
Ein paar Tage, bevor die „blaue Welle“ durch die USA ging, durfte ich in Budapest, der Hauptstadt Ungarns, erleben, wie politische Erleichterung aussehen kann. Zeitgleich konnten wir sehen, wie zerbrechlich die Situation in einem Land ist, in dem die rechtsautoritären Kräfte abgewählt wurden.
Es ist schon ein paar Monate her, dass der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán, der als unabwählbar galt, aus dem Amt gefegt wurde: von einer Bevölkerung, die genug hatte von der Korruption der rechtsautoritären Herrschaft. Und von einem Kandidaten, Péter Magyar, der weit über die Hälfte der Wählerschaft hinter sich versammeln konnte.
In Budapest sprach ich mit Bekannten, die pure Erleichterung ausdrückten: Die drückende Atmosphäre sei weg; die gebückte Haltung, weil man Angst vor dem Regime haben musste, wenn man nicht auf Linie war; die lähmende Politik, die sich nur noch um Orbán und seine kleptokratische Umgebung drehte. Eine Stadt, ein Land, atmet wieder und das war spürbar.
Genauso konnten wir in den vergangenen Tagen nachvollziehen, wie befreit viele Menschen in den USA feierten. Wie selbst in dem so technokratisch-grauen Washington Applaus und Jubel aus Wohnungen und Restaurants zu hören war. Es wurden ja nicht in erster Linie die Demokraten gewählt, sondern ein rechtsautoritärer Präsident und seine Truppen abgestraft. Aber die Demokraten schafften das nur, indem auch sie – wie in Ungarn – neue, interessante Kandidatinnen und Kandidaten aufgestellt hatten.
Bricht die rechtsautoritäre Welle?
Ganz so leicht ist es vielleicht nicht. Blicken wir nach Polen: Hier ist aktuell ein schmutziger politischer Streit zwischen dem liberal-konservativem Ministerpräsidenten Donald Tusk und dem Rechtsaußen-Präsidenten Karol Nawrocki entbrannt. Sie kämpfen um die Macht im Verfassungsgericht. Meine Kollegin Joanna Krawczyk leitet unser Projekt Correctiv.Europe und arbeitet in Warschau. Sie sieht dunkle Wolken in Polen heraufziehen: „Unser Verfassungsgericht erfüllt bereits seit elf Jahren nicht mehr seine verfassungsmäßige Rolle; es sah weniger nach einer Wiederherstellung der Rechtsstaatlichkeit aus, sondern eher danach, dass die Regierung und der Präsident für ihre eigenen Wähler Theater spielen.“
Polen sei eine Art Experiment für die schwierigste Form der Redemokratisierung unter den Bedingungen einer Koalition der Gegenspieler, so Joana. Reformer müssten sich selbst an transparente, parteiübergreifende und international überprüfte Verfahren binden, die eine nächste Regierung nicht einfach gegen sie einsetzen könnte. „Andernfalls könnten die Radikalen, die am Rande abwarten, als eigentliche Gewinner hervorgehen – und plötzlich wie Staatsmänner klingen.“
Aber nicht nur in Polen werden die rechten Kräfte stärker. Frankreich steht vor einer rechtsautoritären Präsidentin und in Sachsen-Anhalt steht bald ein AfD-Politiker zur Wahl als Ministerpräsident. Die bundesweiten Umfragen signalisieren zudem große Unterstützung für die AfD. Der Partei, die treu zu Orbán stand und deren Spitzenpolitiker Spitzel-Informationen ans MAGA-Lager liefern wollten.
Nächste Woche erscheint ein Interview, das ich mit dem Publizisten Roger de Weck geführt habe. Er hat ein Buch über die Konservativen geschrieben, und erläutert, dass das Rechtsautoritäre und das Konservative unvereinbar und deshalb ein blau-schwarzes Lager nicht möglich sei.
Wir werden weiter genau beobachten, wie sich Rechtsautoritäre finanziell und organisatorisch über Ländergrenzen hinweg verbinden. Denn bisher bleiben es widerständige Wellen und nicht das Ende der rechtsautoritären Träume.
Bleibt die Frage: Könnte man sich die Erfahrung nicht doch sparen? Und wenn nicht: Nach Budapest zu fahren, macht zumindest Mut!
Lesen Sie außerdem in unserem Ganz Persönlich wie unser CORRECTIV.Lokal-Netzwerk eine Recherche auf den Weg bringen konnte, die medial und politisch wirklich Einfluss gezeigt hat.
Ich wünsche Ihnen ein erholsames Wochenende, auch mit den Empfehlungen, die unser Team für Sie kuratiert hat! Wenn Sie Hinweise, Anregungen oder Kritik haben, schreiben Sie mir gern unter justus.von.daniels@correctiv.org.
Herzlich,
Ihr Justus von Daniels
Wenn der Schulweg lebensgefährlich wird
Im Westjordanland kommt es immer wieder zu Angriffen auf palästinensische Kinder auf dem Weg zu ihrer Schule. Besonders in Masafer Yatta bedrohen Gewalt, Vertreibung und der Kampf um Bildung die Zukunft der Menschen. Eine Zeit-Reportage über den Alltag unter der Besatzung und den Versuch, trotz allem das Recht auf Bildung zu verteidigen.
Durch die Feuerzone zur Schule (zeit.de, €)
Dieser eine Anruf
Manche Anrufe schieben wir jahrelang vor uns her. Weil wir Angst vor der Antwort haben, weil etwas zwischen uns steht oder weil die richtigen Worte fehlen. Auch in der fünften Staffel vom ARD-Podcast Telephobia begleitet die Journalistin Lea Utz Menschen zu diesem einen Gespräch, das längst überfällig ist. Vom Dieb des geliebten Tandem-Fahrrads bis zum verlorenen Bruder.
Telephobia (ardsounds.de, Podcast)
Vom Klimastreik zum Anti-Kriegsprotest
Aus Klimastreik wird Widerstand gegen Krieg und Aufrüstung: Der Journalist und Filmemacher Hubertus Koch blickt in seiner neuen Doku auf acht Jahre Klimabewegung zurück, spricht mit Aktivistinnen wie Greta Thunberg und Carla Hinrichs. Am Ende steht die Frage: Wie kann Protest funktionieren, in Zeiten von staatlicher Repression und Aufrüstung?
Auf Panzern in die Klimakrise (Youtube, Doku)
Ein umkämpfter Zipfel Land
Sie liegen vor der Küste Südamerikas, gehören aber zu Großbritannien: die Falklandinseln. Seit fast 200 Jahren erhebt Argentinien Anspruch auf das Archipel. 1982 führte der Streit zu einem Krieg und nun entfacht Präsident Javier Milei den Konflikt erneut. Der DLF erklärt, warum diese kleinen Inseln für Argentinien eigentlich so wichtig sind.
Falklandinseln (deutschlandfunk.de, Podcast)
Was Europa bewegt
Fast zwei Billionen Euro, sieben Jahre und noch lange keine Einigung in Sicht: Die EU-Staats- und Regierungschefs sind weiterhin uneinig über den nächsten langfristigen Haushalt der Europäischen Union. Dabei geht es um die Finanzierung zentraler Bereiche wie Landwirtschaft, Bildung, Forschung, Infrastruktur und Verteidigung. Manche Mitgliedstaaten fordern einen kleineren Haushalt, andere mehr Investitionen für den wirtschaftlichen Zusammenhalt. Wie stark hängt die Entwicklung eines Landes von EU-Fördermitteln ab?
LensEU (#lensEU, Podcast)

Lokaljournalismus wirkt!
Vor drei Wochen tauschten wir bei unserer Lokalkonferenz noch letzte Details aus – jetzt wirbelt unsere Recherche im wahrsten Sinne Staub auf!
Drei Reporterinnen der Nürnberger Nachrichten und der Main-Post – Mitglieder unseres CORRECTIV.Lokal-Netzwerks – sind Hinweisen auf fragwürdige Geschäfte eines Abfallmaklers aus Unterfranken nachgegangen. Seine Firma soll Hunderttausende Tonnen Bauschutt nach Tschechien vermittelt haben, wo sie mutmaßlich illegal in Steinbrüchen landeten.
Ausgangspunkt war meine Recherche „Weißes Gold: verscharrt statt recycelt“ vom Herbst 2025. Damals versuchte das Unternehmen, unsere Berichterstattung per Unterlassungserklärung zu stoppen. Inhaltlich wurde sie vor Gericht nie angefochten.
Die Recherchen der Kolleginnen belegen: Während die Firma unsere Recherche angriff, lief das Geschäft offenbar weiter. Doch nun hat die Staatsanwaltschaft Würzburg ein Ermittlungsverfahren eingeleitet. CSU, Grüne, der Baustoffkonzern Knauf und die Umweltorganisation BUND drängen auf Aufklärung. Ein grüner Landtagsabgeordneter fordert für Bayern sogar eine eigene Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Umweltkriminalität.
Das zeigt: Kollegialer Austausch und hartnäckige Recherche lohnen sich! Und für echten Impact braucht es manchmal den Druck aus dem Lokaljournalismus.

Gaza: Trumps „Friedensrat“ will sich mit Bundesregierung zu möglicher Polizeimission austauschen
US-Präsident Donald Trumps „Board of Peace“ will mit der Bundesregierung über eine mögliche Polizeimission im Gazastreifen sprechen. Eine Einladung aus den USA liegt nach CORRECTIV-Informationen seit Anfang November vor.
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„Migrantisches Milieu“: Integrationsforscher nennt Begriff ein gefährliches politisches Kalkül
Nach den Gen-Z-Protesten spricht Deutschland nicht über Sozialpolitik, sondern über Migration. CORRECTIV analysiert, wie es dazu kam.
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KI-Chatbots: Emotionsforscherin warnt vor emotionaler Abhängigkeit
Wir vertrauen KI-Chatbots unsere Probleme an. Das kann gefährlich werden, besonders für Jugendliche. Sind wir vor emotionaler Abhängigkeit und Manipulation ausreichend geschützt?
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Eine brisante E-Mail aus dem Datenleak zur AfD-Spendenaffäre
Im AfD-Leak findet sich eine brisante E-Mail eines ehemaligen AfD-Mitglieds über die Verteilung des Extrablatts im NRW-Wahlkampf 2017. Die Ermittlungen der Behörden stocken dazu seit Jahren, und Ende 2027 wären die Vorgänge dazu verjährt.
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Trotz Geld vom Bund bekommen arme Kinder nur schwer Nachhilfe
Kinder aus armen Familien haben über das Bildungs- und Teilhabepaket des Bundes Anspruch auf Nachhilfe. Doch das funktioniert vielerorts nicht. Kommunen führen eigene Regeln ein, Familien müssen komplizierte Anträge stellen.
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Die Identitäre Bewegung fordert von der AfD Anerkennung und „Dank“
Auf X streitet sich das völkische Lager in und außerhalb der AfD über den Umgang mit der IB. Der Grund: Offenbar wünschen sich einige AfD-Abgeordnete ein Verbot.
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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Minou Becker & Sebastian Haupt
CORRECTIV arbeitet anders
Investigativer Journalismus braucht Zeit, Ausdauer und Geld. Gerade die wichtigsten Recherchen sind oft die aufwendigsten: langwierig, kompliziert, unbequem. CORRECTIV kann dranbleiben, weil Menschen wie Sie uns unterstützen – unabhängig, gemeinwohlorientiert und spendenfinanziert.


