Das unsichtbare Gift im Rhein
Der Rhein gilt heute wieder als sauber. Doch unsere Recherche entlarvt einen mysteriösen Chemiecocktail im längsten deutschen Fluss. Die Industrie darf massenweise völlig unbekannte Schadstoffe einleiten – still und potenziell gefährlich für die Gesundheit von Millionen.
Am 8. März 2023 schlägt am Rhein der Alarm an. An der Messstation Kleve-Bimmen und zwei weiteren Orten entdeckt das Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen eine rätselhafte Spur im Wasser. Eine unbekannte Substanz ohne Namen. Jemand oder etwas hat sie in den Rhein gebracht. Aber wer? Eine Kläranlage, eine Fabrik?
Niemand weiß es.
Wie gefährlich ist dieser Stoff? Schädigt er Fische? Setzt er sich an Sedimenten fest? Kann er die Barrieren der Trinkwasserversorger überwinden?
Niemand weiß es.
Die Maschinerie der Behörden läuft an. Die Meldung über den Fund verbreitet sich, wandert von Schreibtisch zu Schreibtisch bis in die Niederlande. Die Wasserschutzpolizei wird eingeschaltet. Trinkwasserversorger erhalten eine Mail: „Eigenverantwortliche Maßnahmen“ werden empfohlen.
Doch dann verliert sich die Spur. Was danach geschieht, lässt sich nicht mehr lückenlos rekonstruieren.
Unsere Recherche-Partner und Rhein-Veranstaltungen
Diese Recherche ist eine gemeinsame Recherche internationaler Medienpartner. Darunter CORRECTIV.Schweiz und das Investigativmedium Pointer aus den Niederlanden.
In Kooperation mit CORRECTIV wird das Schauspielhaus Köln das Theaterstück „Dat Wasser vun Kölle es jot“ (Premiere am 7. Februar) aufführen.
Zusätzlich gibt es eine weitere Veranstaltung mit CORRECTIV-Reporterin Annika Joeres in Köln: Der Mythos vom sauberen Rhein, 8. Februar. Infos und Tickets hier.
Der bis heute mysteriöse Stoff ist nur einer von tausenden teils unbekannten, unerforschten und oft unregulierten Mikroschadstoffen im Rhein. CORRECTIV hat erstmals systematisch Daten zu diesen Stoffen ausgewertet. Grundlage sind Wasseranalysen der Bundesländer entlang des Rheins: Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Hessen nimmt keine Proben für unbekannte und unerforschte Substanzen. Das Ergebnis: Zwischen 2020 und 2025 registrierten die Behörden 65 Mal auffällige Stoffe im Rhein, die sie aufwändig prüften. Auffällig, weil die Konzentrationen besonders hoch waren oder ein Stoff plötzlich über mehrere Tage hintereinander in den Messungen auftauchte.
Am Ende konnten nur 44 dieser Substanzen eindeutig oder wahrscheinlich bestimmt werden. Nicht alle sind potenziell gefährlich; manche entfalten ihre schädliche Wirkung erst ab hohen Konzentrationen. Unter den identifizierten Stoffen finden sich auch solche, die nicht routinemäßig überwacht werden, darunter ein vermutlich krebserregender.
Gleichzeitig finden sich im Rhein noch viel mehr Stoffe, deren Gefährlichkeit niemand einschätzen kann. Das zeigen auch drei Wasserproben, die CORRECTIV, CORRECTIV.Schweiz und das niederländische Investigativmedium Pointer in den vergangenen sechs Wochen entnommen haben – und dabei auf hunderte nicht zu bestimmende Substanzen stießen.
Ihr Ursprung: in vielen Fällen die Industrie. Denn der Rhein ist nicht nur ein beliebtes Ausflugsziel für Anwohnerinnen und Anwohner, sondern auch ein Magnet für Deutschlands größte Chemiekonzerne. Sie siedeln sich am Fluss an, um das Wasser für Verdampfer, Pumpen und Rührkessel zu nutzen. Als Abwasser fließt es zurück in den Rhein. Zwar wird es vorher gereinigt, doch nicht alle Schadstoffe werden herausgefiltert. Die Folge: Eine große Menge unbekannter Substanzen gelangt in den Fluss. Dazu gehören beispielsweise Lösungsmittel und Stoffe für Alltagsprodukte wie Hautcremes, Putzmittel oder Teflonpfannen.
Für manche dieser Stoffe gelten Grenzwerte – zum Beispiel Nickel, Chlorid oder Quecksilber. Doch in dem behördlichen Überwachungsnetz klaffen riesige Lücken: Laut der Europäischen Umweltagentur sind von rund 100.000 in der EU genutzten Chemikalien gerade einmal 500 umfassend erforscht.
Alle anderen Stoffe teilen sich grob auf in zwei Kategorien: Gänzlich unbekannte Stoffe – winzige Abbauprodukte von Lacken, Kosmetika oder Spülmaschinenreiniger – die in keiner Datenbank auftauchen. Oder: Stoffe, die zwar bekannt sind, aber es fehlen Informationen darüber, wie gesundheitsschädlich sie sind. Diese werden nicht routinemäßig überwacht und unterliegen oft keinen Grenzwerten, sondern lediglich Orientierungswerten, die rechtlich nicht bindend sind.
Kapitel 1: Die unbekannten und unerforschten Schadstoffe im Rhein
Wer ans Rheinufer tritt – sei es in Basel, Köln oder Nimwegen – ahnt kaum, wie viele Substanzen darin schwimmen: Es können Zehntausende sein.
Bekannte Stoffe
Unbekannte Stoffe
Quelle: Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen
Metazachlor 1µg/l
Einer der gefundenen und analysierten Stoffe: 1 Mikrogramm Metazachlor pro Liter. Gemeldet am 05. Januar 2021 an der Messstelle Worms in Rheinland-Pfalz. Die Chemikalie ist als Unkrautvernichter bekannt. Der Stoff steht im Verdacht, Krebs zu erregen. Die Trinkwasserversorger wurden vorsorglich informiert.
Quelle zu Funddaten: Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen.
Die Folgen dieser Stoff-Flut können Expertinnen und Experten nur grob abschätzen – und das ist ein ernstes Problem. Oft zeigt sich die Gefährlichkeit von Chemikalien erst nach Jahrzehnten. Sie werden von unbekannten zu bekannten Stoffen.
So begriff man erst spät, dass der Baustoff Asbest Lungenkrebs verursacht. Der Weichmacher Bisphenol A etwa steckte früher in vielen Babyschnullern, bis er als „besonders besorgniserregend“ und fortpflanzungsschädigend eingestuft wurde. Und erst Jahrzehnte nach ihrer Entwicklung entdeckte man, dass die Ewigkeitschemikalien (kurz PFAS) Alltagsprodukte zwar schmutz- und wasserabweisend machen, aber zugleich die menschliche Fruchtbarkeit verringern können. Auch Fische verändern aufgrund von Umweltgiften ihr Geschlecht. Chemikalien wirken also stark auf Menschen, Tiere und Pflanzen.
„Viele der heute unbekannten Stoffe könnten sich bald als toxikologisch bedenklich erweisen“, sagt Werner Brack, Ökotoxikologe am Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ). Dort leitet er die Abteilung für umweltanalytische Chemie – und forscht seit vielen Jahren in internationalen Gremien zu Schadstoffen und ihrer gesundheitlichen Wirkung. Brack ist überzeugt: Der Chemiecocktail im Flusswasser kann unsere Gesundheit massiv beeinflussen. Er könnte beispielsweise Allergien hervorrufen, das Lernverhalten unserer Kinder stören und Diabetes und Adipositas fördern. „Die unbekannten Stoffe bilden eine unsichtbare, doch gravierende Gefahr.“
Die Schadstoff-Flut in den CORRECTIV-Proben
CORRECTIV hat an drei Stellen am Rhein Proben entnommen: In Basel, dann weiter flussabwärts in Köln-Leverkusen, kurz hinter dem Chemiepark Currenta. Dort soll auch künftig eine riesige Pipeline Rheinwasser zum Braunkohletagebau Hambach leiten, um die Löcher zu fluten. Und schließlich eine dritte Probe kurz hinter der niederländischen Grenze. Das Augsburger Labor AFIN-TS GmbH, das auf die Analyse unbekannter Stoffe spezialisiert ist, hat alle Proben in aufwändigen Verfahren untersucht.
Die Proben sind nicht repräsentativ, doch sie zeigen: In einem Glas Rheinwasser finden sich an einem beliebigen Tag Hunderte Stoffe unbekannter Herkunft. Und mit jedem Kilometer flussabwärts werden es mehr. In Köln-Leverkusen sind es doppelt so viele wie in Basel, in den Niederlanden wiederum fast doppelt so viele wie in Köln-Leverkusen.
Wie schädlich diese Stoffe sind, bleibt unklar. Um das herauszufinden, wären Tests nötig, die Monate oder sogar Jahre dauern könnten – allein, um die Wirkung eines einzigen Stoffes auf die menschliche Gesundheit zu prüfen, etwa in Tierversuchen.
„Wir erleben die absurde Situation, dass eine Armada von Wissenschaftlern Stoffe erforscht, die die Industrie sehr genau kennen dürfte. Aber niemand zwingt sie, diese offenzulegen“, sagt Experte Brack. Das heißt auch: Mit öffentlichen Steuern müssen die Stoffe der privaten Konzerne erforscht werden.
Kurz: Der Rhein führt zwar heute weniger der bekannten Schadstoffe als noch vor Jahrzehnten – zugleich aber Tausende Substanzen, deren Risiko niemand sicher beurteilen kann. Der saubere Rhein bleibt ein Mythos.
Das Bundesumweltministerium erklärt auf Nachfrage, die Landesbehörden prüften ungeregelte Stoffe auch über die gesetzlichen Vorgaben hinaus. Zudem unterstütze der Bund Forschungsprojekte, um unbekannte Stoffe zu identifizieren. Die Frage, wie hoch das Bundesministerium die Risiken von unbekannten Stoffen für das Trinkwasser einschätzt, bleibt offen.
Dabei ist der Rhein nicht nur Heimat für Pflanzen, Forellen, Eisvögel und Laubfrösche – er liefert auch Millionen Menschen Trinkwasser. Deutsches Trinkwasser wird zwar so gründlich geprüft und überwacht wie kaum ein anderes Konsumgut. Doch ein Problem bleibt: Grenzwerte gelten nur für bekannte Stoffe. Der aktuelle Vorschlag der EU-Kommission zur Wasserrahmenrichtlinie umfasst nur 74 Stoffe, zuvor waren es 45. Damit bleibt der Blick auf einen winzigen Ausschnitt beschränkt.
Forscherinnen finden Chemikalien in Föten
Das verstößt gegen geltendes Recht: Laut nationalem und EU-Recht gilt eigentlich das Vorsorgeprinzip – es verpflichtet zu großer Vorsicht. Doch dieses Prinzip wird täglich missachtet, sagt ein Insider eines süddeutschen Wasserwerks. „Die chemische Verschmutzung ist außer Kontrolle.“
Klaus Furtmann, Leiter der Abteilung „Zentrale Umweltanalytik“ im Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen und Spezialist für Stoffanalyse, sagt: „Wir prüfen täglich auf bekannte Stoffe, um potenziell für Mensch und Natur schädliche Stoffe zu ermitteln. Bei unbekannten Stoffen können wir naturgemäß nicht beurteilen, ob sie schädlich sind – sie entziehen sich weitgehend unserer Kontrolle.“
Für Fachleute ist diese Wissenslücke alarmierend. „Zum Wohle unserer Babys und Kinder müssten viele Stoffgruppen besser untersucht und reguliert werden“, sagt die Leipziger Umweltimmunologin Ana Zenclussen. Sie erforscht im EU-Projekt Endomix wie alltägliche Chemikalien – darunter auch unbekannte Stoffe – die Gesundheit beeinflussen. Etwa, wie sie die Funktionen von Zellen beeinflussen und wie langfristiger Kontakt mit winzigen Dosen von Chemikalien-Gemischen den Körper von Mäusen verändert.
Immer wieder findet sie Chemikalien aus Putzmitteln, Kosmetika und Medikamenten im menschlichen Körper. „Diese Produkte machen unser Leben einfacher – aber sie schädigen uns. Viele dieser einst unbekannten Substanzen, etwa PFAS, lassen sich heute in der Plazenta nachweisen“, erklärt Zenclussen. Doch der Mutterkuchen ernährt den Fötus und prägt seine Gesundheit – nicht nur als Kinder, sondern auch als Erwachsene. „Der Chemiecocktail während der Schwangerschaft kann ein ganzes Leben beeinflussen.“ Frauen können schwerer schwanger werden, oder sie bringen ihre Babys häufiger untergewichtig oder übergewichtig zur Welt, und die Kinder neigen später öfter zu Übergewicht.
Kapitel 2: Gefährdetes Trinkwasser?
Doch wie gelangen diese Schadstoffe überhaupt in unsere Körper? Die Antwort ist ebenso simpel wie beunruhigend: über die Luft, unsere Lebensmittel – und das Trinkwasser.
Alarm- und Warnplan am Rhein
15 Mal lösten die deutschen Behörden am Rhein zwischen 2020 und 2025 den Alarm-und Warnplan aus. Grund dafür waren hohe Konzentrationen unbekannter oder teils unerforschter Stoffe. Vorsorglich wurden auch die Trinkwasserversorger informiert.
Warnung wegen größerer Konzentration unbekannter oder unerforschter Stoffe
Benzothiazol 5µg/l
Einer der gefundenen und analysierten Stoffe: 5 Mikrogramm Benzothiazol. Gemeldet am 8. September 2020 an der Messstelle Karlsruhe in Baden-Württemberg. Die Chemikalie wird vor allem in der Reifenherstellung genutzt. Forscher können nicht ausschließen, dass die Chemikalie auch ins Trinkwasser gelangt. Die Substanz gilt als deutlich wassergefährdend.
Quelle zu Funddaten: Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg.
Niederländer müssen Trinkwasserpumpen stoppen
Millionen Menschen beziehen ihr Trinkwasser aus dem Rhein. In Deutschland, in den Niederlanden und der Schweiz.
Rund 30 Prozent des Trinkwassers in Nordrhein-Westfalen stammen indirekt aus Rhein und Ruhr. Über breite Uferstreifen versickert das Flusswasser, wandert durch Sand und Kies, vermischt sich mit Grundwasser und wird dann als Uferfiltrat wieder hochgepumpt. Auch in Rheinland-Pfalz, Hessen und Baden-Württemberg nutzen Wasserversorger zumindest teilweise Wasser aus dem Rhein oder seinem Einzugsgebiet für ihr Trinkwasser.
In den Niederlanden ist die Abhängigkeit vom Rhein sogar noch größer. Er versorgt fünf Millionen Menschen – fast ein Drittel der niederländischen Bevölkerung – direkt oder indirekt mit Trinkwasser.
Eine Abhängigkeit, die verletzlich macht. Denn was in den Niederlanden aus dem Hahn fließt, hat oft eine lange Reise hinter sich. Es kommt aus den Alpen, fließt durch die Industrieregionen Deutschlands, vorbei an Chemiewerken, Kläranlagen und Häfen.
Die Folge: Immer wieder mussten niederländische Trinkwasserversorger in den vergangenen Jahren die Pumpen abstellen. Zu schmutzig das Wasser, zu stark belastet mit Chemikalien.
Trinkwasser-Stopp: Spuren von giftigen Unkrautvernichtern im Rhein
Allein 2024 pausierten die Pumpen dreizehnmal. In einem Fall fast einen Monat lang.
Insgesamt sei eine „Verschlechterung der Wasserqualität“ zu erkennen, schreibt der niederländische Verband der Wasserversorgungsunternehmen RIWA-Rijn 2024 in seinem Jahresbericht. Besonders auffällig seien Arzneimittelrückstände und Stoffe aus der chemischen Industrie.
Glaubt man den niederländischen Wasserversorgern, so findet sich der Grund für die Verschlechterung auf der anderen Seite der Grenze – in Deutschland.
„Für viele Stoffe, die von der Industrie in den Rhein eingeleitet werden, gibt es in Deutschland noch immer keine verbindlichen Grenzwerte“, sagt Gerard Stroomberg, Direktor der RIWA-Rijn, gegenüber CORRECTIV. Statt klarer Vorgaben verließen sich die Behörden auf „freiwillige Maßnahmen der Betreiber“.
Die Frage, wie hoch die Bundesministerien die Risiken von unbekannten Stoffen für das Trinkwasser einschätzen, bleibt dagegen offen. Umwelt- und Gesundheitsministerium verweisen aufeinander – eine belastbare Einschätzung liefert keines.
α-Methylstyrol 6,5µg/l
Am 14. November 2020 meldet die Messstation Bad-Honnef in Nordrhein-Westfalen 6,5 Mikrogramm Alpha-Methylstyrol. Die Chemikalie dient zur Produktion von Weichmachern für Kunststoffe und Farben und gilt offiziell als „deutlich wassergefährdend“.
Quelle zu Funddaten: Landesumweltamt Nordrhein-Westfalen.
Chemikalien, Medikamentenrückstände – wie sicher ist unser Trinkwasser tatsächlich?
Spuren von unbekannten Chemikalien, fehlende Grenzwerte? Was tun die deutschen Behörden, Trinkwasserversorger und Politik, um diese Ressourcen zu schützen?
Nach Angaben der deutschen Wasserversorger am Rhein gibt es keinen Grund zur Sorge. „Wir möchten noch einmal betonen, dass eine plötzlich im Rhein auftretende Verunreinigung nicht gleichbedeutend damit ist, dass das Trinkwasser unmittelbar gefährdet ist“, schreibt ein Sprecher der Arbeitsgemeinschaft Rhein-Wasser (ARW), ein Zusammenschluss vieler Wasserversorger am Rhein, auf CORRECTIV-Anfrage.
Zudem gebe es unterschiedliche Verfahren, um das Wasser vor Schadstoffen zu schützen: kurzfristige Abschaltung von Brunnen und „anlassbezogene Untersuchungen“.
Klar ist jedoch: Gänzlich ausschließen lässt sich nicht, dass unbekannte oder unerforschte Stoffe die bisherigen Barrieren der Trinkwasserversorger überwinden. Kritisch sind vor allem Substanzen wie die Ewigkeitschemikalie PFAS, die nur schwer oder gar nicht aus dem Wasserkreislauf zu entfernen sind. Das zeigen auch Studien des Umweltbundesamtes. So fanden die Forschenden schwer abbaubare, mobile und teilweise toxische Chemikalien in mehreren Einzugsgebieten von Trinkwasserversorgern. Das Fazit der Behörde: ein dringender Handlungsbedarf.
Trotzdem gibt es keine gesetzlichen Vorgaben zum Umgang mit unbekannten Mikroschadstoffen. Zwar müssen sich die Wasserversorger an die sogenannte Trinkwasserverordnung halten, die vorsieht, welche Stoffe getestet werden, welche Behörden wann informiert werden müssen, wenn es zum Ernstfall kommt. Aber alle Maßnahmen darüber hinaus – eigene Laborproben, vorsorglicher Stillstand der Pumpen – sind freiwillig.
„Alle Stoffe herauszufiltern wäre unbezahlbar“
Hinzu kommt, dass die Behörden kaum mit der Fülle an Stoffen Schritt halten können.
Doch es gibt erste Ansätze. Besonders engagiert ist Nordrhein-Westfalen. Im Rahmen eines internationalen Überwachungsprogramms am Rhein überwacht das Duisburger Landesumweltamt täglich auffällige Stoffe im Rhein, in der Ruhr und in weiteren Flüssen des Bundeslandes. Auch Baden-Württemberg ist Teil dieses Überwachungsprogramms zu unbekannten Stoffen. In Rheinland-Pfalz führt das Landesumweltamt aufwändige Tests durch, um auszuschließen, dass gefundene Stoffe giftig für Tiere und Pflanzen sind.
Eine mühsame Arbeit, die Zeit, Geld und Ressourcen erfordert. Ressourcen, über die Landesbehörden oftmals nicht ausreichend verfügen. „Wir könnten viel mehr Stoffe identifizieren und herausfiltern, aber das wäre unbezahlbar“, sagt Umweltanalyst Klaus Furtmann vom Landesumwelt Nordrhein-Westfalen gegenüber CORRECTIV.
Die Folge dieser Stoff-Flut: Die Aufbereitung des Trinkwassers wird immer teurer und aufwändiger. Die Kosten schultern auch die Verbraucher.
Die Lösung für diese Probleme?
Wasserversorger, Fachleute und Behörden fordern im Gespräch mit CORRECTIV strengere Auflagen für die Industrie, mehr Kontrollen und die Anwendung des Vorsorgeprinzips. Dieses soll große Unternehmer verpflichten, sich an den Kosten der Abwasserreinigung zu beteiligen.
Kapitel 3: Das Versagen der Politik
Und die Industrie, die einen Großteil der Schadstoffe verantwortet? Sie schweigt. Bislang zwingt sie kein Gesetz dazu, die von ihr eingesetzten Substanzen umfassend offenzulegen. Zwar müssen hergestellte Substanzen bei der Europäischen Chemikalienagentur (ECHA) registriert werden – jedoch erst ab einer Jahresmenge von einer Tonne. Mikroschadstoffe können daher unbemerkt bleiben. Auch Chemiecocktails bleiben außen vor.
CORRECTIV wollte von den größten Abwassereinleitern im Rhein wissen, wie sie das potenzielle Gesundheitsproblem der unbekannten Stoffe angehen. Den Chemiekonzern BASF baten wir um einen Werksbesuch, um seine Sicht auf die unbekannten Stoffe darzulegen. Er lehnte umgehend ab. Auch schriftliche Anfragen an mehr als 20 weitere Unternehmen am Rhein blieben weitestgehend unbeantwortet. Etwa die Frage danach, ob sie selber wissen, welche Substanzen sie genau einleiten.
Die Industrie verschweigt Informationen
Am Rhein stehen Hunderte Fabriken: Sie produzieren Chemikalien, Medikamente, Pestizide, Lacke und Plastik. Täglich leiten sie Abwasser in den Fluss. CORRECTIV fragte die größten Verursacher, welche unerforschten Mikroschadstoffe sie einleiten – konkrete Antworten blieben aus.
Quelle: Bundesamt
BASF
Größtes Chemieareal der Welt
BASF gibt an, sich zu jeder Zeit streng nach den gesetzlichen Vorgaben zu richten. Das mag stimmen – da die unbekannten Stoffe keiner gesetzlichen Vorgabe unterliegen, geht die Antwort allerdings an den Fragen vorbei.
Dabei trägt BASF eine große Verantwortung: Der umsatzstärkste Chemiekonzern Europas ist nicht nur der größte Wassernutzer Deutschlands, sondern zugleich auch derjenige, der am meisten Abwasser in den Rhein spült: 105 Millionen Kubikmeter jährlich. Sein Werk in Ludwigshafen ist so groß wie eine Kleinstadt und mit zehn Quadratkilometern sogar das größte zusammenhängende Chemieareal der Welt. Hier werden Glykole hergestellt, Acetate, Weichmacher und Crackerprodukte wie Benzene, die nach eigener Aussage schließlich in Kleidung, Nahrung und Wohnungen landen.
Fragen zu den genutzten Substanzen und welche Tests BASF selbst durchführt, hat der Konzern nicht beantwortet.
Currenta
Der Konzern Currenta betreibt den Chempark mit seinen Standorten in Leverkusen, Dormagen und Krefeld-Uerdingen – dort sind über 70 Unternehmen angesiedelt. Currenta kümmert sich um die Abwässer seiner Kunden.
Currenta antwortete trotz mehrfacher Mails nicht auf Anfragen von CORRECTIV.
Der Konzern rühmt sich damit, genau offenlegen zu können, welcher Konzern bestimmte Verunreinigungen verursacht hat – allerdings nur für seine Kunden. Den Behörden – und der Öffentlichkeit – bleiben diese Informationen verborgen.
ThyssenKrupp
Stahlkonzern
Quelle: Email ThyssenKrupp
Die genannten Firmen stehen beispielhaft für eine Industrie, die tagein, tagaus Millionen Kubikmeter Abwasser in den Rhein leitet, und dennoch nicht bereit ist, weitere Auskünfte zu geben.
Die chemische Industrie sträubt sich auch juristisch, für ihre Abwässer Verantwortung zu übernehmen. Pharmafirmen klagten im vergangenen Jahr vor dem Europäischen Gerichtshof gegen eine EU-Verordnung, die bis Ende Juli 2027 von den EU-Staaten umgesetzt werden muss. Sie verlangt, dass große Pharma- und Kosmetikfirmen sich an den Kosten für eine stärkere Aufbereitung von Abwasser beteiligen. Ziel ist es, Schadstoffe herauszufiltern, bevor sie in Flüsse gelangen. Doch die Industrie protestiert: Die Wirtschaftlichkeit sei gefährdet.
Dabei wäre die Übernahme der Kosten für die Abwasserreinigung ein wichtiger Schritt.
Laut der weltweiten Chemiedatenbank CAS meldet eine durchschnittliche größere Fabrik jeden Tag rund 800 neue Stoffe an: neue anorganische Verbindungen, Mineralien, Polymere, Legierungen, Proteine. „Es kann potentiell mehr chemische Stoffe als Sterne im Universum geben“, sagt der Leipziger Forscher Brack.
Gift im Rhein: Das können Sie tun
Sie wollen selbst etwas verändern, wissen aber nicht wie? Alleine ist es schwer. Aber es gibt Wege, in unserer Demokratie etwas anzustoßen. Wir haben ein paar Beispiele für Sie.
Gift im Rhein: Das können Sie tun
Sie wollen selbst etwas verändern, wissen aber nicht wie? Alleine ist es schwer. Aber es gibt Wege, in unserer Demokratie etwas anzustoßen. Wir haben ein paar Beispiele für Sie.
Credits
- Text und Recherche: Annika Joeres, Gesa Steeger, Finn Schöneck
- Redaktion: Justus von Daniels, Miriam Lenz
- Faktencheck: Katarina Huth
- Mitarbeit Recherche: Katarina Huth, Marc Engelhardt, Bianca Poersch, Max Hillenberg, Martin Böhmer, Mijke van Wijk
- Visualisierungsdesign und Programmierung: Leon Vogler
- Frontend-Entwicklung: Philip Waack
- Veröffentlicht am: 3. Februar 2026