französische Parlament geht gegen Ultra-Fast-Fashion vor. Ab dem Jahreswechsel soll ein Werbeverbot gelten. Zudem will Frankreich Plattformen wie Shein, Temu oder Aliexpress verpflichten, pro Produkt einen Umweltbeitrag zu leisten. Ultra-Fast-Fashion umfasst Kleidung, die so günstig ist, dass Verbraucher kaum Anreize haben, abgenutzte Stücke zu reparieren. Vertreter aus Wirtschaft, Politik und Verbraucherschutz bemängeln Qualitätsmängel, unfaire Wettbewerbsbedingungen und intransparente Lieferketten. Sie fordern seit langem strengere Regeln für den Online-Handel.
utopia.de

So geht’s auch
Die Universität Münster hat eine Islamisch-Theologische Fakultät eröffnet; die erste ihrer Art in Europa. Dort kann man unter anderem das Lehramt für islamischen Religionsunterricht studieren. Gründungsdekan Mouhanad Khorchide findet es wichtig, dass die Vermittlung des Islams unabhängig von staatlichen Vorgaben stattfindet. In Deutschland mische sich der Staat nicht ein, deshalb habe die Fakultiät die Chance einen weltoffenen Islam zu etablieren, so Khorchide.
deutschlandfunkkultur.de

Fundstück
Zwei russische Extremkletterer erklommen die Spitze des Empire State Buildings. In 440 Metern Höhe enthüllten sie ein Plakat mit der Friedensbotschaft: „When the power of love beats the love of power, the world knows peace“ (auf Deutsch: Wenn die Macht der Liebe die Liebe zur Macht besiegt, dann kennt die Welt Frieden). Das Zitat stammt von Jimi Hendrix. Die Polizei nahm die Kletterer nach der Aktion fest. Laut US-Medien verlobten sie sich zuvor auf der Spitze des Gebäudes.
rp-online.de


Die AfD in Sachsen-Anhalt hat in ihrem Wahlprogramm radikale Änderungen in der Bildungspolitik angekündigt. Sie will die Inklusion, also den gemeinsamen Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderungen, beenden, Regenbogenflaggen an Schulen verbieten und das Programm „Schule gegen Rassismus“ nicht mehr fördern. Schulsozialarbeit hält sie für überflüssig.

Den Lehrkräften und Schulsozialarbeitenden, mit denen ich gesprochen habe, macht all das große Sorgen. Sie fragen sich, wie sich ihre Arbeit durch eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD verändern würde – ob sie dann noch Projekte zu Demokratie, Vielfalt, Antisemitismus- und Rassismusprävention und deutscher Erinnerungskultur umsetzen könnten.

Denn schon jetzt setzt die AfD in Sachsen-Anhalt und andernorts Lehrkräfte systematisch unter Druck und wirft ihnen vermeintliche Verstöße gegen das Neutralitätsgebot vor. Meine Kollegin Alexandra Ringendahl berichtete dazu bereits ausführlich: Im Jahr 2025 stellte die AfD bundesweit in den Landesparlamenten 45 Kleine Anfragen, die sich um das Neutralitätsgebot an Schulen drehten. Außerdem ruft die AfD in eigenen Meldeportalen zur Denunziation von Lehrkräften auf.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Pamela Kaethner und Elena Müller.