Kampf um Wasser

Rechenzentren boomen – Bundesregierung will Umweltvorgaben lockern

In Deutschland entstehen immer mehr Rechenzentren. CORRECTIV zeigt: Viele stehen ausgerechnet dort, wo Wasser im Sommer knapp wird. Ihre Abwärme verpufft meist ungenutzt. Trotzdem will die Bundesregierung die Umweltvorgaben für die Branche lockern.

von Katarina Huth, Elena Kolb, Philipp Waack

Erweiterung Eqiunix IBX Rechenzentrum MU4 in Aschheim bei Muenchen
Der Ausbau läuft: Equinix erweitert im bayerischen Aschheim sein Rechenzentrum MU4. Während bundesweit neue Kapazitäten entstehen, bleibt der öffentliche Überblick lückenhaft: MU4 findet sich nicht im veröffentlichten Rechenzentrenregister. (Bild: picture alliance / SvenSimon / Frank Hoermann)

Eine Frage an KI-Chatbots wie ChatGPT oder Claude stellen, Fotos in der Cloud speichern, eine Videokonferenz führen oder eine Serie streamen: Hinter unserem digitalen Alltag stehen Rechenzentren, in denen riesige Mengen Daten gespeichert und verarbeitet werden. Und der Bedarf wächst. Die Bundesregierung will die Kapazitäten deutscher Rechenzentren deshalb bis 2030 mindestens verdoppeln, die Rechenkapazitäten für KI und Hochleistungsrechnen sogar vervierfachen.

Doch die digitale Infrastruktur braucht ganz reale Ressourcen. Schon heute verbrauchen deutsche Rechenzentren rund 21,3 Milliarden Kilowattstunden Strom im Jahr – etwa so viel wie neun Millionen Zwei-Personen-Haushalte. Viele Anlagen benötigen zudem Wasser zur Kühlung und produzieren große Mengen bisher ungenutzter Abwärme. Ausgerechnet jetzt will die Bundesregierung Umwelt- und Effizienzvorgaben für die Branche lockern. Eine entsprechende Novelle des Energieeffizienzgesetzes wird derzeit im Bundestag beraten. Zum Beispiel soll das Zieldatum für die hundertprozentige Versorgung von Rechenzentren mit erneuerbaren Energien nach hinten verschoben werden. Außerdem sollen Betreiber Abwärme künftig nicht mehr zwingend nutzen müssen. 

Dabei zeigt eine CORRECTIV-Auswertung des neuen Rechenzentrenregisters des Bundeswirtschaftsministerium, dass schon die bestehenden Anlagen Ressourcenfragen aufwerfen.

Steht ein Rechenzentrum in der Nähe Ihres Wohnorts?

Mit dem Register für Rechenzentren macht das Bundeswirtschaftsministerium erstmals Daten zu Rechenzentren in Deutschland öffentlich. Über diesen Link können Sie selbst nach Rechenzentren in Ihrer Nähe suchen. Sie finden Informationen unter anderem zum Energieverbrauch und dem Wasserverbauch. Spannend für die Einordnung des Verbrauchs eines Rechenzentrums in Ihrer Nähe ist auch der Wert Power Usage Effectiveness (PUE). Damit lässt sich bewerten, ob das Rechenzentrum effizient arbeitet. Je näher der Wert an 1 liegt, desto höher ist die Effizienz. 

Sie finden ein Rechenzentrum aus Ihrem Ort nicht direkt in dem Register? Wenn Sie den gesamten Datensatz über die Website herunterladen, können Sie auch nach Postleitzahlen suchen. 

Jedes dritte Rechenzentrum steht in einer Region mit Wasserbeschränkungen

Für die Kühlung benötigen viele Anlagen Wasser – auch an Standorten, wo Wasser bereits knapp wird. Ein Abgleich von CORRECTIV zeigt: 109 der 319 Rechenzentren im neuen Bundesregister liegen in 22 Regionen, in denen im Sommer 2026 zum Wassersparen aufgerufen oder die Wassernutzung eingeschränkt wurde. Das ist rund jedes dritte öffentlich gelistete Rechenzentrum.

Besonders auffällig ist Stuttgart: In der Stadt, wo zum Wassersparen aufgerufen wurde, befinden sich 13 gelistete Rechenzentren. Drei davon weisen einen Wasserverbrauch von zusammen rund 25 Millionen Liter Wasser aus. Auch in München wurde zum Wassersparen aufgerufen, dort befinden sich im Stadtgebiet 16 Rechenzentren. Allein ein Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften verbrauchte 2025 rund 100 Millionen Liter Wasser. Die Angaben basieren auf Selbstauskünften der Betreiber.

Wie viel sind 25 Millionen Liter Wasser?

Die drei Rechenzentren aus Stuttgart, die im Register einen Wasserverbrauch ausweisen, kommen zusammen auf rund 25 Millionen Liter im Jahr – das sind 25.000 Kubikmeter. Das entspricht dem Inhalt von rund 167.000 Badewannen. Zum Vergleich: Eine frühere CORRECTIV-Recherche zu den größten industriellen Wassernutzern Deutschlands zeigt vergleichbare Größenordnungen: In Schleswig-Holstein darf beispielsweise die Flensburger Brauerei jährlich 60.000 Kubikmeter Wasser entnehmen, das Deutsche Milchkontor 80.000 Kubikmeter. Die drei Rechenzentren in Stuttgart kommen zusammen also auf knapp ein Drittel der Menge des Milchkonzerns.

Auch andernorts treffen hoher Wasserbedarf und lokale Einschränkungen aufeinander: In Bielefeld riefen die Stadtwerke aufgrund einer angespannten Versorgungslage bereits im Juni dieses Jahres zum Wassersparen auf. Sechs Rechenzentren sind dort registriert, drei davon weisen zusammen rund 14,3 Millionen Liter Wasserverbrauch aus. Allein ein Rechenzentrum der Universität Bielefeld meldet rund 12,5 Millionen Liter. In Dresden, wo Bürgerinnen und Bürgern die Wasserentnahme aus Flüssen und Seen verboten wurde, melden fünf der sechs registrierten Rechenzentren zusammen rund 226 Millionen Liter Wasserverbrauch. Allein rund 204 Millionen Liter entfallen auf ein Rechenzentrum des Freistaats Sachsen.

Gerade in Großstädten kann zusätzlicher Wasserbedarf weit über die Stadtgrenzen hinausreichen. Schon in einer früheren Recherche zeigte CORRECTIV, dass Metropolen für die Versorgung von Bevölkerung und Industrie auf Wasser aus ihrem Umland angewiesen sind. München bezieht sein Trinkwasser etwa aus dem bayerischen Voralpenland. Schon 2022 warnte der Wasserexperte Dietrich Borchardt gegenüber CORRECTIV, dass bei steigender Wassernutzung in Metropolen die Konkurrenz um die Ressource zunehmen werde. 

Bundesumweltminister Carsten Schneider fordert deshalb, dass Betreiber von Rechenzentren mehr für Wasser zahlen oder in Technik zum Wassersparen investieren müssen. Bei der Veranstaltung Zukunft Wasser sagte Schneider, dass „die Grundbedürfnisse von Bürgerinnen und Bürgern nicht mit Großverbrauchern wie Rechenzentren konkurrieren dürfen“. 

Wie viel Wasser die Rechenzentren in diesen Regionen insgesamt tatsächlich verbrauchen, lässt sich aus dem Register allerdings nicht zuverlässig bestimmen. Dort sind nur Angaben zum Wasserverbrauch 2025 angegeben – es fehlen Daten zu den genehmigten Entnahmemengen. Teils sind die Angaben der Betreiber beim Wasserverbrauch unplausibel. 57 der 109 Anlagen geben einen Wasserverbrauch von null Litern an. Ob sie tatsächlich ohne Wasser auskommen, andere Kühlsysteme nutzen oder die Nullwerte anders zu erklären sind, geht aus den veröffentlichten Daten nicht hervor.

86 Prozent der Rechenzentren im Ministeriumsregister nutzen ihre Abwärme nicht

Auch beim Energieverbrauch zeigt die CORRECTIV-Auswertung große ungenutzte Potenziale. Rechenzentren erzeugen enorme Mengen Abwärme, die beispielsweise über Wärmenetze zum Heizen von Gebäuden genutzt werden könnten. 305 der 319 registrierten Rechenzentren weisen Abwärme aus. Doch 263 davon – rund 86 Prozent – nutzen laut eigenen Angaben überhaupt nichts davon. Betreiber von nur 42 Anlagen geben an, zumindest einen Teil ihrer Abwärme zu nutzen.

Dabei wäre das Potenzial der bislang meist ungenutzten Wärme erheblich. Eine aktuelle Studie des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) beziffert das theoretische Abwärmepotenzial der derzeit betriebenen Rechenzentren in Deutschland auf rund 15 Terawattstunden pro Jahr – das entspricht etwa drei Prozent des Wärmebedarfs privater Haushalte. 71 Prozent der untersuchten Rechenzentren liegen demnach bereits in Gemeinden mit einem Wärmenetz, was eine Nutzung grundsätzlich erleichtern könne. Wird die Abwärme nicht zum Heizen genutzt, landet sie stattdessen in der Umgebung. Welche Folgen das haben kann, zeigt eine aktuelle Studie aus Arizona: In Wohngebieten neben großen Rechenzentren maßen Forschende stellenweise bis zu 2,2 Grad höhere Temperaturen. Der Wärmeeffekt war teilweise noch einen halben Kilometer von den Anlagen entfernt messbar.

Darunter sind Anlagen, die besonders große Wärmemengen ungenutzt lassen. Das Rechenzentrum FRA21 von Vantage Data Centers in Frankfurt am Main meldet beispielsweise rund 119 Millionen Kilowattstunden Abwärme – und null Kilowattstunden Nutzung. Bei FRA11 sind es rund 66 Millionen, bei BER11 rund 57 Millionen Kilowattstunden, ebenfalls ohne ausgewiesene Nutzung. Auch das T-Systems-Rechenzentrum Biere Cluster 2 weist rund 56 Millionen Kilowattstunden Abwärme aus und keine Nutzung.

Hunderte Rechenzentren fehlen im Register

Das neue Register des Bundeswirtschaftsministeriums ist nicht vollständig: 319 Rechenzentren sind dort öffentlich einsehbar. Weitere 168 meldepflichtige Anlagen haben einer Veröffentlichung ihrer Daten im zentralen Register nicht zugestimmt. Von mindestens 487 meldepflichtigen Rechenzentren ist damit rund jedes dritte im zentralen Register nicht öffentlich sichtbar.

Das liegt am Verfahren selbst: Betreiber größerer Rechenzentren müssen bestimmte Verbrauchsdaten zwar veröffentlichen – aber nicht zwingend im zentralen Register des Bundes. Sie können der Veröffentlichung dort widersprechen und müssen ihre Angaben dann selbst öffentlich zugänglich machen, etwa auf der eigenen Website. Aus einem zentralen Register wird so ein Flickenteppich: Wer wissen will, wie viel Strom und Wasser diese Rechenzentren verbrauchen, muss die Angaben einzelner Betreiber selbst zusammensuchen.

Ob die Unternehmen dieser dezentralen Veröffentlichungspflicht tatsächlich nachkommen, kann der Bund derzeit nicht systematisch überprüfen. Das Bundeswirtschaftsministerium teilte CORRECTIV mit, es gebe derzeit keinen Mechanismus, mit dem kontrolliert werde, ob Betreiber ihre Daten anderweitig veröffentlicht haben. Verstöße kann das zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle zwar ahnden – dafür müssen sie aber erst einmal bekannt werden.

Bundesregierung will Transparenz weiter einschränken

Mit der geplanten Novelle der Bundesregierung könnte die Transparenz über den Ressourcenverbrauch der Branche nun noch weiter abnehmen. Betreiber sollen künftig bestimmte Verbrauchsdaten unter Verweis auf „Geschäftsgeheimnisse“ zurückhalten können. Gleichzeitig sollen die Vorgaben zur Nutzung von Abwärme gelockert und das Ziel einer vollständigen Versorgung der Rechenzentren mit erneuerbaren Energien nach hinten verschoben werden. „Betreiber entziehen sich durch diese Intransparenz jeglicher Diskussion über die gesellschaftlichen Kosten ihrer Aktivitäten“, sagt Julian Bothe von der Nichtregierungsorganisation AlgorithmWatch gegenüber CORRECTIV. „Diese Kosten werden aber immer größer durch die rasant steigende Anzahl von Rechenzentren.“ 

Auf EU-Ebene geht die Entwicklung dagegen in eine andere Richtung: Die EU-Kommission hat im September ein neues Bewertungssystem vorgeschlagen, das vergleichbar machen soll, wie nachhaltig Rechenzentren arbeiten. Berücksichtigt werden sollen unter anderem Energie- und Wassereffizienz sowie die Wiederverwendung von Abwärme. Das System soll 2027 eingeführt werden.

Redaktion: Silvia Stöber, Justus von Daniels
Faktencheck: Silvia Stöber

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.