PILLENKICK

Schmerzmittelmissbrauch im Fußball

Schmerzmittelmissbrauch
im Fußball

Zusammenbrüche auf dem Spielfeld, Blut spuckende Spieler, Nierentransplantationen, lebenslange gesundheitliche Folgen: Der Fußball hat ein erhebliches Problem mit Schmerzmitteln, aber nur wenige sprechen öffentlich darüber. Uns gegenüber haben sich rund 150 Fußballer, Trainer, Ärzte und Wissenschaftler über das Ausmaß des Schmerzmittelmissbrauchs im Profifußball geäußert. Wir zeigen, wie auch der Amateurfußball betroffen ist. In einer Umfrage mit mehr als 1.100 Spielern berichten Amateure, wie sie ihren Körper regelmäßig mit Schmerzpillen betäuben. Die #PILLENKICK-Recherche offenbart ein System, in dem Gesundheit nicht viel zählt.

DIE STORY

Auf Schmerz und Nieren

Sie wollten spielen, um jeden Preis. Sie sollten über ihr Limit gehen. Heute müssen sie allein mit den Konsequenzen leben. Unsere Titelstory erzählt die Geschichte, wie die Fußball-Industrie tatenlos bleibt, während Fußballer von Schmerzmitteln abhängig werden.

  • Die meisten Profifußballer und viele Amateurfußballer nehmen regelmäßig Schmerzmittel. Doch der Preis für die Gesundheit ist zuweilen hoch. Nieren versagen, Magen- und Leberschäden treten auf, das Risiko tödlicher Herzkrankheiten steigt.
  • Dutzende Profis, Ärzte und Experten brechen das Schweigen, darunter der Bundesligaprofi Neven Subotic und Hoffenheims Mannschaftsarzt Thomas Frölich.
  • Mehrere Experten fordern, Schmerzmittel als Doping einzustufen.
  • DFB-Präsident Fritz Keller kündigt aufgrund der Recherchen von CORRECTIV und ARD-Dopingredaktion an, den Missbrauch von Schmerzmitteln im deutschen Fußball zu untersuchen.

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Diese Geschichte ist Teil einer Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema „Schmerzmittelmissbrauch im Fußball“. Wir berichten in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Ich bin bereit. Es ist ein warmer Hochsommertag im österreichischen Wintersportort Seefeld, der Duft der Tannen schwebt würzig durch die Luft. Die Reifen meines Mountainbikes sind aufgepumpt, eine erste Testfahrt liegt hinter mir. Vor mir erstreckt sich die weiße, kieselige Schotterpiste, die vom kleinen Bergdorf Mösern in den österreichischen Alpen durch einen Tannenwald und an Viehweiden vorbei bis hinunter zum Sportplatz führt. Dort trainieren gerade die Fußballer des Bundesligisten RB Leipzig. Wenn sie fertig sind, müssen sie an mir vorbei.

Seit drei Monaten recherchieren wir, insgesamt zehn Kolleginnen und Kollegen, nun schon. Als Journalist muss man zuweilen ungewöhnliche Wege gehen. 73 Telefonate haben wir zu diesem Zeitpunkt im Sommer 2019 schon geführt, unzählige E-Mails geschrieben. Wir haben Fußballprofis, Ärzte und Funktionäre kontaktiert, damit sie uns ihre Erfahrungen erzählen. Manche wollen ihren Namen nicht veröffentlicht sehen. Einige haben offen gesprochen. Über Voltaren, Opioide und Infusionen. Manche sprechen über leistungssteigernde Substanzen und Schmerzmittel, die wie Schokolinsen in der Umkleide verteilt werden. Andere wollen gar nichts sagen. Besonders schwer ist es, an die noch aktiven Bundesligaspieler heranzukommen. Ihre Vereine schirmen sie ab.

Ich schaue, ob weiter unten am Hang bereits jemand zu sehen ist. Auf der einen Seite des Berges liegt der Trainingsplatz, den der Verein für zwei Wochen reserviert hat. Auf der anderen Seite das Luxushotel der Spieler. Anders als Radrennfahrer, die bis zu acht Stunden am Tag trainieren, sind Fußball-Camps auch für Profispieler voller Leerzeiten. Sie vertrödeln dann die Zeit, zocken Playstation oder pokern. Zwei Mal pro Tag kommen die Leipziger Spieler auf den Sportplatz, jeweils für eineinhalb Stunden. Danach, so habe ich es am Vortag beobachtet, fahren die meisten Spieler mit Rädern über die Schotterpiste die knapp drei Kilometer zum Hotel. Ohne Mitarbeiter der Medienabteilung ihres Vereins.

Panromablick im Trainingslager, die Fußballer von RB Lepizig bereiten sich im Sommer 2019 in den Alpen auf die neue Saison vor. © Jonathan Sachse

Das könnte meine Chance sein. Mein Plan ist, mit dem Fahrrad zu ihnen aufzuschließen, kurz grüßen, freundlich ein Gespräch beginnen. „Ach, ihr seid Fußballprofis?“ Dann gekonnt überleiten. Man selbst, Journalist, sei auf der Suche nach Spielern, die aus dem Alltag erzählen. Verletzungen, Druck, Regeneration. Wie weit man so gehe. Wie es mit Schmerzmitteln aussehe. Denn genau darum geht es in unserer Recherche.

Fast fünf Milliarden Euro setzen die deutschen Profivereine in der Saison 2018/2019 um. Eine prosperierende Fußballindustrie, deren Produkt funktioniert, solange die Spieler fit sind. Und auch die Spieler selbst haben ein Interesse daran, häufig zu spielen. Etwa 1,4 Milliarden Euro an Gehältern und Prämien wurden in der vergangenen Saison an die Spieler und ihre Trainer ausgeschüttet. Mit etwa 35 Jahren ist die Karriere aber bei den meisten Fußballern vorbei, spätestens. Bis dahin wollen sie so viel wie möglich verdienen. Der Druck zu funktionieren ist hoch. Wenn der eigene Körper nicht mitspielt, wird nachgebessert. Mit Schmerz- und vielleicht auch anderen Mitteln. Denn Verletzungen und Schmerzen will sich in diesem Business kaum jemand leisten.

Die ersten Fußballer nähern sich. Drei, sieben, dann zähle ich elf Räder. Das Training ist vorbei. Mittelfeldspieler Kevin Kampl fährt da, gut zu erkennen an seinen hellgefärbten Haaren, daneben erkenne ich Timo Werner und Marcel Sabitzer. Ich biege jetzt auch auf den Schotterweg und lasse mich überholen. Zwei Leipziger Spieler schließen auf, überholen, dann drei weitere. Sie sind ziemlich schnell, zählt die Rückfahrt etwa zum Training? Ich beschleunige, versuche, wenigstens bei der nächsten Gruppe dran zu bleiben, kämpfe mich den Hang hinauf – und verliere trotzdem den Anschluss. Der Fahrtwind zweier Mittelfeldspieler trägt mein zaghaftes „hallo“ weg und damit auch die Hoffnung auf Insider-Infos. Nach zwei Minuten verschwindet auch der letzte vor mir im Tannenwald. Bundesligaprofis. Auf E-Bikes. Schneller als ein neugieriger Journalist.

Über die Schmerzgrenze

Der Fußball-Weltverband Fifa begann 2002, zu Schmerzmitteln im Fußball zu forschen. Die Fifa-Experten konnten bald belegen, dass Schmerzmittel bei Weltmeisterschaften zum Alltag gehören. 2018 nahm in Russland jeder vierte Spieler schmerzstillende Medikamente vor jedem Spiel, dabei griff ein Spieler sogar zu drei verschiedenen Schmerzmitteln. Auch die Erkenntnisse zu den U17-Weltmeisterschaften in den Jahren 2005 und 2007 schockierten: Knapp die Hälfte der Spieler nahm im Laufe des Turniers Schmerzmittel. Bei der deutschen Nationalmannschaft konsumierte während der WM 2006 vor dem Achtelfinale gegen Schweden immerhin fast ein Drittel der Spieler Schmerzmittel. Das zeigt eine CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion vorliegende Abschrift eines Dokumentes, das für jeden Spieler die eingenommenen Medikamente ausweist.

Seitdem werden immer mehr Spiele und Wettbewerbe ausgetragen, stellen die Spieler vor zusätzliche Herausforderungen. Das Problem verschärft sich.

Es gibt Menschen aus dem Fußballbusiness, die die Verwendung von Schmerzmitteln reguliert sehen wollen. Jiri Dvorak, über zwei Jahrzehnte Medizin-Chef des Weltfußballverbandes Fifa, ist einer von ihnen. Er fordert heute uns gegenüber: „Schmerzmittel sollten verboten werden, wenn sie nicht medizinisch indiziert sind“.

Anders als Dopingmittel sind Medikamente gegen Schmerzen und Entzündungen im Leistungssport in der Regel legal. Was mancher Insider für falsch hält. „Man kann mit Schmerzmitteln einfach eine bessere Leistung bringen“, sagt etwa der Kölner Dopingforscher Hans Geyer. Der Wissenschaftler fordert, Schmerzmittel als Dopingmittel einzustufen. „Schmerzmittel“, sagt Geyer, „sind stark gesundheitsschädigend.“ Laut der Definition der Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) muss eine Substanz in die Verbotsliste aufgenommen werden, wenn sie zwei von insgesamt drei Doping-Kriterien erfüllt – bei Schmerzmitteln wäre dies durch die Leistungssteigerung und Gesundheitsschädigung gegeben. So sieht es Dopingforscher Geyer.

Der Ursprung der Recherche

Unsere Recherche begann mit dem Ziel, Medikamentenmissbrauch im Fußball zu finden. Dafür schlossen sich CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion zusammen. Schon bald war klar: Neben Doping ist der Missbrauch von Schmerzmitteln ebenso ein Problem. Wahrscheinlich ist es sogar das größere.

In einer Umfrage haben uns 1.142 Amateurfußballer von ihren Erfahrungen mit Schmerzmitteln und Doping berichtet. Über 100 Profifußballer haben wir zudem interviewt, die meisten aus der Bundesliga. Sie haben in den Neunziger- und Nullerjahren oder auch erst vor Kurzem ihre Karrieren beendet. Drei von ihnen stehen aktuell noch auf dem Platz. All diese Profis berichteten uns von ihren Erfahrungen. Einer von ihnen ist Jonas Hummels, der jüngere Bruder des Nationalspielers Mats Hummels.

Im Dezember 2015, neun Tage vor Weihnachten, kämpft Jonas Hummels mit starken Schmerzen. Seit Monaten plagt ihn sein Knie. Bevor er trainiert, nimmt er das Schmerzmittel Arcoxia. Als er lossprintet und dann plötzlich abstoppt, schreit er auf. Die Kniescheibe drückt auf den Nerv. Aufspringen und Landen nach einem Kopfball sind zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr möglich.

„Du konntest mir neun Mal sagen, du nimmst zu viel Schmerzmittel. Ich habe neun Mal weggehört“, sagt Hummels heute. Die Folgen des Missbrauchs habe er damals ausgeblendet, erzählt er uns, als er sich weiter erinnert.

Jonas Hummels spricht offen über Schattenseiten des Profifußballs und seinen Schmerzmittelkonsum. © Ralph Ziegenhorn für EyeOpening.Media

Mit seinem Verein, der Spielvereinigung Unterhaching, trifft Hummels im DFB-Pokal-Achtelfinale auf den Bundesligisten Bayer Leverkusen. Der Höhepunkt seiner Karriere. Hummels ist Kapitän des Drittligisten, eigentlich würde er seine Mannschaft aufs Feld führen. Diesen Plan hat er bereits aufgeben müssen. Doch wenigstens im Kader möchte er stehen, irgendwie dabei sein, vielleicht eingewechselt werden. Für den Tag nach dem Pokalspiel hat er um sieben Uhr morgens einen Termin beim Radiologen, um sein Knie nach der Belastung untersuchen zu lassen.

Doch vor dem Spiel wirken die Pillen, die Hummels in den Wochen zuvor oft genommen hat, nicht. Zu stark sind die Schmerzen. Zu sehr hat sich sein Körper an die Medikamente gewöhnt. Hummels will unbedingt im Kader stehen, sein Mannschaftsarzt will ihm helfen vor diesem einen, für den Kapitän so wichtigen Spiel. Der Orthopäde schlägt Hummels deshalb eine örtliche Betäubung vor. Es ist die einzige Chance.

Hummels stimmt zu. Eine Stunde vor dem Spiel sticht der Arzt vier Mal in Hummels’ Knie, drückt ihm das Serum in die Adern. Drei Stunden später hat sein Team das Pokalspiel gegen den Erstligisten Leverkusen 1:3 verloren. Hummels hat keine Minute gespielt, doch er war dabei. Den Abend beschreibt er später als „maximales Highlight“.

Danach allerdings ist für Jonas Hummels Schluss. Kreuzbandrisse und Knorpelschäden, in beiden Knien, im Alter von erst 25 Jahren – Hummels kann kaum mehr schmerzfrei eine Treppe hochlaufen.

Risiko für langfristige Schäden

Die Folgen, das können Muskelverletzungen sein, Schäden an Nieren und Leber und an Gelenken. Arthrose im jungen Alter, aber auch ein höheres Risiko für Herzprobleme. Die Spieler setzen auf die kurzfristige Wirkung von Schmerzmitteln. Von möglichen langfristigen Folgen wissen sie manchmal gar nichts.

Neben der direkten Wirkung auf Organe und Knochen verändern die Mittel auch langfristig die Körperchemie. Die Amateurfußballerin Kim Kampmann erfährt das, als der Fernseher durch den Raum auf sie zufliegt. Es ist die erste Nacht ihres kalten Entzugs 2012. Seit einem Tag nimmt sie keine Schmerzmittel mehr. Erst bekommt sie Schweißausbrüche, dann rasen Gegenstände auf sie zu, die Wanduhr auch und ihr Handy. Sie versucht sie zu greifen, fasst in die leere Luft.

Ihre Schmerzmittelgeschichte, die mit der Sucht nach den Pillen endete, begann mit Ibuprofen. Leichtathletik, Klettern, Fußball, Kim Kampmann trieb begeistert Sport. Sie war häufig draußen und entsprechend braun gebrannt. „Ich komme aus einer sportverrückten Familie“, sagt sie heute. Gemeldet hatte sie sich über den CrowdNewsroom, mit dem wir herausfinden wollten, wie groß das Schmerzmittel-Problem im deutschen Amateurfußball ist. Immer wieder nimmt sie für den Sport Schmerzmittel, schrieb sie uns und erzählt uns später am Telefon mehr über ihre Geschichte.

In Norwegen begann Kim Kampmann regelmäßig Fußball zu spielen und dafür zu Tabletten zu greifen, ein Portrait von ihr erschien in einer Lokalzeitung. © Foto von Kim Kampmann

Ende der Nullerjahre zieht sie für ein paar Jahre nach Norwegen. Es ist kalt dort, sie erkältet sich regelmäßig und steht dennoch mit Paracetamol auf dem Fußballplatz. Sie will kein Spiel, auch kein Training verpassen. An solchen Tagen steigt sie abends nach dem Training zum Aufwärmen in den Whirlpool und nimmt noch eine Ibuprofen. Der Griff zur Tablette wird Normalität. Und irgendwann zur Sucht. Die Rückenschmerzen, mit denen ihr Körper auf das extreme Sportprogramm reagiert, bekämpft sie mit klassischen Schmerztabletten. So muss sie nicht auf den Fußball verzichten. Als Mittel wie Ibuprofen nicht mehr anschlagen, verschreibt ein Arzt ihr das synthetische Opioid Tilidin. Später nimmt sie auch das Opioid Tramal, am Ende sogar das stark wirksame Morphium.

Die Schmerzen am Rücken sind letztlich stärker als die Kraft der Schmerzmittel, Kim Kampmann muss deshalb mit dem Fußball aufhören. Ein Neurochirurg sagt, sie müsse an der Bandscheibe operiert werden. Die Voraussetzung für den Eingriff: Sie müsse nüchtern sein, dürfte keine Medikamente mehr schlucken. Kim Kampmann entschließt sich zum kalten Entzug. 

Es werden Tage voller Qual, an denen die Gegenstände auf sie zufliegen. Sie schwitzt. Ihr ist heiß, kalt, beides gleichzeitig. Sie zittert, weint, schreit, verflucht alles und jeden und selbst ihre Haustiere. Dann beginnt der nächste Schüttelfrost.

Sie hält durch, schafft es zur OP, die gelingt, auch wenn es noch Jahre dauert, bis sie wieder Sport treiben kann. Heute spielt Kampmann in einer Betriebsmannschaft beim Technischen Hilfswerk sogar wieder Fußball – ohne Schmerzmittel, sagt sie.

Harte-Jungs-Mentalität im Fußball

Nach unser gescheiterten Recherche bei RB Leipzig in Seefeld ergeben sich in Österreich immerhin noch Gespräche mit Teambetreuern anderer Bundesligisten, die sich in den Alpen ebenfalls auf die Saison 2019/2020 vorbereiten. Wir führen dort immerhin ein Hintergrundgespräch mit einem Bundesliga-Arzt und erhalten Telefonnummern für die weitere Recherche. Am Ende der Reise durch sechs Trainingslager ist zumindest klar, dass wir mit noch mehr Leuten aus dem System Profifußball reden müssen, wenn wir mehr über Substanzen und Methoden erfahren wollen.

Anders als Hummels möchten die meisten ehemaligen Profis nicht, dass ihre Leidensgeschichte bekannt wird. Sie wollen nicht einmal anonymisiert zitiert werden. Eine Art „Harte-Jungs-Mentalität“ zieht sich durch den Sport. Über Schwächen zu reden, das trauen sich auch nach der Karriere nur wenige. Ihre Geschichten zeigen, wie durch den Schmerzmittelmissbrauch seit Jahrzehnten Fußballer krank werden. Versteifte Füße, frühe Arthrose, lebensbedrohliches Vorhofflimmern, mit diesen körperlichen Schicksalen müssen sie nun leben.

In Hoffenheim treffen wir Thomas Frölich, Mannschaftsarzt bei der TSG Hoffenheim. In seiner Zeit im bezahlten Fußball hat er mit zahlreichen erfolgreichen Trainern zusammengearbeitet, Joachim Löw etwa, Felix Magath und Ralf Rangnick, zuletzt auch Julian Nagelsmann. Er sei oft bei der Mannschaft, sagt Frölich, und könne den Zugang zu den Medikamenten dadurch steuern. Tabletten gebe er nur „in begrenzter Menge“ heraus.

Thomas Frölich spricht seit Jahrzehnten als Mannschaftsarzt mit Fußballern über ihren Schmerzmittelkonsum, aktuell bei der TSG Hoffenheim. © EyeOpening.Media

Allerdings lockert auch der Hoffenheimer Mannschaftsarzt den Zugang, je näher der Anpfiff kommt. „Wenn jemand eine Dreiviertelstunde vor dem Spiel kommt, dann kann ich nicht eine halbe Stunde mit ihm diskutieren, da ist man dann etwas großzügiger“, sagt der Mannschaftsarzt. Frölich macht immer wieder die Erfahrung, dass Spieler, die neu im Verein sind, zu ihm kommen und nach Schmerzmitteln fragen, oft aus Routine. „Dann muss man versuchen, ihm das abzugewöhnen“, sagt Frölich. „Weil der hat oft gar keine Schmerzen.“

Zudem könnten die Vereine die Spieler nicht ständig kontrollieren. Von manchen Medikamente erfährt er erst, wenn diese vor Dopingkontrollen auf Liste angegeben werden,  meint Frölich. Die gängigen Schmerzmittel sind in geringer Dosierung in jeder Apotheke rezeptfrei erhältlich, die Handelsmarke Ibuprofen etwa wird bis zur Dosierung von 400 Milligramm frei verkauft.

Auch Jonas Hummels erinnert sich an Medizinschränke, die gut gefüllt mit Schmerzmitteln waren. Wer eine Ibuprofen gewünscht habe, habe sie in der Regel auch bekommen. Ein ehemaliger Bundesligaspieler, der anonym bleiben möchte, erzählt, dass noch vor ein paar Jahren ein Physiotherapeut am Eingang zum Mannschaftsbus stand und einen Beutel mit Schmerzmitteln aufhielt: Jeder habe sich vor der Abfahrt zum Spiel frei bedienen können.

Ein Blut spuckender Spieler

Auch er selbst habe die prophylaktische Gabe von Schmerzmitteln anfangs nicht hinterfragt, gesteht Teamarzt Frölich – bis er erlebt habe, welche Folgen Schmerzmittel ohne medizinische Kontrolle haben können.

Es ist 1998, der VfB Stuttgart, für den Frölich damals tätig ist, steht im Europapokalfinale der Pokalsieger, der spätere Bundestrainer Joachim Löw coacht das Team. Ein Höhepunkt in der Vereinsgeschichte und für die Spieler, der mit einer 0:1-Niederlage gegen den FC Chelsea endet. Für einen Stuttgarter Spieler nimmt der Abend nach Abpfiff noch einen dramatischen Verlauf.

Dieser Profi, sagt Frölich im Rückblick, habe vom medizinischen Stab „aufgrund von Beschwerden“ Diclofenac, bekommen, den Wirkstoff in Voltaren. Seine weitere Erinnerung: Nach Ende des Endspiels spuckt der Spieler Blut. Frölich setzt ihn und sich selbst in ein Taxi, während das restliche Team zu einer Party auf ein Schiff fährt. Auf dem Weg zum Hotel musst der Fahrer anhalten, weil der Spieler Blut erbricht. Frölich gibt dem Spieler Infusionen und wacht an seinem Bett.

Der Spieler habe, erinnert sich Frölich, neben der verordneten Tablette noch Aspirin genommen, in Eigenregie. Doch Aspirin erhöht das Risiko von Magen-Darm-Blutungen. Der Spieler überstand die Nacht. Irgendwann hörte sein Magen auf zu bluten.

Subotic: „Sie verteilen Ibuprofen wie Smarties!“

Neven Subotic ist der einzige noch aktive Profi, der im Rahmen unserer Recherchen auch öffentlich über Schmerzmittel sprechen wollte. Wir treffen ihn Ende Februar im CORRECTIV-Büro in Berlin. Mit 18 Jahren begann er seine Profilaufbahn unter Jürgen Klopp beim 1. FSV Mainz 05. Später holte ihn Klopp nach Dortmund, zweimal wurde Subotic mit dem Klub Deutscher Meister. Heute spielt er bei Union Berlin. Subotic hat mehr als 200 Bundesligaspiele bestritten. Dazu stand er mit der serbischen Nationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 2010 auf dem Platz.

Neven Subotic äußert sich im CORRECTIV-Büro offen über die Schmerzmittelkrise im deutschen Fußball. © EyeOpening.Media

„Mir fehlt in diesem ganzen System ein Schiedsrichter, der sicherstellt, dass das auch rechtens abläuft“, sagt Subotic. Momentan sei das System eine Weitergabe von Druck. Es gehe um immer mehr Geld. Der Verein brauche den Erfolg, und so habe der Trainer Druck. Diesen Druck gebe er weiter an seinen Co-Trainer oder die Ärzte. „Und am Ende ist es der Spieler, der den meisten Druck bekommt. Der nicht spielen kann, außer er nimmt Schmerzmittel.“

Er selbst greife selber kaum zu Schmerzmitteln, sagt Subotic, setze lieber ein Spiel aus. Gleichzeitig beobachte er, wie für „jedes kleine Aua“ eine Ibuprofen verteilt werde. Er rate jüngeren Spielern, eigenverantwortlicher zu handeln und regelmäßig von externen Ärzten eine Meinung einzuholen, die nicht in Interessenkonflikten mit dem Verein stehen. 

„Und am Ende ist es der Spieler, der am meisten Druck hat, der am meisten zu verlieren hat”, sagt Subotic. Wenn ein Spieler bleibende Schäden davontrage, sei er schnell auf sich alleine gestellt.

Noch vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie in Deutschland befasst sich auch eine Fortbildung des Deutschen Fußball-Bundes in Frankfurt am Main mit dem Thema. Auf einer Tagung der DFB-Akademie tauschen sich dabei Fußballmediziner aus. Die Veranstaltung ist nicht öffentlich, doch über einen Audio-Mitschnitt erfahren wir von einer Umfrage der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft, an der 37 Ärzte aus Profivereinen teilgenommen haben. Darin geht es auch um die Frage, wie lange Spieler nach Verletzungen pausieren müssten. Mannschaftsärzte hätten sich beklagt, dass Trainer nach Spielerverletzungen den „Prozess verkürzen“ würden und medizinische Standards missachteten, berichtet der Referent der Berufsgenossenschaft auf der Konferenz. Die Trainer lachten auch mal über ihre Vorschriften, so hätten es die Mannschaftsärzte bei der Befragung angegeben. Diese fühlten sich dann ohnmächtig.

Neven Subotic fordert, dass auch die Spieler mehr über die Mittel erfahren, die oftmals zu ihrem Arbeitsalltag gehören. „Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird, für jedes kleine Aua gibt es quasi pauschal Ibuprofen“, sagt Subotic. Er wünsche sich, dass die Folgen von Schmerzmitteln bei ehemaligen Fußballern untersucht würden. „Wir brauchen Informationen, was nach der Karriere alles passiert, und sollten diese Fälle anonymisiert auch publik machen – als Warnung.“

Die Folgen können lebensbedrohlich sein. Drei Studien der vergangenen Jahre zeigen das. Sie bestätigen, dass ein regelmäßiger Schmerzmittelkonsum die Wahrscheinlichkeit erhöht, erhebliche Herzprobleme zu bekommen. So erhöhen das unter Fußballern beliebte Diclofenac (Handelsname: Voltaren) und Etoricoxib (Arcoxia) das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu sterben, führen Schweizer Forscher in einer Studie von 2011 vor. Auch dänische Wissenschaftler zeigten, dass bei Diclofenac das Risiko deutlich steigt. Das gleiche gilt für Ibuprofen. Und vor zwei Jahren besagte eine weitere dänische Studie, dass Diclofenac in den ersten 30 Tagen nach Einnahme zu einer erhöhten Wahrscheinlichkeit von Herzproblemen führt.

Ibuprofen 400 ist jeder Apothekte frei erhältlich und zum beliebtesten Schmerzmittel der Fußball geworden. © Collage von Ivo Mayr

„Es gibt eine klare Verbindung zwischen dem Tod durch Herzattacke und dem Gebrauch nicht steroidaler, entzündungshemmender Mittel“, sagt Gunnar Gislason. Er ist einer der dänischen Forscher, die sich mit den Risiken für das Herz beschäftigen. „Solche Mittel wirken sich auf das Herz-Kreislauf-System aus. Wir wissen, dass sie den Blutdruck beeinflussen, dass sie sich auf die Nieren auswirken.“ Schmerzmittel können demnach töten.

Im Jahr 2011 kämpft Konstantinos David um sein Überleben. Es ist ein herbstlicher Spieltag in der Mittelrheinliga, der fünfthöchsten Klasse im deutschen Fußball. David steht für den FC Hürth als Kapitän auf dem Rasen. Nach einer Viertelstunde erobert er den Ball, spielt ihn nach vorne und rennt in Richtung Tor. Dann sackt er auf die Knie und kippt bäuchlings auf den Rasen. Es dauert ein paar Sekunden, bis die Mitspieler begreifen, dass David nicht einfach nur verletzt ist. Jemand ruft nach einem Arzt.

An diesem Tag sitzt auch Natascha Hüdepohl etwa 50 Meter entfernt auf der Tribüne, auf ihrem Schoß ihr fünf Monate alter Sohn. Als sie den Ruf hört, drückt sie ihrem Mann das Baby in die Hand und rennt los. Sie ist ausgebildete OP-Schwester.

Als sie das Feld erreicht, drängt sie die Spieler zur Seite, misst den Puls. Nichts. Kein Herzschlag. Sie beginnt, David zu reanimieren. Jemand will sie ablösen, fasst sie an die Schulter, doch sie drückt weiter. Mindestens 20 Minuten massiert sie das Herz von David. Dann treffen die Rettungssanitäter ein. Hüdepohl massiert weiter. Erster Stromstoß mit dem Defibrillator. Nichts. Zweiter Stoß. Hüdepohl spürt, wie das Herz wieder zu schlagen beginnt. Unregelmäßig, dann kräftiger. Konstantinos David lebt wieder.

Vor neun Jahren starb Konstantinos David auf diesem Fußballplatz beinahe an einem plötzlichen Herztod. © Ivo Mayr

Heute kann sich David nicht mehr an seine Herzattacke erinnern. Wie CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion hat auch er von seiner Lebensretterin Natascha Hüdepohl und weiteren damals Anwesenden die Geschehnisse rekonstruieren lassen. Es bleibt ungeklärt, warum sein Herz an diesem Tag aussetzte. Wir treffen ihn in Köln, wo er zwei Restaurants betreibt. Vorerkrankungen habe er keine gehabt, die Werte seien in Ordnung gewesen. Selbst eine Leistungsdiagnostik wenige Wochen vorher ergab keine Auffälligkeiten. Die Ärzte diagnostizierten eine Herzmuskelentzündung, konnten aber nur vermuten, woher diese kam. Ein möglicher Grund könnte sein „Lebensstil im Fußball“ gewesen sein, erinnert sich David an Aussagen der Ärzte damals.

Er habe schon auch „mal mit einer Grippe gespielt“, sagt David, oder sei eine Trainingseinheit früher eingestiegen, bei der es „vielleicht klüger gewesen wäre, noch auszusetzen“. Dann zählt er auf, was er genommen hat: „Ibuprofen, Arcoxia, Voltaren.“ Es habe Zeiten gegeben, in denen er wegen Verletzungen nur mit Schmerzmitteln spielen konnte, teilweise habe er vor dem Training oder sogar zur Halbzeit eine Tablette eingeworfen. Er kann sich heute nicht mehr erinnern, in den Tagen vor dem Kammerflimmern Schmerzmedikamente genommen zu haben. Allerdings fehlen seinem Gedächtnis durch die Herzattacke einige Tage seines Lebens.

Es gibt viele Gründe für plötzlichen Herztod. So können Herzkrankheiten, nicht erkannte Herzfehler oder ein scheinbar harmloses Virus unter extremen Belastungen Rhythmusstörungen auslösen. Ob ein Spieler nur wegen eingenommener Medikamente oder doch an einer unerkannten Krankheit stirbt, wird kaum untersucht. Bis heute gibt es keine fundierten Belege, wie viele Spieler jedes Jahr an Aspirin und Ibuprofen sterben. Allein in den letzten sechs Jahren starben weltweit hunderte Fußballer am plötzlichen Herztod, die Ursachen sind in der Regel nicht bekannt. Nur in Einzelfällen wurde Schmerzmittel als Todesursache nachgewiesen.

Der Fußballer, der seine Niere verlor

Bei Ivan Klasnic ist der Fall klar. Der frühere Fußballprofi gewann 2004 mit Werder Bremen die Meisterschaft und den DFB-Pokal, spielte lange Zeit auch für die kroatische Fußball-Nationalmannschaft. Während seiner aktiven Zeit erlitt er einen Nierenschaden, weil er zu viele Schmerzmittel genommen hatte. Mittlerweile hält ihn die dritte Spenderniere am Leben.

Klasnic hat seinen ehemaligen Mannschaftsarzt, eine Internistin und den Verein Werder Bremen auf Schmerzensgeld verklagt. Der Prozess soll in letzter Instanz im Juni vor dem Oberlandesgericht in Bremen fortgesetzt werden, wenn sich beide Parteien nicht vorher einigen. Zuvor urteilten die Richter des Landgerichts Bremen zugunsten von Klasnic. Sie folgten dem Gutachter, der feststellte, dass Klasnics Nierenerkrankung wahrscheinlich nicht fortgeschritten wäre, wenn er nicht weiter Diclofenac erhalten und genommen hätte. Der behandelnde Arzt habe mehrere Behandlungsfehler begangen, die als ursächlich für einen Gesundheitsschaden bei Klasnic anzusehen seien.

Wie Klasnic geht es vielen Fußballern – Profis wie Amateuren. Um die Verbreitung des Missbrauchs im Amateursport zu untersuchen, befragten CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion 1.142 Amateurfußballer. Auch wenn die Ergebnisse nicht repräsentativ sind: Mehr als die Hälfte griff für den Fußball mehrmals pro Saison zu Schmerzmitteln. Mehr als 40 Prozent nahmen Schmerzmittel nicht aus therapeutischen Gründen ein, sondern um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern.

Die wenigsten beschäftigen sich mit den gesundheitlichen Folgen. Gleichzeitig berichten Hunderte von ihnen über Negativfolgen. Magenprobleme, Schäden an Leber und Niere. Mehrere berichten, sie seien abhängig geworden und hätten, als die klassischen Schmerzmittel keine Wirkung mehr zeigten, zu Opioiden gegriffen.

Jeder zweite der Umfrage-Teilnehmenden wusste nicht über erhöhte Herzrisiken Bescheid. Vielmehr berichteten Amateurfußballer, dass Trainer ihnen Pillen vor dem Spiel in die Hand gedrückt hätten. Beim Schmerzmittelmissbrauch spielen Amateure und Profis in der gleichen Liga.

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Als Interessenwahrer der deutschen Amateurfußballer versteht sich seit jeher der Deutsche Fußball-Bund. Sein aktueller Präsident Fritz Keller ist seit September 2019 im Amt. Mitte Mai treffen wir Keller in der DFB-Zentrale in Frankfurt am Main. Wir zeigen ihm die Ergebnisse unserer Befragung.

Keller wirkt betroffen. Und er wählt deutliche Worte in Zeiten, in denen dem bezahlten Fußball vorgeworfen wird, vor allem aufs Geld und weniger auf die Gesundheit der Spieler zu achten. Das Problem Schmerzmittel sei ihm nicht gänzlich neu, sagt der DFB-Präsident. Aber beim Profifußballklub SC Freiburg zum Beispiel, an dessen Spitze er lange stand, habe man darauf hingewiesen, dass man die Pillen nicht vorab für mögliche Verletzungen nehme. „Schmerzmittel im Präventivbereich, das ist einfach Blödsinn.“

Doch genau so nutzen etliche Amateurfußballer diese Medikamente. Keller sagt, das habe ihn „schockiert“, und er kündigt eine Reaktion auf die Recherchen von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion an. „Da müssen wir unbedingt an unsere Landesverbände gehen und über Trainer einfach eine Sensibilisierung hinkriegen.“ Der DFB-Präsident bringt das Schmerzmittelproblem so auf den Punkt: „Das ist ja kontraproduktiv. Der Sport im Amateurbereich ist zur Gesunderhaltung gedacht und nicht dafür, dass man sich kaputt macht.“

Der DFB-Präsident Fritz Keller ist „schockiert“ nach Ansicht der Schmerzmittelumfrage von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion © EyeOpening.Media

Schmerzmittelmissbrauch, für Keller stellt es ein gesamtgesellschaftliches Problem dar. Mit Blick auf die Fußballer sagt er, er „werde das alles sofort überprüfen und auch im Sinne der Gesunderhaltung unserer Sportlerinnen und Sportler darauf aufmerksam machen“. Was der DFB in dieser Sache leisten könne, wolle er auch umsetzen.

Wenige Tage vor dieser Veröffentlichung wird der DFB auf Anfrage von CORRECTIV konkreter. „Mit Blick auf die Sensibilisierung in den Amateurvereinen plant der DFB aktuell eine digitale Vereinssprechstunde mit dem Schmerzexperten Toni Graf-Baumann zum Thema Schmerzmittelkonsum“, schreibt ein DFB-Sprecher.  Der Schmerzmediziner tritt seit Jahrzehnten als Aufklärer zu diesem Thema in Erscheinung, auch in den Fußballverbänden. Aktuell sitzt er noch in der Anti-Doping-Kommission des DFB. In seiner schriftlichen Antwort kündigt der DFB zudem Gespräche mit der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung an. 

Für den Profibereich, so der DFB-Sprecher weiter, gebe es „keine Hinweise“, dass sich der Schmerzmittelkonsum signifikant von anderen Profiligen in Europa unterscheide. Er fügt aber auch an: „Dieser leichtfertige Umgang mit Schmerzmitteln und ihren vielfältigen Risiken verdeutlicht, dass noch viel Aufklärungsarbeit nötig ist.“

Aus Sicht der beiden Profifußballer Neven Subotic und Jonas Hummels ist das auch bei hoch bezahlten Spielern notwendig. „Von den Vereinen gibt es da nach meinem Wissen keine große Aufklärungsarbeit, weil sie eben auch unter Druck stehen, den Spieler so schnell wie möglich auch fitzukriegen“, sagt der langjährige Dortmunder Neven Subotic. Jonas Hummels glaubt, „so eine Bewusstseinsschärfung öffentlich würde wahnsinnig viel Sinn machen“. 

Solange das nicht passiert, wird die Gesundheit weiterer Amateur- und Profifußballer aufs Spiel gesetzt. Wie die von Profi Ivan Klasnic, der seine Niere verlor. Oder die Gesundheit der Amateurfußballerin Kim Kampmann, die süchtig nach Schmerzmitteln wurde. Oder Konstantinos David, bei dem bis heute unklar ist, welche Rolle Schmerzmittel für seine Herzerkrankung spielten.

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TV-DOKU

Geheimsache Doping:
»Hau rein die Pille!«

Schmerzmittel im Fußball – verkapptes Doping?

Ein Film der ARD-Dopingredaktion in Recherche-Kooperation mit CORRECTIV. Produziert von EyeOpening.Media GmbH im Auftrag des rbb.

Updates

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AMATEURFUSSBALL

Von Ibu bis Tilidin

1142 Amateurfußballerinnen und -fußballer haben sich an unserer Schmerzmittel-Umfrage beteiligt. Ihre Geschichten reichen von Ibuprofen in hoher Dosierung bis hin zu Opioiden – wir zeigen die Gefahr von Tabletten im Amateurfußball.
  • Der Schmerzmittelmissbrauch ist kein exklusives Problem des Profifußballs. Eine exklusive Umfrage unter 1142 Amateurfußballern zeigt eine bisher nicht bekannte Dimension des Missbrauchs.
  • Die Amateurfußballer berichten von exzessivem Konsum, Abhängigkeit und gravierenden gesundheitlichen Folgen durch Schmerzmittel. 4 von 10 versprechen sich durch die Einnahme der Tabletten einen leistungssteigernden Effekt.
  • Der Fall eines Kreisligaspielers zeigt, wie Fußballer durch Schmerzmittelmissbrauch sich langfristig schaden. Als die rezeptfreien Schmerzmittel nicht mehr wirkten, steigerte er seine Dosierung immer mehr und griff zu Opioiden. Seine durch die Schmerzmittel geschädigte Leber beeinträchtigt bis heute sein Leben.

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Diese Geschichte ist Teil einer Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema „Schmerzmittelmissbrauch im Fußball“. Wir berichten in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

In der Kabine

Der Stadtteil Rheydt in Mönchengladbach, ein Freitagabend im November 2019. Das Stadion des Rheydter SV fasst 20.000 Zuschauer. Der Verein stieg hier 1953 unter Hennes Weisweiler zum letzten Mal in die höchste deutsche Spielklasse auf.  Heute, gegen den Lokalrivalen SV Lürrip, sind rund 250 Fans da.

Es ist ein Flutlichtspiel in der Bezirksliga, nicht ganz unten, aber auch nicht allzu weit oben im deutschen Amateurfußball. Aber was bedeutet schon, in welcher Liga man gerade aufläuft. Auch hier wird das Spiel kurz vor Anpfiff in dem Moment zur wichtigsten Nebensache der Welt.

Vorstand und Trainer haben eingewilligt, dass ein Fernsehteam der ARD-Dopingredaktion und ein CORRECTIV-Reporter mit der Mannschaft vor und nach dem Spiel ausführliche Interviews führen können. Wir interessieren uns für den Einsatz von Schmerzmitteln. Der Verein will nichts verbergen.

Die Umkleide der Heimmannschaft, selbst renoviert, schräge Decke mit schwarz-weißem Vereinswappen, liegt direkt unter der Haupttribüne, das Trainerzimmer daneben. Wir kommen ins Gespräch.

Kurz vorm Anpfiff: Die Spieler des Rheydter SV bereiten sich auf ihr Spiel vor und reden offen über Medikamentenmissbrauch. © Ivo Mayr

„Die Tabletten holen wir meistens in Holland, da sind sie günstiger, da kriegt man Ibu ja nachgeschmissen“, sagt der Rheydter Trainer René Schnitzler. Schnitzler spielte früher beim FC St. Pauli in der zweiten Liga, ließ sich mit einem Wettpaten ein, wurde gesperrt. Seit sieben Jahren trainiert er den Rheydter SV. „Hier ist das Phänomen, dass gerade auch die jüngeren Spieler, die 18-, 19-, 20-Jährigen, wegen jedem Kinkerlitzchen irgendeine Tablette nehmen, um keine Schmerzen zu haben. Das ist im Amateurbereich meiner Meinung nach sogar noch viel, viel mehr geworden.“

Schnitzler bespricht mit seinen beiden Co-Trainern die Aufstellung fürs Spiel. Auch sie sind Ex-Profis. Und auch sie sprechen über die Tabletten, die im Verein rumgereicht werden. „Die Spieler werden durch die Schmerzmittel lockerer. Damit die diesen Druck loswerden“, sagt Ferdi Berberoglu. Ihm gegenüber steht Dirk Meier, der ab und zu noch als Spieler einspringt. Er nimmt die Schmerzmittel ebenfalls – fürs Training. „In meinem Alter, mit 38, ist es dann so, dass man so oder so vor den Trainingseinheiten auf Schmerzmittel zurückgreifen muss.“

Kurz nach Abpfiff fragen wir im Spielertunnel Kapitän Silvio Cancian. „Wir nehmen schon generell vor Spielen Schmerzmittel, mehr oder weniger die ganze Mannschaft“, sagt er. Cancian selbst hat schon lange nicht mehr ohne Pille gespielt. „Ich glaube, es ist so ein bisschen Kopfsache. Man fühlt sich dann sicherer, wenn man Ibuprofen drin hat, als wenn man jetzt keine drin hat.“

Der Rheydter Co-Trainer Dirk Meier kennt die Perspektive der Amateurfußballer und Profispieler. © Ivo Mayr

Einige sagen hier, dass das alles nicht so richtig gut ist. Der Trainer weiß es auch. „Im Amateurbereich sollten die Jungs aufhören, Schmerzmittel zu nehmen, um spielen zu können“, sagt René Schnitzler. „Es ist einfach schädlich. Ob du jetzt ein Bezirksligaspiel mehr oder weniger hast, am Ende des Tages – es ist deren Hobby.“

 Die Umfrage

Was in Rheydt passiert, ist kein Einzelfall. Wer sich mit Amateurkickern unterhält, hört ähnliche Geschichten aus anderen Umkleiden. Nur über die Folgen wird wenig geredet. Unklar war bislang auch die Dimension des Schmerzmittel-Konsums im nicht-professionellen deutschen Fußball – und wie oft es dabei zu Missbrauch kommt.

Unter den mehr als zwei Millionen Vereinsspielern in Deutschland gibt es ein erhebliches Problem mit Schmerzmitteln. Die Pillen, die meisten rezeptfrei in der Apotheke erhältlich, werden missbraucht. Viele der Fußballer, die regelmäßig Tabletten nehmen, gehen ein gesundheitliches Risiko ein. Sie schlucken die Substanzen eigenmächtig, ohne ärztliche Rücksprache. Das zeigt eine Befragung, die CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion bundesweit unter Amateurfußballern durchgeführt haben. Dabei wollten wir wissen, wie weit der Konsum geht und welche gesundheitlichen Folgen er hat. Heraus kam eine nicht-repräsentative Umfrage, an der sich 1142 Personen beteiligt haben.

Ein Ergebnis: Von den Amateurfußballern, die mitmachten, greift mehr als die Hälfte für den Fußball mehrmals pro Saison zu Schmerzmitteln. Jeder elfte Spieler schluckt nicht nur ab und an Tabletten, sondern vor jedem Spiel. Die meisten beschäftigen sich nicht weiter mit möglichen Nebenwirkungen der Medikamente.

Doch die stellen sich nicht nur im Einzelfall ein. Uns wurden hunderte Negativfolgen genannt. Viele berichten von einer Verschlimmerung der eigentlichen Verletzung, andere von heftigen Magenproblemen, manche von Spätfolgen für Leber und Niere. Mehrere schrieben, sie seien von den Schmerzmitteln abhängig geworden.

Und ein weiterer Punkt alarmiert: Nur gut die Hälfte der Spieler greift zu den Medikamenten, um Schmerzen zu lindern. Vier von zehn Fußballern hingegen nehmen die Schmerzmittel aus Leistungsgründen.

Manche Spieler haben sich anonym an unserer Umfrage beteiligt. Andere haben Namen und Kontaktdaten hinterlassen. Mit Dutzenden von ihnen konnten wir so vertiefende Gespräche führen. Wir haben erfahren, dass Spieler auf Amateurebene zu wenig aufgeklärt werden über die Gesundheitsrisiken. Erleiden sie nach intensivem Schmerzmittelkonsum Krankheiten oder dauerhafte Schädigungen, fühlen sich viele damit alleingelassen.

DOWNLOAD: Eine ausführliche Auswertung der Ergebnisse der Schmerzmittel-Umfrage von CORRECTIV können Sie sich hier als PDF herunterladen.

CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben die Ergebnisse der Befragung Gesundheitsexperten vorgelegt. „Das ist eine ausgesprochen problematische und ungesunde Entwicklung im Amateursport“, sagt Arzneimittelforscher Gerd Glaeske von der Universität Bremen. Der Umgang mit Schmerzmitteln sei zu leichtfertig. „Schmerzmittel sind eine Sucht wie Alkohol und Drogen.“ Glaeske ordnet das Konsumverhalten vieler Amateurfußballer als Doping ein.

CORRECTIV hat gemeinsam mit der ARD-Dopingredaktion ein Jahr lang zu Schmerzmittelmissbrauch im Fußball recherchiert. Über die Ergebnisse berichten wir in einer TV-Dokumentation und mehreren Artikeln. Darin zeigen wir Folgen des Missbrauchs, benennen Verantwortliche und schildern fragwürdigen Medikamentenkonsum bei minderjährigen Fußballern. In dieser Geschichte blicken wir auf den Amateurfußball.

In der Schmerzmittel-Spirale

Felix Lenneper ist einer der Amateurfußballer, die sich an der Schmerzmittel-Umfrage im CrowdNewsroom, einer Online-Plattform für Recherchen mit Bürgerinnen, beteiligt haben. Er gab an, vor jedem Spiel zu Schmerzmitteln gegriffen zu haben und deutete gesundheitliche Folgen an. In den Wochen danach haben wir mehr als fünfzehn Mal mit ihm telefoniert. Die Schmerzmittel beeinträchtigen sein Leben bis heute.

Lennepers Körper sendet Hilferufe, jahrelang. Er ignoriert sie. Bei Verletzungen nimmt er weitere Schmerzmittel. Er steigert die Dosierung, wechselt die Medikamente und beginnt irgendwann, regelmäßig das synthetische Opioid Tilidin zu nehmen. Felix Lenneper wird süchtig nach diesem Mittel. Als er Tilidin einmal vor dem Spiel besonders hoch dosiert einnimmt, kippt er auf dem Spielfeld um. Und das hat seinen Grund.

Im Sauerland lebt der Amateurfußballer Felix Lenneper. Er fing mit Ibus an, griff später zu Tilidin. © Ivo Mayr

Lenneper lebt im südlichen Sauerland, in einem Dorf mit knapp 200 Einwohnern. Fußball prägt sein Leben. Wenn er nicht auf dem Platz steht, schaut er im Fernsehen den Profis zu. Auch sein Vater liebt den Sport, sie verfolgen vor allem die Partien des 1. FC Köln, gehen häufig zusammen ins Stadion. Als er anfängt, die Bundesliga regelmäßig am Fernseher zu verfolgen, nimmt gerade die Karriere von Lukas Podolski Fahrt auf. Felix Lenneper selbst spielt später in der Herrenmannschaft seines Vereins, Kreisliga A, die neunte von insgesamt zwölf Ligen.

2006 steht die Weltmeisterschaft an. Lenneper ist 14 Jahre alt, und während Lukas Podolski zum besten jungen Spieler des Turniers gewählt wird, reißt dem Sauerländer der Meniskus. Er kann es noch nicht wissen, doch während seiner aktiven Zeit wird er bis zum Ende Knieschmerzen haben. Und Schmerzmittel konsumieren. Nach der Reha beginnt er, regelmäßig Ibuprofen zu nehmen.

Er startet mit einer Ibuprofen 400 vor dem Spiel, doch diese Dosis reicht dann irgendwann nicht mehr. Er erhöht, Ibuprofen 800, doch die Schmerzen im Kniegelenk lassen sich auch so nicht ausschalten. Felix Lenneper ist jetzt 17. Er sagt, nach einem Spiel sei es innerhalb weniger Stunden zu Wasserablagerungen im Knie gekommen. „Am Montag nach dem Spiel konnte ich mein Bein dann schon nicht mehr durchdrücken.“ Nun rüstet er nach, verdoppelt die Dosis auf zwei Ibuprofen 800. Er schluckt sie direkt hintereinander.

Ärzte empfehlen als maximale Menge 1200 Milligramm dieses Mittels, wenn die Einnahme nicht von einem Experten überwacht wird. Drei Ibu 400 zum Beispiel, nicht zusammen, sondern über den Tag verteilt. Lenneper nimmt 1600 Milligramm. Und er tut das nicht mehr nur einmal die Woche vor Spielen. An vier von sieben Tagen nimmt er eine Überdosis. „Ich habe zum Beispiel am Montag immer morgens und abends zwei 800er genommen, um durch den Tag zu kommen, manchmal auch noch mittags.“

Unter den 1142 Teilnehmern der CrowdNewsroom-Umfrage ist Ibuprofen ebenfalls das beliebteste Schmerzmittel, 77 Prozent kreuzen das Medikament an. Mit Abstand folgen Diclofenac (Handelsname: Voltaren) mit 34 Prozent und der Wirkstoff Acetylsalicalsäure (beispielsweise in Aspirin) mit 22 Prozent.

Jeder fünfte Amateurfußballer gibt an, er greife einmal pro Monat oder öfter zu Schmerzmitteln. Zahlreiche Spieler nehmen vor jedem Spiel oder sogar mehrmals pro Woche Schmerzmittel. Und dann sind da noch die ganz harten Fälle, Amateurfußballer, die vor jedem Training Schmerzmittel schlucken, teilweise bis zu vier Tabletten am Tag.

Die Angaben der Amateurfußballer im CrowdNewsroom erinnern an die hohen Zahlen aus dem Leistungssport. Dort haben Untersuchungen des Weltfußballverbandes FIFA ergeben, dass bei der Weltmeisterschaft 2018 mindestens 4 von 10 Spielern vor jedem Spiel Schmerzmittel genommen haben. In Deutschland haben Forscher in den 2000er Jahren die Dopingproben von Fußballern auf Schmerzmittel untersucht und konnten bei jedem dritten Spieler Schmerzmittel im Urin nachweisen. Der große Unterschied zwischen Profis- und Amateurfußballern: In den unteren Ligen verdient niemand großes Geld mit dem Sport. Dennoch sind Fußballer auch in der Kreisliga bereit, ihre Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Die Bedeutung des Spiels für den Einzelnen, sein Wunsch, auf dem Platz zu stehen oder auch der Druck aufzulaufen, den er empfindet – all das scheint bei Profis und bei Amateuren ähnlich ausgeprägt zu sein.

Die Folgen des Missbrauchs

Fünfzehn verschiedene Verletzungen am rechten Bein enthält Felix Lennepers Krankenakte heute. Nach jeder neuen Verletzung versucht er, schnell wieder zu spielen. „Ich war in der Spirale drin, habe immer Vollgas trainiert. Meine Verletzungen wurden nicht erkannt oder nicht richtig auskuriert. Und es ist ja auch so, dass wir hier auf dem Dorf auf jeden Mann angewiesen sind. Wir waren nur 13, 14 Leute.“

Auf einem Zettel hat Felix Lenneper alle 15 Verletzungen notiert, die er allein im rechten Bein hatte. © Ivo Mayr
Auf einem Zettel hat Felix Lenneper alle 15 Verletzungen notiert, die er allein im rechten Bein hatte. © Ivo Mayr

Sein Ablauf an Sonntagen ist meistens gleich. Vorm Spiel fährt er zum Physiotherapeuten, stabilisiert sein Bein mit Tape, trifft die Mannschaft, zieht sich um, macht sich warm. Kurz vor Anpfiff werden dann die Tabletten herumgereicht. „Man hat immer eine gewisse Quote von Leuten, die jedes Mal was nehmen“, sagt Lenneper.

Als er die Dosis auf zwei 800er Ibuprofen erhöht, reagiert seine Leber. Er fühlt sich „wie ein Schwamm, der komplett ausgetrocknet ist. Um 17 Uhr konnte ich sofort einschlafen.“ Lenneper macht gerade eine kaufmännische Ausbildung. Eigentlich fällt sie ihm leicht, nun aber kann er sich schwer konzentrieren. Den Grund dafür weiß er noch nicht. Seine Noten werden schlechter.

Nach einer langwierigen Grippe wird sein Blut untersucht. Und nun erfährt er, dass seine Leberwerte zehnmal so hoch wie normal sind. Der Hausarzt hat Fragen. Er will auch wissen, ob sein Patient beim Fußball regelmäßig Schmerzmittel nimmt.

Als Felix Lenneper die Praxis verlässt, ist er entschlossen, den Konsum zu reduzieren. Er schafft das auch, für einige Wochen. Danach fängt er wieder an.

Die rund 1100 Amateurfußballer gaben als Nebenwirkungen am häufigsten die Verschleppung oder Verschlimmerung der eigentlichen Verletzung an. Manche Spieler schrieben, dass sie einfach weiterspielen wollten, trotz Schmerzen. Einige wurden so im jungen Alter zu Sportinvaliden. Auch Magenprobleme nannten viele Teilnehmer der Befragung. Andere beschrieben noch gravierendere gesundheitliche Folgen.

„Ich bin 26 Jahre alt und habe über mehrere Monate viele Schmerzmittel genommen. Die Quittung war, dass ich chronische Knieprobleme habe. Ich habe mir Ibus reingeballert, sodass ich spielen konnte. Am Ende konnte ich nicht mehr 20 Minuten im Auto sitzen, ohne Schmerzen zu haben. Schmerzmittel sind eine Sucht wie Alkohol und Drogen.”
„Wegen meinen Knieproblemen wurde ich von meinem Arzt gezwungen, Ibuprofen einzunehmen… Ob das geholfen hat? Seit zehn Jahren habe ich jetzt Magen-Probleme.“
„Ich erlitt nach einer hartnäckigen Erkältung fast eine Herzmuskelentzündung. Mit Fieber und Ibu 600 gespielt und bin fast umgekippt.“
„Die Ärzte mussten mir die Gallenblase rausnehmen. Sie vermuten, dass es an den ganzen Schmerzmitteln lag.“
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Wer regelmäßig Schmerzmittel nimmt, gefährdet seine Gesundheit, kann unter Umständen auch sein Leben aufs Spiel setzen. In den letzten Jahren erschienen in renommierten Publikationen gleich drei Studien, die belegen, dass regelmäßiger Konsum von Schmerzmitteln das Herz belastet. Bei der CrowdNewsroom-Befragung erklärte nur jeder dritte Spieler, sich vor Einnahme der Mittel über die Nebenwirkungen informiert zu haben. Jeder zweite wusste nicht, dass Schmerzmittel das Risiko erhöhen, Herzprobleme zu bekommen. Die andere Hälfte wusste das – und nahm die Pillen trotzdem.

Wenn Amateurfußballer Schmerzmittel schlucken, sind sie oft auf sich allein gestellt. Zu Prävention oder Aufklärung kommt es selten. Viele Amateurfußballer schrieben uns, sie seien vom Verein nie über die Folgen aufgeklärt worden. Mehrere schildern, wie der Trainer selbst ihnen die Pillen in die Hand gedrückt habe.

Auf ein neues Niveau

Auch Felix Lenneper lässt sich nicht bremsen vom möglichen Gesundheitsrisiko. „Die Nebenwirkungen“, sagt er im Rückblick, „haben mich damals nicht interessiert.“

Im Jahr 2009 läuft es sportlich gut für ihn. Er erhält eine Sonderspielgenehmigung für das Seniorenteam, wird hochgezogen, wie Fußballer das nennen. Parallel kickt er weiter in der Jugendmannschaft. Vier Tage die Woche Training macht das nun. Plus zwei Tage Spiele in den beiden Teams. Zeit zur Erholung? Keine. Was folgt, ist ein dreifacher Ermüdungsbruch am Wadenbein, der ihn sechs Wochen pausieren lässt.

Lenneper blickt auf den Fußballplatz, auf dem er 2010 kurz nach Anpiff umkippte. © Ivo Mayr

Felix Lenneper will sich nun Zeit nehmen. Er plant, sein Training über Wochen nur aufs Laufen zu beschränken. Doch dann wird ihm ein fester Platz im Kader der ersten Mannschaft angeboten. Er schafft es nicht, dem Trainer abzusagen.

Vor Anpfiff sind seine Schmerzen oft so stark, dass selbst eine hohe Dosierung Ibuprofen wirkungslos bleibt. Ein Mitspieler will helfen, drückt ihm eine Tablette in die Hand, die Lenneper noch nicht kennt: Tilidin. „Nimm davon eine halbe“, rät der Mitspieler. Dass Tilidin ein synthetisches Opioid ist, weiß Lenneper zu dem Zeitpunkt nicht. Er erinnert sich an „ein komisches Gefühl im Körper“. Aber das kurzfristige Ziel erreicht er mit dem Mittel: Die Schmerzen verschwinden für ein paar Stunden.

Wenn weitverbreitete Schmerzmedikamente wie Diclofenac oder Ibuprofen kaum mehr wirken, können schwache Opioide der nächste Behandlungsschritt sein. Das sagen Schmerztherapeuten. Für sie ist das die Stufe 2 einer medikamentösen Schmerztherapie. Tilidin erhalten in der Regel Patienten, die unter einer starken Gelenkarthrose leiden, gerade eine schwere Operation hinter sich haben oder in einer Krebsbehandlung stecken und deshalb starke Schmerzen haben. 

Für Fußballer, die unbedingt auf den Platz wollen, wurde das Opiat nicht entwickelt. Wer Tilidin vom Arzt verschrieben bekommt, darf es nicht an Dritte weitergeben. Wie sein damaliger Mitspieler an das Tilidin kam, weiß Lenneper bis heute nicht. Er glaubt, dass mindestens ein weiterer Mannschaftskollege das Mittel einnahm.

Als Ibuprofen nicht mehr wirkte, nahm Lenneper das synthetische Opioid Tilidin mit nach Hause. © Ivo Mayr

Tilidin wirkt bei Lenneper tatsächlich. Das Medikament hat aber auch eine dunkle Seite. Es kann nicht nur unterschiedliche Nebenwirkungen hervorrufen. Es kann auch süchtig machen. Die Berliner Fachstelle für Suchtprävention hat 2019 einen Bericht zum Medikamentenkonsum in Deutschland veröffentlicht. Die Experten beobachteten, dass Tilidin missbräuchlich konsumiert wird, weil es auf den Schwarzmarkt verfügbar sei. „Tilidin spielt wegen seiner schmerzstillenden und enthemmenden Wirkung immer wieder in Zusammenhang mit gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Gruppen (Hooligans, Bandenkämpfe zwischen Jugendgruppen) eine Rolle“, heißt es in dem Report.

„Mir hat es gefallen“, sagt Lenneper im Rückblick. Mit 19 Jahren nimmt er über einen Zeitraum von neun Monaten regelmäßig eine halbe Tablette Tilidin. Auch vor den Spielen.

Die Schmerzen kommen nämlich irgendwann nach dem Spiel zurück, und so hat Lenneper bald auch zu Hause Tilidin zur Hand. „Ich verspürte ein Verlangen, das Medikament zu nehmen“, sagt er heute. Über zehn Tage nimmt er jeden Abend eine Tablette. „Die Art von Entspannung war ein gutes Gefühl.“ Ob er abhängig war, vermag er heute nicht zu bewerten.

Im Frühjahr 2010 zieht er sich eine Adduktorenzerrung zu. Er will trotzdem spielen. Diesmal halbiert er nicht. Er nimmt die kompletten 50 Milligramm Tilidin. Die nächste Viertelstunde beschreibt Lenneper heute so: „Meine Muskeln begannen zu zittern, ich hatte kalten Schweiß auf der Haut, Schwindel, alle Grippesymptome im Schnelldurchlauf.“

Er quält sich auf den Platz. Fünf Minuten nach Anpfiff sackt Lenneper in der Spielfeldmitte zusammen. Eine Minute vergeht, dann kommt Lenneper wieder zu sich. Er wird ausgewechselt. Nach einer halben Stunde muss er sich erbrechen. Wenig später sitzt er im Krankenwagen.

Es lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren, wie ernst die Lage für Lenneper an diesem Tag war. In der Unfallchirurgie sprechen sie von einem Kreislaufkollaps. Dass Lenneper Tilidin genommen hatte, behält er im Krankenhaus allerdings für sich. „Ich habe gar nicht darüber nachgedacht, dass es für die Ärzte interessant sein könnte“, sagt er.

Ein paar Monate später bricht sich Felix Lenneper bei einem Zweikampf den Mittelfuß. Auf die Schnelle kann ihn jetzt auch kein Opiat auf den Rasen zurückbringen. Es ist eine Zwangspause mit Folgen. Lenneper schraubt seinen Tilidin-Konsum langsam herunter. Erst nimmt er das Mittel nicht mehr regelmäßig, irgendwann nur noch ab und zu. Insgesamt vier Jahre versucht er noch, weiter Fußball zu spielen. Er zieht sich in dieser Zeit weitere Verletzungen zu. 2015 muss der Amateurfußballspieler Felix Lenneper im Alter von 24 Jahren seine Laufbahn beenden. 

Heute kann Lenneper kein Fußball mehr spielen, lange Waldspaziergänge bleiben aber möglich. © Ivo Mayr

Im Sommer 2019 versucht er noch einmal zurückzukehren. Doch bei einem Zweikampf gleich im zweiten Training knallt es richtig. „Die komplette Muskelstruktur im Oberschenkel war zerstört“, erinnert er sich heute. Lenneper liegt mehrere Minuten ohnmächtig auf dem Platz, in seinem Oberschenkel sammeln sich 1,5 Liter Blut in nur wenigen Sekunden. Über ein halbes Jahr braucht es, bis der Bluterguss sich abbaut. Mit 28 Jahren ist seine Fußballlaufbahn definitiv beendet. Seinem Hausarzt, der ihn damals schon vor einer zu hohen Dosierung Ibuprofen warnte, hat er während seiner aktiven Zeit nie von den Opioiden erzählt.

Bei der CrowdNewsroom-Befragung berichteten insgesamt fünf Spieler, sie hätten Tilidin genommen, um weiter Fußball spielen zu können. Drei Spieler gaben Tramadol an, ein weiteres Opioid. Zweimal wurden die besonders wirkungsvollen Opioide Oxycodon und Desomorphin angeben. Der letztgenannte Wirkstoff wird in der Drogenszene auch Krokodil genannt. Wird er gespritzt, bildet sich an der Einstichstelle auf der Haut oft eine grünlich-geschuppte Verfärbung. Das starke Schmerzmittel gilt als billiger Heroin-Einsatz und führt zu rascher Abhängigkeit.

Schon die Aussagen dieser Amateurfußballer zeigen, dass es im Fußball womöglich ein Problem mit Opioiden gibt. Wir haben nicht explizit nach Opioiden gefragt und dennoch diese Antworten bekommen. Die Dunkelziffer unter den Teilnehmern ist vermutlich höher. Der Opioid-Konsum unter Fußballspielern ist bisher ein unerforschtes Feld. Ein Blick in die USA zeigt, wohin ein übermäßiger Einsatz von Opioiden führen kann. Dort sterben jeden Tag mehr als 150 Menschen an einer Überdosis der Mittel.

Schmerzmittel als Doping

In der Umfrage haben die Amateurfußballer auch angegeben, warum sie Schmerzmittel nehmen. Wir hatten ihnen verschiedene Antwortmöglichkeiten zur Auswahl gestellt. Drei von vier Amateurfußballer nannten den eigentlichen Grund, warum man Schmerzmittel nimmt, nämlich um Schmerzen zu lindern. Aber das war für viele nicht der einzige Grund. In 40 Prozent der Antworten versprechen sich die Fußballer von den Schmerzmitteln einen leistungssteigernden Effekt für Psyche oder Physis.

Vier von zehn Teilnehmenden nannten als Grund für die Einnahme von Schmerzmitteln, die Leistung von Kopf oder Körper steigern zu wollen. Der Gesundheitswissenschaftler Gerd Glaeske hat dazu eine klare Ansicht: „Dies ist letztlich Doping im Sport, das dazu beitragen soll, immer die bestmögliche Leistung, Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft abrufen zu können“, hat er uns mit Blick auf die Zahlen gesagt. „Dies ist letztlich eine ausgesprochen problematische und ungesunde Entwicklung im Amateursport.“

Der Professor aus Bremen gab lange Zeit den Arzneimittelreport der Barmer Krankenkasse heraus. Er saß sieben Jahre im Sachverständigenrat des Bundesregierung zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen. Für CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion hat er auf 26 Seiten eine ausführliche Einschätzung formuliert und dabei für jedes Schmerzmittel im Detail aufgeführt, was Amateurfußballer bei der Einnahme beachten sollten.

In unserem interaktiven Tool findet sich eine Einschätzung für jedes gängige Mittel. Bei Ibuprofen etwa nennt Glaeske eine Tageshöchstdosis von 1200 Milligramm, wenn es nicht vom Arzt verordnet wird. Andernfalls drohten gesundheitliche Folgen, wie Geschwüre in Speiseröhre oder Magen. Felix Lenneper und viele weitere Amateurfußballer geben an, für den Fußball mehr als 1200 Milligramm genommen zu haben, regelmäßig und ohne Rücksprache mit dem Arzt.

INTERAKTIV Wähle ein Schmerzmittel aus, das du vor dem Sport einnimmst und erfahre, wie es auf deinen Körper wirkt und welche Nebenwirkungen auftreten können. Was nimmst du? (öffnet im neuen Fenster)

Mit Hans Geyer hat sich ein weiterer Experte die Aussagen der Amateurfußballer angeschaut. Der Professor ist Dopinganalytiker und stellvertretender Leiter des Instituts für Biochemie an der Deutschen Sporthochschule Köln. In seinem Labor hat er Anfang der 2000er Jahre den Schmerzmittel-Konsum von Profifußballern aus mehreren Spielzeiten untersucht. Im Urin jedes dritten Spielers konnte Geyer Schmerzmittel nachweisen. Auch er liest aus vielen Antworten eine leistungssteigernde Motivation. „Man kann mit Schmerzmitteln einfach eine bessere Leistung bringen“, sagt der Forscher. „Damit erfüllt es eine der Bedingungen einer Dopingsubstanz.“

Geyer sieht noch weitere Gründe, warum Schmerzmittel in der beschriebenen Form nach der Definition des Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) verboten sein sollten. „Schmerzmittel sind, das ist wohl sehr bekannt, stark gesundheitsschädigend“, und: „Sie widersprechen nach meinem Verständnis von Sport auch der Ethik des Sports, wenn man Sport nur noch treiben kann, indem man Schmerzmittel nimmt.“

Kein Ende in Sicht

Felix Lenneper spielt seit fünf Jahren nicht mehr Fußball. Mit den Folgen des jahrelangen Schmerzmittelkonsums hat er aber bis heute zu kämpfen. Ein Problem: Selbst eine hohe Dosierung Ibuprofen zeigt bei ihm keine Wirkung mehr.

Außerdem funktioniert seine Leber weiterhin nur eingeschränkt. Er arbeitet im Vertrieb eines mittelständischen Maschinenbauherstellers. Regelmäßig ist er unterwegs, stellt neue Produkte vor. Und immer wieder macht ihm seine Leber zu schaffen. An manchen Tagen steige sein kritischer Leberwert um das zehnfache hoch, sagt Lenneper. „Ich kann dann schon nachmittags nichts mehr machen, liege nur noch auf der Couch.“ Ob sich sein Körper irgendwann von den Tabletten erholen wird, die er für den Fußball nahm, wird sich erst mit den Jahren zeigen.

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Weitere Artikel und Informationen zur Recherche finden Sie auf unserer Übersichtsseite und in unserem Newsletter. Sie haben Hinweise? Dann melden Sie sich bei unseren Reportern Jonathan Sachse oder Arne Steinberg.

Wenn der Mitspieler zusammenbricht, aber keiner über die Ursachen redet, haben wir ein Problem. Wenn Jugendliche heimlich Schmerzmittel nehmen, weil sie Angst haben, nicht mithalten zu können, haben wir ein Problem. Wenn für die Verantwortlichen im Fußball nur das Produkt zählt, haben wir ein Problem. Diese Recherche soll dafür ein Bewusstsein schaffen und nachhaltige Veränderungen anstoßen. Unterstützen Sie uns dabei, die gesellschaftliche Probleme auf die Tagesordnung zu setzen.

Die Ergebnisse der
Amateurfußball-Umfrage

PRESSESPIEGEL

Lokalzeitungen berichten

Mehr als 20 Lokalzeitungen aus ganz Deutschland haben die #Pillenkick-Recherchen aufgegriffen. Sie zeigen, dass der Schmerzmittelmissbrauch im Amateurfußball noch weiter verbreitet ist.

WAS NIMMST DU?

So wirken Schmerzmittel
auf Deinen Körper

Wähle ein Schmerzmittel aus, das du vor dem Sport einnimmst und erfahre, wie es auf deinen Körper wirkt. Welche Folgeschäden treten auf? Gesundheitsexperte Prof. Dr. Gerd Glaeske gibt eine Einschätzung.

Quellen: Arzneimittelinformationssystem, Amateurfußball-Umfrage CORRECTIV, Gutachten / Interview Prof. Dr. Gerd Glaeske, Universität Bremen

JUGENDLICHE

Wie Schmerzmittel für
junge Fußballer zur Routine werden

  • Minderjährige Fußballer nehmen regelmäßig Schmerzmittel.
  • Nur ein Bruchteil schafft es in den Profifußball.
  • Zusätzliche Wettbewerbe im Jugendfußball verschärfen das Problem.

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Diese Geschichte ist Teil einer Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema „Schmerzmittelmissbrauch im Fußball“. Wir berichten in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Simon Ritzer erinnert sich gut an jenen Tag, an dem er den Medikamentenschrank seiner Mutter öffnet. Es wird schon nicht auffallen, wenn etwas fehlt. Am Abend zuvor hat Simon Ritzer wie immer trainiert. Wie so oft in letzter Zeit tun jetzt Schienbein, Knie und Füße weh. Er nimmt eine Packung Ibuprofen und schluckt vor dem Training eine Tablette. Simon Ritzer will Profi werden. Stattdessen wird er abhängig. Er ist 14 Jahre alt.

Als Ritzer von dem Tag erzählt, an dem er das erste Mal Schmerzmittel nahm, sitzt er auf der Tribüne eines kleinen Fußballstadions im bayrischen Nördlingen. Jahrelang hat er hier mehrmals pro Woche trainiert, um seinen Traum zu erreichen.

„Es gab damals für mich nichts anderes als Fußball“, sagt der Blondschopf. Ritzer ist heute 22. Als Innenverteidiger war er talentiert. Neben dem Vereinstraining erhielt er noch Fördertraining in einem Leistungszentrum. Nach dem Training machte Ritzer noch seine Hausaufgaben und ging ins Bett. Für andere Dinge war keine Zeit.

Um durchzuhalten, ging Ritzer in der Mittagspause von der Schule erst einmal zur Apotheke und kaufte dort Ibuprofen 400. Wenn eine Packung nach zwei bis drei Wochen leer war, kaufte er in einer anderen Apotheke die nächste. Wenn jemand nach dem Grund fragte, nannte er Kopfschmerzen. So ging es zwei Jahre, erzählt Ritzer. „Ich wollte einfach, dass ich meine Leistung bringe, dass ich nicht aus dem System rausfalle.”

Heute kann er keinen Fußball mehr spielen. Simon Ritzer auf dem Platz seines alten Vereins. © Jonathan Sachse (CORRECTIV)

Mit dem „System“ meint Ritzer den Nachwuchsfußball in Deutschland. Für hunderttausende Mädchen und Jungen ist es der größte Traum, Fußballprofi zu werden. Für diesen Traum müssen sie schon als Kinder und Jugendliche vieles opfern. Sie haben schon zwei Jobs: Schule und Fußball. Zeit zur Regeneration bleibt kaum. Nur einer von tausend schafft es in den Profifußball. Auch bei Ritzers Verein, dem TSV Nördlingen, gelingt es Spielern nur sehr selten, aus der bayrischen Provinz in den Profibereich zu wechseln.

Acht ehemalige Nachwuchsspieler haben uns erzählt, wie in den Nachwuchsleistungszentren der Bundesliga Schmerzmittel zum Alltag gehören – sie sollen den Spielern dabei helfen, der eine zu sein, der es schafft.

Und die Geschichte von Simon Ritzer zeigt, dass auch abseits der großen Bundesliga-Standorte Nachwuchsfußballer davon träumen, es in den bezahlten Fußball zu schaffen. Wenn ihr Traum geplatzt ist, verträgt ihr kaputter Körper nicht einmal mehr den Bolzplatz. Sie sind der Ausschuss, den das Milliardengeschäft Fußball nicht gebrauchen kann.

Aus Nördlingen, eine kleine Stadt südwestlich von Nürnberg, kommt einer der Helden der deutschen Fußballgeschichte: Gerd Müller. Nach dem „Bomber der Nation“ ist das Stadion benannt, in dem Simon Ritzer seine Geschichte erzählt. Gemeldet hatte er sich über den CrowdNewsroom, mit dem wir herausfinden wollten, wie groß das Schmerzmittel-Problem im deutschen Amateurfußball ist.

Sieben Jahre lang spielte Ritzer im gleichen Verein wie Müller, beim TSV Nördlingen. „Ich habe von der D-Jugend bis zur A-Jugend hier gespielt, ich war bestimmt viermal in der Woche auf dem Platz.“

Ritzer spielte gegen Teams aus dem Nachwuchs der Profivereine Bayern München, Ingolstadt und Unterhaching. Er war so gut, dass er in den DFB-Stützpunkt in Nördlingen aufgenommen wurde. 

Immer weiter spielen, immer mehr Schmerztabletten

Anfang der 2000er Jahre steckte der deutsche Fußball in der Krise. Der DFB krempelte die Nachwuchsförderung um. Er hob Talentförderprogramme aus der Taufe. Die Bundesligisten müssen seitdem zertifizierte Nachwuchsleistungszentren unterhalten, um die Lizenz für den Profibereich zu bekommen. Aktuell gibt es mehr als 55 solcher Leistungszentren in Deutschland, in denen die Spitzentalente ausgebildet werden. Sie gehören zu Vereinen, die vorrangig in den ersten drei Ligen in Deutschland spielen.

In den Regionen unterhält der DFB zusätzlich Stützpunkte, um die besten Spielerinnen und Spieler von kleineren Vereinen zu fördern. Neben den Einheiten im Verein absolvierte Ritzer jeden Montag noch Fördertraining, angeboten vom DFB. „Es war schon eine Ellbogengesellschaft“, erinnert sich der Abwehrspieler. „Freunde gab es da eigentlich nicht wirklich.“ Alle sechs Monate fanden Tests statt, auf deren Grundlage entschieden wurde, welche Spieler im System bleiben dürften – und welche nicht. Ritzer erklärt: „Man wollte immer weiterkommen, man wollte ja auch spielen und dadurch hat man sich ständig unter Druck gefühlt.“

Doch Ritzer bekam Schmerzen in den Knien, bedingt durch Wachstum und Überlastung. Seine Therapie waren Schmerzmittel. „Man hat es einfach genommen, um weiterspielen zu können“, lautet einige Jahre später seine Erklärung. „Ich bin immer weiter da reingerutscht.“ Bis Ritzer vor jedem Training eine Schmerztablette nahm.

„Ich habe Ibu 800, 600 und 400 genommen. Die sind ja recht gut zu halbieren”, erinnert sich Ritzer. Notfalls nahm er dann eben eine halbe Tablette mehr, um auf seine Dosis zu kommen.

Er tat das vor jedem Training – und vor jedem Spiel. „Wir sind dann immer auf den Sportplatz rausgekommen, haben uns ein bisschen unterhalten, den Platz angeschaut. Jeder hatte seine Banane oder was zu essen dabei. Ich hatte in der Hosentasche dann noch eine Schmerztablette. Die habe ich dann mit einer Banane und Wasser runtergespült. So ging es dann meistens ins Spiel.“

Simon Ritzer zeigt auf der Tribüne seines alten Vereins Fotos im Trikot des TSV Nördlingen. © EyeOpening.Media

Die Weltgesundheitsorganisation WHO definiert Abhängigkeit mithilfe von sechs Kriterien, von denen mindestens drei innerhalb des zurückliegenden Jahres erfüllt sein müssen. Nach dieser Definition war Simon Ritzer damals psychisch abhängig von Schmerzmitteln, weil er den Konsum trotz Folgeschäden fortsetzte, sein Körper eine Toleranz entwickelte und er immer mehr Zeit dafür aufwendete, um sich Schmerzmittel zu besorgen.

„Die Nebenwirkungen können gravierend sein”, sagt der Kölner Sportwissenschaftler Hans Geyer. Der Missbrauch von Schmerzmitteln kann den Magen-Darm-Trakt, die Funktionsfähigkeit von Niere und Leber und auch das Herz schädigen. Bereits bestehende Verletzungen könnten sich verschlimmern.

„Es ist bedenklich, Schmerzmittel zu nehmen, weil sie einen Schutzmechanismus des Körpers, nämlich den Schmerz, ausschalten und damit möglicherweise zu Beschädigungen führen, die der Schutzmechanismus eigentlich verhindern soll.”

Laut einer Studie des Robert Koch-Institut von 2017 versorgen sich Kinder und Jugendliche in Deutschland immer häufiger ohne ärztliche Begleitung selbst mit Medikamenten, obwohl die Einnahme von Arzneimitteln durch Kinder und Jugendliche insgesamt zurückgeht. Etwa jeder zehnte jugendliche Teilnehmer gab an, in der Woche vor der Befragung ohne Rezept Medikamente genommen zu haben. Ein ähnlicher Anteil der Kinder und Jugendlichen nahm Schmerzmittel.

Simon Ritzer nahm auf eigene Faust Medikamente, um nicht aus dem System herauszufallen, das für Kinder und Jugendliche ausgelegt war. Er wollte weiter Fußball spielen und dabei gefördert werden.

Tabletten in der Youth League

In der Provinz hat Ritzer der Druck der Nachwuchsförderung und die Hoffnung auf den Traumjob dazu verleitet, Schmerzmittel zu missbrauchen. Wie sieht es dann erst in den Nachwuchsleistungszentren aus, dort wo das Geschäft die Athleten schmiedet, die später an jedem Wochenende vor zehntausenden Zuschauern athletische Höchstleistungen abrufen sollen?

CORRECTIV und die ARD-Dopingredaktion haben mit acht ehemaligen Jugendspielern gesprochen. Alle durchliefen ihre Ausbildung bei Bundesligisten im Westen, die regelmäßig international spielen. Sie wollten sich nicht namentlich zitieren lassen. Das Resultat: Auch im Leistungsbereich ist der Umgang mit Schmerzmitteln sehr freizügig. Für die minderjährigen Fußballer ist der Konsum völlig normal. Das liegt auch daran, dass die Belastung für sie immer größer wird.

Zwei der Befragten können sich gut erinnern, wie sie als Minderjährige Schmerzmittel nahmen. Zum Teil lagen diese einfach zur Selbstbedienung in der Kabine aus oder wurden von Physiotherapeuten verteilt.

„Ich verstehe Spieler, die Schmerzmittel nehmen, weil sie den Sprung schaffen müssen“, sagt uns ein ehemaliger U19-Spieler eines Bundesligisten, der heute als Student in der Oberliga spielt. „Sie wollen den ersten Profivertrag bekommen.“

Offenbar drängen Physios und Ärzte die Jugendlichen nicht dazu, Schmerzmittel zu nehmen – die Angst, den Stammplatz zu verlieren, reicht für einige schon aus.

Mit dem Sieb durch die Talente

In den Nachwuchsleistungszentren (NLZ) werden jedes Jahr ein Viertel der Spieler ausgesiebt. Die Belastung für junge Nachwuchsfußballer im Leistungsbereich ist hoch – sowohl körperlich als auch mental. Im Spitzenbereich stehen viele Spiele in kurzer Zeit hintereinander und parallel zur schulischen Ausbildung an. Von daher ist es nicht überraschend, dass viele Spieler regelmäßig zu Schmerzmitteln greifen, von denen sie sich Schmerzlinderung und eine höhere Belastbarkeit versprechen.

Der Fußball verschärft das Problem noch, indem er selbst im Nachwuchsbereich zusätzliche Wettbewerbe einführt. Zum Beispiel die in der Saison 2013/2014 erstmals ausgetragene UEFA Youth League. Die U19-Mannschaften der Teilnehmer an der Champions League spielen sie aus.

Sie sei eine heftige Belastung gewesen, sagte uns ein ehemaliger U19-Spieler, der mit seiner Mannschaft an der Youth League teilgenommen hatte. Für die Nachwuchsfußballer, mit denen wir gesprochen haben, hieß das: Neben ihrer schulischen Ausbildung, dem Training im Verein und den Spielen am Wochenende kamen mindestens sechs zusätzliche Spiele mitten in der Schulwoche hinzu. Zu den Auswärtsspielen reiste die U19-Mannschaft meistens gemeinsam mit den Profis ins europäische Ausland.

Eine typische Woche sah für die 16-, 17- und 18-Jährigen daher so aus: Spiele in der heimischen Bundesliga am Samstag, dann ein freier Sonntag. Am Montag gingen die Spieler in die Schule, dann folgten Trainingseinheiten und bei Auswärtsspielen eine Reise. Durch die Teilnahme an der Youth League verpassten sie zwei Tage Schule, teilweise flogen sie noch am Abend nach dem Spiel zurück. Und früh am nächsten Morgen standen wieder Schule oder Ausbildung auf dem Programm. „Als Jugendspieler kommt es in die Köpfe rein, dass man sich mit Schmerzmitteln vorbereiten kann und das zieht sich dann bis in den Seniorenbereich durch“, sagt der Student.

Ein aktueller Bundesligaspieler, aktiv in Nationalmannschaft und Champions League, erzählt, dass Schmerzmittel zu seiner Zeit im Nachwuchs zum Alltag gehörten – er habe viel Voltaren bekommen, als sein Körper noch im Wachstum war. Er selbst habe das hinterfragt – andere nicht. Zu einer Zeit, als es noch nicht einmal den zusätzlichen Wettbewerb Youth League gab. „Vielleicht haben die sich auch selber noch Schmerzmittel dazu besorgt, weil sie kein Spiel verpassen wollten.”

Die Dimension des Schmerzmittelmissbrauchs bei jugendlichen Fußballern auf dem höchsten Leistungslevel zeigte sich anhand einer Studie der FIFA. Der Weltverband untersuchte die U17- und U20-Weltmeisterschaften in den Jahren 2005 und 2007 mit Blick auf Medikamente im Turnierverlauf. Das Ergebnis war erschreckend: Die Hälfte der Spieler nahm Schmerzmittel im Laufe der Weltmeisterschaften. Sie waren zum Teil 15 Jahre alt. Jiri Dvorak, der als Mediziner die Studie der FIFA verantwortete, erinnerte sich an einen Fall, bei dem ein Spieler für jedes Spiel fünf Medikamente zu sich nahm. Der Tscheche fand es „verheerend“ und sagt im Gespräch mit CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion: „Da stellt sich die Frage, warum ein 15-jähriger Spieler überhaupt Medikamente nehmen soll.”

Welche Rolle spielten Schmerzmittel bei U17- und U20-Weltmeisterschaften?

0 %
nahmen sie während des Turniers
0 %
nahmen sie vor jedem Spiel

Die von uns befragten ehemaligen Nachwuchsspieler sagen, dass die Profivereine über den Missbrauch von Schmerzmitteln nicht aufklären. Bei Schulungen sei es um Doping gegangen.

Einer, der sich bestens mit der Talentförderung in Deutschland auskennt, ist der Forscher Arne Güllich. Er untersuchte die Effizienz der Nachwuchsleistungsförderung über mehrere Jahre hinweg. „Die Chance, durch das NLZ-System zum Profi zu werden, liegt bei 0,1 Prozent“, erklärt er. Es bestehe eine hohe Fluktuation in den Mannschaften, jedes Jahr werde Spielern gesagt, dass sie in der kommenden Saison nicht mehr Teil des Kaders sein würden.

Für die Spieler heißt das: Sie dürfen in den entscheidenden Saisonphasen nicht fehlen. Deswegen greifen einige von ihnen auf Schmerzmittel zurück.

Der zerplatzte Traum

Simon Ritzer hat niemand gesagt, dass er nicht mehr dabei ist. Niemand hat ihm gesagt, dass sein Traum vom Leben als Fußballprofi geplatzt ist. Vor einem der halbjährlichen Leistungstests öffnete der damals 16-Jährige eine Internetseite mit Trainingsplänen. Er stieß auf eine Liste, sortiert nach Jahrgängen, in der alle geförderten Spieler aufgeführt waren. Ritzer fand seinen Namen nicht. Mehrfach vergewisserte er sich. Doch er war nicht mehr dabei.

Sechs Jahre hatte er gekämpft, wollte mit dem Fußball Geld verdienen und griff dafür regelmäßig zu Schmerzmitteln. Und dann entdeckte er zufällig im Internet, dass der Traum vorbei war. Da wusste Ritzer: in den bezahlten Fußball schafft er es nicht mehr, aber die Schmerzen werden bleiben.

Der 22-jährige Ritzer arbeitet heute als Zerspanungsmechaniker, Fußball spielt er nur noch zum Spaß mit Freunden alle zwei Wochen. „Ich spüre es danach immer ein bisschen in den Knien und Sprunggelenken“, bedauert er. Es gehe ihm aber besser, seitdem er nicht mehr selbst im Verein spiele. Mittlerweile ist er Trainer einer E-Jugend-Mannschaft.

Sein Körper hat unter der Belastung in seiner Jugend sehr gelitten. „Es wurde eigentlich nicht besser und ich habe immer weitergemacht, überhaupt nicht auf meinen Körper gehört. Das hat mir am Schluss das Genick gebrochen.“

Seine Verletzungsbilanz damals: Ein angebrochener Mittelfuß, eine Knochenhautentzündung im Schienbein, ein Kreuzbandriss im Knie, ein angerissenes Kreuzband im Knie, eine herausgesprungene Kniescheibe und Probleme mit den Bändern. „Der Rest ist alles unterdrückt worden“, sagt Ritzer. Unterdrückt durch Schmerzmittel – um Fußball spielen zu können.

„Als 14-Jähriger habe ich mir ohne Rezept Schmerzmittel holen können, das war eigentlich viel zu einfach,“ erinnert sich Ritzer. „Es hätte viel mehr Aufklärung stattfinden müssen, gerade auch von der Seite der Trainer. Und man ist viel zu einfach an Schmerzmittel gekommen.“

CORRECTIV hat den TSV Nördlingen zu den Vorwürfen konfrontiert. Der Verein hat sich offiziell zu den Vorwürfen nicht geäußert.

Ritzer glaubt, dass seine damaligen Trainer etwas von seinem Schmerzmittelkonsum geahnt haben müssten. „Aber es ist nie thematisiert worden. Man sieht es ja, wenn jemand Schmerzen hat und schlecht laufen kann. Solange es funktioniert hat, war alles gut.“ Kein Trainer habe je gesagt, der Fußball sei nicht so wichtig und er solle auch regenerieren.

Seine Mitspieler wussten übrigens, dass Ritzer Schmerzmittel nahm und immer welche dabei hatte. „Ich habe denen natürlich auch welche abgegeben, wenn sie gefragt haben.”

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Wenn es um „Missbrauch“ und Schmerzmittel geht, wird es schnell persönlich. Oft denken Menschen, sie seien nur ein Einzelfall. Sie denken, es sei ihre eigene Schuld. Dabei sind sie nur ein kleiner Teil eines systematischen Missstandes. Diese Recherche zeigt, dass sie nicht alleine sind. Systematischer Schmerzmittelmissbrauch ist eine gesellschaftliche Herausforderung – nicht die eines einzelnen Jugendlichen. Helfen Sie uns, die Missstände in unserer Gesellschaft aufzudecken. Damit wir zusammen den Einzelnen schützen können.

„Was ich in den letzten 14 Jahren mitbekommen habe, ist, dass Ibuprofen wie Smarties verteilt wird, für jedes kleine Aua gibt es pauschal Ibuprofen.”
Neven Subotic, aktueller Bundesligafußballer (Union Berlin, früher Borussia Dortmund)
„Ich konnte ohne Voltaren oder Vioxx gar nicht mehr gehen. Ich habe es auf jeden Fall übertrieben. Das ist Raubbau am eigenen Körper und das schleppte man dann auch die Jahre danach mit.”
Jochen Kientz, ehemaliger Bundesligafußballer (u.a. TSV 1860 München, Hamburger SV)
„Aspirin oder Voltaren vor dem Spiel waren für mich wie ein Standard, egal ob es sinnvoll war. Damit habe ich mit etwa 18 Jahren angefangen.“
Benjamin Schwarz, ehemaliger Profifußballer
(u.a. SpVgg Unterhaching, Preußen Münster)
„Ich habe über vier Wochen bis zu sechs Ibuprofen 600 für jedes Spiel genommen. Nach einem Spiel hatte ich Taubheitsgefühle in den Beinen und war benommen, danach habe ich aufgehört, Schmerzmittel zu nehmen.”
Nico G., Amateurfußballer
„Trainer und Verein müssen endlich lernen, auf Leistungsträger zu verzichten, anstatt sie ‘fit’ zu machen.”
Anonym, Amateurfußballer
„Wie ich das erlebt habe, sind Schmerzmittel überall. Du kannst mir neun Mal sagen, du nimmst zu viel Schmerzmittel, lass es. Ich höre neun Mal weg.”
Jonas Hummels, ehemaliger Profifußballer
„Ich nehme immer wieder über ein paar Wochen hinweg Voltaren. Ich will gar nicht wissen, dass es Nebenwirkungen gibt, ich will einfach nur trainieren und spielen.”
Nabil K., Amateurfußballer
„Bei einem Bundesligaverein wurden die Schmerzmittel viel verteilt. Der Mannschaftsarzt und die Physios standen vor dem Bus und haben gefragt, wer was braucht. Ich habe gemerkt, dass ich es öfter brauche. Ich habe eine zeitlang nur mit Schmerzmittel gespielt.”
Anonym, ehemaliger Bundesligafußballer
„Ich habe über ein Jahr lang Ibus eingenommen, damit ich spielen konnte. Vor dem Training auch, nur für den Kopf.”
Timo S., Amateurfußballer
„Es ist Alltag in den unteren Amateurligen, dass vor einem Spiel erstmal der Medizinkoffer herumgeht und nach Schmerzmitteln wie nach Traubenzucker gefragt wird. Häufig aus falschem Ehrgeiz, jugendlicher Leichtsinnigkeit und fehlendem Wissen.”
Anonym, Amateurfußballer
„Ich spiele einfach sehr gerne Fußball und habe auch beim Turnier der Uni eine Tablette eingeworfen. Irgendwann ging es nicht mehr ohne Schmerzmittel.”
Philip L., Amateurfußballer
„Die erste Hälfte meiner Karriere war schon von Schmerzmitteln begleitet worden, die letzten drei, vier Jahre ging eigentlich gar nichts mehr ohne Schmerzmittel.”
Dani Schahin, ehemaliger Profifußballer (u.a. Greuther Fürth, Fortuna Düsseldorf)
„Zum Thema Schmerzmittel hört man bei Trainerweiterbildungen im Fußball nichts.”
Anonym, Amateurfußballer
„Im Endeffekt verdient man Geld, wenn man am Wochenende Fußball spielt, vor allem im Profibereich. Ein Schmerzmittel kann dazu dienen, dass man die Woche über öfters und noch besser trainieren kann.”
Tim Göhlert, ehemaliger Bundesligafußballer (u.a. 1. FC Heidenheim)
„Generell wird bei uns recht leichtfertig damit umgegangen. Wenn jemand ein Wehwehchen hat, kommt immer aus zwei, drei Ecken: ‘Brauchst du eine Ibu? Ich habe 400er dabei.’ So ein Angebot wird dann auch regelmäßig angenommen.”
Anonym, Amateurfußballer
„In meiner ganzen Karriere habe ich aber mehr als genug Schmerztabletten genommen. Es hätte aber noch mehr sein können, wenn ich das gemacht hätte, was mir Ärzte und Physios gesagt haben.“
Anonym, ehemaliger Profifußballer
„Sonntags habe ich Ibuprofen-Tabletten genommen, die ich mit Energietabletten aus der Drogerie kombiniert habe. Nach dem Spiel konnte ich dann nicht einschlafen, am Montag war ich total müde.”
Stefan O., Amateurfußballer
„Ich habe in meiner Karriere viele Spieler erlebt, für die Medikamente zum Training und Spiel dazu gehört haben und das teilweise auch unabhängig von Verletzungen und Krankheit.”
Anonym, Amateurfußballer
„Ich habe so viele Spritzen bekommen, dass ich mich gar nicht mehr daran erinnern kann, was drin war.”
Massimo Cannizzarro, ehemaliger Profifußballer (u.a. Rot-Weiß Erfurt)
„Viele Spieler wollen unbedingt spielen und mit ‘leichten’ Blessuren wie Zerrungen, Prellungen oder Gelenkschmerzen nicht aus der Startelf fliegen. Bei dem Aufwand, den man betreibt, will jeder den finanziellen Ertrag am Wochenende, wenn Prämien bezahlt werden.”
Anonym, Amateurfußballer
„Es gibt fürchterliche Beispiele, bei denen die Spieler die Physios vor dem Training fragen: ‚Wo ist mein Frühstück?‘ Damit meinen sie die Schmerzmittel.”
Sebastian Schuppan, aktueller Profifußballer (Kapitän der Würzburger Kickers)
„Ich war blauäugig. Ich kannte meine Verletzung und bekämpfte nur die Schmerzen und nicht die Ursache. Ich spielte, obwohl ich hätte pausieren sollen. Folglich übertrieb ich es und verletzte mich schlimmer, sodass nur eine OP es richten konnte.”
Anonym, Amateurfußballer
„Ich habe Ibuprofen und Paracetamol eingenommen, um den Schmerz zu unterdrücken.”
Jerome Assauer, ehemaliger Profifußballer (u.a. TuS Koblenz, Wuppertaler SV)
„Ich habe immer versucht, davon wegzukommen. Irgendwann war es aber nur noch dann möglich, zu spielen, wenn ich vorher Schmerztabletten genommen hatte.”
Anonym, ehemaliger Bundesligafußballer
„In unserer Europa-League-Saison konnte ich eigentlich wegen Schmerzen nicht mehr spielen, habe aber weitergemacht. Ich habe Spritzen bekommen und Stoßwellen. Ich war danach zu einer mehrmonatige Pause verdammt.”
Tobias Werner, ehemaliger Bundesligafußballer (u.a. FC Augsburg, VfB Stuttgart)
„Wer einen Arzt kennt, kommt an alles heran, um zu spielen. Die Risiken werden teils sehr unterschätzt.”
Anonym, Amateurfußballer
„In bestimmten Phasen habe ich vor jedem Spiel Schmerzmittel genommen. Am Ende meiner Karriere habe ich alle zusammengepackt, was ich zu Hause noch hatte. Ich habe zwei Taschen vollgepackt voll mit Penecellin, Antibiotikum und Schmerzmitteln und bin damit zur Mülldeponie gefahren. Ich habe gedacht, was habe ich eigentlich alles genommen, um den Sport zu betreiben?”
Alfred Nijhuis, ehemaliger Bundesligafußballer (u.a. Borussia Dortmund, MSV Duisburg)
„Mit 15 Jahren hatte ich Schmerzen, die durch einen Wachstumsschub kamen. Das wurde mit Schmerzmitteln behandelt, aber die wurden auch wieder abgesetzt. Andere Jugendliche wollten kein Spiel verpassen und haben sich selber noch Schmerzmittel besorgt. Sie wollten den Anschluss nicht verlieren.“
Anonym, aktueller Bundesligaspieler
(aktiv in Nationalmannschaft und Champions League)
„Ich habe mehrere 100er Voltaren am Tag und Aspirin gegen die Schmerzen genommen.“
Uli Borowka, ehemaliger Bundesligafußballer
(u.a. Werder Bremen, Borussia Mönchengladbach)
„Als eine Ibuprofen nicht mehr taugte, bin ich auf eine halbe Tablette Tilidin umgestiegen vor dem Spiel. Einmal habe ich eine ganze genommen und bin nach 15 Minuten auf dem Feld einfach umgekippt.“
Felix L., ehemaliger Amateurfußball
„Obwohl ich bis zu sechs Ibuprofen am Tag genommen habe, waren die Schmerzen immer noch da. Mein Arzt hat mir Tilidin verschrieben. Zu dem Zeitpunkt war ich 28 Jahre. Das ging immer weiter. Irgendwann habe ich hartes Morphium genommen.“
Kim K., ehemalige Amateurfußballerin
„Ich habe über anderthalb Jahre vor jedem Training und Spiel Schmerzmittel genommen. Bei jedem Schmerz, den man gespürt hat, habe ich sofort mit einer Tablette gegengewirkt und eigentlich auf meinen Körper gar nicht gehört.“
Simon R., ehemaliger Amateurfußballer
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DIE ALLTAGS-DROGE

5 Fakten zu Schmerzmitteln

  • In Deutschland sind mehr Menschen von Medikamenten als von Alkohol abhängig.
  • In vielen Sportarten gehören Schmerzmittel zum Alltag.
  • Der Verkauf von rezeptfreien Schmerzmitteln müsse eingeschränkt werden, fordern SPD und Linke.

DIE #PILLENKICK-RECHERCHE
Diese Geschichte ist Teil einer Recherche von CORRECTIV und der ARD-Dopingredaktion zum Thema „Schmerzmittelmissbrauch im Fußball“. Wir berichten in mehreren Artikeln, in einer TV-Dokumentation und im Radio darüber, wie Fußballer und Fußballerinnen von der Kreisliga bis in die Champions League durch Schmerzmittelmissbrauch ihre Gesundheit riskieren. Wir benennen Verantwortliche und zeigen, welche gesundheitlichen Folgen entstehen.

Viele Menschen in Deutschland nehmen Schmerzmittel, ohne sich mit möglichen Risiken und Nebenwirkungen zu beschäftigen. Unsere Recherchen zeigen, dass das insbesondere für den Fußball gilt – sowohl für Profis als auch für Amateure. Schmerzmittelmissbrauch ist aber nicht nur dort ein Problem. Wir nennen fünf Gründe, warum der Missbrauch in unserer Gesellschaft weit verbreitet ist. Und: Wir haben bei den Fraktionen im Bundestag nachgefragt, ob sich etwas ändern sollte. Dabei hat sich gezeigt, dass die Parteien das Thema nicht wirklich auf der Agenda haben. Nur die Linke und die SPD fordern, den Verkauf von rezeptfreien Schmerzmitteln einzuschränken.

1. “Freiverkäuflich” heißt nicht, dass man Schmerzmittel frei einnehmen soll

In unserer Gesellschaft besteht ein hoher Anspruch, schmerzfrei zu sein. Viele Menschen sind nicht bereit, kleine Schmerzen auszuhalten oder sich um deren Ursache zu kümmern. Der Gang in die Apotheke oder der Griff zur Schmerzmittelpackung sind Standard geworden. Die Ratschläge auf den Packungsbeilagen der frei verkäuflichen Medikamente wie Ibuprofen, Aspirin oder Diclofenac werden oft ignoriert. Missbrauch beginnt dann, wenn die Medikamente unsachgemäß und über einen längeren Zeitraum eingenommen werden. Viele Menschen unterdrücken die Schmerzen damit so lange, bis sie durch Schmerzmittel keinen Effekt mehr spüren und stärkere Substanzen brauchen.

2. In Deutschland sind mehr Menschen von Medikamenten als von Alkohol abhängig

In Deutschland sind etwa 1,6 Millionen Menschen abhängig von schmerzstillenden Mitteln, das geht aus den Ergebnissen des Epidemiologischen Suchtsurvey aus dem Jahr 2019 hervor. Eine wichtige Rolle spielen hier frei verkäufliche Analgetika, die von 3,2 % der Befragten im Rahmen einer substanzbezogenen Störung konsumiert werden.

Eine Abhängigkeit von Alkohol liegt bei 3,1 % der Befragten vor, hochgerechnet also etwas weniger Menschen in der Gesamtbevölkerung. Deutschland gehört zu den Hochkonsumländern von Alkohol, jedes Jahr sterben Opfer direkt oder indirekt durch Alkoholkonsum. Auch der Konsum von Tabak kann tödlich enden. Von Produkten wie Zigaretten und Wasserpfeifen sind ungefähr 4,4 Millionen Menschen abhängig. Insgesamt liegt bei etwa sieben Millionen Menschen in Deutschland ein problematischer Konsum von Substanzen vor – fast jeder Zehnte in Deutschland ist davon betroffen.

3. Der Sport ist offenbar ein Vehikel für Schmerzmittelmissbrauch

Im Leistungssport trainieren alle Athletinnen dafür, den Schmerz als Warnsignal ausblenden zu können. Unsere Recherchen haben gezeigt, dass viele Fußballer davon ausgehen, mithilfe von Schmerzmittel fit, leistungsfähig und immer leistungsbereit zu sein. Die Akzeptanz von Folgeschäden gilt für Profis dabei als ignoriertes Risiko. Der Umgang mit Schmerzen ist Teil des Spiels. Deutsche Handballspieler wie Stefan Kretzschmar oder Uwe Gensheimer sprechen davon, dass viele Spieler Schmerzmittel nehmen. Bei Marathon-Läufen wie zum Beispiel 2009 in Bonn greift der Großteil der Teilnehmenden vor Beginn des Laufs zu Schmerzmitteln, beim New-York-Marathon gehörten Schmerzmittel sogar zum Starterbeutel. Im Ballett sind Schmerzmittel mehr als üblich.

4. Schmerzfreiheit als Ziel: Opioide werden auch in Deutschland immer wichtiger

Ein Blick in die USA zeigt, wohin ein übermäßiger Konsum von Schmerzmitteln führen kann: die massenhafte und nicht sachgerechte Verschreibung von Opioiden führte zu einer verheerenden „Opioidkrise“, die jeden Tag mehr als 130 Todesopfer fordert. Opioide kommen normalerweise dann zum Einsatz, wenn frei chronische oder sehr starke Schmerzen behandelt werden müssen. Sie machen sehr schnell abhängig, man kann sie nicht einfach so in der Apotheke kaufen.

Die gefährliche Entwicklung in den USA begann vor mehr als zwei Jahrzehnten, als Ärzte erstmals schmerzdämpfende Mittel verschrieben. Mit einer solchen Situation ist in Deutschland allerdings nicht zu rechnen, weil stärker reguliert wird. Aber: Auch hier finden immer mehr Behandlungen mit Opioiden statt, teilweise ohne wirkliche Begründung. In Europa sterben insgesamt immer mehr Menschen an den Folgen von Opioiden, wie eine OECD-Studie zeigt. Um bis zu 20 % sei die Zahl an opioidbedingten Todesfällen gestiegen, speziell in Skandinavien und Großbritannien. Die Ergebnisse unserer Umfrage im Amateurfußball zeigen, dass Spieler dort Opioide wie Tilidin oder Tramadol einnehmen und davon abhängig werden.

5. Schmerzmittel sind ein wirtschaftlicher Faktor für Apotheken und Pharmakonzerne

In Deutschland gibt es fast 20.000 Apotheken, für die der Verkauf von rezeptfreien Arzneimitteln eine wichtige Einnahmequelle ist: Im Jahr 2018 lag der Umsatz bei 7,1 Milliarden Euro, so der Bundesverband der Arzneimittel-Hersteller. Etwas mehr als eine Milliarde Euro entfiel auf Schmerzmittel. Immer häufiger bestellen Verbraucher allerdings Arzneimittel über den Versandhandel im Internet, weil es dort günstiger und bequemer ist. Während die Absatzentwicklung auf dem Apothekenmarkt im letzten Jahrzehnt stagnierte, lag sie beim Versandhandel konstant bei etwa sechs Prozent – das zeigt ein Blick in den IQVIA-Marktbericht.

Pharmafirmen bewerben Schmerzmittel offensiv und prominent auf allen Plattformen. Eine Folge: Im letzten Jahrzehnt stieg der Umsatz von Schmerzmitteln von 435 Millionen Euro im Jahr 2010 auf fast 500 Millionen Euro im Jahr 2019. Das vermeldet der OTC Pharmaceuticals Marktreport 2019.

Welche Maßnahmen gegen den Missbrauch sind sinnvoll?

Für den Verkauf von Alkohol gelten in Deutschland bestimmte Regeln, zumindest in Bezug auf Jugendliche. Schmerzmitteln sind frei zugänglich, obwohl mehr Menschen davon abhängig sind. Der Missbrauch findet also statt – was kann dagegen getan werden?

Prof. Dr. Gerd Glaeske ist Gesundheitswissenschaftler an der Universität Bremen. Der Arzneimittelexperte fordert: „Wegen der Missbrauchsgefahr im öffentlichen Alltag und im Sport sollte jegliche Werbung für Schmerzmittel im Fernsehen, in Zeitschriften, im Radio und in der Schaufenstern von Apotheken untersagt werden.”

Wir wollten von den Parteien im Bundestag wissen, wie sie sich zu diesem Thema positionieren. Sabine Dittmar, gesundheitspolitische Sprecherin der SPD, verweist in ihrem Statement auf einen “zu hohen Verbrauch an Schmerzmitteln (…) ohne entsprechende ärztliche Verordnung.” Deswegen erklärt sie: „Ich würde aus medizinischer Sicht generell restriktivere Regelungen für die Abgabe von freiverkäuflichen Schmerzmitteln begrüßen.” Eine Möglichkeit, Verbraucher besser über Risiken und Nebenwirkungen aufzuklären, könne ein Warnhinweis auf den Verpackungen von Analgetika sein, um Missbrauch zu vermeiden.

Niema Movassat, drogenpolitischer Sprecher bei der Partei Die Linke, fordert: „Die Apotheken müssen unbedingt in die Pflicht genommen werden, besser auf eine Verringerung von problematischem Schmerzmittelkonsum hinzuwirken.” Mögliche Hebel seien hier mehr Überwachung und Qualitätsmanagement. Movassat kritisiert, dass Apotheken vom Absatz der Arzneimittel wirtschaftlich abhängig seien und die “Kommerzialisierung (…) einem heilberuflichen Berufsethos keinen Vorschub geleistet” habe.

AfD und Grüne haben keine klare Positionierung formuliert. Die Union und FDP antworteten nicht auf unsere Anfrage.

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Über 150 Interviews, persönliche Schicksale, Studien über Medikamentenmissbrauch und wochenlange Datenauswertungen – Recherchen, wie diese sind langwierig und kosten viel Geld. Aber Sie sind notwendig, um auf systematische Missstände in unserer Gesellschaft aufmerksam zu machen und Veränderungen anzustoßen. CORRECTIV ist ein gemeinnütziges, unabhängiges Recherchezentrum und finanziert sich über Spenden von Leserinnen und Lesern. Unterstützen auch Sie unsere Arbeit mit einer Spende und ermöglichen Sie investigative Recherchen.

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Texte und Recherche CORRECTIV: Jonathan Sachse, Arne Steinberg EyeOpening.Media/ ARD-Dopingredaktion: Hajo Seppelt, Wigbert Löer, Jörg Mebus, Josef Opfermann, Patricia Corniciuc, Shea Westhoff, Sebastian Krause, Matthias Liebing, Wolfgang Bausch, Lukas Witte, Ulf Ullrich Redaktion CORRECTIV: Olaya Argüeso Pérez, Justus von Daniels, Michel Penke, Frederik Richter Internationale Partner: Giulio Rubino (CORRECTIV, La Stampa), Thierry Vildary (France 2) Design: Benjamin Schubert, Belén Ríos Falcón Fotoredaktion: Ivo Mayr Social Media: Luise Lange, Valentin Zick, Katharina Späth Mitarbeit: Bianca Hoffmann, Max Donheiser, Marius Wolf, Anne Armbrecht, Lilly Schlagnitweit Unterstützung CrowdNewsroom-Auswertung: Prof. Dr. Joachim Kunert und Prof. Dr. Andreas Groll (beide TU Dortmund), Prof. Dr. Gerd Glaeske (Universität Bremen)

Für Rückfragen: info@correctiv.org

Veröffentlicht am 09.06.2020