Neue Panne im Bundestag

Unsere aktuelle Recherche zeigt: Das Parlament muss die Abstimmung über das Bundespolizeigesetz wiederholen.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Hier finden Sie unseren neuen Podcast „Was zählt“, der das Wichtigste des Tages für Sie jetzt auch zum Hören aufbereitet. Er ist auch auf  Spotify, Amazon MusicDeezer und Apple Podcasts abrufbar.

Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

kennen Sie das? Draußen ist es heiß, zu Hause wartet der Feierabend-Drink, der Rasen muss noch gemäht werden – da macht man vielleicht an einem Sommer-Freitagnachmittag vielleicht schon mal um vier Uhr Feierabend statt um fünf. Blöd nur, wenn man Bundestagsabgeordnete ist und dadurch eine wichtige Abstimmung verpasst hat. 

Noch blöder, wenn der Rest des Bundestages an besagtem Freitagabend noch schnell in der letzten Sitzung vor der Sommerpause ein Gesetz verabschiedet – und sich dann herausstellt: Die Abstimmung war ungültig. Weil nicht genug Abgeordnete anwesend waren. 

Genau das ist vergangenen Freitag passiert. Und dank des wachsamen Auges einer Quelle im Bundestag und unserer Nachrichtenchefin Elena Müller wird der Bundestag nach der Sommerpause nochmal über das Bundespolizeigesetz abstimmen müssen. Es ist nur die jüngste einer Reihe von Pannen im Bundestag. Mehr dazu im Thema des Tages.

Was sonst noch los ist: 

  • Unions-Fraktionschef Jens Spahn und sein Mann haben ein Baby von einer Leihmutter in den USA bekommen. Spahn hat damit der Glaubwürdigkeit der Politik einen Bärendienst erwiesen – denn er selbst hatte als Bundesgesundheitsminister dafür gesorgt, dass Leihmutterschaft in Deutschland verboten bleibt. Jetzt gibt es Rücktrittsforderungen.
  • Erinnern Sie sich an die Bilder vom Spätsommer 2022: die kreisrunden Wasserstrudel auf der Wasseroberfläche der Ostsee? Nord Stream 2 war gesprengt worden. Aber von wem? Bis heute dauern die Ermittlungen an. Die Investigativjournalisten Ulrich Thiele und Oliver Schröm haben dem Fall nachgespürt – und erzählen davon in unserem aktuellen Videointerview.

Und jetzt können Sie wieder abstimmen: Welche oder welcher unserer Karikaturisten soll diese Woche die Cartoon-Krone für den besten Bilderwitz zur geplanten Einschränkung der Informationsfreiheit bekommen? Hier gibt es die Übersicht über die Karikaturen. Und hier geht’s zur Abstimmung:

Dann noch eine wirklich traurige Sache, die im Nachrichtenstrudel schon fast unterging: In den USA hat die Abschiebebehörde ICE wieder zwei Menschen erschossen. Gleichzeitig will Präsident Trump die Visa für ausländische Journalisten stark einschränken. Das bedeutet faktisch, dass die Welt solche Vorgänge in den USA künftig schlechter als bisher beobachten kann. Mehr dazu morgen im Samstags-SPOTLIGHT.

Schreiben Sie mir gern Ihre Recherche-Vorschläge: anette.dowideit@correctiv.org.

Thema des Tages: Neue Panne im Bundestag

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Emissionshandel: EU entlastet energieintensive Industrie • AfD-Firma drohen Konsequenzen wegen Partei-KI • Mehr Befugnisse, weniger Kontrolle: Verbände kritisieren geplante Reform der Nachrichtendienste

Cartoon-Arena: Angriff aufs IFG-Gesetz – Wählen Sie Ihren Favoriten

CORRECTIV Events: Fakten vom Fass

Faktencheck: Nein, Hans-Werner Sinn wurde nicht nach einer ZDF-Sendung festgenommen

Gute Sache(n): Diese Regierungsmitglieder beantworten alle Fragen • Den schattigsten Weg finden • Tochter von Markus Söder muss Termine mit ihm über Assistenten koordinieren

CORRECTIV ganz persönlich: Was ist eigentlich in dem Wasser, in dem wir baden?

Grafik des Tages: Viele Jugendliche befürworten Altersbeschränkung bei Social Media

Das Bundespolizeigesetz ist ein solches wichtiges Gesetz:
Es geht dort darum, die Befugnisse der Bundespolizei auszuweiten. Beamtinnen und Beamte sollen unter anderem künftig in besonderen Gefahrenlagen automatische Echtzeit-Gesichtserkennung oder eigene Drohnen zur Überwachung und Aufklärung einsetzen dürfen.

Bei der Abstimmung passierte nun Folgendes:
Es waren deutlich zu wenige Parlamentarier bei der Abstimmung anwesend, um diese Form der qualifizierten Mehrheit erreichen zu können. 

Wie viele genau, ist nicht bekannt, aber: In der Videoaufzeichnung der Sitzung ist erkennbar, dass bei weitem nicht 316 Abgeordnete im Plenum anwesend waren, geschweige denn für das Gesetz gestimmt haben. Damit ist die Abstimmung nicht korrekt durchgeführt worden. Dies fiel aber an diesem Freitagnachmittag niemanden auf – auch nicht der Sitzungsleitung.

Die Pressestelle des Bundestags bestätigte uns auf Anfrage nun gestern: Die Feststellung der erforderlichen Mehrheit könne im Rahmen einer namentlichen Abstimmung nach der sitzungsfreien Zeit nachgeholt werden. Also mit anderen Worten: Die Abstimmung war ungültig. Darüber hat die Bundestagsverwaltung am Freitagnachmittag nach CORRECTIV-Informationen auch die Fraktionen informiert.  

Den ganzen Krimi können Sie hier nachlesen.

Gähnende Leere im Bundestag: Ganz so schlimm war es zwar nicht, doch bei der Abstimmung zum Bundespolizeigesetz waren deutlich zu wenige Abgeordnete im Plenum anwesend. Foto: picture alliance / Caro | Sorge
Gähnende Leere im Bundestag: Ganz so schlimm war es zwar nicht, doch bei der Abstimmung zum Bundespolizeigesetz waren deutlich zu wenige Abgeordnete im Plenum anwesend. Foto: picture alliance / Caro | Sorge

Nehmen Pannen im Bundestag zu?
Diesen Eindruck könnte man zumindest bekommen, wenn man die Meldungen der letzten Monate verfolgt: Da war zum Beispiel der Vorfall mit dem Wehrdienstgesetz, über die wir auch intensiv berichtet hatten:

Die Abgeordneten stimmten dem Gesetz zu – und merkten nicht, dass darin ein schwerer Grundrechtseingriff enthalten war: Männer zwischen 17 und 45 Jahren sollten sich demnach vor längeren Auslandsaufenthalten grundsätzlich bei der Bundeswehr abmelden. Das fiel niemandem auf, weil es mit der Aufrüstung so schnell gehen soll – und weil es Berge von Seiten an Gesetzentwürfen sind, durch die sich die Abgeordneten vor den Abstimmungen in kurzer Zeit wühlen müssten. Jedenfalls theoretisch. 

Deshalb gehen Fraktionen auch immer wieder vor Gericht – wenn sie der Ansicht sind, dass sie zu schnell zu Abstimmungen über umfangreiche Gesetze gedrängt werden sollen. Zuletzt stand dies gerade erst vor ein paar Tagen wegen der Reform der gesetzlichen Krankenversicherung zur Debatte: Die Opposition wollte in Anträgen vor dem Bundesverfassungsgericht die Abstimmung stoppen, weil sie in Windeseile über 60 kurzfristige Änderungsvorschläge Bescheid wissen sollte. Die Anträge scheiterten allerdings.

Wird der Gesetzgebungsprozess also immer schlampiger?
Das wirkt so, ist aber nicht der Fall. Solche Pannen gab es schon immer – weil der Gesetzgebungsapparat aus Ministerien, Bundesregierung und Bundestag einfach wahnsinnig kompliziert ist. Der Teufel steckt oft im Detail. 

Von dieser Komplexität versucht übrigens die AfD zu profitieren: Deren Fraktion im Bundestag sucht immer wieder nach Lücken und Tücken im Gesetzgebungsprozess, um Abstimmungen zu blockieren oder sie als ungültig erklären zu lassen. Diese Strategie erklärt der Verfassungsblog hier genauer.

Nach Babyglück durch Leihmutter: Rücktrittsforderungen gegen Jens Spahn
Nach der Geburt des Sohnes von Jens Spahn (CDU) und seinem Ehemann durch eine Leihmutter aus den USA wächst die Kritik. Denn in Deutschland ist die Praxis der Leihmutterschaft generell untersagt. Spahns eigene Partei hält vehement an diesem Verbot fest – als Gesundheitsminister verteidigte er dieses ebenfalls. Viele Parteimitglieder sehen nun die Glaubwürdigkeit der Partei gefährdet. Der Chef des CDU-Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern, Daniel Peters, fordert den  Rücktritt Spahns.  
tagesspiegel.de

AfD-Firma drohen Konsequenzen wegen Partei-KI
Nach Recherchen von CORRECTIV: Das KI-Tool, das Propaganda für die AfD generiert, könnte gegen eine EU-Verordnung verstoßen. Google und OpenAI prüfen derweil mögliche Verstöße gegen ihre Nutzungsbedingungen.
correctiv.org

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Foto: Teutopress / Picture Alliance

So geht’s auch
Wie findet man an Hitzetagen den besten Weg durch die Stadt? In Heidelberg und Worms gibt es dafür eine App, um die eigene Routenplanung möglichst schattig zu gestalten. Auch für andere Städte könnte die App demnächst nutzbar sein.
reset.org

Fundstück
Terminfindung in der Familie kann schwierig sein. Das gilt auch für vielbeschäftigte Polit-Promis. Wenn sich Gloria-Sophie Burkandt, die Tochter des bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU), mit ihrem Vater treffen möchte, muss sie sich nach eigenen Angaben dafür mit dessen Assistenten koordinieren.
spiegel.de


In Dänemark – aber auch in den Niederlanden oder auf Borkum – wird inzwischen zur Vorsicht beim Baden am Strand geraten. Der Grund: Insbesondere der Meeresschaum ist extrem stark mit gesundheitsschädlichen PFAS-Chemikalien kontaminiert. Deshalb sollte man sich nach dem Bad im Meer abduschen oder vor dem Picknick am Strand zumindest die Hände waschen. 

Die dringendste Empfehlung bringt mich in ein Dilemma. Sie lautet: Nicht mit dem kontaminierten Meeresschaum spielen – stattdessen lieber ein paar Meter raus schwimmen ins offene Meer. Wie soll ich das unseren Kindern erklären – vor allem dem Kleinsten, der noch nicht mal schwimmen kann? Der weiße Schaum, der von den Wellen an den Strand gespült wird, zieht Kinder geradezu magisch an. Ich erinnere mich gerne daran, wie ich als Kind stundenlang in der Gischt gespielt habe.  

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Elena Müller.