Vertrauen missbraucht
Missbrauch betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Nur wenn wir hinschauen und aufarbeiten, schränken wir den Handlungsspielraum von Tätern ein.

In den vergangenen zwölf Monaten habe ich mit mindestens 50 Menschen gesprochen, die Missbrauch im Jugendfußball erlebt haben.
Ihre Erfahrungen unterscheiden sich, doch eines verbindet sie: Sie vertrauten einem Menschen, der sich ihrer angenommen hatte – und wurden enttäuscht. Viele leiden bis heute darunter – unter anderem haben sie Schwierigkeiten, Beziehungen zu anderen Menschen einzugehen.
Als ich einer Freundin von diesem Recherche-Thema erzählte, fragte sie mich, wieso wir uns eigentlich nur auf Fußball konzentrieren. Ich sagte ihr, dass Fußball nach wie vor der beliebteste Sport unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist. Laut DFB werden pro Jahr über 300.000 Kinder neu in Fußballvereinen angemeldet.
Als wir vor einigen Jahren mit der Recherche zu diesem Schwerpunkt begannen, stellten wir fest, dass weder die Öffentlichkeit noch die Verantwortlichen in Verbänden und Vereinen ein klares Bild vom Ausmaß des Missbrauchsproblems hatten. Unsere Recherche hat das systematische Missbrauchsproblem im Jugendfußball aufgezeigt.
Aber mit der Frage hatte sie einen Punkt: Missbrauch findet nicht nur im Fußball statt, auch in anderen Mannschaftssportarten, wie Handball. Über Missbrauch in Einzelsportarten wie Turnen oder Schwimmen wurden umfangreiche Recherchen veröffentlicht.
Nicht nur Sport
Am Dienstag standen drei meiner Kollegen auf der Bühne des ikonischen Babylon-Kinos in Berlin. Im Anschluss der Filmvorführung unserer Doku „Die Akten des Missbrauchs“, die ein ausgeklügeltes System der Vertuschung von Missbrauch im Vatikan durchleuchtet, sprachen sie mit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Christina Clemm.
Clemms Aufgabe ist es, ein ganzheitliches Bild von Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen zu haben. An ihre Position ist die „Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ angegliedert. Die Kommission veröffentlicht regelmäßig Studien zum Thema. Am Abend fasste sie passend zusammen: Überall da, wo Menschen Macht über Schutzbefohlene haben, entsteht ein Raum für potenzielle Täter.
Im Anschluss und auch bei weiteren Filmvorführungen sprachen meine Kollegen mit Menschen aus dem Publikum. Darunter waren Betroffene, die Missbrauch in anderen Bereichen erlebt haben, etwa in der Freikirche, in der Schule oder eben in Sportvereinen.
Eine Recherche ins Dunkelfeld
Mit unseren Recherchen wollen wir aufdecken, was in den Strukturen des Sports und in der katholischen Kirche passiert und welches Ausmaß der Missbrauch für Betroffene hat.
Deshalb richten wir uns direkt an Sie: In der Rubrik „Ganz Persönlich“ berichtet Anna Kassin über eine neue Umfrage, die Betroffene und Angehörige von Missbrauchsopfern in der katholischen Kirche anspricht.
Auch zum Thema Missbrauch im Jugendfußball werden wir in diesem Jahr weitere Recherchen veröffentlichen.
Ein Tipp
Übrigens, falls Sie heute in Würzburg sind: Wir zeigen unseren Film „Die Akten des Missbrauchs“ im Programmkino Central. Im Anschluss an die Filmvorführung gibt es ein Q&A mit meinem Kollegen Marcus Bensmann sowie die Vizepräsidentin der Zentralkomitees der deutschen Katholiken Claudia Nothelle. Hier gibt es Tickets.
Ich durfte heute meinen Kollegen Justus von Daniels vertreten. Schauen Sie sich auch unsere Empfehlungen in den „Recherchen der Woche“ und unsere eigenen Veröffentlichungen in „Die Woche bei CORRECTIV“ an.
Haben Sie ein erholsames Wochenende,
Ihr Finn Schöneck
Jagd auf die Steuer-Mafia
Hanno Berger hat mit „CumEx“ Millionen gemacht. Nun wurde der Steuerbetrüger zu zehn Jahren Haft verurteilt. Der CumEx-Betrug war ein milliardenschweres Steuerschlupfloch, bei dem Banken, Investoren und Händler sich rund um den Dividendenstichtag Kapitalertragsteuern mehrfach erstatten ließen, obwohl sie nur einmal oder gar nicht gezahlt worden waren. Anne Brorhilker begann damals, gegen Berger zu ermitteln. Im Podcast „Inside CumEx“ erzählt Host Massimo Bognanni ihr Duell und taucht ein in den größten Steuerskandal der deutschen Geschichte. Auch CORRECTIV deckte damals gemeinsam mit internationalen Medien auf, wie dieses System funktioniert.
INSIDE CumEx – Jagd auf die Steuer-Mafia (ardsounds.de, Podcast)
Was macht Sebastian Kurz’ Dream Security?
Vom politischen Absturz zum Milliardenunternehmen: Sebastian Kurz und Ex-Pegasus-Entwickler Shalev Hulio präsentieren sich als neue Sicherheitselite. Doch ihr rasanter Aufstieg mit Dream Security wirft viele Fragen auf – und ihre Vergangenheit bleibt höchst umstritten.
Geheime Kunden, Milliarden-Bewertung (standard.at)
Wofür arbeiten wir eigentlich?
Arbeit kann erfüllend sein – im Idealfall. Doch ziemlich viele Menschen mit Bürojobs sind in ihrer täglichen Arbeit todunglücklich. Klar, man könnte einwenden, die Unzufriedenheit dieser Angestellten sei hauptsächlich ein First World Problem. Sie haben einen sicheren, körperlich nicht anstrengenden Beruf, der oft auch noch relativ gut bezahlt wird – und auf der Welt gibt es viele Menschen, die in weit größerem Elend leben. Aber gehört die beispiellose Verschwendung menschlicher Ressourcen nicht trotzdem zu den großen Dramen unserer Zeit? Der Film „Arbeit ohne Sinn“ erforscht die Gründe dafür, warum hoch bezahlte Managerinnen und Manager so gerne Phrasen dreschen, abstrusen Managementmethoden folgen und zum Wohl der Aktionärinnen und Aktionäre das Betriebsklima vergiften.
Arbeit ohne Sinn (arte.tv, Video)
Menschenjagd – im Netz von White Tiger
Diese Podcastserie beleuchtet eine neue Form des Terrors: Die Täter sind jung, manche noch Kinder. Einer von ihnen kommt mutmaßlich aus Hamburg: „White Tiger“ nannte er sich. Unter diesem Pseudonym soll Shahriar J. einen Mord begangen haben. Seine Anwältin sagt, der Vorwurf sei nicht haltbar. „Menschenjagd“ folgt der Spur von „White Tiger“. Sie führt in eine brutale Szene. Bislang unveröffentlichte Tonaufnahmen zeigen, wie ihre Mitglieder Kinder ins Visier nehmen. Eine investigative Recherche des Spiegels als Podcastserie in fünf Teilen.
Menschenjagd – im Netz von White Tiger (spiegel.de, Podcast)
Ein Blick auf in Konstanzer Schulen
Fast jede zweite Konstanzer Schülerin und Schüler fühlt sich in der Schule machtlos, fast ein Drittel fühlt sich nicht gehört, und den baulichen Zustand ihrer Schulhäuser beurteilen viele kritisch. Eine Befragung von Karla zeigt erstmals die Perspektive der Schülerinnen und Schüler auf die Konstanzer Schullandschaft.
Was Konstanzer Schüler:innen wirklich über ihre Schule denken (karla-magazin.de)
Sechs Wochen lang sind mein Kollege Marcus Bensmann und ich durch ganz Deutschland gereist, um unseren ersten Dokumentarfilm „Akten des Missbrauchs” vor Publikum zu zeigen. Nach den Vorführungen gab es Raum für Fragen und Diskussionen. Auf vielen dieser Veranstaltungen waren auch Betroffene von sexuellem Missbrauch anwesend.
Einige von ihnen schilderten Ausschnitte aus ihren Leidenswegen. Eine Person hat ihre Geschichte sogar zum ersten Mal öffentlich erzählt – vor ungefähr 80 Leuten! Dass sie sich in diesem Rahmen sicher gefühlt hat, das Erlittene zu teilen, war ein wirklich besonderer Moment.
Die Gespräche mit den Betroffenen haben mir gezeigt: Auch 16 Jahre nach Beginn des Skandals in Deutschland fühlen sie sich noch immer unsichtbar und alleingelassen, auch von der Bundespolitik. Alle haben uns aufgefordert, weiter zu recherchieren. Deshalb wollen wir der Antwort einer Frage näherkommen, die wir bei unserer Recherche nicht beantworten konnten: Wie viele Betroffene von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche gibt es weltweit und allein in Deutschland? Die Datenlage ist, offen gesagt, miserabel.
Es gibt in Deutschland mehrere Studien, zu einzelnen Bistümern und eine bundesweite, die aber auf unterschiedlichen Datengrundlagen basieren. Das Dunkelfeld ist nach wie vor sehr hoch. Es gibt Betroffene, die sich nicht (mehr) äußern können oder wollen, aus verschiedenen Gründen.

Wir wollen versuchen, mehr Licht ins Dunkel zu bringen und haben mit unserem CrowdNewsroom eine Umfrage gestartet, der sich an Betroffene und ihre Angehörigen richtet. Auch damit werden wir nicht alle ermitteln können, aber kommen der wirklichen Zahl hoffentlich ein Stück näher.

Das verschwundene Gold der AfD
2018 hinterließ der Millionär Reiner Strangfeld der AfD gut 278 Kilogramm Gold – in Barren und Krugerrand-Münzen. Nach heutigem Kurs: Rund 36 Millionen Euro. Aufbewahrungsort: Unklar. CORRECTIV rekonstruiert den Weg des versteckten Schatzes.
correctiv.org
Der Mann, der sich nicht erinnert
Hans-Holger Malcomeß leitet die Bundeszentrale der AfD und weiß, wo 278 Kilogramm Gold lagern – ansonsten hat er erstaunliche Gedächtnislücken. Vor seiner AfD-Karriere handelte der Dresdner mit Edelmetallen. Sein damaliger Partner: Ein Mann mit Verbindungen zu einem Waffenhändler. Davon, sagt Malcomeß, habe er nichts gewusst.
correctiv.org
Volkswagen in der Krise: Der Streit um Werke, Einfluss und Milliarden
Mitten in der größten Krise entbrennt bei Volkswagen ein Kampf um die Frage, wer bei Europas größtem Autobauer künftig das Sagen haben wird. Die Familie Porsche/Piëch will die Macht von Betriebsrat und dem Land Niedersachsen eindämmen.
correctiv.org

Krank zur Arbeit gehen ist in Deutschland wieder Thema. In dieser Folge spricht kriegundfreitag über das Phänomen des Präsentismus und erklärt dessen gesellschaftliche Folgen.
tube.funfacts.de
An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Mario Büscher, Till Eckert, Sebastian Haupt & Katharina Huth.
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