
Am Dienstag war die Aufregung schon sehr groß. Nicht nur, weil ein Politiker eines rechtsextremen Landesverbandes der AfD in Sachsen-Anhalt zum Landtagspräsidenten gewählt wurde. Sondern eher, wie er gewählt wurde. Er bekam vier Stimmen mehr als die AfD und das BSW Mitglieder in ihren Fraktionen haben. Der Verdacht lag nahe, dass die Stimmen aus der CDU kamen. Bestätigt ist das bisher nicht. Aber innerhalb des CDU-Landesverbandes gärt es, die Stimmung ist angespannt, schon wird laut MDR gemunkelt, die Fraktion könnte auseinanderfallen.
Interessant ist dabei ein Detail, auf das mein Kollege Martin Böhmer gestoßen ist. Es geht um den CDU-Landespolitiker Alexander Räuscher, der im neuen Landtag zwar nicht mehr vertreten ist. Aber der Politiker aus dem Harz ist für uns trotzdem interessant, denn er ist in einer Facebook-Gruppe, die von einem Rechtsradikalen geführt wird. Wie nah ist er dieser Gruppe? Auf Anfrage sagte er, dass er die Gruppe nur „beobachtet“ habe und sich klar gegen deren Inhalte stelle. Das wiederum werden wir beobachten.
Räuscher stellte sich mehrfach gegen die „Brandmauer“, schloss aber im Gespräch mit uns eine Zusammenarbeit mit der AfD aus. Wie das gehen soll? Laut Räuscher solle es keine Koalition und gemeinsame Anträge mit der AfD-Fraktion geben, aber CDU-Leute könnten bei einzelnen Anträgen mit der AfD stimmen.
Journalismus in bewegten Zeiten
Wie können wir gut berichten, in diesen bewegten Zeiten? Genau dazu veranstalten wir nächstes Wochenende eine Konferenz für 300 Lokaljournalistinnen und -journalisten in Magdeburg. Zur Eröffnung sprechen wir auf der Bühne mit vier Kolleginnen und Kollegen aus Sachsen-Anhalt über die aktuelle Lage dort. Ich werde (wie auch bei den Lokalkonferenzen in den vergangenen Jahren) Ihre Fragen nach Magdeburg mitnehmen. Welche würden Sie dem Podium gern stellen? Hier können Sie uns schreiben.
Gut informiert?
Zur Verunsicherung innerhalb der CDU mag auch beitragen, dass sich einige von ihnen auch beim Onlineportal Nius informieren. Wir haben vor zwei Tagen über das Datenleck bei Nius berichtet und gestern einen weiteren Aspekt aufgegriffen: Es ging darum nachzuvollziehen, wie ein Zitat des CDU-Ministerpräsidenten Daniel Günther bei Nius wider besseren Wissens so verkürzt wurde, dass daraus der unberechtigte Vorwurf gegen ihn entstand, er habe in einer Talkshow die Zensur von Nius gefordert. Günther wehrt sich seitdem vor Gericht dagegen. Für die CDU und alle anderen Parteien könnte das eine Erinnerung sein, mit wem sie es zu tun haben.
Zwei relevante Filme, ein Thema
Mich hat neben den aktuellen Ereignissen der vergangenen Tage eine Doku bewegt, die seit Mittwoch beim ZDF zu sehen ist und auf einer Recherche von uns basiert. Zusammen mit dem Ex-Fußballprofi Jonas Hummels haben wir zu sexuellem Missbrauch im Fußball recherchiert. Ehemalige Jugendfußballer erzählen erstmals vor der Kamera, wie sie von Trainern sexuell missbraucht wurden. Mich erschüttert das auch deshalb, weil es in einem Umfeld passiert, das viele von uns kennen. Vereinsfußball ist allgegenwärtig bei vielen Eltern, bei jungen Spielerinnen und Spielern. Ich empfehle unsere Recherche und die ZDF-Doku dazu sehr.
Nächste Woche sprechen wir dazu live mit Jonas Hummels und dem Geschäftsführer des Erstligisten Union Berlin, Lutz Munack. Es soll darum gehen, wie ein Umfeld gestaltet werden kann, in dem solche Taten gar nicht erst geschehen.
Das Thema sexueller Missbrauch ist auch mit der katholischen Kirche verbunden, die sich ja offiziell müht, diesen in ihren Reihen aufzuarbeiten. Aber müht sie sich genug? Seit gestern ist unser Film „Akten des Missbrauchs“ online abrufbar. Wir hatten im März unsere weltweite Spurensuche über die Vertuschung durch den Vatikan veröffentlicht und sind danach wochenlang durch Kinos getourt. Der Film war immer Anlass, danach mit dem Publikum über das Thema zu diskutieren. Wir freuen uns, wenn Sie den Film schauen und weiterempfehlen.
Diese Begegnungen und Debatten sind genau das, was wir als weiteren Schritt nach unseren Recherchen für wichtig halten: dass man nicht einfach bei den Missständen stehen bleibt, sondern dass sich daraus Gespräche darüber ergeben, wie es besser werden kann.
Falls Sie am Wochenende auf der Buchmesse in Frankfurt sein sollten, empfehle ich Ihnen einen Besuch an unserem Bücherstand. Wir sind zudem mit einigen Lesungen in der Stadt vertreten (hier geht es zu unserem Programm).
Ihnen wünsche ich ein erholsames Wochenende, auch mit den nun folgenden Empfehlungen, die unsere Redaktion für Sie zusammengestellt hat.
Herzlich,
Ihr Justus von Daniels
Bei Massage-Angebot wurden Eltern misstrauisch
Unsere Recherche zum Missbrauch im Jugendfußball begann schon vor ein paar Jahren, als sich unser ehemaliger Kollege Jonathan Sachse mit einem Team auf Spurensuche in Amateurclubs machte. Zusammen mit Jonas Hummels deckten sie damals den Fall eines Spielerberaters auf, der auch in der Doku aufgerollt wird. Jonathan ist mittlerweile beim RND, das parallel zu unserer Recherche und der ZDF-Doku einen weiteren Fall in Köln dokumentiert und eine Übersicht über Gerichtsverfahren zu dem Bereich zusammengetragen hat.
Täter wechseln einfach den Verein: Das schweigende Fußballsystem (rnd.de, €)
Da freut sich der Bot
Dieses Stück ist so bizarr wie lesenswert. Es entführt sie in die Welt der Bots, die im Juli bei dem amerikanischen Konzern OpenAI kurz davor waren, ihre eigenen Auftraggeber auszutricksen und Sicherheitssysteme zu knacken. Die Rekonstruktion zeigt, wie „menschlich“ die Bots agieren. Sie geben sich gegenseitig Tipps, äußern ihre Unsicherheit, machen Fehler, lernen daraus und freuen sich über kleine Erfolge. Natürlich ist das alles nur eine angelernte Kommunikation, die menschliche Dialoge imitiert. Aber es ist höchst verstörend und faszinierend zugleich.
Los, opfer dich jetzt!, sagt ein KI-Agent zu einem anderen (zeit.de, €)
Sexismus in weiß
Ein System, in dem Können allein nicht über die nächsten Karriereschritte entscheidet: Die Doku „#MedToo – Macht und Missbrauch im OP“ der ARD-Investigativredaktion beleuchtet Machtmissbrauch, Sexismus und Grenzüberschreitungen im Klinikalltag. Denn obwohl ein Großteil der Medizinstudierenden weiblich ist, sind Frauen auf den Chefposten in Krankenhäusern selten. Betroffene berichten von ihren Erfahrungen, während Recherchen zeigen, warum Übergriffe oft folgenlos bleiben. Nicht selten führt das dazu, dass hochqualifizierte Frauen diesem Bereich den Rücken kehren.
#MedToo – Macht und Missbrauch im OP (ardmediathek.de)
(K)ein Davonkommen
Sie rennt und rennt. Sie hofft, dass wenn sie jetzt vom Bürgersteig auf den Grünstreifen ausweicht, das Auto einfach an ihr vorbeifährt. Wenn er sie nicht treffen will, dann hat er ja Zeit, auszuweichen, denkt sie noch. Aber dann ist plötzlich alles still: Am 17. Oktober 2020 demonstriert Viola O. gegen die AfD. Dabei wird sie absichtlich von einem Auto angefahren und muss ins Krankenhaus. Der Fahrer ist AfD-Mitglied, Viola O. ist eine Schwarze Frau. Der dreiteilige Podcast der Süddeutschen Zeitung erzählt den Fall, die Folgen und die Verhandlung. Und Autorin Shannon Bierwirth ergründet die Frage, warum das Gericht urteilt, dass hinter der Tat weder ein rechtsextremistisches noch ein rassistisches Motiv steht. (Die erste Folge ist kostenlos.)
Viola. Eine Frage des Motivs (sueddeutsche.de, €)
Europas Aufarbeitung der Covid-19-Pandemie
Vor fünf Jahren reagierte die EU auf die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Pandemie mit einem beispiellosen Schritt: Gemeinsam mit den Mitgliedsstaaten nahm sie Schulden auf, um Reformen und Investitionen zu finanzieren. Nun nähert sich das Programm seinem Ende. Welche Veränderungen hat es bewirkt – und war es den Aufwand wert? Um diese Fragen geht es in der aktuellen Folge des lensEU-Podcasts, diesmal produziert vom polnischen Medium OKO.press. Hier geht es zur Episode auf Deutsch; hier ist sie auf Englisch und in weiteren Sprachen zu hören. #lensEU (Podcast)
In den Nachrichten wird regelmäßig von den Luftangriffen auf Kyiv und andere ukrainische Städte berichtet. Welcher Logik sie folgen, jedoch nicht. Denn die Kämpfe entlang der sogenannten Kontaktlinie liegen im „Nebel des Krieges“.
Dank moderner OSINT-Technologien (Open Source Intelligence, das meint die Gewinnung und Analyse von Erkenntnissen aus öffentlichen Quellen) ist es jedoch möglich, ziemlich genau zu bestimmen, wie sich die Kämpfe entwickeln. Doch die russische Aggression gegen die Ukraine hat noch eine viel verborgenere Seite.
Tausende Ukrainerinnen und Ukrainer, sowohl Kriegsgefangene als auch Zivilisten, sind Opfer eines Systems aus Gewalt und Folter geworden, das starke Ähnlichkeit mit dem Gulag aufweist. Es gibt nicht viele Wörter in der russischen Sprache, die in den internationalen Sprachgebrauch Eingang gefunden haben. „Gulag“ ist eines davon – es bezeichnet eine Unterdrückungsmaschinerie, deren Zweck der Terror ist.
CORRECTIV hat ein Buch herausgebracht, das die Geschichte der Menschen erzählt, die in dieses System geraten. Yuliia Bohdan und ihre Kolleginnen und Kollegen der ukrainischen Organisation CLEAR (Centre of Law Enforcement Activities Research) haben enorme Arbeit geleistet und mehr als 20 Interviews mit Ukrainern geführt, die eine Inhaftierung im „Neuen Gulag“ überlebt haben.
David Schraven, Wigbert Löer, Marcus Bensmann, Silvia Stöber und weitere Kolleginnen und Kollegen bei CORRECTIV haben dieses Material in eine dokumentarische Darstellung umgesetzt. Und ich schreibe in dem Buch darüber, wie das neue System der Gewalt und Folter entstanden ist, wie es mit Stalins Gulag zusammenhängt (kleiner Spoiler: vor allem durch das allgemeine Prinzip des Terrors und den Einsatz von Folter).
Und wie es mit späteren, in vielerlei Hinsicht postsowjetischen Praktiken systematischer Gewalt in Konfliktgebieten zusammenhängt. Außerdem schreibe ich darüber, wie Russen selbst, insbesondere Regime- und Kriegsgegner, zu Opfern des Neo-Gulag werden.
Sie können das Buch „Botschaften aus dem Neo-Gulag“ hier bestellen.

Daten-Leak bei Nius – Nutzerdaten, Finanzen und Redaktionssystem liegen ungeschützt im Netz
Ein Datenleak legt das Innenleben des Nachrichtenportals Nius frei: Einsehbar sind Adressen von Lesern, Zahlen zu Abo-Einnahmen und umfassende Auszüge aus dem Redaktionssystem.
correctiv.org
Versilberter Staatsdienst: Die Geschäfte von Deutschlands Ex-Spionen
Der verhaftete ehemalige BND-Präsident August Hanning ist nicht der einzige Ex-Spion, der später in die Privatwirtschaft gewechselt ist. Die Bundesregierung schaute dem Treiben lange zu – greift sie jetzt ein? Welche besonderen Beziehungen der EX-BNDler Hanning zum autokratischen Regime Aserbaidschan hat, können Sie hier nachlesen.
correctiv.org
Rechenzentren boomen – Bundesregierung will Umweltvorgaben lockern
In Deutschland entstehen immer mehr Rechenzentren. CORRECTIV zeigt: Viele stehen ausgerechnet dort, wo Wasser im Sommer knapp wird. Ihre Abwärme verpufft meist ungenutzt. Trotzdem will die Bundesregierung die Umweltvorgaben für die Branche lockern.
correctiv.org
Invest in Germany Summit: Wirtschaftsministerium plant fünf Millionen Euro für Finanzgipfel
Ende Oktober lädt die Bundesregierung internationale Finanzakteure zu einem exklusiven Gipfel nach Berlin. Die Teilnehmerliste bleibt unter Verschluss, die Presse hat nur eingeschränkten Zugang. Die Kosten sind enorm, wie eine Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken zeigt, die CORRECTIV exklusiv vorliegt.
correctiv.org
Trotz Vetternwirtschafts-Skandal: Tobias Rausch ist der erste Landtagspräsident aus der AfD
Tobias Rausch ist der erste Landtagspräsident, den die AfD stellt. Eine zentrale Figur der AfD-Vetternwirtschaft in Sachsen-Anhalt ist so nun zu neuer Macht gekommen – ein Überblick.
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Hape Kerkelings Rede im Thüringer Landtag
„Wer nicht verantwortungsvoll mit der Geschichte umgeht, darf niemals Verantwortung für die Zukunft Deutschlands übernehmen“. Im Thüringer Landtag fand Hape Kerkeling deutliche Worte für ein AfD-Verbotsverfahren. Er sprach über die Geschichte seiner Familie, die Verantwortung der Politik und die Gefahr, die er in der AfD sieht. Hier ist seine Rede im vollständigen Wortlaut zum Download.
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An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Martin Böhmer und Elena Müller
CORRECTIV arbeitet anders
Investigativer Journalismus braucht Zeit, Ausdauer und Geld. Gerade die wichtigsten Recherchen sind oft die aufwendigsten: langwierig, kompliziert, unbequem. CORRECTIV kann dranbleiben, weil Menschen wie Sie uns unterstützen – unabhängig, gemeinwohlorientiert und spendenfinanziert.
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.
Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.




