Vertrauen missbraucht

Missbrauch betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Nur wenn wir hinschauen und aufarbeiten, schränken wir den Handlungsspielraum von Tätern ein.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters

Als ich einer Freundin von diesem Recherche-Thema erzählte, fragte sie mich, wieso wir uns eigentlich nur auf Fußball konzentrieren. Ich sagte ihr, dass Fußball nach wie vor der beliebteste Sport unter Kindern und Jugendlichen in Deutschland ist. Laut DFB werden pro Jahr über 300.000 Kinder neu in Fußballvereinen angemeldet.

Als wir vor einigen Jahren mit der Recherche zu diesem Schwerpunkt begannen, stellten wir fest, dass weder die Öffentlichkeit noch die Verantwortlichen in Verbänden und Vereinen ein klares Bild vom Ausmaß des Missbrauchsproblems hatten. Unsere Recherche hat das systematische Missbrauchsproblem im Jugendfußball aufgezeigt.

Aber mit der Frage hatte sie einen Punkt: Missbrauch findet nicht nur im Fußball statt, auch in anderen Mannschaftssportarten, wie Handball. Über Missbrauch in Einzelsportarten wie Turnen oder Schwimmen wurden umfangreiche Recherchen veröffentlicht.

Nicht nur Sport
Am Dienstag standen drei meiner Kollegen auf der Bühne des ikonischen Babylon-Kinos in Berlin. Im Anschluss der Filmvorführung unserer Doku „Die Akten des Missbrauchs“, die ein ausgeklügeltes System der Vertuschung von Missbrauch im Vatikan durchleuchtet, sprachen sie mit der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung Christina Clemm.

Clemms Aufgabe ist es, ein ganzheitliches Bild von Missbrauch in allen gesellschaftlichen Bereichen zu haben. An ihre Position ist die „Unabhängige Kommission des Bundes zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“ angegliedert. Die Kommission veröffentlicht regelmäßig Studien zum Thema. Am Abend fasste sie passend zusammen: Überall da, wo Menschen Macht über Schutzbefohlene haben, entsteht ein Raum für potenzielle Täter. 

Im Anschluss und auch bei weiteren Filmvorführungen sprachen meine Kollegen mit Menschen aus dem Publikum. Darunter waren Betroffene, die Missbrauch in anderen Bereichen erlebt haben, etwa in der Freikirche, in der Schule oder eben in Sportvereinen. 

Eine Recherche ins Dunkelfeld
Mit unseren Recherchen wollen wir aufdecken, was in den Strukturen des Sports und in der katholischen Kirche passiert und welches Ausmaß der Missbrauch für Betroffene hat.

Deshalb richten wir uns direkt an Sie: In der Rubrik „Ganz Persönlich“ berichtet Anna Kassin über eine neue Umfrage, die Betroffene und Angehörige von Missbrauchsopfern in der katholischen Kirche anspricht. 

Auch zum Thema Missbrauch im Jugendfußball werden wir in diesem Jahr weitere Recherchen veröffentlichen.

Ein Tipp
Übrigens, falls Sie heute in Würzburg sind: Wir zeigen unseren Film „Die Akten des Missbrauchs“ im Programmkino Central. Im Anschluss an die Filmvorführung gibt es ein Q&A mit meinem Kollegen Marcus Bensmann sowie die Vizepräsidentin der Zentralkomitees der deutschen Katholiken Claudia Nothelle. Hier gibt es Tickets.

Ich durfte heute meinen Kollegen Justus von Daniels vertreten. Schauen Sie sich auch unsere Empfehlungen in den „Recherchen der Woche“ und unsere eigenen Veröffentlichungen in „Die Woche bei CORRECTIV“ an.

Haben Sie ein erholsames Wochenende,

Ihr Finn Schöneck

Was macht Sebastian Kurz’ Dream Security?
Vom politischen Absturz zum Milliardenunternehmen: Sebastian Kurz und Ex-Pegasus-Entwickler Shalev Hulio präsentieren sich als neue Sicherheitselite. Doch ihr rasanter Aufstieg mit Dream Security wirft viele Fragen auf – und ihre Vergangenheit bleibt höchst umstritten.
Geheime Kunden, Milliarden-Bewertung (standard.at)

Wofür arbeiten wir eigentlich?
Arbeit kann erfüllend sein – im Idealfall. Doch ziemlich viele Menschen mit Bürojobs sind in ihrer täglichen Arbeit todunglücklich. Klar, man könnte einwenden, die Unzufriedenheit dieser Angestellten sei hauptsächlich ein First World Problem. Sie haben einen sicheren, körperlich nicht anstrengenden Beruf, der oft auch noch relativ gut bezahlt wird – und auf der Welt gibt es viele Menschen, die in weit größerem Elend leben. Aber gehört die beispiellose Verschwendung menschlicher Ressourcen nicht trotzdem zu den großen Dramen unserer Zeit? Der Film „Arbeit ohne Sinn“ erforscht die Gründe dafür, warum hoch bezahlte Managerinnen und Manager so gerne Phrasen dreschen, abstrusen Managementmethoden folgen und zum Wohl der Aktionärinnen und Aktionäre das Betriebsklima vergiften.
Arbeit ohne Sinn (arte.tv, Video)


Einige von ihnen schilderten Ausschnitte aus ihren Leidenswegen. Eine Person hat ihre Geschichte sogar zum ersten Mal öffentlich erzählt – vor ungefähr 80 Leuten! Dass sie sich in diesem Rahmen sicher gefühlt hat, das Erlittene zu teilen, war ein wirklich besonderer Moment. 

Die Gespräche mit den Betroffenen haben mir gezeigt: Auch 16 Jahre nach Beginn des Skandals in Deutschland fühlen sie sich noch immer unsichtbar und alleingelassen, auch von der Bundespolitik. Alle haben uns aufgefordert, weiter zu recherchieren. Deshalb wollen wir der Antwort einer Frage näherkommen, die wir bei unserer Recherche nicht beantworten konnten: Wie viele Betroffene von sexuellem Missbrauch durch katholische Geistliche gibt es weltweit und allein in Deutschland? Die Datenlage ist, offen gesagt, miserabel.

Es gibt in Deutschland mehrere Studien, zu einzelnen Bistümern und eine bundesweite, die aber auf unterschiedlichen Datengrundlagen basieren. Das Dunkelfeld ist nach wie vor sehr hoch. Es gibt Betroffene, die sich nicht (mehr) äußern können oder wollen, aus verschiedenen Gründen. 

Das KI-generierte Bild zeigt Ein Auto, Goldbarren, Golsmünzen, ein Benzinkanister, Schusswaffen und die Statue von Kaiser Wilhelm an der Porta Westfalica

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Mario Büscher, Till Eckert, Sebastian Haupt & Katharina Huth.