Es rinnt, wo es früher floss

Wegen des historischen Niedrigwassers im Rhein haben wir eine aufwändige Datenanalyse gemacht. Sie zeigt: Das ist kein Ausreißer, sondern ein langjähriger Trend.

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Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  SpotifyAmazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

kann man dem historischen Niedrigwasser am Rhein auch etwas Gutes abgewinnen? Mit dieser Frage haben sich die Nachwuchs-Karikaturisten beschäftigt, die ich Anfang der Woche in Kassel besucht habe: bei der Sommer-Akademie der Caricatura.

Da hing eine ganze Aufstell-Wand voller Bilderwitze zu dem Thema: 

  • Am Grunde des Rheins ist jetzt die sagenumwobene Stadt Atlantis wieder aufgetaucht; 
  • Ein Fisch-Kind, das mit seiner Mutter in einer Pfütze schwimmt, fragt die Mutter, was wohl die Redewendung „gegen den Strom schwimmen“ bedeutet;
  • Ein Kreuzfahrtschiff liegt auf trockenem Grund – und die Passagiere freuen sich, dass sie die nächsten zwei Wochen an Bord völlig klimafreundlich verbringen können – weil das Schiff ja nicht fährt.

Vielleicht ist Galgenhumor die beste Haltung, die man zur Klimakatastrophe haben kann – um sich nicht zu machtlos zu fühlen. Man kann natürlich auch Fakten zusammentragen, um der Politik vor Augen zu halten, wie drastisch das Problem wirklich ist. Genau dies haben unser Klima- und unser Daten-Team gemacht. Das Ergebnis steht heute im Thema des Tages.

Was meinen Sie: Fällt Ihnen ein humoristischer Blick auf das Niedrigwasser in unseren Flüssen ein? Oder ist Ihnen dabei gar nicht nach Lachen zumute? Schreiben Sie mir gern: anette.dowideit@correctiv.org.

Dann noch ein Hinweis auf eine Leser-Mail, die wir als Reaktion auf das gestrige Thema des Tages bekamen: Wie leicht lässt sich Briefwahl in Pflegeheimen manipulieren? Michael P., selbst Pfleger in einem Heim, schrieb uns: Das Problem sei nicht mögliche Manipulation – sondern vielmehr, dass sich oft niemand um die Beantragung kümmern könne: Das Pflegepersonal ist ohnehin überlastet und überdies nicht dafür zuständig. Wenn es also keine pflegenden Angehörigen oder Berufsbetreuer gebe, dann könnten die Pflegebedürftigen ihr Wahlrecht einfach nicht wahrnehmen.

Thema des Tages: Es rinnt, wo es früher floss

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Aber erahnen ist unserem Rechercheteam natürlich nicht genug. Wir wollten ganz genau wissen, wie sich das Niedrigwasser in unseren Flüssen in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Dafür haben sich unsere Datenjournalisten und unser Klima-Team zusammengetan – und die verfügbaren Statistiken ausgewertet. 

Das Ergebnis können Sie in unserem heute erschienenen Text lesen. Dort können Sie auch nachschauen, wie stark die Flüsse in Ihrer Region betroffen sind:

Der Rhein im Sommer 2026. Foto: Lennard Birmanns

Woher die Daten kommen:
Sie stammen vom Niedrigwasser-Portal (NIWIS) der Bundesregierung. Dieses Portal erfasst die Daten zu Wasserständen und Wassermengen an 356 Messstellen.

Was sie zeigt:
Unsere Analyse erstreckt sich über die vergangenen 34 Jahre. Deshalb können wir eindrücklich zeigen, wie die Flüsse nach und nach immer weniger Wasser führten. 

Das Ergebnis ist nicht überraschend, aber klar: Deutschlands Flüsse trocknen zunehmend aus.

Wozu die Entwicklung führt:
Zum einen – wie in den vergangenen Tagen von vielen Medien berichtet – zu handfesten Problemen für die Wirtschaft. Zum Beispiel, weil Schiffe nur noch schwer Waren transportieren können. 

Eine aktuelle Berechnung kommt zu dem Ergebnis, dass allein das Niedrigwasser im Rhein die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr 0,3 Prozentpunkte vom Bruttoinlandsprodukt (BIP) kosten dürfte.

Zum anderen führt das Niedrigwasser aber auch dazu, dass unser Trinkwasser aufwändiger gereinigt werden muss. 

Das liegt daran:
Ein Teil unseres Trinkwassers stammt aus den Flüssen – und wird in Kläranlagen zu Trinkwasser aufbereitet. Wie groß genau der Anteil an Flusswasser an unserem Trinkwasser ist, lässt sich nicht ganz leicht beziffern, es lässt sich aber in dieser Erläuterung des Umweltbundesamtes in etwa nachvollziehen.

Nun ist es so, dass Chemiefirmen und andere Industrieunternehmen jede Menge Stoffe in die Flüsse einleiten dürfen: Arzneimittelrückstände oder Industriechemikalien. 

Wie massiv gerade der Rhein mit unbekannten und teils gesundheitsschädlichen Stoffen belastet ist, hatten wir in dieser Recherche aufgedeckt

Die Konsequenz liegt auf der Hand:
Weniger Wasser im Fluss, aber die gleiche Menge Chemikalien = mehr Aufbereitung nötig.

Ein Forscher, mit dem wir gesprochen haben, kommt zu diesem Ergebnis:

„Im Grunde sind unsere Flüsse derzeit nur schwach verdünntes Abwasser.“
Werner Brack, Ökotoxikologe
Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ)

Wie geht es weiter?
Eine schnelle Entwarnung ist in den kommenden Tagen und Wochen nicht in Sicht. Laut der Bundesanstalt für Gewässerkunde ist erst ab Oktober mit einer „substanziellen Entspannung der landesweiten Niedrigwassersituation“ zu rechnen.

Lauterbach: Zahl der Hitzetoten wohl noch höher
Der ehemalige Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) hält die RKI-Schätzung von rund 14.000 Hitzetoten in diesem Sommer für eher konservativ. Auch die Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin geht von einer höheren Zahl aus. Das RKI meldet zudem, dass es auch während der Hitzewelle Anfang August eine Übersterblichkeit festgestellt hat.
deutschlandfunk.de / rp-online.de

Bundeskanzler Merz steht hinter einem Mikrofon.
Bild: Kay Nietfeld / DPA / Picture Alliance

Endlich verständlich
Künstliche Intelligenz braucht nicht nur eine Menge Energie, sondern auch Wasser. Aber warum eigentlich? Ein Grund ist etwa die Kühlung von KI-Rechenzentren. Der indirekte Wasserverbrauch der Zentren ist aber noch höher als der direkte. Denn auch die Kraftwerke, die Strom für die Rechenzentren liefern, müssen gekühlt werden. Ein ausführliches FAQ zum Thema finden Sie bei Netzpolitik.org.
netzpolitik.org

Fundstück
Fast jeder vierte Erwachsene schläft weniger als sieben Stunden – und das ist zu wenig. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Untersuchung des Robert-Koch-Instituts. Um den Schlaf zu verbessern, könne man unter anderem auf Schlafzeiten, Lärm, Temperatur und Lichteinflüsse achten. 
tagesschau.de


Der Krieg, den Russland in unmittelbarer Nachbarschaft führt, betrifft auch uns. Das Ziel des russischen Präsidenten Wladimir Putin ist es, die Dominanz über Europa zu erringen. Daher geht es nicht nur darum, aus Empathie der Ukraine zu helfen, sondern auch darum, unsere Freiheit zu schützen.

Umso mehr verwundert es mich, mit welchen Parolen gegen die Ukraine auch in Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern Wahlkampf gemacht wird. Vor allem die AfD beschwört eine angebliche Partnerschaft zu Russland und fordert das Ende der Ukrainehilfe.

Und diese Parolen finden Gehör. Gestern hörte ich im Deutschlandfunk, wie sich in Lubmin (Mecklenburg-Vorpommern) Menschen empören, dass ein stillgelegtes Gaskraftwerk, das nur dafür gebaut wurde, das aus der Nordstream-Pipeline kommende Gas für den Weitertransport zu erwärmen, an die Ukraine verschenkt wird und die Demontage nun beginnen soll.

Zur Erinnerung: Es war Russland, das mit dem Angriffskrieg diese Energiepartnerschaft beendet hat. Deutschland hatte in den Jahren zuvor trotz intensiver Warnungen Russland unter Putin zum wichtigsten Energielieferanten gemacht und dem Kreml sogar nach der Annexion der Krim die Kontrolle über die Gasspeicher gegeben. Mehr Vertrauensvorschuss geht nicht. Doch Putin nutzt die Einnahmen für den Krieg gegen die Ukraine. Auch aus dieser Verantwortung heraus erklärt sich die Hilfe für die Ukraine.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Till Eckert, Sebastian Haupt, Katarina Huth, Pamela Kaethner