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Colonia Dignidad

Prügel, Folter und Gesang

Nach außen fromm, innen ein Alptraum: In der deutschen Enklave „Colonia Dignidad“ in Chile missbrauchte Sektenoberhaupt Paul Schäfer täglich Jungen und ließ Regimegegner verschwinden. Wie konnte sein Horrorreich über Jahrzehnte bestehen? Ein Besuch beim einzigen Täter, der dafür im Gefängnis sitzt

von Marcus Bensmann , Ruth Fend , Bastian Schlange

Der Mann fürs Grobe geht heute an Krücken, aber Gerhard Mücke hat noch immer eine imposante Statur. Breites Kreuz, breites Gesicht. Der Händedruck ist fest, der Blick aus den wässrig-blauen Augen scharf. Er hievt sich im Besuchersaal an den Tisch auf Rädern, den seine Frau deckt. Abwechslung vom eintönigen Gefängnisessen. Brigitte Mücke holt Schinken- und Käsebrote aus Plastikdosen hervor, Fleisch mit Soße, eine Thermoskanne mit Kaffee, ein Dresdner Christstollen.

Der Saal des Gefängnisses in der chilenischen Provinzstadt Cauquenes hat eine gitterlose Fensterfront, an mehreren Tischen unterhalten sich Häftlinge laut mit ihren Besuchern. Mücke faltet seine Handwerkerpranken zum Tischgebet und stimmt ein Lied an. „Zum Himmel schaue ich empor“, Brigitte Mücke singt die Oberstimme. „Ich sitze unschuldig im Gefängnis“, sagt er dann ungefragt. „Ich bin verurteilt für etwas, das ich hätte wissen müssen. Aber ich habe es nicht gewusst.“

Diesen letzten Satz wiederholt der 85-Jährige wie ein Mantra. Der gelernte Malermeister gehörte von Anfang an zum engsten Führungskreis der einstigen „Colonia Dignidad“. Mücke ist der einzige Vertreter der grausamen Sekte, der heute im Gefängnis sitzt, verurteilt zu insgesamt 19 Jahren Haft. Wegen Beihilfe zum sexuellen Missbrauch, dem Verschwindenlassen von chilenischen Regimegegnern, der Bildung einer kriminellen Vereinigung, der Entführung von Kindern.

Gerhard Mücke spricht am 16. Mai 1997 im Zuge eines Prozesses gegen die Führungsriege der Colonia Digngdad in Parral mit der chilenischen Presse. Schäfer ist zu diesem Zeitpunkt bereits flüchtig. (Foto: Cris Bouroncle / AFP)

Mückes Leugnen jeglicher Schuld ist symptomatisch für eines der düstersten Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte. Ein Kapitel, das alles andere als abgeschlossen ist, auch wenn die Hauptfigur, Sektenoberhaupt Paul Schäfer, tot ist. In diesem Stück wird es um die Verantwortung der Nebenfiguren gehen, ohne die das Regime des sadistischen Kinderschänders nicht hätte existieren können.

Von 1961 bis 1997 herrschte der deutsche Laienprediger Schäfer in Südchile über ein so bizarres wie grauenhaftes Reich. Er verbarg es hinter einem spießbürgerlichen Idyll, einer nach außen hin musterdeutschen Siedlung, deren Bewohner hart arbeiteten und vor Gästen deutsches Brauchtum pflegten.

Abgeschottet von der Außenwelt und unter dem Deckmantel des Glaubens unterwarf Schäfer um die 300 Menschen seinem Willen. Seine Mittel: Isolation, Folter mit Elektroschocks, Psychopharmaka, Zwangsarbeit, Prügelorgien. Ein System, das es ihm über Jahrzehnte erlaubte, täglich ungestraft Jungen zu vergewaltigen.

Dem befreundeten Diktator Augusto Pinochet verkaufte Schäfer Waffen. Dem chilenischen Geheimdienst überließ er das hermetisch mit Stacheldraht und einem ausgeklügelten Sensorensystem abgeriegelte und von Schäferhunden bewachte 150 Quadratkilometer große Gelände, um Regimekritiker zu foltern und zu erschießen.

Den schaurigen Stoff der Colonia Dignidad verarbeitete der Regissseur Florian Gallenberger zu einem Spielfilm mit Emma Watson und Daniel Brühl. Er bewegte Frank-Walter Steinmeier 2016 so, dass der damalige Außenminister nach einer Sondervorführung im Auswärtigen Amt (AA) verkündete, die jahrzehntelang unter Verschluss gehaltenen Akten des AA aus den Jahren 1986 bis 1996 zehn Jahre vor Ende der offiziellen Sperrfrist freizugeben.

Aufgearbeitet ist die Colonia Dignidad damit noch lange nicht.

Die Opfer sind noch nicht entschädigt. Außer Mücke sitzt derzeit keiner der mutmaßlichen Täter hinter Gittern. Und in veränderter Form leben Reste der Colonia Dignidad weiter, in Chile wie in Deutschland.

Statt Colonia Dignidad heißt die Siedlung in Chile heute „Villa Baviera“ – wörtlich übersetzt „Dorf Bayern“. Über hundert Menschen, Täter und Opfer und Mischungen aus beidem, leben hier weiter zusammen, als Teil eines folkloristischen Touristenparks.

Auch in Deutschland kommen ehemalige Mitglieder der Colonia Dignidad bei den monatlichen Gottesdiensten von Ewald Frank zusammen. Der 85-jährige Prediger und Leiter der „Freien Volksmission“ in Krefeld reiste 2004 in die Villa Baviera und führte dort Massentaufen durch, nach Schäfers Verhaftung sprach er eine Zeitlang per Video zu den Bewohnern. Wie einst Schäfer beschwört er den nahenden Weltuntergang.

In diesem Dunstkreis bewegt sich heute Hartmut Hopp, einer der mächtigsten Männer der Kolonie. Der 74-jährige Sektenarzt und Verbindungsmann zum chilenischen Geheimdienst ist in Chile verurteilt, konnte aber 2011 nach Krefeld fliehen und lebt dort als freier Mann.

Vergangenes Jahr lehnte das Oberlandesgericht Düsseldorf den Antrag Chiles ab, dass Hopp seine Strafe in Deutschland absitzt. Doch der Fall Hopp dürfte in Kürze noch einmal neu aufgerollt werden. Dazu wird CORRECTIV demnächst Recherchen veröffentlichen.

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Das Zeitfenster, um Täter zu bestrafen, Opfer zu entschädigen und die Rolle von deutschen Regierungsvertretern zu klären schließt sich. Die Täter der ersten Stunde sind alt oder tot. Gerhard Mücke, der die Colonia Dignidad von ihrem Anfang 1961 an mit aufbaute, ist einer der Letzten, der Einblick in den inneren Zirkel geben könnte.

Während zweier Reisen durch Chile haben wir Mücke im Gefängnis gesprochen und die Bewohner der Villa Baviera kennengelernt, mit ihnen gebetet und gesungen. Wir haben chilenische Folteropfer gesprochen und Mückes Schilderungen abgeglichen mit Aktenmaterial des Auswärtigen Amts sowie Dokumenten von deutschen wie chilenischen Ermittlern.

Wir sind auf glatte Lügen gestoßen, auf innere Widersprüche, auf unverarbeitete Traumata. Auf Täter, die Fragen nach individueller Schuld mit Leugnung oder gegenseitiger Vergebung beantworten. Auf Opfer, die vergessen wollen, und auf solche, die um späte Gerechtigkeit kämpfen.

Villa Baviera, November 2018

Die dreiviertelstündige Taxifahrt von der Provinzstadt Parral zur „Villa Baviera“ führt durch Nadelwälder, vorbei an weiten Feldern, im Hintergrund die schneebedeckten Gipfel der Kordilleren. Das letzte Stück geht über eine Schotterpiste. Sie war früher gesäumt von einem 2,20 Meter hohen Stacheldrahtzaun. Von ihm sind heute nur noch vereinzelte Stümpfe übrig.

Die Siedlung wuchs schnell zu einem lukrativen Wirtschaftsunternehmen heran. Ihr Alltag war geprägt von Arbeit – besonders auf den Feldern. Teils 16 Stunden lang. (Foto: Correctiv)

Am Eingang mit Schlagbaum und Empfangshäuschen heißt eine hölzerne Begrüßungstafel Besucher auf Spanisch willkommen. Eine ältere Frau im Dirndl bewacht die Pforte. Wer sie durchschreitet, betritt ein Stück Bayern, wie es vor einem halben Jahrhundert vielleicht war.

Die Möbel im Hotel scheinen aus den 1970er-Jahren zu stammen. Schwere Vorhänge und Bettbezüge, roter Teppich. Im Zimmer riecht es nach Staub und Essig. Im Restaurant „Zippelhaus“ servieren chilenische Frauen im Dirndl Bratwürste mit Sauerkraut, dazu Bier der deutsch-chilenischen Brauerei Kunstmann. An den Wänden hängen Trachten, Blasinstrumente und Gitarren.

Früher fanden in dem Gebäude die „Herrenabende“ statt, Versammlungen mit öffentlichen Verhören, die regelmäßig in Prügelorgien mündeten. Heute verputzt Erika Tymm hier ein Törtchen und sagt: „Es war nicht alles schlecht.“

Die 59-Jährige wirkt wie eine alte Frau und ein Mädchen zugleich. Hält sich geduckt, die Schultern vorgebeugt, die Augen bewegen sich schnell. Sie spricht von den Leistungen der Siedler, die eine Wildnis urbar machten, ein Krankenhaus aufbauten, in dem sie auch die chilenische Bevölkerung aus dem Umland versorgten. Wie sie sich aufopferten für die Armen. Sie spricht auch von den „schlimmen Sachen“, wie sie es vage ausdrückt.

Ob während der Arbeit oder in ihrer Freizeit – die Bewohner der Colonia Dignidad lebten streng nach Geschlechtern getrennt. (Foto: dpa)

„Ich wurde Wochen unter Tabletten gehalten und bekam Elektroschocks”, berichtet sie über ihre Jugend. Die zwei Pole eines Viehtreibers werden ihr, „an alle Körperteile” angesetzt, wegen „irgendwelcher falscher Gedanken und Bewegungen”. Wer sich im Schlaf bewegt oder anfasst, wird von Aufpassern aus dem Bett gerissen. Sie ist zehn, als das anfängt. Erika Tymm bekommt Angst zu schlafen.

Zeugenaussagen in Ermittlungsakten präzisieren ihre Behandlung: Um die 70 Stromstöße am Tag habe Tymm bekommen, und die Beruhigungsmittel Valium10mg sowie Haldol. Total fertig sei sie irgendwann gewesen, erinnert sie sich, habe kaum mehr etwas gesehen, sei wie in Trance gegangen. Sie erzählt das in einem Tonfall, als sei gestern eine Vase umgefallen. „Man muss auch vergessen können“, bemerkt sie.

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2002, als Schäfer schon aus der Siedlung geflüchtet ist, heiratet Tymm. Doch weder ihr Mann noch sie wissen, was man als Paar macht. Kein Engel kommt und legt ein Kind in ihr Bett. Also gehen sie zum Doktor Hopp, der schickt sie zu einem Frauenarzt. Mit 43 Jahren erfährt Erika Tymm erstmals von Sexualität. Und dass die Elektroschocks sie unfruchtbar gemacht haben.

Ihr Mann sei auch verurteilt worden, so Tymm. Weil er damals die Jungen für Schäfer duschte und sie ihm dann zuführte. Und der Mann ihrer Nachbarin Brigitte, der Herr Mücke, der sitze weiter im Knast. Brigitte besuche ihn regelmäßig, obwohl sie ihr Zimmer nur noch selten verlasse.

Treue Gefährten

Brigitte Mückes Zimmer im für Besucher gesperrten Wohngebiet ist karg eingerichtet. Linoleumboden, Schränke aus Sperrholz. Kein Bad, keine Küche, dafür große Plüschtiere auf dem Sofa, ein Fernseher. Eine auf Krücken gestützte Frau im hellen Frottéebademantel öffnet die Tür. Ihr Gesicht ist wächsern, die Augen blau, die weißen Haare zum Dutt gebunden.

„Wir sind ja vom Krieg gekommen“, sagt sie und lässt sich auf das Sofa fallen. Wie bei den meisten Siedlern beginnt auch Brigitte Mückes Weg in die Colonia Dignidad mit der Flucht vor den Russen. Die Familie stammt aus Ostpreußen. „Mein Vater schwor damals, dass er sein Leben Gott widmen will, wenn er die Flucht überlebt“, sagt Brigitte Mücke.

Der Vater hält Wort und wird Prediger. In der Nähe von Siegburg trifft die Familie Mitte der 50er-Jahre auf Paul Schäfer, einen jungen, 1,68 Meter kleinen, charismatischen Laienprediger mit Glasauge. 1956 hatte Schäfer dort den Verein „Private Sociale Mission“ gegründet, ein Erziehungsheim für Mitglieder seiner Sekte. „Er hat gepredigt wie kein zweiter“, erinnert Brigitte sich.

Schäfer betreute in Deutschland Jugendliche, bis sich die Misshandlungsvorwürfe gegen ihn häuften. In Siegburg gründete er die “Private Sociale Mission”. 1961 flüchtete Schäfer nach Chile – und nahm rund 50 Heimkinder mit. ( Foto: Besitz Winfried Hempel )

Schäfer mahnt, sich auf die nahende Endzeit vorzubereiten. Gott spreche direkt durch ihn, behauptet er. Wahlweise lässt er sich „Heiliger Vater“ nennen oder „Pius“ oder „Ewiger Onkel“. Oder einfach nur „O“.

Als in Deutschland zwei Anzeigen wegen Vergewaltigung gegen ihn eingehen, türmt Schäfer 1961 mit seinen Anhängern und etwa 50 Kindern nach Chile. Viele der Eltern denken, es gehe nur um eine Chorreise und willigen ein. Andere Einverständniserklärungen werden gefälscht. Als sie merken, dass ihre Kinder nicht auf Chorreise, sondern in Chile sind, wenden sich Eltern ans Auswärtige Amt – und finden kein Gehör.

Kurzüberblick: Von der Colonia Dignidad zur Villa Baviera
1961 setzt der pädophile Laienprediger Paul Schäfer sich mit seinen Anhängern und 50 Kindern nach Chile ab und baut dort die “Sociedad benefactora y educacional dignidad” auf, eine fast autarke deutsche Enklave mit Agrarbetrieb, Gewerbe und Krankenhaus . Sie profitiert bis 1991, dem Jahr, nachdem der Diktator Pinochet per Volksentscheid aus dem Amt gewählt wird, von Steuerfreiheit. Die chilenische Regierung erkennt ihr den Status der Gemeinnützigkeit ab und löst sie als juristische Person auf. Als die chilenische Polizei Schäfer zu suchen beginnt, setzt er sich 1997 mithilfe einiger Lieblingsjungen und seiner chilenischen Adoptivtochter Rebecca nach Argentinien ab. Bis er dort 2005 verhaftet und nach Chile ausgeliefert wird, spricht er über Videobotschaften zu seiner Gemeinde, die mit nach und nach gelockerten Regeln unter Führung der alten Kader weiter auf dem Gelände lebt. Ab 2005 verlässt etwa die Hälfte der Bewohner die Kolonie. Die andere lebt weiter in der nun geöffneten Villa Baviera. Schäfer stirbt 2010 mit 88 Jahren im Gefängnis.

Zu den Anhängern gehört auch Gerhard Mücke, der Schäfers Konfirmandenunterricht besuchte, mit ihm während einer Jugendfreizeit das Zelt teilte. „Aber da war nichts, da kann keiner was sagen“, wird er im Gefängnis später sagen und von den wunderbaren Zeiten schwärmen.

Seine Verlobte Brigitte darf erst 1974 nach Chile nachziehen, die Heirat erlaubt Schäfer erst dort. Da sind beide über 40. Für Kinder, die sie sich sehnlich wünschen, ist es zu spät. Die Ehe ist etwas Schlechtes, sagt Schäfer. Er genehmigt sie nur in Ausnahmen.

Ein echter Christ ist in Schäfers Predigten einer, der ganz frei ist von Lust und familiären Bindungen. Einer, der sich nur auf Gott bezieht. Kinder wachsen in geschlechtergetrennten Gruppen und getrennt von den Eltern auf. Viele derjenigen, die in der Kolonie geboren werden, wissen nicht, was ein Vater, was eine Mutter ist. Persönliche Gespräche zwischen den Bewohnern sind verboten.

Es gibt nur die Gemeinschaft. Und in deren Mitte Schäfer. Paul Schäfer, der „Tío“, der „Ewige Onkel“, der die Beichten abnimmt, der liebt, straft, vergibt. Geheimnisse vor ihm zu haben, ist eines der schlimmsten Vergehen. Andere Verfehlungen haben mit sündigen Gedanken oder Handlungen zu tun – wobei die Kinder nicht wissen, was das ist, und auch nicht, was Schäfer mit ihnen macht. Außer ihm können sie sich niemandem anvertrauen.

Paul Schäfer hatte immer ein paar auserwählte Jungs um sich, die sogenannten „Sprinter“. Ihnen wurden Privilegien zuteil – zum Beispiel durften sie als einzige Armbanduhren tragen. (Foto:  Besitz Winfried Hempel)

„Auch wir haben gelitten unter Schäfer“, sagt die nun 85-jährige Brigitte Mücke. Die Ehepartner fühlen sich permanent kontrolliert und dürfen nicht als Paar auftreten. Ständig habe Schäfer versucht, sie zu trennen. „Die Menschenrechtler sagen, mein Mann sei der Leibwächter von Schäfer gewesen, aber das stimmt nicht. Er ist unschuldig im Gefängnis“.

Eine Episode aus dem Eheleben sagt für Brigitte Mücke offenbar viel über den Charakter ihres Mannes und über ihre Beziehung aus. Auch Gerhard Mücke wird sie im Gefängnis erzählen.

Brigitte schickt der Mutter in Deutschland einen Brief. „Ich habe ihr beschrieben, wie unglücklich ich in der Kolonie bin, dass es wie in einem KZ sei“, erinnert Brigitte sich. „Ich sagte ihr, dass ich nach Hause will, man mich aber nicht rausließe.“ Schäfer habe sie dann nach Deutschland geschickt, um den Brief zurückzuholen, und unter Psychopharmaka gesetzt.

„Er wollte, dass mein Mann mich für verrückt erklärt, aber da hat der sich geweigert“, sagt sie. Obwohl Schäfer ihn mit einer Pistole bedroht. Aus den Akten des Auswärtigen Amts geht hervor, dass die Geschichte ganz anders verlief, aber dazu später.

Einmal, sagt Brigitte Mücke, hätten sie gemeinsam fliehen wollen. Sie hätten genug gehabt von den Vorschriften, den öffentlichen Beichten, den Herabwürdigungen. Aber dann hätten sie vor einem Baum niedergekniet, Kraft geschöpft und „gespürt, dass Gott uns hierhin gesetzt hat und wir nicht weglaufen dürfen.“

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An einen Gott, der sie vor einer verdorbenen Außenwelt schützt, glauben die Bewohner der Villa Baviera heute noch. An diesem Abend versammeln sich alte Männer und Frauen im Residenzbereich vor dem Gemeinderaum. Jeden Freitag treffen sie sich zum Gebet. Im früheren Empfangszimmer steht ein Klavier und ein Pult, dahinter im Halbkreis aufgestellte Plastikstühle.

Drei alte Männer leiten die Bibelstunde. Einer von ihnen wurde wie Gerhard Mücke von der chilenischen Justiz verurteilt – für den illegalen Besitz, den Kauf und die Produktion von Waffen. Auf dem Gelände wurden nach Schäfers Verhaftung riesige Mengen an Waffen gefunden: Handgranaten, Maschinengewehre, Raketen- und Raketenwerfer, Bazookas, Boden-Luft-Raketen, Sprengstoff.

Heute lebt der Mann wieder in der Villa Baviera und darf aus der Bibel vorlesen. „Herr, errette mich aus dem Kot, daß ich nicht versinke; daß ich errettet werde von meinen Hassern und aus dem tiefen Wasser.“ Psalm 69:14,15. Die Botschaft der darauf folgenden kurzen Predigt: Von außen kommt das Falsche, gegen das sie sich wehren müssen.

Die inszenierte Bedrohung durch eine verdorbene Außenwelt, die daraus folgende Isolation der Auserwählten, sie waren schon Säulen von Schäfers Herrschaft. Die Gemeinde singt, wie früher, dann tritt der Chor auf.

Auch Brigitte Mücke ist mit einem roten elektrischen Rollstuhl zum Gebet gekommen. Sie erklärt sich gegenüber unserem Reporter bereit, ihrem Mann einen Christstollen und einen von ihm geschriebenen Brief zu überbringen. Er bittet darin um einen Besuch, auch er zitiert Bibelstellen. Psalme, in denen es um Schuld, Verstrickung und Verantwortung geht.

Schunkeln am Folterort

Tags darauf werden in der Villa Baviera eine Bühne und ein Festzelt aufgebaut. Jungen und Mädchen in Trachten üben Tänze. Mittags beginnt das Oktoberfest, das hier im späten November stattfindet. Chilenische Opferverbände protestierten immer wieder gegen das Oktoberfest an einem Ort der Folter. Es heißt jetzt nicht mehr Oktoberfest, sondern – die Villa Baviera befindet sich auf der Südhalbkugel – Frühlingsfest.

Als wäre die Zeit in der Villa Baviera stehen geblieben: Mit dem Frühlingsfest holen die Siedler noch heute die bayerische Folklore der 60er Jahre in den Süden Chiles. (Foto: Correctiv)

An die Gräueltaten der Schäfer-Ära erinnert halbherzig ein kleines Museum in einer ehemaligen Scheune, etwa zehn Minuten zu Fuß vom Festgelände entfernt. Bilder und Dokumente von der Besiedlung und dem Aufbau des Krankenhauses hängen dort unverbunden neben Zeitungsartikeln zu Folter und Missbrauch, aber auch über Chilenen aus dem Umland, die für den Erhalt des Krankenhauses der Kolonie demonstrierten.

Die chilenischen Wochenendausflügler verirren sich ohnehin nicht ins Museum. Sie essen Würstchen, Kassler und Sauerbraten, sie fotografieren, reiten, rudern auf dem See. Nach dem Auftritt des deutschen Chors spielt ein DJ chilenischen Pop. Auf der Wiese spielen neben blonden Kindern der Villa Baviera die Kinder der chilenischen Besucher.

Früher hätte es gut passieren können, dass sie gleich dabehalten worden wären.

Kinder aus den umliegenden Dörfern, die für Behandlungen ins Krankenhaus der Kolonie gebracht wurden, kamen oft nicht mehr heraus. Wegen der strengen Geschlechtertrennung und den wenigen erlaubten Ehen drohten der Kolonie die eigenen Kinder auszugehen. Schäfer holte sich Nachschub aus dem Umland.

Gerhard Mücke sitzt nicht nur wegen Beihilfe zum Kindesmissbrauch, zum Verschwindenlassen, zur Organisation einer kriminellen Vereinigung im Gefängnis, sondern auch wegen Beihilfe zur Kindesentführung. Er fuhr die Busse, die die  Kinder in die Colonia Dignidad brachten und rekrutierte für ein Internat.

Gefängnis von Cauquenes, November 2018

Während Gerhard Mücke spricht, tätschelt er immer wieder die Hand seiner Frau. Zärtlichkeiten, die unter Paul Schäfer undenkbar gewesen wären. Ehrfürchtig blättert er durch die mitgebrachte Bibel und vergleicht sie mit seiner Übersetzung. „Wir durften in der Kolonie keine Bibeln besitzen. So konnten wir nicht nachprüfen, was Schäfer predigte“, sagt Mücke. „Wir haben ihm in Glaubensfragen blind vertraut.“

Im Buch Hesekiel 34 ist die Rede von schlechten Hirten, die sich nicht um die Herde, sondern nur um sich selber sorgen. Während Mücke die Passagen aufmerksam liest, regt sich sein sonst beherrschtes Gesicht.

Hätte er etwas von Schäfers Missbrauch an den Jungen gewusst, dann hätte er etwas unternommen, sagt Mücke. „Das hätte ich nicht akzeptiert!“ Er wäre mit einem Vorwand ins nahegelegene Parral gegangen, hätte die Polizei informiert, „nicht eine Stunde wäre das weitergegangen!“ Zwei Wochen habe er das Haus nicht verlassen können, als die Jungen ihm nach Schäfers Verhaftung davon erzählten, so schockiert sei er gewesen. „Das nicht gemerkt zu haben, war mein größter Fehler“, so Mücke.

Wenn Mücke von all dem Guten im „Fundo“, wie die Bewohner die Kolonie oft nennen, spricht, changiert sein Ton zwischen schwärmerisch und trotzig. „Ein blühendes Paradies“, nennt er es. Das Krankenhaus. Der Chor. Das Orchester. Auch den chilenischen Kindern wurde dort „ein tolles Leben“ geboten, die Eltern schickten sie freiwillig. Wäre da nur nicht der Missbrauch: „Schäfer hat alles kaputt gemacht.“

Die Nähe zur Militärdiktatur findet Mücke bis heute richtig. „Pinochet hat Chile vor den Kommunisten und damit vor einem Bürgerkrieg gerettet“, sagt er. Aber dass in der Kolonie Regimekritiker gefoltert wurden …? Er habe zwar Militär gesehen, auch einmal einen Bus bemerkt. Aber warum die da waren, das habe er nicht gewusst, behauptet er.

Dabei sagt Mücke 2006 vor einem chilenischen Gericht als Zeuge ganz anders aus. Dort gibt er detailliert zu Protokoll, wie in mehreren Nächten chilenische Militärs in Kleinlastern mit Gefangenen in die Kolonie kamen. Schäfer habe ihn dann angewiesen, sie vier, fünf Kilometer weit auf den inneren Wegen durchs Gelände zu führen. Er habe sich dann an „einem gewissen Punkt“ entfernt, in 200 Metern Entfernung gewartet und „eindeutig Schüsse gehört“.

Gerhard Mücke muss sich im September 2000 als Teil der Führungsriege der Colonia Dignidad vor Gericht verantworten – wegen seiner Beteiligung am Verschwindenlassen von Regimegegnern und weiterer Verbrechen der Colonia Dignidad während der Pinochet-Diktatur. (Foto: Rodolfo Martinez / AFP)

Jetzt sagt er: „Ich habe mich vor Gerichten zu der Zeit geäußert. Aber das habe ich heute vergessen.“ Nur so viel: „Schäfer hat immer alles alleine entschieden und alle gegeneinander ausgespielt.“ Nun solle also er, Mücke, zu den „Jerarqas“ – die chilenische Bezeichnung für die Führungsclique der Kolonie – gehört haben, aber das sei alles nicht richtig. Seine Stimme bebt.

Hat denn niemand Schäfer geholfen, bei seinen Missbrauchsexzessen oder der Folter? Mücke nennt Namen – von Menschen, die bereits tot sind. Und eine „Gruppe von Jungen“, die sich immer treu um Schäfer geschart habe. „Sie haben sogar die Alten beschimpft.“ Keine Namen.

Der Doktor Hopp jedenfalls, der sei auch unschuldig. „Er wurde vor den Elektroschocks immer aus dem Krankenhaus geschickt“, so Mücke. Aber auch davon habe er, Mücke, erst nachher erfahren.

Als er sagt, dass er auch nichts von öffentlichen Bestrafungsritualen gewusst habe, wirft Brigitte Mücke ein: „Die sind sehr wohl passiert.“

Gerhard Mücke beharrt: „Es hat öffentliche Beschimpfungen gegeben, aber keine öffentlichen Schläge.“

Santiago de Chile, November 2018

„Mücke hat unbarmherzig geschlagen, unbarmherzig“, sagt Winfried Hempel. Er spricht mit sanfter Stimme, die Augen verlieren sich manchmal in der Ferne. Von seinem Büro am nordwestlichen Rand von Santiago de Chile aus kämpft der 42-jährige Anwalt um späte Gerechtigkeit. Er wurde in die Kolonie hineingeboren und verließ sie als 20-Jähriger: im Jahr 1997, kurz nachdem Schäfer abtauchte und nach Argentinien floh.

Hempel holte die Hochschulreife nach und studierte Jura. Den deutschen und den chilenischen Staat zur Rechenschaft zu ziehen, ist seine Lebensaufgabe. Ständig klingelt und pingt das Handy. „Das Auswärtige Amt sagt, dass man Täter und Opfer der Colonia Dignidad nicht trennen kann. Ich sage, es ist schwierig sie zu trennen“.

Auch manches Mitglied der Führungsclique wurde von Schäfer missbraucht. Besonders stark vermischen sich die Täter-Opfer-Rollen bei denen, die Hempel „Kapos“ nennt: Kleine Jungs, die von Schäfer missbraucht und zu Mitgliedern der Sicherheitsgruppe wurden. Die mit Hund und Pistole am Zaun patrouillierten und dafür sorgten, dass keiner weglief. Schäfer nannte sie „Sprinter“. Als einzige durften sie Uhren tragen.

Der Anwalt und ehemalige Siedler Winfried Hempel kämpft seit 20 Jahren für eine konsequente Aufarbeitung der Verbrechen innerhalb der Colonia Dignidad. (Foto: Correctiv)

Statt von einer totalen Alleinherrschaft Schäfers spricht Hempel von einer „ganz steilen Pyramide“ mit verschiedenen Stufen. Ganz unten ist die große Masse an „Kolonos“, die keine Rechte hatte, reine Opfer waren. Zu denen zählt Hempel sich selbst. In der Mitte die „Kapos“ sowie die „Gruppenonkel“ und „Gruppentanten“, die das Einhalten strenger Verhaltensregeln kontrollierten. Und schließlich Mitglieder der Führungsclique. Um die 30 Personen aus der Anfangsphase zählt Hempel zu den Tätern.

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Die erste Prügelorgie beobachtet Hempel als Achtjähriger. „Da hatte einer eine Arbeit nicht korrekt ausgeführt und wurde dann als ein von Dämonen Geplagter verschrien“, erinnert er sich. „Und dann ist man über ihn hergefallen.“

Die Gewaltausbrüche seien nach einer bestimmten Choreografie abgelaufen: Ein Sünder wird in die Mitte gestellt. Wenn er auf die Anschuldigungen nichts zu sagen weiß, wenn er stockt, schaukelt es sich hoch. „Es fing mit Ohrfeigen an, ging mit Faustschlägen weiter, und wenn die Person auf dem Boden lag, dann wurde ihm in die Seite hereingetreten, wie auf Kalteisen.“

Für die Prügel braucht es keinen äußeren Anlass. Eine andere ehemalige Bewohnerin erinnert sich, wie Schäfer sie fragte: „Was sagst du, wenn ich dir sage, da steht ein roter Stuhl?“ Der Stuhl, der im Zimmer stand, war grün. Als sie auf der Farbe Grün beharrte, gingen die Prügel los.

Jenseits der Herrenabende müssen auch die Kinder einander in Gruppen verprügeln, die „Onkel“ und „Tanten“ befehlen es so.

Zurück ins Gefängnis von Cauquenes. Für Gerhard Mücke sind Kolonisten wie Hempel, die nun mit dem Finger auf Einzelne zeigen, Verräter. „Diese Menschen“, sagt Mücke, „werden für ihr falsches Zeugnis gerichtet werden. Und wenn die Zeit kommt, ist es zu spät. Dann können sie nicht mehr bereuen. Dann kommt die Verdammnis.“

Ob die Verdammnis auch Schäfer droht, dem schlechten Hirten? „Ich weiß nicht, was Schäfer in den letzten Stunden gebeichtet hat und kann nicht anstelle der Gnade des Herrn urteilen“, weicht Mücke aus.

Über den Moment, als er sich so heroisch einem Befehl Schäfers verweigert habe, ist das Ehepaar Mücke sich einig. Auch Gerhard Mücke erzählt, wie Schäfer ihn einmal zwingen will, seine Frau für verrückt zu erklären. Eine Pistole habe Schäfer ihm an die Stirn gehalten. „Aber ich bin nicht zurückgewichen und habe nicht unterschrieben. Ich sagte, dann müsse er mich eben erschießen.“

Berlin, Archiv des Auswärtigen Amts, November 2018

Der Fall Brigitte Mücke hat über einen Zeitraum von dreieinhalb Jahren einen regen Schriftverkehr zwischen dem Auswärtigen Amt in Bonn und der deutschen Botschaft in Santiago de Chile verursacht. Gerhard Mücke spielt darin eine weniger rühmliche Rolle als in seiner Pistolengeschichte. Und auch die Botschaft macht eine schlechte Figur.

Es beginnt mit einem Brief von Brigitte an ihre Mutter Maria Baak im Juni 1977:

„Meine Liebe Mutti, lass mich bitte durch die Deutsche Botschaft hier herausholen, anders ist es mir nicht möglich zu kommen, alles andere mündlich. Gründe, die ich schriftlich nicht nennen will, zwingen mich zu diesem Schritt. Ganz herzliche Grüße Deine Gitta“.

Ein weiterer Brief in ähnlichem Tonfall im März 1978 endet mit „PS: Mauk gefällt es hier auch nicht, aber er traut sich nichts zu sagen!“ Mauk ist in der Kolonie der Spitzname von Mücke.

Die Mutter wendet sich besorgt ans Auswärtige Amt, das jedoch wenig später folgendermaßen von der Botschaft informiert wird: Brigitte Mücke habe sich überrascht über die Reaktionen der Mutter gezeigt, sie verspüre keinen Rückkehrwunsch. Es gehe ihr gut.

Der Anwalt der Mutter schreibt daraufhin, dass Brigitte diese Aussagen in Anwesenheit ihres Mannes machte – und dass sie im Jahr zuvor die Mutter mehrfach angerufen und gebeten hatte, ihren ersten Brief zu vernichten. Sie sei dann extra aus Chile angereist und habe den Brief sofort in Anwesenheit der Mutter vernichtet – die jedoch zuvor eine Kopie gemacht hätte.

Botschafter Erich Strätling sieht nach einem persönlichen Gespräch keinen Anlass zur Vermutung, dass Frau Mücke an einer Ausreise gehindert werde. Eine Sichtweise, die das Ehepaar Mücke ein halbes Jahr später bei einem weiteren Treffen mit Strätling bekräftigt.

Strätling tritt 1976 sein Amt an. Im selben Jahr erscheinen die ersten Berichte der Vereinten Nationen und von Amnesty International zu Menschenrechtsverletzungen in der Colonia Dignidad. Strätling pflegt dennoch beste Beziehungen zu den Exildeutschen. Verbindungsleute der Kolonie gehen in der Botschaft ein und aus. Sie versorgen das Botschaftspersonal bereits seit 1972 mit selbst hergestellter Wurst und Käse – und die wenigen Flüchtlinge, die sich bis in die Botschaft durchschlagen, werden von deren Mitarbeitern zu Schäfer zurückgeschickt.

Botschafter Erich Strätling steht maßgeblich für die Rolle der Deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amts im Fall der Colonia Dignidad. Strätling deckte und verharmloste über Jahre die Verbrechen in der Siedlung. (Foto: picture alliance/Egon Steiner)
Botschafter Erich Strätling steht maßgeblich für die Rolle der Deutschen Botschaft und des Auswärtigen Amts im Fall der Colonia Dignidad. Strätling deckte und verharmloste über Jahre die Verbrechen in der Siedlung. (Foto: picture alliance/Egon Steiner)

Gerhard Mücke sucht die Botschaft dann noch einmal allein auf. Er entschuldigt sich. Dafür, dass die Schwierigkeiten zwischen ihm und seiner Frau Anlass zu haltlosen und verlogenen Vorwürfen gegen die Colonia Dignidad geführt hätten.

Brigitte, so schreibt er in einem Brief an die Botschaft, habe ein „Schilddrüsenleiden, das sich sehr auf ihr inneres Gleichgewicht auswirkt, und zwar störend, bis hin zu unvorhergesehenem Handeln.“ Psychische Probleme lägen in ihrer Familie, vom älteren Bruder, der unter Verfolgungswahn leide bis zur jüngeren Schwester, die wegen einer „endogenen Psychose“ seit vier Jahren in Behandlung sei.

„Unsere Ehe droht zu zerbrechen, weil meine Frau ähnliche Veranlagungen wie ihre Mutter zeigt“, schreibt Mücke und schließt mit dem Satz: „Vielleicht können Sie mir, in meinen Schwierigkeiten, unsere Ehe vor dem Hineinziehen in den Skandal zu bewahren helfen durch eine entsprechende Antwort an das A.A. Denn meine Frau wird hier von niemand festgehalten.“

Im Juli darauf findet Brigitte Mücke einen Weg, einen Brief am Büro der Colonia Dignidad vorbeizuschmuggeln. Sie ärgert sich darin über Päckchen, die nicht ankommen und bereut, bei ihrer Deutschlandreise nicht einfach geblieben zu sein. „Muttilein, Du hast ganz Recht, sie wollen mich nicht weglassen, obwohl ich wiederholt darum gebeten habe. Wenn Du doch nur mal auf den Gedanken gekommen wärst, mich alleine zur Botschaft rufen zu lassen. Immer war jemand bei mir, dann wäre ich sofort von da aus geflogen, ohne noch einmal zum Fundo zurückzufahren“, schreibt sie. Und über ihren Mann: „Mauk tut alles für mich, bloß weglassen will er mich nicht.“

Wieder wendet die Mutter sich ans Auswärtige Amt: Ihre Tochter möge Briefe in der Botschaft allein abholen. „Den Ehemann oder wer auch sonst mitkommt draußen lassen. Ich glaube, dass ihr Mann der Verräter ist“, schreibt Maria Baak. Das Amt informiert die Botschaft: „Amnesty International sieht in dieser Angelegenheit nicht nur einen “Fall Mücke (Baak)”, sondern sieht ein weiteres Anzeichen, dass die Vorwürfe gegen die Colonia Dignidad berechtigt sind.“

Entsprechend ernst nimmt die Kolonie die Angelegenheit. Ihr Verbindungsmann diskreditiert beim Botschafter die Mutter, spricht auch wieder von Brigitte Mückes angeblicher psychischer Labilität. Brigitte Mücke schickt zudem ein Telegramm an ihre Mutter, in dem sie mitteilt, dass sie die „Familienbande als getrennt“ ansehe, wenn diese den Kontakt mit dem Amnesty-Anwalt fortsetze.

Gegenüber einem Konsularbeamten, der extra zur Colonia Dignidad reist, weigert Brigitte Mücke sich, die Briefe entgegenzunehmen. Sie betont, dass sie bleiben will und greift Amnesty International an – alles im Beisein ihres Mannes.

In einem letzten Brief ans Auswärtige Amt beteuert die Mutter, die Aussagen ihrer Tochter seien unter Zwang entstanden. Sie hätte heimliche Briefe, zudem übernehme sie die Flugkosten für Brigittes Rückreise. Er bleibt folgenlos. Am 9. Januar 1980 werden die Briefe von Mutter und Schwester an Brigitte nach Deutschland zurückgeschickt.

Der Umgang mit der Colonia Dignidad sei „kein Ruhmesblatt“ gewesen, auch nicht für sein Haus, räumte Steinmeier nach der Premiere des Spielfilms 2016 ein. Über Jahrzehnte hätten deutsche Diplomaten „bestenfalls weggeschaut“.

Der Fall von Brigitte Mücke ist dafür nur ein Beispiel von vielen. Schon 1966 berichtet der geflohene Kolonist Wolfgang Müller (heute Kneese) in der deutschen Botschaft über die grausamen Behandlungen in der Colonia Dignidad. Doch nicht einmal die Schilderungen der wenigen geflohenen Opfern vor einem Untersuchungsausschuss des Bundestags im Jahr 1988 ändern etwas daran, dass Schäfer bis 1997 weiter machen kann.

Erst seit 2016 lässt die Bundesregierung langsam die Frage nach ihrer Mitverantwortung zu. Chile und Deutschland wollen nun ein Gedenk- und Dokumentationszentrum in Chile errichten. Individuelle Entschädigungen lehnte die Bundesregierung lange ganz ab. Nach heftigem Protest von Opferverbänden und Bundestagsabgeordneten soll es sie nun doch geben.

Bis zum Sommer 2019 will eine Kommission mit Vertretern der Bundesregierung und Abgeordneten des Bundestages ein Konzept für einen Hilfsfonds mit insgesamt einer Million Euro erarbeiten. Viel zu wenig, wie der Anwalt Winfried Hempel findet. 150 Millionen Dollar forderte er schon 2011.

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Am Ende ihres Besuchs im Gefängnis küsst Gerhard Mücke seine Frau auf den Mund. Außer ihren regelmäßigen Besuchen bleibt ihm nicht viel.

Wenn aber schon Gerhards Rückblick auf sich als loyaler Ehemann wackelt, was ist dann mit seinen anderen Behauptungen? Dass er nichts von den Folterungen der chilenischen Regimekritiker mitbekommen habe? Dass es keine öffentlichen Prügel in der Colonia Dignidad gab?

Ein früherer Angehöriger der Führungsclique, der jedoch in den 1980er-Jahren flüchtete, beschreibt Gerhard Mücke Ermittlern gegenüber so:

„Oft ist er mit den Methoden Schäfers nicht einverstanden. Letztlich aber muss er sich immer wieder Schäfers Anordnungen beugen. Herr Mücke sagte einige Male zu mir, wenn er wieder einmal Probleme hätte, es wäre wohl das Beste, wenn er das Fundo verlassen würde. Auf der anderen Seite hat es Schäfer immer wieder verstanden, Mücke durch „besondere Aufträge“ in den engsten kleinen Vertrauenskreis mit einzubeziehen. Er ist einer von den wenigen, die so gut wie alles wissen und alles von Anfang an mitgemacht haben. Leider ist er auch einer von denen, die im Auftrage von Schäfer kräftig zuschlagen.“

Santiago de Chile, Februar 2019

Auf einen Weihnachtsbrief unseres Reporters haben die Mückes nicht reagiert, auch Ende Januar ist er noch nicht angekommen. Brigitte Mücke teilt per Whatsapp mit, dass es ihrem Mann nicht gut geht. Eine Allergie, Wunden am Bein, Wanzen in der Zelle – und dann habe er auch im Dezember plötzlich nochmal drei Jahre Haft hinzubekommen. „Für einen Loro Matias, den niemand kennt.“

Einer kannte ihn doch. Samuel Fuenzalida, der 1974 drei Monate als Wehrdienstleistender in einem mehrstöckigen Herrenhaus in Santiago de Chile arbeitet. Unter Pinochet dient die Adresse Londres 38 als Folterhaus des Geheimdienstes DINA. Heute erinnern in den Bürgersteig eingelassene Stolpersteine mit eingravierten Namen an Verschwundene. Auf einem steht Alvaro Modesto Vallejos Villagran – der echte Name von Loro Matias.

„Hier war der gefangen“, sagt Fuenzalida. Als er ihn wiedersieht, sind dem Mann die Augen verbunden. Fuenzalida begleitet ihn in einem Pickup in die Colonia Dignidad, der Gefangene scheint den Weg zu kennen. „Als wir reinfuhren, hat Loro Matias mich gefragt, ob ich katholisch bin“, sagt Fuenzalida. „Ich sollte für ihn beten.“

Am Eingang, so erzählt er weiter, warten Schäfer und Mücke. Es ist etwa Mitternacht. Sie nehmen den Gefangenen entgegen, stecken ihn in ein Auto und fahren mit ihm weg. Nach 20 Minuten kommt Schäfer wieder und sagt „fertig“. Dabei zieht er die Hände ruckartig auseinander. Dass der Mann tot ist, versteht Fuenzalida sofort. Was das deutsche Wort „fertig“ bedeutet, erst Jahre danach.

Mücke kommt erst später zurück, da haben sie schon ein nächtliches Abendessen beendet. Fuenzalida sieht Mücke Jahrzehnte später im Gericht wieder. Dort habe er den großen, dicken, starken Mann mit Sicherheit wiedererkannt, sagt er. „Ich habe nie einen Mann mit dieser Physiognomie gesehen. Der war unverkennbar“, sagt Fuenzalida.

Gerhard Mücke bestach durch seine imposante Statur, an die sich Zeugen und Folteropfer immer wieder erinnern. Selbst noch im hohen Alter – wie hier mit 63 Jahren bei einer Verhandlung in Parral. (Foto: STR / AFP)

Zwei weitere Folteropfer in Santiago erinnern sich an Begegnungen mit Mücke. Der Arzt Luis Peebles, ein Herr mit fein geschnittenem, markanten Gesicht, erzählt wie er – schon zu schwach zum Laufen – von einem großen, starken Mann aus der Zelle in den Folterraum im Kartoffelkeller getragen wurde. „Er hat mich hochgenommen wie ein Baby“, sagt Peebles. Dann fesselt man ihn nackt auf ein Lattenrost, Schäfer malträtiert ihn mit Stromstößen. Man sperrt ihn in eine immer kleiner werdende Kiste, taucht ihn in ein Gebräu aus Wasser, Öl und Exkrementen.

Adriana Borquez, eine gekrümmte alte Frau, bringt es immer noch aus der Fassung, über ihre Erfahrungen in der Colonia Dignidad zu sprechen. Auch sie war an einen Lattenrost geschnallt, der mit einer Kurbel unter Strom gesetzt wurde. Ein Viehtreiber jagte Strom durch ihre Brust und Vagina.

Sie erinnere sich genau, wie die Männer am 23. April 1975 um ein Uhr morgens in ihr Haus stürmen und alles auseinander nehmen, angeführt von einem großen Mann, breites Gesicht, riesige Hände. „Er hat immer in der Mitte gestanden, die anderen Uniformierten haben ihn angesprochen und er hat ‚ja, ja’ gesagt“, so Borquez.

Fuenzalida, Peebles, Borquez: Alle drei sagen, dass sie den Mann im Gericht zweifelsfrei wiedererkannt haben. Mücke behauptet, keinen von ihnen je gesehen zu haben.

Gefängnis von Cauquenes, Februar 2019

Es gehe ihm schlecht, sagt Gerhard Mücke beim zweiten Besuch im Gefängnis als Erstes. „Ich hätte rauskommen sollen, aber da hat jemand etwas erfunden“, ärgert er sich. Da behaupte einfach einer, er wäre da gefangen gewesen. „Was weiß ich, wie. Was hab ich damit zu tun?“

Loro Matias, der Mann, den der Wehrdienstleistende Fuenzalida damals in der Kolonie abgegeben hatte, kann gar nichts mehr behaupten. In Gerhard Mückes Kopf verschwimmen all die Anschuldigungen und Urteile gegen ihn.

Tatsächlich ist die Prozesslage verworren in Chile. Immer wieder wurden Urteile gegen mehrere Kader gefällt und wieder aufgehoben oder aber Strafen verlängert; zwischendurch änderte sich die Prozessordnung. Mücke sagt, er sei vor Gericht nie angehört worden. Dabei gibt es von ihm unterschriebene Aussagen.

Was Mücke mit den Foltervorwürfen zu tun hat, ist für Winfried Hempel klar. Einige chilenische Gefangene seien nur wenige Tage festgehalten worden, einer fast ein Jahr. Hempel zufolge wurden zwischen 45 und 120 Personen in der Kolonie ermordet und zwischen 150 und 180 im Kartoffelkeller gefoltert, aber später wieder an den chilenischen Geheimdienst übergeben.

„Durch die 70er-Jahre muss dieses Folterzimmer im Kartoffelkeller ständig von jemandem belegt worden sein“, so Hempel. „Auf der Kolonie hat es gewimmelt von Militärs. Und es gab Sperrzonen, wo der einfache Kolonos nicht hereinkam. Aber Leute wie Mücke wussten genau, was da passiert.“

Zum Kartoffelkeller sagt Mücke nur: „Ich habe da mal wohl gesessen mit einem Stuhl vor der Tür. Da bin ich eingeschlafen, das hat dann irgendwer weitergesagt, und da brauchte ich nicht mehr hingehen.“

Bevor Paul Schäfer 1997 nach Argentinien floh, versteckte er sich in den unterirdischen Bunkersystemen auf dem 150 Quadratkilometer großem Gelände der Colonia Dignidad. (Foto: Polizeifoto / AFP)

Die Sache mit den chilenischen Kindern, will Mücke auch ganz anders erlebt haben. Am Wochenende und in den Ferien seien Hunderte aus der Umgebung zu ihnen gekommen, bei einem Fest gar tausend. „Die waren zu Freunden geworden. Und die wollten nichts weiter, als schnell zu uns“, so Mücke. Kinder von Müttern, „die überhaupt nicht mehr zurechtkamen.“ Als man hörte, da kämen welche, hätte man Busse hingeschickt. Er sei nur einer von mehreren Fahrern gewesen.

Es ist, so sieht er es, eine einzige Ungerechtigkeit: „Die Jüngeren kamen raus und den Älteren wurde es zugeschoben.“ Schäfer hätte immer eine Schar Jugendlicher um sich gehabt, die ihm später auch bei der Flucht nach Argentinien geholfen hätten.

2019 ist Mücke der Einzige, der noch eine Strafe im Gefängnis absitzt. Er hofft weiter, dass auch er lebend herauskommt. Wie taktisch motiviert sein Leugnen ist und wie sehr psychologische Überlebensstrategie, lässt sich von außen kaum sagen.

Das von der Bundesregierung bezahlte Psychologenteam um den Professor Niels Biedermann, das nach Schäfers Verhaftung in Argentinien 2005 erstmals in die Colonia Dignidad kommt und psychologische Unterstützung anbietet, tut sich schwer mit einer klaren Täter-Opfer-Trennung. „Auch und gerade seine engsten Mitarbeiter unterzog Schäfer immer wieder der öffentlichen Erniedrigung, um seine unanfechtbare Alphaposition zu demonstrieren“, schreiben sie in einem Aufsatz.

Etwa die Hälfte der Bewohner verlässt zu dem Zeitpunkt die Colonia Dignidad. Für die gut hundert, die bleiben, ist ein Leben außerhalb kaum denkbar. Wer in die Kolonie hineingeboren wurde, weiß mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht, was Geld ist, hat nur minimale Schulbildung, keine Altersversorgung.

Die Psychiater scheitern selbst bei den etwa 50 Bewohnern, die das Therapieangebot annehmen, mit klassischen Ansätzen. Sie sehen sich „kindlichen Kollektivwesen“ gegenüber, denen jegliche „psychische Selbststruktur“ für eine individuelle Auseinandersetzung fehlt, wie sie schreiben. Also versuchen sie, die Gesamtgruppe als „Kollektivklient“ zu behandeln.

Im April 2006 geben die Angehörigen der Villa Baviera eine öffentliche Erklärung ab. Einen Monat lang haben sie um ihre Formulierung mit einem Sonderbeauftragten der chilenischen Regierung gerungen. Die Erklärung beschreibt ausführlich das tyrannische System der absoluten Kontrolle von Schäfer sowie Verbrechen, „in die einige von uns, unfähig zum Widerstand, verwickelt wurden.“

Wenn alle schuldig sind, ist am Ende niemand mehr schuldig. Diffuse Schuldgefühle lösen sich auf in allgemeiner Vergebung. Und die Vergebung nach der Logik der freikirchlichen Gemeinde ersetzt nicht nur die Notwendigkeit von weltlicher Strafverfolgung – es erschwert sie auch. Wer vergeben hat, der schweigt fortan.

Los Angeles (Chile), Februar 2019

Willi Malessa gehört zu den wenigen, die sich gegen das Schweigen entschieden haben. Der 69-jährige Automechaniker mit den langen, nach hinten gekämmten blonden Haaren und dem wettergegerbten Gesicht lebt in der chilenischen Kleinstadt Los Angeles, zwei Busstunden südlich der Villa Baviera. Auch er wurde in Chile verhaftet, sagte dann aber als Kronzeuge für die chilenischen Gerichte aus und kam frei.

Wenn Willi Malessa hört, dass Gerhard Mücke die Schuld auf „die Jüngeren“ schiebt, wird er fuchsteufelswild. „Die haben doch alles zugelassen! Die sind doch mit Schäfer nach Chile gekommen, die hätten sich wehren müssen!“, regt er sich über die Alten auf.

Auch auf die Bewohner der heutigen Villa Baviera ist Malessa nicht gut zu sprechen. Als der Besitz und das Anwesen der Colonia Dignidad in Aktiengesellschaften umgewandelt und unter den Bewohnern aufgeteilt wurde, seien er und einige andere Ehemalige leer ausgegangen.

Es werden noch immer Massengräber auf dem Gelände der Colonia Dignidad vermutet, obwohl schon 1997 Angehörige verschwundener Regimegegner der Pinochetdiktatur für Gerechtigkeit demonstrierten. (Foto: Cris Bouroncle / AFP)

Malessa war das, was Hempel einen „Kapo“ nennen würde: Ein Teil des Wachtrupps, ein Handlanger ohne Führungsaufgaben. Halb Opfer, halb Täter. Von Schäfer wurde er schon als kleiner Junge in Siegburg missbraucht. In der Colonia Dignidad war er wie Mücke Maschinenfahrer.

An einem Tag im Jahr 1978 wird Malessa von Schäfer abkommandiert, mit Mücke zum Baggern mitzufahren. Er solle nicht so präzise hingucken. „Erst als ich bei der ersten Stelle baggerte und eine Leiche im Kübel hatte, wusste ich, um was es sich da drehte. Es war so ein Schock für mich, dass auf unserem Land, das für uns heilig war, plötzlich Leichen ausgebaggert werden sollten.“

Pinochet hat kurz zuvor die Operation „Entfernung der Fernseher“ gestartet – ein Codewort für das Verschwindenlassen von Leichen. Mücke, sagt Malessa, weiß genau, an welchen Stellen man graben muss. Etwa vier Wochen baggert Malessa, um die 40 Leichen, schätzt er, gräbt er aus. Sie werden in Säcke gesteckt, mit Zusatz von Phosphor verbrannt und in einer ehemaligen Badestelle in den Fluss gekippt.

Auf dem Gelände der Villa Baviera werden weitere unentdeckte Massengräber vermutet, darin die Überreste von Chilenen, die seit der Pinochet-Diktatur noch immer vermisst werden.

Danach, sagt Malessa, sei er so fertig gewesen, dass man ihn für zwei Wochen ins Krankenhaus gebracht habe. „Ich weiss nicht, wie ich die 14 Tage dort zugebracht habe, was alles mit mir gemacht wurde“, sagt Willi Malessa, der „Kapo“. Er tippt auf Elektroschocks: „Ich vermute, dass man mich gelöscht hat.“

Cauquenes, Februar 2019

Die Besuchszeit im Gefängnis ist zum zweiten Mal um. Über Paul Schäfer sagt Gerhard Mücke zum Schluss: „Auch er hat ein Anrecht, dass ich ihm vergebe. Denn ich will ja auch, dass meine Schuld vergeben wird.”

Wer falsches Zeugnis ablegt, der erfährt keine Vergebung, dem droht die ewige Verdammnis. Das sagte Mücke beim ersten Besuch über Winfried Hempel, den Anwalt. Mit diesem Argument versucht der Reporter, ihn doch noch zu einem öffentlichen Geständnis zu bringen.

Als Brigitte Mücke den Kontakt abbricht, übergibt er dem Gefängnispersonal einen Brief. Auf 21 handbeschriebenen Seiten konfrontiert er Gerhard Mücke unter anderem mit dem Briefwechsel zum Versuch seiner Frau, die Kolonie zu verlassen. Mit den Aussagen von Luis Peebles, Adriana Borques und Samuel Fuenzalida. Mit Mückes eigenen Geständnissen vor Gericht, dass er die Leichen der Ermordeten ausgegraben hätte.

„Lieber Herr Mücke, sie sind bei klarem Verstand, noch hat der Herr Ihnen die Zeit und die Möglichkeit gegeben, zu sagen, was war. Ich biete ihnen an, dass ich dieses Vermächtnis aufnehme“, schließt der Brief, gefolgt von Psalm 32, in dem David spricht: „Ich sagte: Ich will dem Herrn meine Vergehen bekennen! Und wirklich: Du hast mir meine ganze Schuld vergeben!“

Wir warten noch immer auf Antwort.

Mitarbeit: Anne-Lise Bouyer, Nathan Niedermeier, Simon Wörpel

Fotoredaktion und Bildkonzept: Ivo Mayr

Alle Fotos dieser Reportage wurden bearbeitet.

Titelbild: Jungen beim Chorsingen in der Colonia Dignidad 1991 (Foto: epa AFP)

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