War’s der Russe, wenn die Bahn nicht kommt?

Bei Anschlägen auf die Verkehrs-Infrastruktur steht mittlerweile immer im Raum, ob es ein (russischer) Sabotage-Akt war. Wir schauen genauer hin.

Teaser Bild des CORRECTIV Spotlight Newsletters
Autor Bild Anette Dowideit

Liebe Leserinnen und Leser, 

ich bin „Power-Userin“ bei der Deutschen Bahn: Jede Woche fahre ich von Köln nach Berlin und wieder zurück. Und dann zusätzlich oft noch an Wochenenden in andere Städte – zum Beispiel, um Vorträge zu halten. Ziemlich häufig passiert es, dass die Züge nicht fahren, weil es einen „Oberleitungsschaden“ gibt, wie wir am Gleis Wartenden dann aus den Lautsprechern erfahren. Dann denke zumindest ich mittlerweile immer erstmal: Vielleicht schon wieder eine Störaktion des russischen Geheimdienstes?

Um genau solche Fälle von Sabotage an Verkehrsinfrastruktur geht es heute in den beiden Themen des Tages – meinem und dem von der KI. Hier können Sie wieder mitraten, welches der heutigen Themen aus welcher Quelle stammt. Und bewerten.

Bild mit KI generiert, gepromptet von Sebastian Haupt.

Gestern ist bei unserem Experiment „Dowideit gegen die KI“ schon wieder etwas Bemerkenswertes passiert: Der Text, den die KI geliefert hatte, war voller sachlicher Fehler. Das Thema lautete: Wieso sind die Landesverbände der AfD in den Bundesländern so unterschiedlich eingestuft – also als mehr oder weniger rechtsextremistisch? 

Unsere AfD-Expertin Lena Köpsell ist den KI-Text Wort für Wort mit mir durchgegangen und hat sich dabei regelrecht die Haare gerauft. Denn die KI behauptete: Ob die AfD vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextremistisch“ eingestuft wird, hänge von der politischen Einstellung der Landesregierung ab. Das ist aber nicht nur eine falsche, sondern auch höchst gefährliche Behauptung. Denn das würde bedeuten, dass Politiker in einigen Bundesländern versuchen, die AfD als unliebsamen Konkurrenten zu behindern – und dafür die Mittel des Rechtsstaats missbrauchen.

Jetzt standen wir vor der Frage: Wie gehen wir damit um? Den Text korrigieren und die falschen Aussagen kommentieren? Das ging ja nicht, weil wir Sie ja raten lassen wollten. Übrigens haben 43 Prozent von Ihnen den KI-Text (das war der zweite Text) für den menschengemachten Text gehalten. Und 40 Prozent fanden den KI-Text besser. Na gut, wir haben ihn eben doch auch wieder recht intensiv bearbeitet und die falschen Aussagen herausgefischt.

Heute geht’s weiter – und wir haben auch noch eine ganze Menge Dinge anderer spannender Inhalte im SPOTLIGHT. Zum Beispiel: 

  • Recherchen zu chinesischen Spionen, zu Jens Spahn und zum Versuch, die EU-Abwasser-Richtlinie zu kippen,
  • und: einen überraschenden Faktencheck zu angeblichen Riesenausgaben für ukrainische Sozialwohnungen.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Abend!

Thema des Tages: War’s der Russe, wenn die Bahn nicht kommt?

Der Tag auf einen Blick: Das Wichtigste

Neueste CORRECTIV-Recherchen: Jens Spahn nahm mehrmals an Treffen des geheimen Thiel-Netzwerkes teil • Spionage an deutschen Hochschulen: Das Playbook der China-Agenten • Konservative wollen Pharmabranche entlasten

Fun Facts – der satirische Blick auf die Nachrichtenlage: Luxus-Umbau statt Raum für Kunst

Cartoon-Arena: Abschiebezentren oder rechtsfreier Raum?

Faktencheck: Nein, Deutschland hat keine 233 Millionen Euro für Sozialwohnungen in der Ukraine zugesagt

Gute Sache(n): Popeye und der Scheinwahrheitseffekt: Warum wir Lügen glauben • W steht vor X: Europäische Antwort auf ‚‚X“ geht online • Maskottchen verhaften mutmaßlichen Drogenhändler

CORRECTIV ganz persönlich: Wie soll es weitergehen mit dem globalen Klimaschutz?

Grafik des Tages: Rechtsextremismus: Nur in drei Bundesländern beobachtet der Verfassungsschutz die AfD noch nicht

Fast 100 gezielte Angriffe auf unsere Verkehrsbahnen, Kanäle und Gleise. Klingt wie ein dystopischer Thriller? Laut einer CORRECTIV-Auswertung beim Bundeskriminalamt – zumindest für das Jahr 2025 – ist es genau das.

Ende Juli 2025 haben zwei Kabelbrände auf der Bahn-Strecke zwischen Duisburg und Düsseldorf für Sperrungen und Ausfälle gesorgt. Foto: picture alliance/dpa | Christoph Reichwein
Ende Juli 2025 haben zwei Kabelbrände auf der Bahn-Strecke zwischen Duisburg und Düsseldorf für Sperrungen und Ausfälle gesorgt. Foto: picture alliance/dpa | Christoph Reichwein

Die Zahlen steigen, die Fragen auch

Im Jahr 2025 sollen 93 Straftaten als gezielte Sabotage gewertet worden sein. 2023 waren es 78, 2024 nur 58 – jetzt fast verdoppelt! Die Kurve geht steil nach oben. Wer solche Zahlen liest, fragt sich: 

Wer steckt dahinter?

Ermittler sind vorsichtig geworden. Bei Sabotageakten würden Ermittlungsbehörden stets einen „staatlich-ausländischen Hintergrund ebenso wie eine linksextremistische Motivation prüfen“, teilte die NRW-Landesregierung mit.

Russland im Verdacht – aber wo ist der Beweis?

Auffällig: Zwölf Straftaten wurden nach Paragraph „Agententätigkeit zu Sabotagezwecken“ registriert. Dieser Paragraph setzt zwingend den Auftrag einer ausländischen Macht voraus. Da liegt die Vermutung nahe.

Ein Beispiel: Zwei Männer wurden im Mai 2025 festgenommen, denen der Generalbundesanwalt Brand- und Sprengstoffanschläge auf den Gütertransport vorwirft. Sie werden als „Low-Level-Agents“ bezeichnet – Menschen, die gegen Geld angeheuert wurden, um Sabotageakte durchzuführen.

Auch die Durchsuchung eines Frachtschiffes in Kiel im September 2025 passt ins Bild. Verdacht: Eine Drohne wurde gestartet, um ein Marineschiff auszuspähen. Schon fast romantisch, wenn Piraten statt Seeräuber agieren – nur eben mit moderner Technik.

Hybrider Krieg im Kleingedruckten

Das Phänomen der „hybriden Bedrohung“ breitet sich aus wie unkontrollierter Pilzbefall an feuchten Kellerwänden. Und die Gefahr ist: Je weniger klar ist, wer hinter den Aktionen steht, desto schwerer lassen sich Gegenmaßnahmen ergreifen.

Was bedeutet das für uns?

Die Antwort ist bitter: Vieles bleibt im Dunkeln. Wir wissen, dass Angriffe zunehmen. Wir ahnen, dass ausländische Mächte möglicherweise im Spiel sind. Aber konkrete Beweise für systematische russische Sabotage? Die fehlen oft.

Eine Sache ist sicher: Die Lage verändert sich. Während linksradikale Sabotageakte seit 2023 abnehmen, wachsen die Fälle in der unbestimmten Kategorie „Sonstige Zuordnung“. Das könnte bedeuten, dass neue Akteure ins Spiel kommen.

Für uns alle heißt es: Wachsamkeit ist gefragt. Denn wenn Schienen sprengen zur neuen Normalität wird, dann müssen wir lernen, mit dieser Realität zu leben. Oder besser noch: Sie zu verhindern.

Bild: Omar-Lopez Rincon, Unsplash / Bearbeitung: Samira Joy Frauwallner

Thema des Tages, Variante 2:

Wenn der Zug oder der Bus nicht kommt, dann liegt das – statistisch gesehen – tatsächlich immer häufiger an Sabotage. 

Woher wir das wissen?
Unser Reporter Alexej Hock hat in den vergangenen Wochen immer wieder beim Bundeskriminalamt darauf gedrängt, dass die Behörde für uns ihre Statistiken übersendet – zum Thema: Anschläge auf die Verkehrsinfrastruktur. 

Das hat das BKA nun geliefert, Kollege Hock hat die Statistik ausgewertet. Sie zeigt: Im vergangenen Jahr gab es deutlich mehr Sabotageakte als in den Jahren zuvor. 2025 wertet das BKA 93 Straftaten als gezielte Sabotage auf den Verkehr, 2024 waren es 58 Akte, 2023 lag die Zahl bei 78.

Mehr dazu steht in unserer heute veröffentlichten Nachricht.

Ende Juli 2025 haben zwei Kabelbrände auf der Bahn-Strecke zwischen Duisburg und Düsseldorf für Sperrungen und Ausfälle gesorgt. Foto: picture alliance/dpa | Christoph Reichwein
Ende Juli 2025 haben zwei Kabelbrände auf der Bahn-Strecke zwischen Duisburg und Düsseldorf für Sperrungen und Ausfälle gesorgt. Foto: picture alliance/dpa | Christoph Reichwein

Geht es nur um die Deutsche Bahn?
Nein, es geht auch um Busse, Schiffe, Luftverkehr oder Güterzüge. Wie viele der 93 Sabotageakte im vergangenen Jahr der Deutschen Bahn galten, kann das BKA nicht aufschlüsseln.

Wer steckt dahinter?
Das ist in den meisten Fällen nicht klar, denn die Verursacher können nur selten ermittelt werden: Kabel liegen plötzlich durchtrennt auf dem Boden, die Täter sind längst über alle Berge – und Kameraüberwachungen entlang von Bahnstrecken gibt es in der Regel nicht.

Aber – und das ist eine überraschende Erkenntnis der BKA-Auswertung: Die Behörde benennt nun immer häufiger „Agententätigkeit“ als Ursache. Das heißt, die Ermittler wissen, dass es in einigen Fällen um ausländische Beteiligung geht – und das heißt in der Regel: Russland.

Wieso steht so oft Russland als Verursacher im Raum?
Weil es eben auch Fälle gibt, in denen sich die Spur leichter verfolgen lässt. Zum Beispiel jenen, den die zuständige Ermittlungsbehörde (die Generalbundesanwaltschaft) hier beschreibt

Daniil B. und Vladyslav T. verübten im  vergangenen Mai Brand- und Sprengstoffanschläge auf den Gütertransport. Sie verschickten offenbar gezielt Pakete mit Brandsätzen. Die beiden sind zwar Ukrainer – doch die Ermittler sind sich ganz sicher, dass ein russischer Nachrichtendienst ihnen den Auftrag erteilt hatte. Jetzt stehen die beiden vor Gericht.

Wozu die vielen Sabotage-Fälle führen:
Mittlerweile steht mehr oder weniger bei jedem Sabotage-Akt auf Infrastruktur gleich die Frage im Raum, ob Russland dahinter steckt. 

Wenn sich solche pauschalen Erwartungshaltungen bei uns verfestigen, ist das aber auch wieder schädlich. Denn dann hätte Russland ein Ziel seiner „hybriden Kriegsführung“ schon erreicht: Dass wir in Deutschland meinen, Putins Regime könne unsere Verkehrsinfrastruktur lahmlegen, wann immer es ihm passt. 

USA und Iran unterzeichnen Kriegsende 
Die USA und der Iran haben ein Rahmenabkommen zur Beendigung des Krieges unterzeichnet. Es umfasst 14 Punkte und tritt unmittelbar nach Unterzeichnung in Kraft. Der Iran öffnet die Straße von Hormus, während die USA im Gegenzug ihre Hafenblockade aufheben. Als nächsten Schritt ist eine 60-tägige vertiefte Verhandlungsphase geplant, bei der das iranische Nuklearprogramm im Mittelpunkt steht. 
tagesspiegel.de

Der Unions-Fraktionsvorsitzende Jens Spahn (CDU) steht an einem Metall-Geländer, er trägt einen schwarzen Anzug. Im Hintergrund ist die Kuppel des Bundestags zu sehen, die Stimmung des Bilds ist düster.

Diesen Cartoon teilen:

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj und Bundeskanzler Friedrich Merz am 14. April bei den Deutsch-Ukrainischen Regierungskonsultationen im Bundeskanzleramt in Berlin
Quelle: Jens Krick / Flashpic / Picture Alliance

So geht’s auch
Heute geht ein neues Soziales Netzwerk namens W Social online. Die Microblogging-Plattform ist ein europäisches Pendant zu ‚‚X‘‘. Sie wird in Europa programmiert, gehostet und finanziert. Eine Besonderheit zu anderen Social-Media-Plattformen: Man muss sich mit dem Personalausweis anmelden – die Daten werden laut Betreibern nach der Anmeldung gelöscht. 
zdfheute.de

Fundstück
Einsatzkräfte der peruanischen Polizei verkleiden sich regelmäßig, um Verbrecher zu verhaften. Zuletzt haben sie einen mutmaßlichen Drogenhändler mit der Verkleidung als WM-Maskottchen herausgelockt und anschließend verhaftet. 
tagesanzeiger.ch


Ziel dieser regelmäßig stattfindenden Zwischen-Konferenzen ist vor allem die Kompromissfindung. Damit es auf den COPs tatsächlich zu gemeinsamen Beschlüssen kommt.

Doch auch in Bonn zeigt sich erneut: Hinter jedem Kompromiss steckt ein knallharter Kampf um Interessen und vor allem Geld. Denn es gibt erneut Unstimmigkeiten – vor allem bei der Frage der Klimafinanzierung. Einer der Hauptstreitpunkte seit mehreren Jahren. Eigentlich hatten sich die Staaten bereits 2024 auf eine gemeinsame „Roadmap“ geeinigt, die vorsieht, dass bis 2035 jedes Jahr 1,3 Billionen US-Dollar für den globalen Süden bereitgestellt werden – und damit für die Länder, die am meisten von den Auswirkungen der Klimakrise betroffen sind. Doch bisher mangelt es an konkreten Zusagen der Industrieländer.

Darüber wuchs zu Beginn der Woche der Unmut. So kritisierte unter anderem die Pan‑African Climate Justice Alliance – ein Bündnis aus mehr als 2.000 Organisationen aus 54 afrikanischen Staaten – die Verhandlungen steuerten auf ein „wirkungsloses“ Ergebnis zu. Ein Ergebnis, das besonders gefährdete Gemeinschaften schutzlos zurücklasse.

An der heutigen Ausgabe haben mitgewirkt: Karolin Arnold, Tristan Devigne, Till Eckert, Sebastian Haupt, Pamela Kaethner und Elena Müller.