Bitte reguliert uns!

Die Chefs der großen KI-Firmen rufen nach staatlicher Kontrolle ihrer eigenen Firmen. Ehrliche Sorge oder PR-Trick?

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

Sie erinnern sich vielleicht, dass wir vor ein paar Wochen hier im SPOTLIGHT ein Experiment veranstaltet hatten, den Schreib-Wettstreit Mensch gegen Künstliche Intelligenz: Wer schreibt das bessere Tagesthema? Und: Erkennen Leserinnen und Leser den Unterschied? Das Ergebnis war nicht eindeutig. Teils erkannten jene, die sich an dem Ratespiel beteiligten, die maschinengemachten Texte nicht.

Ob KI eher eine Gefahr oder ein Segen für die Menschheit ist, beschäftigt uns auch in unseren Recherchen häufig. Und jetzt stellen sich diese Frage gerade Menschen weltweit. Warum, steht im Thema des Tages.

Ein Thema, das momentan dagegen recht kurz kommt, obwohl es wichtig ist: Wie stark sollte Deutschland arme Länder unterstützen? Man könnte doch intuitiv meinen, dass Entwicklungszusammenarbeit immer wichtiger wird in einer Zeit, in der Migration das Land politisch umtreibt – schließlich dient sie doch dazu, Fluchtursachen zu bekämpfen. Dennoch spart Deutschland an der Entwicklungspolitik. Über diesen Widerspruch diskutieren wir Anfang Oktober im Publix in Berlin mit der Entwicklungsministerin Reem Alabali Radovan. Wenn Sie dabei sein möchten: Hier gibt es Tickets.

Im SPOTLIGHT geht es heute außerdem um zwei Wahlen, die am Wochenende stattgefunden haben: in Niedersachsen und in Schweden. Dazu passend ein Hörtipp – in einem Gastkommentar im Deutschlandfunk habe ich eingeordnet: Wie stark hängen Wahlerfolge für Rechtsaußen von „charismatischen“ Figuren wie AfD-Mann Ulrich Siegmund ab – und wie stark von grundlegenden rechtsextremen Einstellungen in der Bevölkerung? Wenn Sie mir dazu Ihre Meinung mitteilen mögen, schreiben Sie mir: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Bitte reguliert uns!

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Ist die AfD gescheitert?

Faktencheck: Mikrowellen zerstören die Nährstoffe im Essen – stimmt das?

Gute Sache(n): EU gegen Mietsteigerung durch Airbnb und Co. • Wie wähle ich in Mecklenburg-Vorpommern? • Ikea gewinnt vor Gericht gegen Rechtsextreme

CORRECTIV ganz persönlich: Der Krieg ist ganz nah

Grafik des Tages: Landtagswahl in MV – das sagen die Umfragen

Vergangene Woche veröffentlichte die US-KI-Firma Anthropic ihren aktuellen Sicherheitsbericht – also eine Übersicht, wie häufig ihr KI-Modell Claude für „böswillige Aktivitäten“ genutzt wurde. So bezeichnete der Konzern dies selbst.

Heraus kam unter anderem: Mehrfach hatten Nutzer versucht, das KI-Programm für die Entwicklung von Biowaffen zu benutzen. Hier können Sie den Bericht im Original nachlesen. 

Die Nachricht klang krass. Man muss zur Einordnung allerdings auch wissen, dass Anthropic die Botschaft mit einer Eigenwerbung verband. Nämlich, dass die Firma diese missbräuchliche Nutzung ja erkannt und unterbunden hatte.

Jetzt entwickelte sich daraus die aktuelle Debatte:
Ist KI zu gefährlich – kann sie ein so großes Eigenleben entwickeln, dass sie irgendwann die Menschheit auslöschen könnte?

Erst äußerte sich ein ehemaliger Mitarbeiter von OpenAI und Anthropic. Er befürchtet, Künstliche Intelligenz könnte derart aus dem Ruder laufen, dass es richtig gefährlich werden könne: zum Beispiel durch Attacken auf sensible Infrastruktur. Oder eben durch Biowaffen. Der Chef von Anthropic pflichtete ihm wenig später grundsätzlich bei. 

Was allerdings in der Debatte nicht so ganz klar wurde, ist, ob die Befürchtung eher ist, dass Verbrecher die Technik für schlimme Zwecke nutzen – oder ob die KI selbst zum Bösewicht wird. Wie sie selbst ohne menschliche Hilfe zum Beispiel Biowaffen entwickeln könnte, erschließt sich zumindest nicht unmittelbar.

Jedenfalls fordern die KI-Firmen jetzt selbst ein, stärker staatlich reguliert zu werden. Nicht nur Anthropic will dies, sondern auch der größte Konkurrent Open AI. Das klingt spannend – allerdings steht auch hier wieder die Frage im Raum, ob das nicht auch wieder ein PR-Stunt ist, nach dem Motto: Guckt mal, wie mächtig und gefährlich wir sind!

US-Präsident Donald Trump winkte am Wochenende schon ab: Er halte eine stärkere Regulierung aus wirtschaftlicher Sicht für unsinnig – denn sonst würde China hier übernehmen.

Ein Blick zurück in die Entstehungsgeschichte der KI-Firmen:
OpenAI heißt so, weil die Ursprungsidee der Firma war, Künstliche Intelligenz für alle Menschen zugänglich zu machen – und dabei den nötigen Blick auf Risikokontrolle zu behalten. Das ging ein paar Jahre gut, dann aber geriet der Sicherheitsaspekt dort aus dem Blick.

Dies wiederum war der Grund, warum ein paar wichtige OpenAI-Leute ausstiegen und den Konkurrenten Anthropic gründeten – bei dem die Kontrolle wieder mehr im Fokus stehen sollte. All das wird im sehr empfehlenswerten Podcast „Die OpenAI-Story“ ausführlich erklärt.

Passen die KI-Firmen denn ausreichend auf?
Es wirkt ein wenig wohlfeil, wenn jene Firmen, die die mächtige KI-Technologie entwickelt haben, sich gleichzeitig als verantwortungsbewusste Schutzschirme gegen ihre eigenen Produkte darstellen.

Zumal diese Schutzfunktion offenbar ihre Schwächen hat. Sie erinnern sich vielleicht, dass CORRECTIV vor ein paar Wochen aufgedeckt hat, dass die AfD eine eigene Propaganda-KI entwickelt hat – hier geht es zur Story.

Eine Empörungsmaschine als Symbolbild im Stile eine Synthesizers
In den neunziger Jahren hätte eine politische Empörungsmaschine von Rechtsextremen vermutlich so ausgesehen. Illustration: Ivo Mayr / CORRECTIV (KI-generiert)

Mit der AfD-KI lassen sich in Sekundenschnelle Social-Media-Werbeposts erstellen – und mit ein paar Handgriffen auch solche, die verfassungsfeindlich sind.

Der Knackpunkt war der:
Die AfD-KI basiert auf bestehenden KI-Anwendungen der Firmen OpenAI, Google und auch Anthropic. Wir haben diese Firmen damals gefragt, ob sie dagegen vorgehen. Es passierte aber erst einmal nichts, zumindest nichts nach außen Sichtbares. Die Firmen sagten sinngemäß, sie müssten das Ganze jetzt erst einmal prüfen.

Unter dem Strich:
Es wird noch nicht überzeugend klar, weshalb die Firmen unbedingt staatliche Regulierung benötigen – und weshalb sie nicht einfach selbst noch viel genauer hinschauen, was mit ihrer Technik angestellt wird. Hierzu empfehle ich Ihnen diese Einordnung (im „Ganz persönlich“) unseres Tech-Reporters Max Bernhard.

CDU gewinnt Kommunalwahlen in Niedersachsen
Die Konservativen büßten im Vergleich zu den letzten Kommunalwahlen zwar erhebliche Stimmenanteile ein. Dennoch blieb die CDU mit 27,2 Prozent der Stimmen stärkste Kraft – vor SPD und AfD. Letztere erzielte mit 15,9 Prozent ihr bislang bestes Wahlergebnis in Niedersachsen.
ndr.de

Knapper Wahlausgang in Schweden: Rechtspopulisten verlieren Stimmen
Die Sozialdemokraten gehen bei der Wahl in Schweden wohl als stärkste Kraft hervor. Die rechtspopulistischen Schwedendemokraten, die auf eine Regierungsbeteiligung gehofft hatten, verloren hingegen zahlreiche Sitze. Noch bis Mittwoch werden Stimmen ausgezählt. Erst dann ist endgültig klar, ob es tatsächlich für eine Mitte-Links-Mehrheit und damit einen Regierungswechsel reicht.
rp-online.de 

Benzinpreise auf Rekordhoch  
Die Benzinpreise sind auf ein neues Rekordhoch gestiegen. Auch für Diesel nähern sich die Preise der bisherigen Höchstmarke aus dem April 2026 an. Ursächlich dafür ist der Konflikt im Iran und um die Straße von Hormus. Vor wenigen Tagen hatte Saudi-Arabien nach Drohnenangriffen eine zentrale Ölpipeline abschalten müssen, die bisher als Alternative zur Straße von Hormus diente. Ein für heute angekündigtes Treffen zwischen Iran und Oman wurde indes abgesagt.
welt.de

Totenkopf in blutiger Mikrowelle
Symbolbild: Ria Sopala / Pixabay

So geht’s auch
Steigende Mieten, knapper Wohnraum – das Bild ist in vielen europäischen Großstädten dasselbe. Ein Grund dafür: Kurzzeitvermieter wie Airbnb und Co. Gegen sie will die EU-Kommission jetzt mit neuen Regeln vorgehen. Städte und Kommunen sollen die Möglichkeit erhalten, maximale Aufenthaltsdauern festzulegen oder die Übernachtungen in Bereichen mit angespanntem Wohnungsmarkt komplett zu verbieten.
br.de

Endlich verständlich
Nach Sachsen-Anhalt wählen am 20. September noch Berlin und Mecklenburg-Vorpommern ihre neuen Landesparlamente. In beiden Ländern wurde das Wahlalter vor einigen Jahren auf 16 herabgesetzt. Unsere Jugendredaktion Salon5 hat einen Standort in Greifswald und erklärt Jugendlichen aus Mecklenburg-Vorpommern, was sie beim Wählen beachten müssen. Zum Beispiel: Wann ist ein Stimmzettel ungültig? Wie funktioniert die Briefwahl? Und was sind eigentlich Überhangmandate? Zusätzlich erklärt Salon5 sperrige Begriffe, die im Kontext von Wahlen immer wieder fallen. Heute an der Reihe: Legislaturperiode.
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Fundstück
Rechtsextreme, die bekannte Marken für die eigene Propaganda kapern, sind nicht nur in Sachsen-Anhalt ein Problem. In Belgien hatte die rechtsextreme Vlaams Belang-Partei das Logo von Ikea auf einer Pressekonferenz verwendet, um einen Plan zur Migrationspolitik vorzustellen – im Stile der berühmten Aufbauanleitung. Der schwedische Möbelkonzern fand das gar nicht lustig und klagte. Nun hat der Europäische Gerichtshof Ikea Recht gegeben. Die Richter begründeten ihre Entscheidung damit, dass der Eindruck entstehen könnte, der Möbelkonzern teile die politischen Werte der Partei.  
tagesschau.de


An der vorderen Kante des Sessels hat mein Gesprächspartner Platz genommen. Er beugt sich vor, mit einer Warnung. Deutschland, so sagt er, sei das nächste Ziel der Russen. „Ihr erlebt das, was wir erlebten.“ Der Mann, nennen wir ihn Andrej, kennt sich aus. Der Ukrainer arbeitete selbst einst für einen Sowjet-Geheimdienst.

Er spricht mit mir nur, weil ein Gewährsmann für mich bürgt. Wir sitzen im „Hotel Ukraine“ in Kyiv, einem der Klötze, die das Sowjetreich als ein Prestigeobjekt hinterlassen hat. Bei den Ukrainerinnen und Ukrainern weckt das Hotel Erinnerungen an die Zeit, als auf dem Platz Maidan pro-europäische Demonstranten von Scharfschützen niedergeschossen worden waren.

Andrej beschreibt die Mechanik, mit der Russland unter seinem Präsidenten Wladimir Putin vorrückt. Wie ein Schachspieler platziere Wladimir Putin seine Figuren im Feld des Gegners. Hier ein Verein für russische Kultur, Tierschutz oder Rechtshilfe, dort eine Beteiligung an einer Firma und Gaspipelines.

Der Mann verweist auf die Wahlen in Sachsen-Anhalt und den Einfluss von AfD und BSW, die beide Verbindungen in den politischen Apparat in Moskau halten. „Ihr müsst aufpassen, so hatte es auch bei uns begonnen“, sagt der Ukrainer. Über willfährige Parteien baue Russland seinen Einfluss aus, ein schleichender Prozess. Andrej lächelt nicht, nicht ein einziges Mal in dem anderthalbstündigen Gespräch.

Menschen wie Andrej sind für uns Journalisten wichtig, um Puzzlestücke zusammenzusetzen. Der verpatzte Drohnenanschlag am Flughafen Leipzig, die Sabotage gegen Militäreinrichtungen und Stromnetze folgen einem Plan. Dazu gehört auch das Russische Haus, das ein Hort für Russlands Agenten war.

Wer glaubt, Putin würde keinen Krieg nach Deutschland tragen, könnte sich täuschen. Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1991 übte Moskau über Fake-demokratische Parteien, Agenten und Einrichtungen wie das Russische Haus Einfluss auf seinen Nachbarn aus. Im Jahr 2014 begann dann der Krieg, 2022 folgte die Vollinvasion. Bei meinem Besuch in der vergangenen Woche kreisten über Kyiv und anderen Städten täglich Drohnen, es schlugen Raketen ein.

Manchmal hilft nur ein Bauchgefühl, dass man nicht selbst Ziel wird. Ein solches hatte mein Kollege Marcus Bensmann, mit dem ich in Kyiv war. Als wir uns am Samstagabend am Bahnhof der Hauptstadt für die Rückfahrt getroffen haben, sagte er: „In den Zug steige ich nicht. Lasst uns einen Bus nehmen.“ Putins Soldaten hatten in den vergangenen Tagen mehrfach Züge angegriffen, schon auf dem Weg in die ukrainische Hauptstadt wurde unser Zug evakuiert. Baden-Württembergs Innenminister Manuel Hagel war da ein Mitreisender.

Marcus war als Berichterstatter in Afghanistan und dem Irak – seinem Bauchgefühl kann man vertrauen. Statt in den Expresszug nach Warschau zu steigen, mieteten wir einen Kleinbus. Die Fahrt ist lang und der Grenzübergang nach Polen zog sich über acht Stunden hin.

Gut aber, dass wir auf Marcus’ Intuition gehört haben. Unser ursprünglich gebuchter Zug wurde zwei Kilometer vor der Grenze von den Russen angegriffen. Eine Drohne zerstörte die Lokomotive. Nur weil der ukrainische Eisenbahnbetreiber Ukrsalisnyzja den Zug vorsorglich halten und evakuieren ließ, wurde niemand verletzt oder getötet.

Der Krieg ist ganz nah.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Till Eckert, Jacob Gehring, Sebastian Haupt und Elena Müller.